Früher Beleg

Leseprobe "Mary Bergs Tagebuch erschien, noch bevor der Krieg zu Ende war, bevor die Menschen das ungeheure Ausmaß der deutschen Verbrechen und die Einzelheiten der Endlösung kannten."
Früher Beleg

Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Einleitung

So gingen zehn pro Tag, zehntausend Juden täglich. / Doch bald hat / Es nicht gereicht, es mussten fünfzehn sein. Ach Warschau, das tut weh / Wie da die Stadt der Juden eingemauert vegetierte hinter Stacheldraht / Vor meinen Augen ging’s zugrund, ging ein, schmolz hin wie Schnee.

Yitzak Katzenelson, Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk

Am 19. April 1944 begann Mary Berg mit ihren Bemühungen, die Augen der Amerikaner für den Holocaust zu öffnen. An diesem Tag versammelten sich Tausende von Menschen an der Warschauer Synagoge in New York und marschierten von dort aus zur City Hall, um des ersten Jahrestages des Aufstands im Warschauer Ghetto zu gedenken. An der Spitze ging die Familie Wattenberg, Shia und Lena sowie ihre beiden Töchter Mary (Miriam) und Ann, die dem grauenvollen Schicksal so vieler europäischer Juden entkommen waren und sich erst seit vier Wochen in den Vereinigten Staaten aufhielten. Die Demonstranten hielten Schilder hoch mit Aufschriften wie »Wir appellieren an das amerikanische Gewissen, die Juden in Polen zu retten, für die noch Rettung möglich ist«, »Nehmt Rache für das Blut im polnischen Ghetto« oder »Drei Millionen polnische Juden wurden von den Nazis schon ermordet! Helft uns, die Überlebenden zu retten!«

Die Wattenbergs waren im März 1944 als Heimkehrer an Bord der SS Gripsholm in die USA gekommen, jenes Schiffes also, welches das US-Außenministerium von der schwedischen Reederei Svenska-Amerika Linien als Austauschschiff gemietet hatte. S.L. Shneiderman, ein jiddischer Journalist, dem die Flucht aus Nazi-Europa ebenfalls gelungen war, war der damals neunzehnjährigen Mary Berg nach Ankunft des Schiffes am Landungssteg begegnet. Er erfuhr, dass sie in zwölf kleinen Ringbüchern ein auf Polnisch verfasstes Tagebuch über die Erlebnisse ihrer Familie im Warschauer Ghetto mitgebracht hatte.

Im Vorwort zur polnischen Ausgabe des Tagebuchs von 1983 erinnert sich Shneiderman:

Ehrfürchtig las ich die winzigen Buchstaben auf den eng beschriebenen Seiten ihrer Notizbücher. Aus Angst, die Bücher könnten eines Tages den Nazis in die Hände fallen, schrieb Mary ihre Aufzeichnungen in einer selbst erfundenen Kurzschrift, bei der sie für die erwähnten Menschen nur die Anfangsbuchstaben verwendete. Sie benutzte auch nie das Wort »Nazi«. Schrieb stattdessen »sie«.

In einer Sendung des New Yorker Radiosenders WJZ fragte Nancy Craig Mary, wie sie es geschafft habe, ihr Tagebuch in die Staaten zu bringen. Sie antwortete: »Ich habe meine eigene Geheimschrift erfunden und die wichtigsten Fakten aufgeschrieben. Dann habe ich es einfach in meine Reisetasche gesteckt. Außerdem habe ich mir alle wichtigen Daten und Namen eingeprägt.« Kurz nach ihrer Ankunft fing Mary an, ihre Aufzeichnungen auf Polnisch umzuschreiben.

