Nah dran

Leseprobe "Die Gorbatschows wirkten wie unter Schock, und seine erste Worte, die er noch auf der Flugzeugtreppe sagte, ließen erkennen, dass er nicht begriffen hatte, was geschehen war."
Nah dran
Foto: Privatarchiv Gerd Ruge

We shall overcome

Washington

1962–1969

[...]

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nahm der Krieg in Vietnam eine immer größere Rolle in der inneramerikanischen Auseinandersetzung ein. Zu Beginn des Jahrzehnts schien es noch, als interessiere dieser Konflikt im fernen Ostasien nur die Experten im Pentagon und im State Department. Das Interesse der amerikanischen Öffentlichkeit an den Machtverhältnissen in Vietnam war gering. Kennedys Vorgänger General Eisenhower hatte den Wunsch der Franzosen, US-Truppen zur Unterstützung ihrer Kolonialarmee in Indochina einzusetzen, noch deutlich zurückgewiesen. Falls Amerika in einen Krieg dieser Art hineingezogen würde, so der Ex-General, könne das in einer großen Tragödie enden. Dann wurde die Auseinandersetzung in Vietnam immer mehr zu einem Teil des allgemeinen Ost-West-Konflikts. Der junge Präsident Kennedy fürchtete im ersten Jahr seiner Präsidentschaft, Amerikas Rolle in der Weltpolitik sei durch die Niederlage in Kubas Schweinebucht, den Bau der Berliner Mauer und die gescheiterten Verhandlungen mit Chruschtschow in Wien zum Niedergang verurteilt. Er wollte deshalb der Ausweitung des sowjetischen Einflusses eine klare Grenze setzen. Als der Präsident im Sommer 1961 von den Wiener Gesprächen mit Chruschtschow zurückkehrte, sagte er zu Journalisten in Washington: »Jetzt haben wir ein Problem. Wir müssen unsere Macht glaubwürdig machen, und Vietnam scheint dafür der richtige Ort.«

Sein Vorgänger Eisenhower hatte es abgelehnt, mehr als 900 amerikanische Soldaten als Militärberater nach Vietnam zu entsenden. Am Ende seiner kurzen Präsidentschaft hatte Kennedy schon 16000 Soldaten nach Südvietnam geschickt, und unter dem Einfluss der Experten wuchs ihre Zahl ständig. Sein Nachfolger Lyndon Johnson hielt den Krieg zunächst für eine zweitrangige, fast lokale Auseinandersetzung und versprach, Amerikas Verstrickung in den Vietnamkrieg schnell zu beenden. Dann jedoch erhöhte auch er Schritt für Schritt Amerikas Einsatz. Er war zwar ein erfahrener und schlauer Innenpolitiker, aber in der Außenpolitik war er auf die Minister und den Beraterstab von John F. Kennedy angewiesen, bekannte, hoch angesehene Fachleute für internationale Politik, die ihn beeindruckten und deren Rat er folgte. Im Herbst 1967 waren bereits rund 400 000 US-Soldaten in Vietnam stationiert, gleichzeitig wuchsen in der amerikanischen Öffentlichkeit die Zweifel. Auch weil die Nordvietnamesen durch Waffenlieferungen aus der Sowjetunion und China gestützt wurden, war ein durchschlagender Erfolg bis dahin ausgeblieben.

