Paradigmenwechsel

Leseprobe "Wir müssen die Zielvorgabe anpassen: Das erste ökonomische Ziel unserer Zeit sollte nicht das Wachstum sein, sondern die Solidarität in unserem Streben nach einem guten Leben."
Paradigmenwechsel
Foto: Angelos Tzortzinis/AFP/Getty Images

Vorwort zur deutschsprachigen Ausgabe

Dieses Buch basiert auf zwei Thesen. Die erste These lautet, dass die Volkswirtschaften der Industrieländer die Zeit des schnellen Wachstums – also die Zeit, die die Erwartungen der Nachkriegsgeneration entscheidend geprägt hat – definitiv hinter sich gelassen haben. Der Grund ist nicht nur im Dogma der Austeritätspolitik zu finden. Die tiefere Ursache liegt vielmehr darin, dass die objektiven Umstände ein starkes Wirtschaftswachstum und eine hohe Beschäftigung verunmöglichen, und zwar mindestens seit dem Jahr 2000.
 Zu diesen widrigen Bedingungen zählen wechselhafte und instabile Energiepreise, eine zunehmend unsichere globale Sicherheitslage, ein technologischer Wandel, der sich in erster Linie in der Digitalisierung äußert, und vor allem die sich verschlimmernde Betriebsstörung im internationalen Finanzsystem. Instabile Energiepreise und wachsende Konflikte hemmen Investitionen, die digitale Revolution würgt die Beschäftigung ab, und die Banken nehmen ihre Aufgabe nicht wahr und vergeben keine langfristigen, nachhaltigen und produktiven Darlehen.

Im Fall Europas könnte man zu dieser Liste die fundamentalen Fehler in der Architektur der Eurozone hinzufügen. Diese Mängel haben dazu geführt, dass Deutschland chronische Handelsbilanzüberschüsse erzielt, die durch Defizite anderswo wettgemacht werden müssen. Falls die Defizite nicht finanziert werden können, ist das ein Garant für eine instabile Schuldendynamik und wiederkehrende Krisen. Das griechische Drama, das sich derzeit abspielt, ist eines von zahlreichen Beispielen solcher Krisen.

Wir haben bislang noch keine größeren wirtschaftlichen Auswirkungen des Klimawandels gespürt, aber auch diese werden früher oder später kommen. Zusammengenommen, sorgen diese Faktoren dafür, dass ökonomische Prognosen, die vergangene Entwicklungen als Ausgangspunkt nehmen, nicht mehr ausreichen. Insbesondere hat das ökonomische Konzept des »potenziellen BIP«, also die Projektion des vergangenen Wachstums in die Zukunft, keine Gültigkeit mehr, genauso wenig wie die Vorstellung, dass die Wirtschaft naturgemäß zu diesem illusorischen Potenzial zurückkehrt. Die Situation ist ein gutes Stück komplizierter.

Die zweite These des Buchs besagt, dass wir unseren wirtschaftspolitischen Kurs angesichts dieser Situation von Grund auf überdenken müssen.

Gegen Arbeitslosigkeit verschreiben die Keynesianer in der Regel ein »Konjunkturpaket« – entweder ein fiskalisches, in Form von Haushaltsdefiziten, oder ein monetäres, nämlich »quantitative Lockerung«. Diese Maßnahmen sind notwendig, aber sie reichen nicht aus. Sie füllen sozusagen einfach Treibstoff in den Tank. Aber manche Beobachter sind der Auffassung, dass der Treibstoff gar nicht brennt, und in monetärer Hinsicht deutet tatsächlich einiges darauf hin. Die Wirksamkeit fiskalischer Konjunkturpakete hingegen ist durch Beweise gestützt. Aber selbst ein wirksamer Treibstoff ist nutzlos, wenn der Motor kaputt oder der Kühler leer ist.

Der alternative Lösungsansatz, der bei der politischen Führung Deutschlands derzeit beliebt ist, heißt Sparpolitik, ist also das Gegenteil eines Konjunkturpakets. Im Prinzip soll Austerität eine reinigende Wirkung haben, sie ist eine Reparaturphase, in der die Bedingungen für Wachstum wiederhergestellt werden. Diese Idee stammt von Friedrich von Hayek, Joseph Schumpeter und der klassischen Tradition, die auf David Ricardo und bis Adam Smith zurückgeht. Demnach gibt es produktive und unproduktive Aktivitäten, produktive und unproduktive Menschen. Wenn man die unproduktiven unterstützt, dann belastet man damit die produktiven; wenn die Belastung zu groß ist, dann verlangsamt sich dadurch das Wachstum. Laut dieser Theorie sind also Sparprogramme und harte Zeiten unerlässlich, um der Wirtschaft die Energie zurückzugeben, dem Unternehmergeist neues Leben einzuhauchen und Talente zu fördern.

