Seltene Konstellation

Leseprobe "Noch nie hat Amerika solche Wahlen erlebt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes stehen sich zwei Kandidaten gegenüber, die bei der Mehrheit der Bürger nicht beliebt sind."
Seltene Konstellation
Foto: Mark Makela/Getty Images

Vorwort

Dieses Buch ist nicht für alle. Das Buch ist nicht für Sie, wenn Sie Donald Trump für einen Clown halten und seine Anhänger lächerlich finden. Es ist auch nicht für Sie, wenn Sie Donald Trump als Retter der USA betrachten und seine Versprechungen ernst nehmen. Am wenigsten ist das Buch jedoch für diejenigen, die der Zustand der amerikanischen Demokratie gleichgültig läßt.

Das Buch unternimmt den Versuch, das Phänomen Trump aus dem wirtschaftlichen, politischen und sozialen Umfeld des Landes zu erklären. Es geht nicht darum, ihn zu dämonisieren oder seine Kandidatur zu rechtfertigen. Vielmehr soll gezeigt werden, wie fahrlässig die republikanische Partei handelte, als sie Trump zu ihrem Kandidaten gemacht hat. Ebenso dargestellt werden der undemokratische Nominationsprozeß und der Vertrauensbruch durch die politische Führungsschicht. Zu besichtigen ist darüber hinaus Trumpland: Die »Blue Collar«­-Arbeiter in den Industrie­städten, die Konservativen im Süden und Mittleren Westen und die Kriegsveteranen. Sie alle fühlen sich beiseite geschoben – und wählen Trump.

Die Arbeit mußte unter hohem Zeitdruck Mitte Juni abgeschlossen werden und gibt den Stand der Wahlen vor den Partei­tagen der Demokraten und Republikaner wieder. Sämtliche Ana­lysen und Schilderungen in diesem Buch behalten dennoch und unabhängig vom weiteren Wahlkampf ihre Gültigkeit.

Ohne die Hilfe von guten Freunden und Kollegen wäre das Buch nicht möglich gewesen. Zu grösstem Dank bin ich Jean­ Martin Büttner verpflichtet, einem geduldigen Lektor, aufmerk­samen Berater und verlässlichen Freund. Für ihre Anregungen, Kritik und Unterstützung möchte ich ebenso Max Akermann, Sacha Batthyany, Markus Diem Meier, Bänz Friedli, David Hesse, Priscilla Imboden, Martin Kilian, Christof Münger, Helmut Stal­der und Ignaz Staub danken.

Widmen will ich das Buch meiner Frau Anne. Nach Richard Nixon, Jimmy Carter, Ronald Reagan, Vater und Sohn Bush, Bill Clinton und Barack Obama glaubte sie, das Spektrum der ameri­kanischen Präsidenten in seiner ganzer Breite bereits gesehen zu ha­ben. Die verrückten Wahlen 2016 belehrten uns alle eines anderen.

Walter Niederberger, San Francisco, im Juni 2016

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Darum Donald

»Der Weg zur Macht ist gepflastert mit Heuchelei und Verlusten. Das darf dir niemals leid tun.«

Präsident Frank Underwood, »House of Cards«

Noch nie hat Amerika solche Wahlen erlebt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes stehen sich zwei Kandidaten gegenüber, die bei der Mehrheit der Bürger nicht beliebt sind und deren Glaubwürdigkeit in Frage steht: Donald Trump, der erste Nicht­-Politiker auf dem Weg ins Weiße Haus, und Hillary Clinton, die nach einer bitteren Niederlage vor acht Jahren erneut versucht, die erste Präsidentin der USA zu werden. Noch nie hat eine Partei einen derart totalitären Demagogen ins Rennen geschickt wie die Republikaner mit Donald Trump. »Wo hört das auf?«, fragte Präsident Barack Obama Mitte Juni, nachdem Trump den Amoklauf eines radikalisierten Muslim in Orlando politisch aus­geschlachtet und die Muslime in den USA dem Pauschalverdacht des Extremismus ausgesetzt hatte. Die Führung der Partei schwieg, und ihr Schweigen war ohrenbetäubend.

