Relative Wirkung

Leseprobe "Viele der hier gezeigten Bilder mögen uns absurd oder gar lustig erscheinen. Dabei sollte man aber keinesfalls die Intention aus den Augen lassen, die hinter diesen Aufnahmen der Repression steckt."
Relative Wirkung
Ritterschlag der Abhörabteilung
Foto: Simon Menner und BStU

Über das Projekt

Das Thema der Überwachung wird seit Jahren breit diskutiert. Bei meiner intensiven Auseinandersetzung mit diesem Bereich musste ich jedoch feststellen, dass nur sehr wenig Bildmaterial zugänglich ist, welches den Akt des Überwachens aus dem Blickwinkel des Überwachenden zeigt.

Natürlich kennen wir alle die unscharfen Aufnahmen von Überwachungskameras, die hin und wieder im Zuge von Berichterstattungen oder polizeilichen Ermittlungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Dennoch existiert hier eine große Grauzone, über die zwar viel gesprochen wird, von der aber tatsächlich kaum etwas zu sehen ist. Dies mag teilweise die große Aufmerksamkeit erklären, die entsteht, wenn doch etwas ans Licht der Öffentlichkeit tritt, was eigentlich verborgen bleiben sollte, wie zum Beispiel das als "Collateral Murder" bekannt gewordene Video, welches im April 2010 auf der Internetplattform Wikileaks veröffentlicht wurde. Klar ist jedenfalls, dass es mehr Überwachungsmaterial geben müsste, unklar bleibt, was der Orwell’sche "Große Bruder" eigentlich zu sehen bekommt, wenn er uns beobachtet.

Dabei ist es erstaunlich, dass gerade hier in Deutschland nicht mehr Bildmaterial für einen Diskurs zur Verfügung steht. Die DDR hatte mit dem Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) einen der am stärksten ausgeprägten Überwachungsapparate der Geschichte. Proportional zur Größe der Bevölkerung verfügte die Stasi über weit mehr Agenten als der KGB oder die CIA. Nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands wurde ein Großteil der Archive der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dieser Zugang unterliegt zwar gewissen Beschränkungen, dennoch ist die Form der Öffnung einzigartig unter den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Auch im Westen existiert bis zum heutigen Tag nichts vergleichbares.

Über einen Zeitraum von zwei Jahren hatte ich die Möglichkeit, im Archiv der Stasiunterlagenbehörde (BStU – Der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik), welche heute die Akten der Staatssicherheit verwaltet, nach Teilen einer visuellen Hinterlassenschaft dieses Geheimdiensts zu recherchieren. Zwar war mir im Vorfeld klar, dass ich in den Akten Bildmaterial finden würde, die Bandbreite und Menge dessen, was ich mit Hilfe der Unterstützung durch die Mitarbeiter des Archivs gefunden habe, war für mich aber ausgesprochen überraschend.

Viele der hier gezeigten Bilder mögen uns absurd oder gar lustig erscheinen. Dabei sollte man aber keinesfalls die Intention aus den Augen lassen, die hinter diesen Bildern steckt. Es handelt sich um Aufnahmen der Repression, welche von einem Staatsapparat ausging, um die eigene Bevölkerung zu unterdrücken. Für mich macht dabei die Banalität mancher der Bilder den Schrecken, den ich empfinde, nur umso größer. Allzu viele Bilder scheinen offen für jedwede Interpretation und damit instrumentalisierbar gemäß der Erwartung desjenigen, der sich ihrer bedient. Beispielsweise das Bild einer Siemens-Kaffeemaschine: Als westdeutsches Produkt kann es gesehen werden als Beleg für Kontakte zu westlichen Agenten oder schlicht als Geschenk von Verwandten. Der Unterschied kann Jahre im Gefängnis bedeuten. Ich denke hier zeigen sich auch grundlegende Probleme und Beschränkungen, denen jede Form der Überwachung unterliegt.

Natürlich ist es ausgesprochen zwiespältig, einen großen Teil dieser Bilder zu präsentieren, stellen viele von ihnen doch einen extremen Eingriff in die Privatsphäre der beobachteten Personen dar. Es stellt sich dabei die Frage, ob die Präsentation diesen Eingriff nicht wiederholt und somit geschehenes Unrecht wieder aufleben lässt. Ich bin mir dessen bewusst, die Bilder können jedoch auch einen wichtigen Beitrag zum Diskurs über die Natur von Überwachungssystemen liefern.

Das Material, das ich im Archiv der Stasiunterlagenbehörde ansehen konnte, stellt tatsächlich nur einen verschwindenden Teil dessen dar, was dort existiert. Viele der archivierten Bilder wurden seit dem Fall der Mauer nicht mehr gesichtet. Mit den runden Jahrestagen zum Bau und Fall der Mauer und der Wiedervereinigung Deutschlands kam es zwar zu einem Boom der Aufarbeitung des DDR-Systems, und auch die Stasi geriet dabei in einen gewissen Fokus der Aufmerksamkeit. Jedoch so etwas, wie eine visuelle Aufarbeitung der Arbeit der Staatssicherheit, ist bisher zu kurz gekommen. Dies stellt sich womöglich eher als eine Aufgabe für Künstler und Kulturwissenschaftler als für Historiker dar, um einen deutlichen Bezug zur heutigen Gesellschaft zu setzen. Die Archive der Staatssicherheit sollten als Chance wahrgenommen werden, einen Einblick in eine verborgen operierende Welt zu ermöglichen. Eine Publikation wie diese hier mit Bildern aus den Archiven von CIA, KGB und BND ist auch heute, eine Generation nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, gänzlich undenkbar.

Simon Menner

10:44 06.02.2014

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