Die Schwierigkeit bei dieser Theorie besteht darin, dass die Hindernisse, die heute den Weg zum Wachstum versperren, nicht in einem Mangel an menschlicher Energie, an Unternehmergeist oder Fähigkeiten liegen – von all dem gibt es heute mehr als je zuvor.

Vielmehr liegen die Probleme jenseits des normalen menschlichen Handelns, nämlich in der Verfügbarkeit und im Preis von Treibstoffen, in drohenden Konflikten, in den schädlichen Praktiken der Banken und im eigenartigen Charakter des technologischen Wandels, der dazu neigt, talentierte Arbeitskräfte überflüssig werden zu lassen. Unter diesen Bedingungen hat Austerität negative Auswirkungen: Sie reduziert das Ausmaß der gesamten Wirtschaftsaktivität. Die dadurch verursachte Not ist völlig nutzlos. Wenn man den Pensionär in die Armut stürzt, dann raubt man dadurch auch der Krankenschwester, dem Lebensmittelhändler und dem Apotheker den Lebensunterhalt. Der produktive Sektor ist keinen Schritt weiter, und das Wachstum wird ausbleiben.

Wir hatten seit Ausbruch der Großen Krise sechs Jahre Erfahrung sowohl mit Konjunkturpaketen als auch mit Sparmaßnahmen. In den USA, wo man sich für Konjunkturpakete entschied, zunächst fiskalische und dann monetäre, waren die Resultate nicht völlig unbefriedigend, aber das Wachstum und die Beschäftigung bleiben weit hinter dem Trend zurück, den wir vor der Krise beobachteten. In Europa, wo sich die Austerität durchsetzte, waren die Resultate in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht desaströs, insbesondere in den Krisenländern des Südens. Und die Folge ist, dass der Europäischen Union jetzt der Zusammenbruch droht.

Was also ist zu tun? Meine Antwort lautet, dass wir die Zielvorgabe anpassen müssen: Das erste ökonomische Ziel unserer Zeit sollte nicht das Wachstum sein, sondern die Solidarität in unserem Streben nach einem guten Leben. In einer Situation des langsamen oder moderaten Wachstums, in einer fortschrittlichen Gesellschaft mit hochentwickelter Technologie und der Fähigkeit, die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen angemessen zu befriedigen, besteht die dringendste Notwendigkeit darin, die wichtigsten sozialen und ökonomischen Strukturen zu bewahren und zu stärken, die für das moderne, zivilisierte Leben unerlässlich sind. Dazu gehören die Sozialversicherungen für Gesundheit, Ausbildung und Rente; eine wirksame Regulierung in Bezug auf die Umwelt, die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und sauberer Luft, die Qualität des städtischen Lebens sowie die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz. Ferner zählen dazu die Qualitätskontrolle in der fortgeschrittenen Produktion und faire Lohnstrukturen, darunter ein vernünftiger Mindestlohn. Und schließlich gehört dazu auch die Bereitstellung von Gütern, die gemeinsam konsumiert werden, etwa Kunst und Musik.

Deutschland hat in seiner langen Geschichte gelernt, was für eine wichtige Rolle die gesellschaftliche Solidarität für den Erfolg der Wirtschaft spielt. Schließlich wurde der Wohlfahrtsstaat im späten 19. Jahrhundert auf dieser Grundlage aufgebaut, genauso wie die Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg und das wiedervereinte Deutschland nach 1989. Zudem wurde die soziale Solidarität, die in den USA während des New Deal konkrete Gestalt annahm, von Ideen aus Deutschland und aus den Siedlungsgebieten der deutschen Einwanderer in den Vereinigten Staaten inspiriert, insbesondere in Wisconsin in der progressiven Ära. Zusammen mit den Ideen Friedrich Lists, der auf die Notwendigkeit eines ausgeglichenen und zweckorientierten Programms für die

Entwicklung der Volkswirtschaft verwies, wurden diese Vorstellungen in unserer Zeit in den Hintergrund gedrängt, und zwar von den konkurrierenden Schulen, die ihren Ursprung in Österreich und in England haben. Doch ihre Bedeutung bleibt bestehen.

In diesem Geist der Solidarität empfehle ich dieses Buch meinen deutschsprachigen Leserinnen und Lesern.

14:57 26.05.2016

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