In dieser Situation besorgten wir für das Team unseres Washingtoner Studios eine Akkreditierung bei der amerikanischen Militärführung in Vietnam. Wir fuhren mit einer kleinen Mannschaft: mein langjähriger Kameramann, Dieter Perschke, sein Assistent, ein Tonmann und ich. Dazu kam noch ein vietnamesischer Dolmetscher und Redaktionsassistent, von dessen Ortskenntnis wir abhängig waren. Er hatte sehr präzis für englische Kollegen gearbeitet, und so riskierten auch wir es, uns auf ihn zu verlassen. Mit ihm suchten wir uns Fahrtrouten aus, auf denen wir uns von den Stützpunkten der US-Armee und ihrer Verbündeten in die Dörfer und Kleinstädte des Hinterlands durchschlagen konnten. Tagsüber blieb die Lage entspannt, der Kontakt zur ländlichen Bevölkerung schien ungefährlich. Unheimlich waren solche Ausflüge dennoch. Ortsvorsteher warnten uns davor, die Hauptstraßen zu verlassen: Im Sichtschutz der sumpfigen Reisfelder säßen versteckte Gruppen des Vietcong, die das Feuer auf uns eröffnen könnten. Nachts seien diese Straßen unpassierbar und die Dörfer unter der Kontrolle der kommunistischen Untergrundkämpfer. Immer wieder hörten wir von Ortsvorstehern und Verwaltungsbeamten, die über Nacht entführt oder erschossen worden seien. So setzten wir alles daran, abends möglichst wieder unser Hotel in Saigon zu erreichen.

In der Hauptstadt Südvietnams war die Lage gewöhnlich eher ruhig. Es gab vereinzelte Bombenattentate, aber meist in der Nähe des Stadtrands, seltener im Zentrum, wo das Hotel Continental lag, die Lieblingsunterkunft der ausländischen Journalisten. Die Lobby war ein großer Basar der Gerüchte, aber immerhin gab es hier eine Art Austausch, mit Hilfe dessen man sich vorsichtig orientieren konnte. Die Informationsabteilung der amerikanischen Armee dagegen war weniger zuverlässig. Präsident Johnson hatte eine »Politik der minimalen Offenheit« verkündet, aufgrund derer die Informationsoffiziere im Auftrag der politischen Führung Berichte »frisierten«. Tatsächlich entdeckte ich, dass ein ehemaliger Kollege, den ich schon aus Korea kannte, nicht nur Nachrichten vertuschte, sondern mich auch in Bezug auf die Ziele und das Ausmaß des Truppeneinsatzes eindeutig belog. Folglich gab es einigermaßen zutreffende Auskünfte nur, wenn man sie sich selbst besorgte und mit erfahrenen Kollegen austauschte.

In Saigon herrschte eine Art Waffenstillstand zwischen dem Vietcong und den ausländischen Journalisten und Diplomaten, soweit sie nicht Amerikaner waren. Jedenfalls war in der Stadt seit Jahren kein Europäer überfallen oder ermordet worden. Während der Neujahrstage, so erzählten mir die Kollegen, unternehme der Vietcong auch außerhalb der Stadt keine Attentate und Angriffe. Es waren die Tage im Jahr, an denen Ausländer sich ins Auto setzten und ans Meer fuhren. Tet, das bevorstehende chinesische Neujahrsfest, bedeutete auch so etwas wie Ferien vom Krieg, darüber waren sich alle einig. Also machten auch wir uns Ende Januar 1968 auf zu einer zweistündigen Autofahrt an einen ehemaligen Badeort an der Küste und legten uns im weißen Sand in die Sonne. Aber schon nach einer Stunde kam unser Dolmetscher mit besorgter Miene: Es gebe Gerüchte, dass die Lage unsicher sei. Eine Stunde später sprach er bereits von der Gefahr »militärischer Zusammenstöße«, ein Ausdruck, den er vorher nie benutzt hatte. Mit uns am Strand lag der französische Konsul aus Saigon. Obwohl er uns als langjähriger Indochina-Kenner versicherte, eine gewaltsame Störung des Tet-Festes sei ausgeschlossen, fuhren wir sofort ab. Der Diplomat blieb zurück – und konnte erst zwei Wochen später die Reise in die Hauptstadt antreten.