Die Wahlen 2016 sind keine Hoffnungswahlen mehr wie 2008. Sie sind aber auch mehr als eine Nachfolgeregelung für einen abtreten­den Präsidenten, dessen Ansehen im Volk im letzten Amtsjahr wie­der gestiegen ist. Präsident Barack Obama ist nun der einzige Politiker des Landes, dem nicht eine Welle des Misstrauens entge­genschlägt. Denn 2016 ist eine einzige grosse Protestwahl. Eine Revolte gegen die Führungsklasse, die Parteien, die politischen Dynastien, die Medien, die Kirche, die Grossunternehmen, – alles kommt in diesem Jahr zusammen, was sich an Frustration in einem Land aufgestaut hat, das in den letzten 30 Jahren unsozialer und polarisierter wurde. Es ist dies ein gespaltenes Land; und Trump ist der Kandidat und das Zeichen dieser Zerrissenheit zu gleichen Teilen.

Die Wählerinnen und Wähler stehen nun vor der Frage, ob sie ihrer Frustration ob der wachsenden Zweiklassengesellschaft und ihrem Zorn über die polarisierte Politik nachgeben sollen. Und deshalb Donald Trump wählen. Oder ob sie noch die Realpolitik vorziehen, den dank Präsident Obama noch einmal gestärkten Sozialstaat bewahren wollen – und die solide, aber wenig inspirie­rende Hillary Clinton wählen sollen.

Das sind die beiden grossen Fragen in diesem Wahlherbst: Warum ist Donald Trump der Kandidat einer Partei, mit der er im besten Fall die Hälfte der Überzeugungen und keine gemeinsame Geschichte teilt? Und: Bekommen die USA einen Präsidenten wie Italien mit Silvio Berlusconi? Einen Mann, der durch seinen Größenwahn und eine totalitäre Weltsicht getrieben wird? Nicht auszuschliessen. Zwar scheinen die Wahlchancen von Trump im Frühsommer deutlich geringer als jene von Hillary Clinton. Viel­leicht 30 zu 70 Prozent. Oder noch weniger. Und der Widerstand von finanzkräftigen Konservativen wie Mitt Romney oder der Chefin von Hewlett Packard, Meg Whitman, ist derart stark, dass Trump Mühe hat, seine Kampagne zu finanzieren.

Aber es wäre fahrlässig, seine Attraktivität als radikaler Ausmister eines verstockten politischen Systems zu unterschätzen. Die Auf­bruchsstimmung mit Präsident Barack Obama von 2008 hat einer harten Polarisierung Platz gemacht, die durch die Persönlichkeit der beiden jetzigen Kandidaten Trump und Clinton verstärkt wird. Es ist dies keine Wahl zwischen zwei der besten Kandidaten ihrer Parteien. Es ist dies die Wahl zwischen zwei Kandidaten, die aus unter­schiedlichen Gründen nicht mehr zu vermeiden waren. 2016 zwingt viele, vor allem die größte Gruppe der Wähler, die Parteilosen, zu einer negativen Selektion: Die Wahl des kleineren Übels.

Präsidentenwahlen in den USA waren nie frei von Aufruhr, Skandalen, leeren Versprechungen und dubiosen Figuren. Selbst Abraham »Honest Abe« Lincoln griff 1860 zu einem Trick, um Stimmung für sich zu machen. Seine Wahlhelfer druckten Eintritts­karten für den Parteitag in Chicago nach und hofften damit die Delegierten seines Widersachers William Seward auszumanövrie­ren. Als Sewards’ Anhänger eintrafen, hatten die »Lincoln­-Shouters« den Saal bereits besetzt. Sie hatten sich mit den gefälschten Karten Zutritt verschafft und brüllten die Gegner einfach nieder.

