Seltsame Affäre

Leseprobe "Schmidt war groß im Kleinen, und immer wieder passierten kleine, lustige Dinge im Großen. Erfreuen wir uns an Schmidt. Und freuen wir uns über die seltsame Affäre Deutschland-Schmidt."
Seltsame Affäre
Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Vorwort, oder:

Wie ein Land lernte, Schmidt/Langenhorn zu lieben

Man muss es sagen: Das war nicht vorherzusehen. Seit nunmehr mindestens zehn Jahren entspinnt sich vor unseren Augen eine Liebesgeschichte: Deutschland liebt Schmidt.

Rückblende. 1. Oktober 1982. Helmut Schmidt steht von seinem Abgeordnetensitz auf, um dem neuen Bundeskanzler Helmut Kohl zu gratulieren. Schmidt war in diesem Moment unglaublich unbeliebt. Ja, liebe Nachgeborenen, dieser Mann war einmal unbeliebt, wirklich. Er war der Raketenkanzler, der Arbeitslosigkeitskanzler, der Atomkraftkanzler, der Mann, der die inzwischen grüne Jugend nicht mehr verstand und sie, wenn er sich ihr zuwandte, höchstens belehrte; er war der unfreiwillige Gründungsvater der Grünen, der Totengräber der vom Sozialismus träumenden SPD, die erleichtert war, nun endlich ohne Rücksicht auf den Mann mit der Lotsenmütze wieder links sein zu dürfen.

2013. Schmidt sitzt bei Beckmann, Schmidt hat ein neues Buch zu China (sofort auf der Bestsellerliste), Schmidt deutet die Welt – und das Land macht einen Diener, egal was der Altkanzler sagt. Zugegeben: Dieses Verhältnis Deutschland-Schmidt hat auch etwas Unkritisches. Das Feuilleton, längst schwer genervt vom Schmidt-Phänomen, wittert Ungemach: Ist das nicht das Antlitz des autoritätsseligen Deutschland, das sich von dem alten Mann aus Hamburg sagen lässt, wo’s langgeht? Ist dieser Personenkult nicht einer Demokratie unwürdig?

Und in der Tat: Schmidt redet zuweilen Unsinn (zum Beispiel über die Möglichkeit von Demokratie in China) und wird trotzdem bejubelt. Aber es ist eben die Krankheit der Intellektuellen und Feuilletonisten, unter Generalverdacht zu stellen, was die Masse verehrt. Kann man es nicht etwas tiefer hängen? Vielleicht ist es einfach so, dass Deutschland Schmidt liebt, weil er die Institution ist, die einfach immer da war. Er ist die katholische Kirche der Politik. Er gibt allein deshalb Halt, er ist mit das Letzte, was die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet.

Deutschland liebt ihn, weil er alt ist und weil er zeigt, dass Alt-Sein und Geschliffen-Reden zusammengehen. Deutschland liebt ihn, weil man dem einst unverstandenen strengen Vater gern, ehe es zu spät ist, sagen möchte, dass er nicht immer unrecht hatte.Weil Schmidt die Drecksarbeit machen musste (RAF, NATO-Doppelbeschluss), ohne großen historischen Glanz zu ernten.

Schmidt war groß im Kleinen, und immer wieder passierten kleine, lustige Dinge im Großen, beim Staatsgeschäft – davon handelt auch dieses zweite Schmidt-Buch mit neuen Anekdoten. Erfreuen wir uns an Schmidt. Und freuen wir uns über die seltsame Affäre Deutschland-Schmidt. Und, er wird es nicht zugeben, Schmidt freut sich auch über die Zuneigung, die ihm entgegenschlägt – denn die späte Liebesgeschichte Deutschland-Schmidt, sie war nun wirklich nicht abzusehen.

Als Helmut Schmidt einmal ...

... nur einer unter vielen war

Schmidt heißen viele. Helmut Schmidt auch. Aber wie viele Helmut Schmidts haben die Weltwirtschaft gerettet und permanent Franz Josef Strauß, den bayerischen Stammesführer, im Zaum gehalten? Da gibt’s nur einen: Schmidt/Bergedorf. Diese Mischung aus Allerweltsname und extraordinärer Weltklasse macht den Reiz des Namens aus: Deutschland ist Schmidt. Schmidt ist Deutschland. So denkt die Welt.

Da ist es kein Wunder, dass Schmidt gleich zusagt, als er eine besondere Einladung erhält: In Essen steigt am 1. September 1978 in der Grugahalle das »größte Schmidt-Treffen aller Zeiten«. Die Veranstalter haben 6000 Schmidts aus dem Ruhrgebiet eingeladen, halten sich allerdings nicht ganz an die reine Lehre: Auch Schmitts, Schmids und Schmieds sind zugelassen. Der Kanzler steigt um 17.30 Uhr mit Hamburger Lotsenmütze angetan vor der Halle aus dem gepanzerten Mercedes und macht einen auf Durchschnitts-Schmidt: Erst schunkelt er mit Loki und dem Essener Oberbürgermeister Horst Katzor im Arm zum »Schmidt-Schunkel-Walzer«. Wippen zu populärem Liedgut ist dem Kanzler, der sonst eher Mozart zuneigt, im Nahkampf mit dem Volk nicht fremd: 1977 hat er auf dem Berliner Presseball bereits schmerzfrei mit Loki zum Hit »Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen« getanzt.

Dann schüttelt der Kanzler Hände und plaudert mit allen möglichen Schmidts, was den Sicherheitsbeamten den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Anschließend hält der Kanzler vor den 6000 versammelten Schmidts sogar noch eine Rede, die als einzige überlieferte Schmidt-Rede übers Schmidt-Sein gelten darf. Der Kanzler, der letztes Jahr die RAF und ein Jahr davor bei der Bundestagswahl knapp Helmut Kohl besiegt hat, vermutet, dass ein spezielles Schmidt-Gen für derartige Spitzenleistungen verantwortlich sein könnte: »Wir Schmidts haben Beispiele dafür gegeben, dass man harte Sachen nur mit harter Arbeit bewältigen kann.« Auch kalauern kann der Kanzler, der sonst gern in Fachchinesisch referiert: »Jeder ist seines Glückes Schmidt, und man muss das Eisen schmidten, solange es heiß ist«, ruft er bestens gelaunt in die völlig überraschte Menge.

Bei einem speziellen »Helmut-und-Hannelore«-Empfang trifft Schmidt kurz darauf sogar auf 22 Hannelore und 24 Helmut Schmidts aus Essen, die zum Teil sogar miteinander verheiratet sind. Die Schmidt-Sause bleibt eine einmalige Angelegenheit. Zwar hat es schon eine ähnliche Party zum Namen Naumann geben, aber mit großen Namen ist es erst mal vorbei. Auf die Frage, ob nicht der Name des anderen großen Helmut für ein Treffen infrage käme, antwortet das Repräsentationsamt, dass man nicht in den Kategorien des Parteienproporzes denke. Und außerdem: »So viele Kohls gibt’s in Essen nicht.« Der Pott bleibt Schmidt-Country.

15:22 19.12.2013

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