Tatsächlich hatten an diesem 30. Januar die nordvietnamesische Armee und die Guerillatruppen des Vietcong auf breiter Front einen Überraschungsangriff gegen die Stellungen der Südvietnamesen und ihrer amerikanischen Verbündeten begonnen. Die Innenstadt Saigons schien ruhig, als wir von der Küste zurückkamen. Dann jedoch bogen wir in eine Nebenstraße ein, die nach etwa fünfzig Metern gesperrt war. Schon während wir umzudrehen versuchten, fielen von vorn die ersten Schüsse. Gleich danach wurde auch aus der Richtung, aus der wir gerade gekommen waren, auf uns geschossen. Unser Dolmetscher, dem der Wagen gehörte, setzte das Auto nahe an eine Hauswand, wir krochen heraus und legten uns auf den Boden. Dieter Perschke war vorher ausgestiegen, um einen guten Drehort zu suchen. Nun konnte er nicht über die Straße zu seiner Kamera zurück. Sein Assistent lag halb unter dem Auto und filmte, was er konnte. Zehn Minuten lang ging der Beschuss weiter, dann fuhren wir so schnell wie möglich aus dem gefährlichen Engpass heraus. Alles war gut gegangen, wir hatten sogar Filmmaterial, auf dem die Schützen entfernt zu erkennen waren.

Anschließend sorgten nur noch die vier Einschusslöcher in der Karosserie unseres Wagens für Schwierigkeiten. Die Verwaltungsleitung beim Westdeutschen Rundfunk hatte entschieden, dass der Schaden nicht Sache des Senders, sondern des Dolmetschers sei, in dessen Wagen wir mitgefahren waren. Er habe die Reparatur an seinem Auto selbst zu zahlen, hieß es. Das war ärgerlich, hatte aber auch sein Gutes: Als der Intendant in Köln auf meine Bitte hin entschied, dem Dolmetscher die Reparaturkosten zu ersetzen, revanchierte sich dieser bei mir durch freiwillige Einsätze. Er nahm mich in das buddhistische Kloster mit, das in Saigon das Zentrum des intellektuellen Widerstands nicht nur gegen die Amerikaner, sondern auch gegen die vietnamesischen Kommunisten und die eigene südvietnamesische Regierung war. Es war zugleich der stärkste Stützpunkt der Friedensbewegung, deren Anhänger – meist junge Leute und Professoren der Universität – Verhandlungen zwischen Nord- und Südvietnam forderten. Mein Dolmetscher brachte mich auch in Kontakt mit kleinen Gruppen vietnamesischer Intellektueller, von denen die meisten in Frankreich studiert hatten. Sie erzählten mir von der Zeit des Zweiten Weltkriegs, als die französischen Kolonialtruppen, die der Kollaborationsregierung in Vichy unterstanden, gemeinsam mit japanischen Eroberern in Vietnam operierten. Aber dann hatten die Japaner ein unabhängiges Kaiserreich Vietnam ausgerufen und das französische Militär interniert.

Es waren höchst komplizierte und verworrene Geschichten über Bündnisse, in denen Amerikaner und Chinesen den Aufstand der vietnamesischen Kommunisten gegen die Franzosen unterstützten, während diese über sechshundert Japaner zur Ausbildung ihrer Truppen anheuerten. Solche Zusammenhänge waren den Amerikanern und den Europäern kaum verständlich und bis dahin hinter den offiziellen Kriegsberichten verborgen geblieben. Die vietnamesischen Intellektuellen, mit denen ich sprach, waren besonders verbittert darüber, dass ihre linken Freunde in Westeuropa nicht zur Kenntnis nehmen wollten, auf welch brutale Weise die Kommunisten in Nordvietnam ihre Macht durchgesetzt hatten. Dort hatten in der letzten großen Säuberung nach der Art Stalins wohl eine halbe Million Menschen ihr Leben verloren. Fernsehbilder, auf denen junge Europäer mit dem Ruf »Ho, Ho, Ho Chi Minh« gegen den Krieg und die Amerikaner demonstrierten, waren meinen vietnamesischen Gesprächspartnern jedenfalls schwer verständlich.

Mein Team und ich bemühten uns, wenigstens einen kleinen Teil von dem, was man vom Krieg sehen konnte, mit der Kamera festzuhalten. Da gab es erschütternde Bilder, wenn amerikanische Hubschrauber unmittelbar über unseren Köpfen Raketen in eine südvietnamesische Vorstadtstraße jagten oder, noch erschreckender, als wenige Meter von uns entfernt ein südvietnamesischer General einen Gefangenen mit der Pistole erschoss, der Minuten vorher noch Südvietnamesen aus dem Fenster eines Hauses getötet hatte.