Am lautesten brüllt heute der Kandidat selbst. Donald Trump ist der lauteste und vulgärste Kandidat, der je für eine der beiden großen Parteien Präsident werden wollte. Es gab zwar immer wie­der Außenseiter wie den Unternehmer Ross Perot oder den Rechts­extremen George Wallace. Doch beide erschienen, verglichen mit Trump, geradezu gemäßigt im Auftritt und berechenbar in ihren Forderungen. Zudem schafften es beide nicht bis in die Endaus­wahl. Der letzte extreme Kandidat der Republikaner ist 1964 Barry Goldwater, doch die Umstände damals waren andere. Zu erschre­ckend war damals die Vorstellung, mitten im Kalten Krieg, ein reaktionärer Nationalist wie Goldwater könnte als Präsident einen Atomkrieg auslösen. Goldwater erleidet denn auch eine erdrutsch­artige Niederlage gegen Johnson und muß das Feld als Wortführer der Rechten für immer räumen. (Hillary Clinton ist damals als 17­-Jährige ein »Goldwater Girl« und nimmt 1968 auch am republikanischen Parteitag teil, bevor sie sich wenig später definitiv den Demokraten anschliesst).

Es wäre verwegen anzunehmen, Trump werde wie Barry Gold­water am 8. November 2016 haushoch unterliegen. Denn der Mann hat Qualitäten, sonst wären sein Erfolg und seine Beliebt­heit nicht zu erklären. Sein pompöser Charakter passt perfekt zu einem Nominationsprozess, der definitiv zu einer TV-­Reality-Show verkommen ist. Die Beliebigkeit seines politischen Pro­gramms entspricht ferner der Politverdrossenheit vieler Wähler. Und schliesslich passt der Kandidat Trump weit besser in die repu­blikanische Partei, als diese zugeben mag. Er ist das logische Pro­dukt einer Partei, die seit Jahren auf die Destruktion ihrer Gegner aus ist. Trump und die republikanische Partei mag ein Missverständnis sein, aber im Grunde genommen hat die Partei genau jenen Kandidaten erhalten, den sie jahrelang herbeigeredet hat.

Trotzdem hat Donald Trump die politische Führungskaste bei­der Parteien zu seiner Zielscheibe gemacht, denn er weiss: Das Ziel ist leicht zu treffen. Das Ansehen des Kongresses liegt komplett am Boden. Nur noch acht Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner betrachten die von ihnen gewählten Parlamentarier als glaubwürdig. Seit 1973 will das Meinungsforschungsinstitut Gallup von ihnen wissen, für wie vertrauenswürdig sie die politi­schen, wirtschaftlichen sozialen und medialen Institutionen des Landes halten. So schlecht bewertet wie der Kongress wurde in diesen mehr als 50 Jahren noch keine Institution des Landes. Und weit mehr als die Demokraten sind es die Republikaner, die mit ihren Politikern hadern und sie einfach weghaben wollen. Um jeden Preis. Also auch um den Preis eines Donald Trump mitsamt seines Charakters, seiner Unberechenbarkeit, seinen gefährlichen Plänen.

Ebenso aufschlussreich ist einer Blick auf die positiven Einschät­zungen in der Gallup­-Umfrage. Auch sie bestätigt das Phänomen Trump. Die größte Glaubwürdigkeit genießen gemäß Gallup das Militär und die Polizei. Sie sind neben den Inhabern von Klein­- und Mittelbetrieben die einzige Gruppe, der mehr als die Hälfte der Bürger ihr Vertrauen schenken. Wenn Trump die Armee aufrüsten und die Polizei trotz ihrer brutalen Einsätze gegen junge Schwarze verteidigt, sogar die Folter für Terrorismusverdächtige verlangt, was schlicht illegal ist, so vertritt er damit keine extreme Sicht mehr. Sondern das, was die Mehrheit der konservativen und weißen Amerikaner will. Das heißt: Trump trifft als Reaktionär den Nerv des konservativen Amerika.

