Motivation und Aktion

Leseprobe "Wir haben den größten Teil unseres Lebens noch vor uns. Und wir befürchten das Schlimmste. Doch wir haben nicht vor, uns unsere Zukunft nehmen zu lassen. Also nehmen wir die Sache selbst in die Hand."
Motivation und Aktion

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Wir haben den größten Teil unseres Lebens noch vor uns. Und wir befürchten das Schlimmste. Doch wir haben nicht vor, uns unsere Zukunft nehmen zu lassen. Also nehmen wir die Sache selbst in die Hand und fangen damit an, die Geschichte unserer Zukunft selbst zu schreiben. Dafür müssen wir verstehen, was vorgeht. Verstehen, was diese Klimakrise ist, von der jetzt alle sprechen. Verstehen, was sich verändert. Verstehen, wie ein Ende dieser Krise aussehen kann. Deshalb schreiben wir dieses Buch. Wir freuen uns, dass du dieses Buch in den Händen hältst. Weil das Buch aber nur ein erster Schritt ist, ermutigen wir dich, direkt den zweiten zu gehen: Nimm es zum Anlass, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Mit Freund*innen oder Fremden, mit Menschen, die deine Perspektive teilen, und mit Menschen, die das nicht tun. Große Veränderungen sind möglich. Aber nur dann, wenn wir alle miteinander ins Gespräch kommen. Nicht nur du bist gefragt, sondern wir alle. Die ganze Gesellschaft.

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Einleitung

Was tun, wenn man mitten in der größten Krise der Menschheit steckt und niemand handelt? Wie kommuniziert man eine wissenschaftlich belegte Katastrophe in einer Zeit, die sich als post-faktisch deklariert? In einer Zeit, in der 280 Zeichen den Rhythmus der Kommunikation diktieren? In der die Aufmerksamkeitsspanne schrumpft, und der Informationsfluss aus immer lauter donnernden Eilmeldungen an einem vorbeirauscht? Wie erzählt man von einer Krise, die so dramatisch ist, dass sie wie kein anderes Thema die Tagesordnung dominieren sollte – aber stattdessen von großen Teilen der Gesellschaft und der Politik relativiert, abgetan oder ignoriert wird? Wie erklärt man politischen Entscheidungsträger*innen, dass sie sich um ein Problem kümmern sollen, das in keine Legislaturperiode passt und größer ist als jeder Wahlkreis? Wie mobilisiert man für ein Problem, das in den Augen vieler gar keins ist?

Man erzählt Geschichten. Persönliche Geschichten. Und das ist unsere Geschichte.

Stockholm, Sommer 2017. Wir tunkten Zimtkekse in unseren Kaffee – »Fika« nennt man diese Pause in Schweden. Wir saßen im Garten eines hundert Jahre alten Hauses, die Sonne schien zwölf Stunden am Tag, der Himmel war blauer als in einer Werbebroschüre. Irgendwo mähte jemand seinen Rasen und der Duft von frisch geschnittenem Gras zog herüber. Dort, etwas abseits des städtischen Trubels, befinden sich die Arbeitsräume des »Alternativen Nobelpreises« (der Right Livelihood Award, wie er eigentlich heißt). Dass in derselben Stadt Familie Thunberg wohnt, wirkt heute wie ein Zeichen. Damals aber, vor zwei Jahren, kannte, außer ihrer Familie und ihren Freund*innen, kaum jemand das Mädchen namens Greta.

Dieser schwedische Sommer, in dem wir beide für die Stiftung des Alternativen Nobelpreises forschten, hatte es in sich. Die Welt schaute gebannt auf einen amerikanischen Präsidenten, der zum realen Alptraum wurde und täglich Schlagzeilen produzierte. Die Rohingya-Krise in Myanmar machte auf einen Schlag hunderttausende Menschen zu Flüchtlingen. Man erinnerte an den Beginn der Weltwirtschaftskrise, die nun zehn Jahre zurücklag und feierte zugleich ein rasantes Wirtschaftswachstum. Währenddessen litten die Menschen unter der Hitze: Dieser Sommer entwickelte sich zu einem der drei heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Wie wir dort also barfuß am Gartentisch saßen und Kaffee tranken, entschieden wir uns, endlich anzufangen. Anzufangen, die großen Fragen zu stellen, einen Sommer lang, Tag für Tag. Wir wollten es wagen. Uns nicht mit einem Tja-ziemlich-kompliziert zufrieden geben.