Eines immerhin konnten wir deutlich machen: Die nordvietnamesische Tet-Offensive hatte Anfang 1968 für keine der beiden Seiten einen Sieg gebracht, nur die höchsten Verluste seit Beginn des Kriegs. Die fast achtzigtausend kommunistischen Kämpfer, die in mehr als hundert Städten und Ortschaften angetreten waren, hatten zwar keine größeren Orte erobern können, aber in den USA löste die Wucht ihrer Offensive doch einen Schock und höchst unterschiedliche Reaktionen aus: Die Militärs wollten die Schlagkraft der Truppen verstärken, während die meisten Wähler die Kämpfe als Beweis dafür verstanden, dass der Krieg immer größer und blutiger werden würde und am Ende nicht zu gewinnen sei. Für Präsident Johnson wurde die Lage immer schwieriger, je tiefer sich die USA in diesen südostasiatischen Konflikt verwickelten.

Gerade bei jenen, deren Unterstützung er für sein Programm einer sozialpolitisch veränderten Gesellschaft gebraucht hätte, rief die Erfolglosigkeit und Brutalität des Kriegs zunehmend Widerstand hervor. Die Zahl der Friedensmärsche und Protestdemonstrationen wuchs vor allem unter den jüngeren und liberalen Wählern, die eigentlich die natürlichen Verbündeten für seine Reformpolitik gewesen wären. Amerika hatte bereits im Frühjahr 1967 eine beispiellose Antikriegskundgebung erlebt, als sich im New Yorker Central Park 125000 Menschen versammelten. Ich traf dort Bekannte und Freunde wieder, denen ich während der Bürgerrechtsbewegung begegnet war. Aber diesmal war das Ganze nicht mehr der Aufmarsch einer politischen Bewegung oder pazifistischer, sozialistischer und – wie etwa J. Edgar Hoover, der Chef des FBI, gewohnheitsmäßig erklärte – kommunistischer Gruppen, sondern vielmehr ein Treffen von Tausenden von Individualisten, die den Glauben an die Politik und die Wirksamkeit gesellschaftlicher Proteste und Bewegungen zu verlieren begannen. Sie erwarteten nichts mehr von einem Dialog mit Präsident Johnson und den Realpolitikern, aber auch wenig von jenen Senatoren, die ein Ende des Kriegs in Vietnam forderten. Innerhalb der New Yorker Protestkundgebung wurde ein neuer Prozess der Entfremdung deutlich.

Anfang der sechziger Jahre hatten die Professoren an Amerikas Universitäten noch darüber geklagt, dass sich die Studenten nicht für Politik interessierten. Im Laufe des Jahrzehnts war das anders geworden: Inzwischen klagten Professoren über eine allzu rebellische Ausrichtung ihrer Studenten. Die Taktik der direkten Aktion, der Sitzstreiks oder der zeitweisen Besetzung von Behörden oder Dienststellen, wie sie die Schwarzen in der Black-Power-Bewegung entwickelt hatten, wurde nun gegen die Verwaltungen der Universitäten eingesetzt und gegen ein System, das den Studenten auf unmoralische Weise konformistisch erschien. Einzelne Kadergruppen, die die öffentliche Auseinandersetzung in Bewegung halten wollten, demonstrierten zwar mit den Bildern Maos oder Ho Chi Minhs, doch die meisten jungen Leute, die ihnen folgten, wollten nicht den kommunistischen Umsturz, sondern protestierten vor allem gegen die Struktur und Moral der eigenen Gesellschaft. Sie waren abgestoßen von der Vietnampolitik und enttäuscht von dem Mangel an idealistischer Zielsetzung in der Innenpolitik.