Dabei hat er kein kohärentes Programm zu bieten, sondern verspricht alles und nichts. Das aber entspricht der Wahrnehmung der Frustrierten, dass die oben ohnehin machen, was sie wollen. Wenn das stimmt, spielt es tatsächlich keine Rolle, was die politi­sche Kaste verspricht. Dann taugen auch ihre Programme nichts.

Statt eines Programms präsentiert Trump deshalb seine Attitüde. Und attackiert damit frontal die etablierten Politiker beider Par­teien. Mehr nicht. Er macht sie lächerlich und er höhnt.

Wenn es einen Grund für den Aufstieg von Trump gibt, sagt der Politologe Norm Ornstein, so sei es die Wunde, die sich die republikanische Führung selbst beigebracht hat. »Seit Jahren hat sie Strategien verwendet, um die Regierung zu desavouieren und deren Legitimität zu untergraben. Sie hat damit willentlich in Kauf genommen, den nationalistischen Kräften in die Hand zu spielen. Und sie versuchte, die apokalyptische Sicht bestimmter Kabelfernsehsender, von Talk Radio und anderer rechtsgelagerter Medien für sich zu nutzen, statt sich dagegen zu stemmen«. Ornsteins Einschätzung hat Gewicht. Er ist der einzige konserva­tive Politologe, der den Aufstieg von Trump schon vor Beginn des Nominationsverfahrens im Sommer 2015 vorausgesehen und vor ihm gewarnt hat. Ornstein gehört zu der Sorte von Republika­nern, die es kaum mehr gibt: Selbstkritisch, kompromißbereit und trotzdem grundsatztreu. Er arbeitet seit fast 40 Jahren für das konservative »American Enterprise Institute«, oder wie er sagt, wühlt »im Inneren der parlamentarischen Bestie« namens Republikani­sche Partei. Gerade deshalb ist er so pessimistisch. Das Problem der Partei sei heute, dass sie an ihren »selbstgemachten Shit glaubt und die Politik nur noch als Jauchegrube behandelt«.

Warum lieben so viele Wählerinnen und Wähler Donald Trump? Er ist schlagfertig. Er hat einen großen, schrägen Unter­haltungswert. Gekonnt verwandelt er Fiktion in Realität und um­gekehrt. Er kann charmant sein. Vor allem spricht er eine Sprache, die alle verstehen, und kümmert sich nicht um das, was den Um­fragen nach wichtig sein soll. Niemand seit Ronald Reagan spricht so direkt den Otto Normalbürger an, den »Average Joe«. Seine Sprüche sind vulgär, beleidigend und rassistisch. Dabei sagt er nur, was andere Politiker abseits der Bühne auch sagen. Trump spricht wie am Stammtisch, nur macht er dies im öffentlichen Raum des Wahlkampfes am liebsten.

Auch wenn er von der »korrupten Hillary« (Crooked Hillary) spricht, so weiß er damit eine Mehrheit der Bürger hinter sich. Auch seine offene Fremdenfeindlichkeit deckt sich mit der Hal­tung vieler Amerikaner. Das von Trump noch angeheizte Miß­trauen gegen Muslime ist in der Bevölkerung so stark, dass die Regierung Obama nur wenige syrische Flüchtlinge aufnehmen kann. Vorgesehen ist die Einreise von 10000 Flüchtlingen. Doch von Oktober 2015 bis Mai 2016 kommen erst 2400 Kriegsvertrie­bene in die USA. Noch bevor Trump die von ihm angedrohte Mauer an der Grenze zu Mexiko hochziehen kann, mauert sich das Land bereits ein.