Wie kann es sein, dass wir weltweit genug Nahrung für über zehn Milliarden Menschen produzieren, aber immer noch über 800 Millionen Menschen hungern?

Wie wird die Welt aussehen, wenn zur Mitte des Jahrhunderts zusätzlich zwei bis drei Milliarden Menschen hier leben?

Welche Zukunft erwartet die weltweit über siebzig Millionen Menschen, die auf der Flucht sind?Und die vielen Millionen, die aller Voraussicht nach noch dazukommen werden?

Wie ist der Rechtsruck in den westlichen Ländern zu erklären, der nationalistische Parteien in viele Parlamente gebracht und rassistische Hetze wieder salonfähig gemacht hat?

Wie kann es sein, dass immer mehr Menschen ausgebrannt, einsam und depressiv in Kliniken enden, wenn es uns hier in Deutschland und weltweit »doch nie besser ging«?

Viele dieser Fragen hängen miteinander zusammen. Die Krise aller Krisen aber – und damit der Schlüssel zu vielem anderen – ist die Klimakrise: Wie kann es sein, dass wir wissenschaftliche Gewissheit darüber haben, dass wir seit Jahrzehnten auf die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte zusteuern, aber statt einzulenken das Tempo sogar noch erhöhen?

Wir wissen, dass es nicht mit Mülltrennung, Biogemüse und Bambuszahnbürsten getan ist, wenn es darum geht, Antworten auf diese, die existenzielle Frage unserer Zeit zu finden. Was ist zu tun? Anders gefragt: Sind wir noch zu retten? Und wenn ja, wie?

Die Stockholmer Right Livelihood Foundation war der ideale Ort, um die Suche nach zukunftsfähigen Handlungsansätzen zu beginnen. Schließlich wird dieser Preis seit vierzig Jahren an Menschen und Organisationen aus aller Welt verliehen, die praktische Lösungen für die globalen Probleme unserer Zeit gefunden haben.

Unter den Preisträger*innen sind Menschen wie Frances Moore-Loppé, die sich als Publizistin und Aktivistin gegen Welthunger und für Demokratie einsetzt, Hermann Scheer, der als Politiker schon 1988 weltweit die Solarenergie vorangetrieben hat, die Inderin Vandana Shiva, die sich für Ökofeminismus und Biodiversität einsetzt, Yacouba Sawadogo aus Burkina Faso und Tony Rinaudo aus Australien, die Wüsten in Wald verwandeln.

Wir waren überwältigt von der Zuversicht, die sich in den Geschichten dieser Macher*innen offenbarte, zugleich machte uns das Ausmaß der drohenden Katastrophe sprachlos. Wir waren wütend darüber, dass es bereits Lösungsansätze gibt, die auf politischer Ebene aber kein Gehör finden und stattdessen bewusst ignoriert oder boykottiert werden. Darüber wollten wir schreiben.

Damals war uns noch gar nicht klar, dass dies ein Buch über die Klimakrise werden würde. Denn sie ist eben bei weitem nicht die einzige Krise, die uns beim Blick auf die Zukunft Kopfzerbrechen bereitet. Die »multiple Krise« unserer Zeit, wie sie die Soziologen Markus Wissen und Ulrich Brand nennen, umfasst alle Lebensbereiche. Man denke an die ökologische Krise, die sich im Artensterben, der Bodendegradation und der Umweltverschmutzung zeigt, oder die Folgen der Weltwirtschaftskrise, die viele Länder noch heute spüren. Verarmung, gesellschaftliche Spaltung und der Abbau der sozialen Sicherungssysteme stürzen uns in eine »Krise der sozialen Reproduktion«. Der Erhalt sozialstaatlicher Errungenschaften, die ein würdevolles Leben für alle ermöglichen sollen, wird infrage gestellt.