So gesellten sich in New York Tausende zu den Protestierenden, die solchen Versammlungen bisher eher fremd gegenübergestanden hatten: Sekretärinnen und Hausfrauen, die mit Sträußen von Forsythien oder Osterglocken gekommen waren und die Blumen freundlich an Mitmarschierer verteilten, junge Männer, die sich das Gesicht mit bunter Farbe bemalt hatten, im Kreis tanzten und den Krieg samt seiner politischen Maschinerie verspotteten. Hier machte sich eine allgemeine Unzufriedenheit mit der amerikanischen Gesellschaft Luft. Lyndon Johnson spürte, dass seine Zeit als Präsident, der die amerikanische Gesellschaft grundsätzlich verändern konnte, nun vorbei war. Die »Große Gesellschaft« war ein amerikanischer Traum geblieben. Am 31. März 1968 beendete er eine Fernsehansprache mit einer überraschenden Botschaft: Er werde sich nicht mehr um eine Wiederwahl bemühen. Obwohl sich dadurch sein Ansehen in der Bevölkerung zunächst wieder verbesserte, blieb er bei seiner Entscheidung.

Nun gab es unter den Demokraten drei Konkurrenten im Kampf um die Nachfolge: den Vizepräsidenten Hubert Humphrey, einen liberalen, aber eher farblosen Mann aus dem Parteiapparat, der die Politik Johnsons fortsetzen würde, dann Senator Eugene McCarthy, einen gebildeten, nachdenklichen Mann aus der Mitte der demokratischen Partei, dessen wichtigstes Thema die Forderung nach dem sofortigen Ende des Vietnamkriegs war, und schließlich Robert Kennedy, der erst spät, zwei Wochen vor Johnsons Rückzug, seine Kandidatur angekündigt hatte. Vielen meiner amerikanischen Freunde fiel die Entscheidung außerordentlich schwer: Sowohl McCarthy wie Kennedy wollten den Krieg in Vietnam beenden. Für McCarthy sprach, dass er seine Kandidatur schon zu einem Zeitpunkt erklärt hatte, als Lyndon Johnson noch unbesiegbar schien; Kennedy dagegen brachte die Strahlkraft des großen Namens mit und obendrein ein Reformprogramm, mit dem er den republikanischen Kandidaten Richard Nixon schlagen wollte.

Wenn wir ihren jeweiligen Wahlkampfteams hinterherfuhren, kamen wir mit Kennedy in die schwarzen Stadtteile und in die wohlhabenderen Vorstädte, während wir McCarthy in die Universitätsviertel folgten, zu Studenten, die sich für ihn als Kriegsgegner entschieden hatten, obwohl er keine Chance zu haben schien. Bei Kennedys Auftritten gab es – besonders unter den Schwarzen – mehr Jubel und Begeisterung, bei McCarthy so etwas wie Verehrung für einen Mann, der seine Karriere für den Frieden riskierte. Und immer wieder traf ich Leute, denen es ebenso ging wie mir: McCarthy erschien uns sympathischer und selbstloser, aber Robert Kennedy war derjenige, der gewinnen und Amerika verändern konnte.

Am 4. Juni 1968 folgten wir den beiden Kandidaten in die Wahllokale verschiedener Stadtteile von Los Angeles. Eine wichtige Entscheidung stand an. Wer die Vorwahl in Kalifornien gewann, würde einen großen Schritt in Richtung Kandidatur machen. Die meisten Journalisten und Kamerateams, darunter auch wir, begleiteten Kennedy, denn der galt als der Mann mit den besseren Chancen und dem höheren Nachrichtenwert. Wir erwarteten ihn im Ballsaal des Ambassador-Hotels, sahen, wie ihm Mitarbeiter einen Weg durch die wartende Menge freimachten. Als die Wahllokale schlossen, bedankte sich Kennedy bei seinen Anhängern mit einer Rede. Wir ließen nur unseren Kameraassistenten im Ballsaal zurück, der die Ansprache des Kandidaten aufnehmen sollte, wenn das Ergebnis vorlag. McCarthy, so schien uns, konnte nicht gewinnen, aber gerade deswegen wollten wir beobachten, wie seine jungen begeisterten Anhänger auf die Niederlage reagieren würden.