In den folgenden Monaten arbeitete Shneiderman eng mit Mary zusammen, um die Tagebücher zu entziffern. Er bat sie darüber hinaus, »bestimmte Gegebenheiten und Umstände näher zu erläutern, die andernfalls Leser nicht nur in Amerika, sondern auf der ganzen Welt vor Rätsel gestellt hätten«, und verbesserte offensichtlich hier und da die Orthografie oder fügte möglicherweise auch Material hinzu. Wenn sie sicher sein konnten, dass jemand, den sie erwähnt hatte, tot war, ersetzten Mary und Shneiderman die Anfangsbuchstaben durch die vollen Namen. Aus demselben Grund wurde der Nachname der Verfasserin zu Berg verkürzt, um Familienangehörige und Freunde zu schützen, die im kriegserschütterten Polen ja vielleicht noch am Leben waren. Bereits im Pawiak-Gefängnis hatte Mary außerdem begonnen, Teile ihres Tagebuchs umzuschreiben. Deshalb ist es wohl zutreffender, das Werk, wie es dann in Buchform erschien, als »Tagebuch-Erinnerungen« zu bezeichnen.

Shneiderman übersetzte das polnische Manuskript ins Jiddische und veröffentlichte es in Fortsetzungen in der Zeitschrift Der Morgen. Anschließend beauftragte er den in Polen geborenen Norbert Gutermann sowie Sylvia Glass, Absolventin des Wellesley College, damit, die polnische Version ins Englische zu übertragen. Wie es scheint, wurde diese Version, ebenfalls in Fortsetzungen, im Herbst 1944 in New York in der Zeitung P. M. abgedruckt sowie gekürzt im Jewish Contemporary Record. Ungefähr zur selben Zeit erstellte Mary Graf eine Übersetzung des Tagebuchs ins Deutsche. Sie erschien vom 1. September 1944 bis zum 19. Januar 1945 in der New Yorker Exil-Zeitung Aufbau.

Im Februar 1945 veröffentlichte Shneiderman Mary Bergs gesamtes Tagebuch unter dem Titel Warsaw Ghetto: A Diary beim Verlag L.B. Fischer in New York. Der ursprüngliche Schutzumschlag mit einem Bild von der Ziegelmauer, die das Warschauer Ghetto umschloss, wurde von Mary selbst entworfen. Im Vorwort zu einer von der National Organization of Polish Jews finanzierten Sonderausgabe umriss deren Vorsitzender, Joseph Thon, Bergs und Shneidermans mit der Veröffentlichung verbundene Absicht:

Die Führer der Vereinten Nationen haben erklärt, dass sie nur dann auf Giftgas und bakteriologische Kriegsführung zu rückgreifen würden, wenn die Deutschen sich als Erste dieser inhumanen Mittel bedienten. Die Deutschen haben tatsächlich diese Mittel eingesetzt, um Millionen von Juden in Treblinka, Majdanek, Auschwitz und anderen Lagern hinzumetzeln. Doch die zivilisierte Welt begreift das selbst heute noch nicht voll und ganz. Daher ist es unsere Pflicht, die entsetzliche Wahrheit kundzutun und Dokumente sowie Augenzeugen berichte zu veröffentlichen, die diese ohne jeden Zweifel offenlegen.

Mary Bergs Tagebuch erschien, noch bevor der Krieg zu Ende war, bevor die Menschen in den Vereinigten Staaten und anderswo – und selbst die Verfasserin – das ungeheure Ausmaß der deutschen Verbrechen und die Einzelheiten der »Endlösung« kannten. Wir sollten zudem nicht vergessen, dass Mary vor dem Sommer 1944, als die ungarischen Juden als letzte der jüdischen Gemeinden in Europa in Auschwitz vergast wurden, nach New York gekommen war. Zu diesem Zeitpunkt bestand also noch Hoffnung, dass die Sensibilisierung der Weltgemeinschaft für ihre Notlage womöglich eine Rettung hätte herbeiführen können.