Der Mann aus Manhattan ist in seiner Egozentrik dermaßen aufgeblasen, dass er zum Witz wird. »Einige Leute sagen, ich sei sehr, sehr, sehr intelligent«, pflegt er zu sagen. Er brauche keine Berater, er sei ein Genie, habe er doch »ein sehr großes, wunderba­res Hirn«. Ob hier der hemmungslose Narzisst spricht oder sich als solcher selbst parodiert, gehört ebenso zu seiner Inszenierung. Hätte Trump nicht das Immobiliengeschäft seines Vaters über­nommen, wäre er am liebsten Filmproduzent in Hollywood ge­worden.

Zu Trumps Narzissmus gehört das nahezu pathologische Bedürfnis, alles zu übertreiben. Die Teilnehmerzahl an seinen Auf­tritten macht er immer zwei­ bis dreimal grösser als sie tatsächlich ist. Seinen Angaben zufolge liegt sein Vermögen bei über zehn Milliarden Dollar, obwohl es Experten im besten Fall auf drei bis vier Milliarden schätzen. Alle seine Hochhäuser sind die höchsten, die besten, die schönsten. Statt 58 Etagen hat der Trump Tower laut seiner eigenen Zählung 68 Stockwerke; einfach, weil es nach mehr aussieht. Auch seine Leistungen als Unternehmer sind deutlich geringer, als er sie selbst sieht. Trump ist ein mittelmässiger Immobilienunternehmer und ein gescheiterter Casinobetreiber. Chinesischen Geschäftspartnern, mit denen er Geschäfte gemacht hat, lachen nur über ihn. Sie halten ihn für einen Angeber und Schmarotzer.

Amerika ist in den letzten 30 Jahren unsozialer geworden. An­gehörige der Unterschicht und zunehmend auch des Mittelstandes stagnieren wirtschaftlich. Sie erkennen sich als Opfer einer Globa­lisierung, die nicht die Vorteile brachte, die von den Führungs­kräften in Wirtschaft, Forschung und Politik versprochen worden sind. Vor allem die Blue Collar-Worker, die Industriearbeiter, se­hen sich zu Recht getäuscht: Sie verlieren immer mehr ihrer gut bezahlten Arbeitsstellen und müssen Jobs mit geringeren Löhnen suchen. Sie fühlen sich als die neuen Schwarzen des Landes: benachteiligt und beiseite geschoben. Ihnen verspricht Trump die Rückkehr der guten alten Zeiten. Diese nostalgische Sicht ver­kennt, dass die guten alten Zeiten immer nur für den weißen Mittelstand und die Oberschichten tatsächlich gut waren. Afro-­Ame­rikaner und Latinos haben diese Zeiten entschieden anders in Erinnerung. Darum wählen sie Hillary Clinton.

Wer sind diese Trump­-Wähler? Keineswegs nur überzeugte Konservative, sonst wären Themen wie Abtreibung oder Gleich­stellung der Homosexuellen in diesen Wahlen wichtiger. Donald Trump ist in sozialen Fragen relativ aufgeschlossen und steht in gesellschaftlichen Fragen den Demokraten näher als dem rechten Teil der republikanischen Partei. Was ihm so hilft, ist eine allgemeine, schwer lastende Mißstimmung im Land, und zwar rechts wie links. Sie speist sich auch aus der Unzufriedenheit der Ameri­kaner, denen es lange gut gegangen ist und die nun zum ersten Mal ihren Vorsprung auf den Rest der Welt schwinden sehen. Konservative befürchten den schleichenden Übergang zu einer Art europäischer Sozialdemokratie. Dazu kommt, dass die bishe­rige weiße Mehrheit von den wachsenden Minderheiten im Land minorisiert wird. Das alles erklärt, warum die republikanische Partei erstmals von einem Kandidaten nach dem Muster der eu­ropäischen Neo-Faschisten und Nationalisten in den Wahlkampf geführt wird.