Als wir in McCarthys Hauptquartier ankamen, herrschte im Saal noch Wahlkampfatmosphäre: Junge Leute sangen Spottlieder auf Kennedy und nannten ihn einen Opportunisten, der nicht aus Überzeugung antrete, sondern weil er den »Kennedy-Platz« im Weißen Haus besetzen wolle. Die Stimmung war gereizt. Plötzlich trat ein Mann sehr langsam und ernst ans Rednerpult. Er bat um Ruhe, und er tat dies so eindringlich, dass alle sofort verstummten. Und dann verkündete er: Auf Robert Kennedy sei wenige Minuten zuvor geschossen worden. Niemand sagte ein Wort. Eben noch waren sie seine kritischen Gegner gewesen, doch nun erkannten sie, dass trotz allem gerade sie große Hoffnungen in ihn gesetzt hatten.

Mein Team und ich rasten zum Ambassador-Hotel zurück, wo unser Kameraassistent die Geschehnisse drehte: Kennedys Mitarbeiter hatten den Kandidaten nach seiner Rede nicht noch einmal in die begeisterte Menge gehen lassen, sondern ihn nach hinten über die Bühne zu einer Pressekonferenz gebracht. Der Weg führte durch einen Korridor zum Kücheneingang. Ein einziger pensionierter Polizist sorgte für Kennedys Sicherheit und schob störende Anhänger aus dem Weg. Kennedy schüttelte die Hand eines Hotelpagen, als ein Mann hinter der Eismaschine hervortrat und mehrere Schüsse auf ihn abgab. Unser Kameraassistent hatte als Einziger gefilmt, wie Kennedy zu Boden stürzte und wie seine Begleiter den Schützen überwältigten, Sirhan Sirhan, einen vierundzwanzigjährigen Christen aus Palästina, wie wir später aus einer sehr kurzen Information für die Presse erfuhren. Nun sahen wir Robert Kennedys Frau Ethel am Gang vor der Küche. Wir filmten, wie sie zu ihrem Mann geführt wurde und neben ihm niederkniete. Er wandte ihr das Gesicht zu und schien sie zu erkennen, dann trug man ihn auf einer Bahre fort zum Krankenwagen. Die vielen Menschen, die ihm kurz vorher noch zugejubelt hatten, blickten dem Krankenwagen schweigend nach, unsicher, was sie denken oder sagen sollten: John F. Kennedy war erschossen worden, Martin Luther King war erschossen worden, nun war auch auf Robert Kennedy ein Attentat verübt worden. Ein paar junge Frauen hielten sich an den Händen und begannen halblaut zu singen: »We shall overcome«. Es klang wie ein letztes Versprechen aus der Zeit großer Hoffnungen.

Mich hatte dieses Lied fast zwei Jahrzehnte durch Amerika begleitet: An der Highlander Folk School hatte ich es zum ersten Mal gehört. Ich hörte es dann, als ich die junge Sängerin Joan Baez zu ihrem ersten Konzert in New York begleitete und als sie mich zum Newport Folk Festival mitnahm, wo es der junge Bob Dylan sang. Ich erinnerte mich an den Abend in Selma, als ich mit jungen Schwarzen zusammen die Radioübertragung jener Rede im Kongress hörte, in der Präsident Johnson zur Überraschung aller ein neues Amerika mit den Worten »We shall overcome« ankündigte. Nun blickte ich dem Krankenwagen nach, mit dem Robert Kennedy ins Krankenhaus gefahren wurde, wo er einen Tag später starb.

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Neues Denken auf Russisch

Moskau

1977–1991

[...]