Die global zunehmenden Flüchtlingsbewegungen haben diese Tendenz vielerorts noch verstärkt und sind gleichwohl Folge dieser Krisen. Hinzu kommt die Krise der repräsentativen Demokratie und der etablierten Parteien, die sich (mit Ausnahme des Wahlerfolgs der Grünen) bei der Europawahl 2019 wieder gezeigt hat. Und natürlich die Krise der Geschlechterverhältnisse, sie manifestiert sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen – im alltäglichen Sexismus gegenüber Frauen und anderen Geschlechtern, aber auch strukturell auf dem Arbeitsmarkt, im Politischen, in den Medien und im Privaten.

Wir waren uns nicht einig, welcher diese Brände dringender gelöscht werden müsste.

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Für mich, Alex, war die Klimakrise lange Zeit ein Thema für Naturliebhaber*innen und Menschen, die lieber Zeit im Wald verbringen als mit anderen Menschen. Ich hatte nichts gegen sie, doch mir schien, dass es in einer globalisierten Welt mit all ihren Ungerechtigkeiten, Machtgefällen und Ausbeutungsverhältnissen wichtigere Fragen gab als die nach der Wiedervernässung eines Moores, der Erhaltung einer seltenen Käferart oder den Konsequenzen von veränderten Vegetationszonen. Wenn ich ans Klima dachte, dann dachte ich daran, dass das Wetter in Hamburg anders ist als in Freiburg oder Palma de Mallorca, und als gebürtiger Hamburger freute ich mich, wenn die Sonne mal schien.

Von der Klimakrise hörte ich das erste Mal durch Al Gores Dokumentarfilm Eine unbequeme Wahrheit. Ich erinnere mich bruchstückhaft an Bilder von ausgetrockneten Seen, veränderten Landschaften und an Kurven in Koordinatensystemen, die zum Ende hin stark ansteigen. Ich erinnere mich auch an die etwas alberne Animation eines Frosches, der das Wasser nicht verlässt, während es langsam auf eine tödliche Temperatur erhitzt wird – wäre das Wasser von Beginn an so heiß gewesen, hätte der Frosch es sofort verlassen. Der Frosch ähnele, so Gore, uns Menschen, die ebenfalls nicht auf die tödliche Bedrohung der Klimakrise reagieren, weil sie sich nur langsam und zeitversetzt zeigt. Doch so eingängig das Bild mit dem Frosch auch war – die Beispiele von Orten am anderen Ende der Welt, die sich mit dem Klima veränderten, schienen mir weit weg zu sein und nichts mit meinem Leben zu tun zu haben. Es kam mir außerdem suspekt vor, dass dieser Mann im Anzug um die Welt flog und in Limousinen zu Vorträgen fuhr, um über die klimatischen Folgen unseres Lebensstils zu referieren. So blieb die globale Erwärmung für mich ein Problem ferner Orte, weit weg auch von den Fragen der Gerechtigkeit und des guten Lebens für alle, weit weg also von dem, was mich damals umtrieb.

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Für mich, Luisa, war die Sache anders. Mit dreizehn erfuhr ich das erste Mal vom Treibhauseffekt, im Erdkundeunterricht in der achten Klasse. Unsere Lehrerin hatte für das Thema eine Doppelstunde eingeplant, zweimal 45 Minuten. Das war alles. In der darauffolgenden Woche beschäftigten wir uns mit Vulkanen, in der nächsten Woche mit dem Wattenmeer, dann mit Nordamerika. Ich fand es irritierend, dass ein so wichtiges Thema in nur eine einzige Doppelstunde gequetscht wurde.