Und was ist mit den Demokraten? Auch sie sind unzufrieden mit ihrer Partei. Dennoch besteht ein erheblicher und entschei­dender Unterschied zwischen der Frustration von rechts und links. Bei allen Differenzen bleiben die Demokraten eine geschlossene Partei. Senator Bernie Sanders hat zwar die enttäuschten Wähler unter den Demokraten abgeholt und lange inspiriert. Aber er hat es doch geschafft, sich mit der Partei zu einigen und zusammen mit Hillary Clinton gegen den gemeinsamen Gegner zu kämpfen. Die interne Auseinandersetzung um die Kandidatur mag Clinton missfallen haben, schwächt sie aber nicht und schmiert nie der­massen ins Vulgäre ab wie bei Trump. Der Kampf zwischen Clin­ton und Sanders hat beide dazu gebracht, das Beste aus sich her­auszuholen. Während den Vorwahlen stritten sie hart, aber sie stritten fair. Ihnen kommt entgegen, dass die Regierung Obama vieles von dem geliefert hat, was Barack Obama vor acht Jahren versprochen hat. Das Ansehen des Präsidenten ist in den letzten Monaten gestiegen; er wird deshalb eine wichtige Rolle als Wahl­helfer spielen können. Die Demokraten können sich, aufs Ganze gesehen, also nicht beklagen.

Nicht so die Republikaner. Ihre Vorwahlen haben die Partei tief verwundet. Der interne Kampf verlief brutal, der Ausgang der Nomination verwirrt und macht Angst. Es besteht ein großes Risiko, dass die republikanische Basis vom Ausgang diesen Wahlen erneut enttäuscht sein wird. Es wäre nicht das erste Mal. Vor 36 Jahren glaubten sie den Versprechungen von Präsident Ronald Reagan. Steuergeschenke für die Reichen würden nach unten durchsickern und Wohlstandsgewinne für alle bringen, versicherte der sonnige Präsident, den die meisten Parteiführer zuvor als Kan­didat nicht ernst nehmen wollten. Diese »trickle down economy« der Reaganomics erwies sich als einziger Schwindel. Sie brachte eben gerade nicht den allgemeinen Aufschwung, sondern mar­kierte den Beginn einer neuen Zweiklassengesellschaft. Die nun aufklaffende Vermögens-­ und Einkommensschere erreicht dann im 21. Jahrhundert historische Ausmaße und bewirkte eine große soziale Verunsicherung. Diese Unrast schlägt 2016 erstmals voll auf die Wahlen durch.

Was den Republikanern zusätzlich zu schaffen macht, ist das Erbe von George W. Bush. Als Präsident führt er das Land in zwei desaströse Kriege, einen im Nahen Osten und einen in Afghani­stan, die neue geopolitische Probleme schaffen, ohne die alten zu beseitigen. Auch belügt er das Land über die Motive und die wah­ren Kosten seiner Feldzüge. Die Invasionen im Irak und in Afgha­nistan würden mit Öleinahmen problemlos finanziert werden können, beteuert Bush. Tatsächlich werden die Kriege mit neuen Schulden finanziert, an denen sich Investoren in Übersee – Europa, China und Japan – im großen Stil beteiligen. Wenn die Republi­kaner später über die Schuldenlast klagen und drohen, die Regie­rung Obama deswegen lahmzulegen, läuten sie erneut einen fal­schen Alarm. Zwar stimmt es, dass die Schuldenlast unter Präsident Obama gestiegen ist. Aber gestiegen ist auch die Wirtschaftskraft des Landes. Und so liegt die Schuldenlast 2014 nur noch bei 2,8 Prozent der inländischen Wirtschaftsleistung, fast viermal niedriger als am Ende der Amtszeit von George W. Bush.