Am dritten Tag, dem 21. August, feierte Moskau Boris Jelzin und sich selbst in Massenversammlungen. Auf dem Platz vor der Zentrale des KGB, des allmächtigen Geheimdiensts, sammelten sich am Morgen viele Hundert Menschen. Diesmal waren es die Leute von der Geheimpolizei, die Angst hatten und hinter verschlossenen Türen auf einen Angriff warteten. Aber der kam nicht. Jelzins Mitarbeiter hatten erfahrene Soldaten zu dem Gebäude geschickt, um die Demonstranten von unberechenbaren Schritten zurückzuhalten. Stattdessen tanzte die Menschenmenge auf dem Platz vor der Geheimdienstzentrale und ihren Gefängnissen zur Ziehharmonika. Junge Arbeiter erkletterten das Denkmal von Felix Dserschinski, dem Gründer der berüchtigten Tscheka, der Geheimpolizei aus den Anfangsjahren der Sowjetunion. Sie legten der Statue eine Stahltrosse um den Hals, warteten, bis eine Fernsehkamera aufgestellt war, und rissen das riesige Denkmal von seinem Sockel herunter.

Fünfhundert Meter von der Geheimdienstzentrale entfernt lag der Gebäudekomplex des Zentralkomitees der Partei. Dort war es bisher ruhig geblieben. Nun aber, nachdem selbst der KGB seinen Schrecken verloren hatte, war auch das ZK nicht mehr sicher vor der protestierenden Menge. Ein Funktionär, mit dem ich häufig Informationen über die deutsch-sowjetische Politik ausgetauscht hatte, rief mich in meinem Büro an. Jelzins Leute hätten das ZK umstellt, wollten ihn gefangen nehmen und verlangten die Herausgabe seiner ganzen Akten und Aufzeichnungen. »Kannst du schnell herkommen und mich abholen?«, fragte er. Ich war in all den Jahren nie in den ZK-Komplex eingelassen worden, aber nun fuhr ich sofort los, gespannt auf das, was sich dort Ungewöhnliches tat. Der Haupteingang war mit einem weißen Plakat verschlossen, auf dem »Versiegelt« stand. Daneben klebte ein kleineres Blatt mit der Aufschrift »KP nach Nürnberg«. Einige Hundert Leute standen vor dem Gebäude und riefen begeistert »Russland, Russland!«, als die riesige rote Fahne auf dem Dach des ZK eingeholt und die neue, weißblaurote Fahne Russlands am Mast aufgezogen wurde. Die Mitglieder und Mitarbeiter des Zentralkomitees mussten sich in einer Art Spießrutenlauf in Sicherheit bringen: durch die Gittertüren des Hinterausgangs hindurch, vorbei an höchstens einhundert oder zweihundert Menschen, die das Gebäude besetzen wollten und die Funktionäre verhöhnten, ohne gewalttätig zu werden. Auch mein Bekannter war auf diesem Weg bereits aus dem ZK herausgekommen, vermutlich ohne seine Akten. Als ich dort ankam, standen am Hinterausgang schon Vertreter des russischen Präsidenten, die die ZK-Mitarbeiter schützten und zugleich dafür sorgten, dass sie weder Papiere noch Wertgegenstände mitnahmen.

Es war das Ende der kommunistischen Partei. Aber Gorbatschow, ihr Generalsekretär, konnte das nicht wissen. Er hatte die letzten Tage, von aller Welt abgeriegelt, mit seiner Frau und seiner Enkelin in der großen Datscha am Schwarzen Meer verbracht. Die Putschisten hielten ihn dort fest. Nicht einmal eine Telefonverbindung in die Hauptstadt war ihm geblieben, ehe ihn eine Maschine aus Moskau auf Jelzins Anweisung abholte. Am 22. August um ein Uhr nachts stiegen die Gorbatschows auf dem Flughafen Wnukowo bei Moskau aus dem Flugzeug. Sie wirkten wie unter Schock, und Gorbatschows erste Worte, die er noch auf der Flugzeugtreppe sagte, ließen erkennen, dass er nicht begriffen hatte, was geschehen war. Er habe die Lage unter Kontrolle, ließ er – müde, aber doch ganz Präsident – die Wartenden wissen. Am nächsten Tag werde er seine Amtsgeschäfte in vollem Umfang wieder aufnehmen. Es klang so, als käme er von einigen Urlaubstagen auf der Krim zurück. Gorbatschow wollte oder konnte nicht verstehen, dass ihn die Männer, denen er in Partei, Parlament und Regierung vertraut hatte, verraten und entmachtet hatten. Immer noch verstand er sich als Generalsekretär der kommunistischen Partei und als Präsident der Sowjetunion.