Am Ende des Halbjahres blieb das vage Gefühl von »mit der Erde stimmt etwas nicht« und der Vorsatz, dann und wann auf die Plastiktüte im Supermarkt zu verzichten. »Der Umwelt zuliebe«, sagte man sich dann. Ich begann, beim Frühstück die taz zu lesen. Je mehr ich von der Klimakrise erfuhr, desto merkwürdiger erschien mir die Auseinandersetzung mit dem Thema. Als ich mit 14 Vegetarierin werden wollte, verboten es mir meine Eltern. Sie verstanden nicht, dass diese Entscheidung eine Konsequenz meines Nachdenkens über die Klimakrise war. In ihren Ohren klang die Idee ihrer pubertierenden Tochter vor allem nach einem ersten Schritt in Richtung Essstörung. Als Kompromiss gab es einmal die Woche Bio-Fleisch für alle, die anderen Tage durfte ich vegetarisch essen.

Ein Jahr später begann ich, zusammen mit einer Freundin mit kleinen Solarpanelen zu experimentieren. Das war ungewöhnlich, denn die Energiewende steckte noch in den Anfängen und regenerative Energien waren ein Thema für Nerds. Noch im selben Jahr wurden wir für die rudimentären Erkenntnisse, die wir aus diesen Experimenten gewonnen hatten, mit dem Preis eines Naturwissenschaftswettbewerbs ausgezeichnet. In der Schule schrieb ich Aufsätze über die Umweltfolgen der Elbvertiefung, lernte, warum Solar-Toiletten in Namibia scheiterten, schrieb weiter und fing nach der Schule an, als Praktikantin bei einem Umweltmagazin zu arbeiten. Der Berg aus Fragen wuchs weiter – Fragen zum Klima, zu den ökologischen Grenzen des Wachstums, der Zukunft des Planeten und der Menschheit, hier bei uns und im Globalen Süden. Ein Jahr später entschied ich mich, Geografie zu studieren.

Als ich dann zwei Jahre später mit Alex im Stockholmer Garten saß, blickte ich also auf viele Jahre des Engagements für den Klimaschutz zurück. Nur wusste ich nicht so recht, was das wirklich verändert hatte. Je mehr wir uns mit der Klimakrise beschäftigten, desto klarer wurde uns beiden, dass sie schwerwiegende Folgen für die Menschheit bereithielt. Egal ob wir uns mit Fragen menschenwürdiger Lebensbedingungen, Gerechtigkeit, der Umwelt oder dem Tierschutz auseinandersetzten – bei der Klimakrise lief alles zusammen. Egal, wo wir anfingen, über die ethischen Aufgaben unserer Zeit nachzudenken – früher oder später landeten wir immer wieder bei der existentiellen Gefahr durch die steigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre.

Damals, als die Idee für dieses Buch geboren wurde, war noch nicht abzusehen, dass wir jungen Menschen als Fridays for Future-Bewegung weltweit die Straßen füllen würden. Und auch nicht, welche Rolle mir dabei zukommen würde. Ich hatte nie geplant, Vollzeit-Klimaaktivistin zu werden. Ich hatte auch nie vor, durch Schul- und Unistreiks politisches Handeln einzufordern. Im Gegenteil: Ich hatte mich bei Umweltverbänden lange nicht zu Hause gefühlt und noch nie eine Demonstration organisiert. Bei meinem ersten Streik bin ich kilometerweit aus meiner Komfortzone herausgetreten. Ich hatte Angst davor, dass niemand kommen würde. Ich wusste nicht, was man den Menschen sagen sollte, wenn sie dann mit mir vor dem Bundestag stehen und frieren würden, und wie man sie überzeugen konnte, wiederzukommen. Aber ich und andere haben es gewagt. Genau das fordert diese Krise von uns: Wir müssen aus unserer Komfortzone heraustreten. Und entgegen all meiner Erwartungen war dieser erste Freitag vor dem Bundestag der Beginn von etwas Großem. Von einem Tag auf den anderen kreiste mein ganzes Leben um die Klimakrise.

[...]

14:49 14.11.2019

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