Die wahren Opfer der Bush-­Kriege in den USA sind die Solda­ten und ihre Angehörigen. Viele sind psychisch schwer geschädigt. Sie finden sich zuhause ohne Arbeit und ohne ausreichende ärztli­che Betreuung wieder, weshalb viele Kriegsveteranen Donald Trump wählen werden. Auch die anderen Präsidentschaftskandi­daten sprechen ab und zu von den Veteranen und ihrer Not. Doch er macht sie zu einem seiner großen Themen in den Vorwahlen, lädt sie zu seinen Auftritten ein. Ebenso bezeichnend für Trump: Er sammelt Geld für sie, beginnt aber die Spenden erst dann voll auszuzahlen, als einige Veteranengruppen Druck machen.

Nach acht Jahren unter George W. Bush hat die republikanische Partei ihren moralischen Kompass verloren. »Ich habe die republi­kanische Partei noch erlebt, als sie eine Mitte-­Rechts­-Partei mit einer soliden Minderheit von echten Zentristen war«, schreibt der bereits zitierte konservative Politologe Norm Ornstein im Magazin The Atlantic. »Später wurde sie eine rechte Rechtspartei mit einer schwindenden Zahl von Mitte-­Rechts-­Politikern. Und heute ist sie nur noch eine radikale Rechtspartei, ohne einen einzigen Zentris­ten im Abgeordnetenhaus und nur noch einer Handvoll davon im Senat«. Folge davon: Die ultrakonservative Parteiführung sei von den radikalen Kräfte der Tea Party vereinnahmt worden.

Die Parteispitze scheitert auch mit ihren politischen Plänen. 2012 verkauft sie den Wählern den Widerruf der Gesundheitsre­form von Präsident Obama, den Abbau der Zentralverwaltung, den Stopp der Einwanderung aus dem Süden sowie die harte Bestrafung von illegalen Immigranten als ihr Programm für die nächsten vier Jahre. Trotz einer doppelten, also sicheren Mehrheit im Kongress scheitert sie damit in allen Punkten. Und öffnet damit Donald Trump die Türen. Mit ihm haben die Extremisten der Tea Party endlich ihren nationalen Wortführer gefunden, auf den sie seit 2008 gewartet haben.

Freilich ist der Erfolg von Trump ohne die Komplizenschaft der Medien nicht zu erklären, vor allem die von Fernsehen und »Talk Radio«. Das Kabelfernsehen stellt ihm zwischen Juni 2015 und Juni 2016 Raum zur besten Sendezeit zur Verfügung. Sender wie Fox und CNN sind zu Trumps Wahlhelfern regrediert. Die Vor­wahlen sind eine Reality Show ohne jede politische Substanz, aber mit Milliardenumsätzen für die Werbeindustrie und hohen Gewinnen für Fernsehen, Talk Radio und die Social Media­Plattfor­men. Trump manipuliert diese Medien meisterhaft.

Schließlich ist diese Präsidentenwahl die letzte, in der die Baby Boomer das größte Gewicht haben. 2020 werden sie von den Mil­lennials überholt, den 18-­ bis 34­-Jährigen. Sie wählen 2016 Bernie Sanders, den Sozialisten aus den Reihen der Demokraten. Auch wenn er schließlich Hillary Clinton unterliegt, wird seine über Erwarten erfolgreiche Bürgerbewegung das Programm der Demo­kraten nach links verschieben. Also nicht zugunsten der konserva­tiven Blue Collar-­Worker, die sich als Verlierer der Globalisierung sehen und sich vom kulturellen Wandel des Landes überrollt füh­len. Diese Menschen wählen Trump. 2016 ist ihre letzte Chance, ihr politisches Gewicht auszuspielen. Der Weg an die Macht sei gepflastert mit Heuchelei und Verlusten, sagt Präsident Frank Underwood in »House of Cards«, der Fernsehserie mit Kevin Spacey, und: »Das darf Dir niemals leid tun«. Donald Trump weiß das und setzt es gnadenlos um. Seine Wähler könnten es, die USA müßten es bereuen.

14:01 18.08.2016

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