Am vierten Tag nach dem Putsch fuhr Gorbatschow zum russischen Parlament. Er kam, um Jelzin für seine Unterstützung zu danken, aber auch, um als heimgekehrter Präsident der Sowjetunion seine Pläne für eine Erneuerung des Landes durch eine geläuterte Partei unter seiner Führung zu entwickeln. Für die Leute, die den Staatsstreich organisiert und unterstützt hatten, fand er allerdings keine harten Worte. Da legte Jelzin das Protokoll der Kabinettssitzung vom ersten Tag des Putsches auf den Tisch. »Sie lesen das jetzt!«, sagte er, und ein verwirrter Gorbatschow musste dem Parlament vorlesen, was er bis zu dieser Stunde nicht hatte glauben wollen: dass die meisten Kabinettsmitglieder und ZK-Sekretäre sich für seine Absetzung ausgesprochen hatten. Die Abgeordneten klatschten Beifall, aber sie klatschten nur für Jelzin. Bevor er den nächsten Redner aufrief, sagte Jelzin: »Genossen, gestatten Sie mir, dass ich zur allgemeinen Entspannung einen Erlass über die Einstellung aller Aktivitäten der Russischen Kommunistischen Partei unterschreibe.« In dem stürmischen Beifall versuchte Gorbatschow noch einmal vergeblich zu Wort zu kommen. Dann setzte er sich auf den Stuhl neben Jelzin. Abends im Fernsehen sah das ganze Land, wer der erste Mann im neuen Russland war.

Vier Monate noch blieb Gorbatschow als Präsident ohne Macht im Kreml. In den Jahrzehnten zuvor hatten ausländische Korrespondenten keinen Zutritt zu den Arbeitsräumen der sowjetischen Staatschefs gehabt. Nun konnte ich mit meinem Kamerateam den Schlussakt der Geschichte der Sowjetunion filmen: Gorbatschow kam ganz allein die breite, dunkle Treppe im Kreml herauf, auf der ihm einige Minuten später Boris Jelzin und Leonid Krawtschuk, der Präsident der Ukraine, folgten. Sie waren gekommen, um ihm mitzuteilen, dass das Amt des Präsidenten der UdSSR am Ende des Jahres erlöschen werde. Zum 31. Dezember werde die Sowjetunion aufgelöst, verkündeten die beiden als Vertreter der fünfzehn Einzelrepubliken. Für die letzten Tage des Jahres blieben noch einige zeremonielle Termine, zu denen der sowjetische Präsident in sein altes Arbeitszimmer im Kreml kam. Kurz vor Weihnachten empfing er eine größere deutsche Delegation von Wirtschaftsführern, Politikern und Journalisten, die dem notleidenden Land mit großzügigen Spenden weiterhelfen wollte. Er dankte ihnen. Die deutschen Besucher wussten natürlich, dass es mit Gorbatschows Macht zu Ende war, aber sie schienen es doch nicht recht glauben zu wollen. Die Begegnung mit dem von ihnen bewunderten sowjetischen Staatschef wuchs sich zu einem Gespräch über die wirtschaftliche und politische Entwicklung Russlands aus. Er antwortete höflich, wenn auch mit müder Stimme. Dann kam eine ganz lange Frage zu Details der wirtschaftlichen Entwicklungsplanung. Gorbatschow zögerte lange, dann guckte er mich an: »Gerd, kannst du das den Gästen erklären?« Ich war ihm zwar einige Male begegnet, aber geduzt hatte er mich nie. Er muss sich an diesem Nachmittag sehr verlassen gefühlt haben.

11:32 12.12.2013

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