Mary Berg war indes nicht die Einzige, die der englischsprachigen Welt vor dem Ende des Krieges die Geschehnisse aus eigener Anschauung bezeugen konnte. Zwischen 1942 und 1943 erschienen mehrere Artikel und Flugblätter mit Augenzeugenberichten. Zeugnisse aus erster Hand waren darüber hinaus 1943 in einem Buch über das polnische Judentum zu finden. Allerdings wurden mit dem Erscheinen von Mary Bergs Tagebuch zum ersten Mal die Ereignisse von der Errichtung des Ghettos bis hin zu den ersten Deportationen zwischen Juli und September 1942 in englischer Sprache dokumentiert. Es war zudem einer der ersten Berichte aus direkter Quelle über den Einsatz von Gas gegen die jüdische Bevölkerung in Treblinka. In seinem Vorwort betont Shneiderman:

Irgendwann in der Zukunft wird man, so unsere Hoffnung, Aufzeichnungen finden, die von ihren Verfassern in den Ruinen des Warschauer Ghettos versteckt wurden. Es werden sich womöglich weitere Überlebende melden, um Zeugnis abzulegen von dieser heldenhaften Begebenheit während des Krieges … Bis auf Weiteres ist Mary Bergs Tagebuch der einzige Augenzeugenbericht, den wir haben.

Mary Bergs einzigartiger Beitrag wurde während des Winters 1945 immer wieder in der Presse gewürdigt. Im New Yorker war beispielsweise zu lesen: »Es ist ein bedrückendes Buch, voll von Düsternis und Grauen, doch weil es die Tapferkeit und Humanität der Menschen im Warschauer Ghetto so anschaulich schildert, ist es auch ein mutiges und inspirierendes Buch.« Kirkus Reviews nannte es »eine bewegende Dokumentation der Schreckensherrschaft«, und der Rezensent der New York Times empfahl es »uneingeschränkt« jedem zur Lektüre. Die Saturday Review kam zu dem Schluss, dass Bergs Tagebucheinträge »den Stempel der Aufrichtigkeit und Glaubwürdigkeit in sich tragen und allem Anschein nach auch nicht durch redaktionelle Bearbeitung ›verklärt‹ wurden«.

Schon bald nach seiner Veröffentlichung im Februar 1945 wurde das Tagebuch in weitere Sprachen übersetzt. In jüngerer Zeit war es Stoff für ein Theaterstück, Straßentheater sowie den Dokumentarfilm Ein Tag im Warschauer Ghetto. Eine Geburtstagsfahrt in die Hölle. Darüber hinaus erscheint es in den bibliografischen Angaben vieler einschlägiger wissenschaftlicher Werke zum Holocaust.

Mary Bergs Tagebuch ist einzigartig in seiner Authentizität, seiner Detailtreue sowie seiner Eindringlichkeit und nicht zuletzt auch aufgrund seiner frühen Publikation. Die renommierte christliche Theologin Alice Eckhardt schrieb dazu:

Jetzt, wo das schlimme Schicksal des Ghettos allgemein bekannt ist, ist es umso wichtiger, dass wir Details zum Alltags leben dort erfahren, das sich trotz der grauenvollen Umstände fortsetzte und zuweilen sogar erblühte. Die spezifischen Faktoren, die es dieser jungen Frau ermöglichten, das Ghetto sozusagen am Vorabend seiner Auslöschung zu verlassen, verleihen dem Buch eine Lebendigkeit und gleichzeitig eine Eindringlichkeit, die ihresgleichen sucht.

Mary Berg war fünfzehn, als die Deutschen Polen angriffen, und ihr Tagebuch ist das eines jungen Mädchens. Typisch für junge Menschen ihres Alters suchte sie nach einem Sinn hinter den Grausamkeiten, mit denen sie sich konfrontiert sah. Wie Anne Frank und andere begann sie mit dem Tagebuchschreiben, um sich zu trösten und zu beschäftigen. Später wurde es für sie und ihre Freunde zu einem Ventil. In seinem Buch Ein Mund voll Schweigen kommt Alvin Rosenfeld zu dem Schluss: »Von Kindern und jungen Heranwachsenden verfasste Holocaust-Tagebücher scheinen eine deutlich unterscheidbare Untergattung innerhalb der Lagerliteratur zu konstituieren.«

Mary lebte mit ihrer Familie im Warschauer Ghetto von dessen Anfängen im November 1940 bis wenige Tage vor dem Beginn der großen Deportation am 22. Juli 1942. Am 17. Juli 1942 waren sie als amerikanische Staatsbürger im Pawiak-Gefängnis interniert worden, das sich innerhalb des Ghettos befand. Durch die Fenster dieses Gefängnisses sahen sie die Deportation von über 300 000 Ghettoinsassen mit an. In einem Tagebucheintrag vom März 1944 erinnerte sich Mary, unter den alten Männern mit »grauen Bärten, den blühenden jungen Mädchen und stolzen jungen Männern, die wie Vieh zum Umschlagplatz an der Stawki-Straße in den Tod getrieben wurden«, viele Freunde erkannt zu haben.

Kurz nach Mitternacht am 18. Januar 1943, dem Tag der zweiten »Aktion« im Ghetto, die zum ersten bewaffneten Aufstand am folgenden Tag führte, wurden Mary, ihre Eltern und ihre Schwester Ann gemeinsam mit weiteren ausländischen Häftlingen in ein Internierungslager nach Vittel in Frankreich überführt. Mehr als ein Jahr danach wurden sie für einen Austausch mit deutschen Gefangenen in den Vereinigten Staaten ausgewählt. Am 16. März 1944 erreichten sie an Bord der SS Gripsholm New York.

Schon zu Beginn der Besatzungszeit lernte Mary, dass bei den Deutschen jedes Leben einen Preis hatte und dass die vor der Besatzung besonders Privilegierten oder Wohlhabenden bessere Aussichten hatten zu überleben. Als das Ghetto in Lodz eingerichtet wurde, kam eine Mitschülerin von ihr mit, wie Mary es beschreibt, »haarsträubenden Geschichten« nach Warschau. Ihrer Familie war es gelungen zu entkommen, indem sie, so berichtete sie ihrer Freundin, »die Gestapo mit guten amerikanischen Dollars bestach«. Mary wusste natürlich, dass nur die »begüterten Juden« leicht an Devisen gelangen konnten.

Sie war sich darüber im Klaren, dass sie zu den Privilegierten gehörte. In ihrem Tagebuch legt sie dar, dass die Menschen ohne irgendwelche Vergünstigungen »bestenfalls eine Chance von 10 Prozent haben [zu überleben]«. Später bekannte sie mit der gleichen Offenheit: »Nur wer sehr viel Geld besitzt, kann sich vor diesem furchtbaren Leben bewahren.« Mary war in einem begüterten Elternhaus in Lodz aufgewachsen. Ihr Vater besaß eine Kunstgalerie und reiste ins Ausland, um dort Werke von europäischen Meistern wie Poussin oder Delacroix zu erwerben. Sie besuchte die Schule in Lodz, ihre Familie konnte sich im Sommer 1939 einen sechswöchigen Aufenthalt in einem Kurort leisten und hatte Verwandte in den Vereinigten Staaten.

Mary besaß überdies genügend Scharfblick, um zu erkennen, dass ausländische Staatsangehörige weitaus größere Überlebenschancen hatten. Juden mit Pässen neutraler Staaten waren von Zwangsarbeit und vom Tragen des Judensterns befreit. Als sich zwei Freunde Papiere eines südamerikanischen Staates beschaffen konnten, quittierte sie dies mit der Bemerkung: »Kein Wunder, dass sich viele Juden um solche Dokumente bemühen. Aber nicht alle haben die Mittel, sie zu kaufen, oder den Mut, sie zu benutzen.«

Marys Mutter Lena wurde am 1. Mai 1902 in New York geboren und war amerikanische Staatsbürgerin. Als Lena etwa zwölf Jahre alt war, zog sie mit ihren polnischstämmigen Eltern sowie zwei älteren Geschwistern, die ebenfalls in Amerika geboren waren, nach Polen. Ihre jüngeren Brüder Abie und Percy kamen zur Welt, nachdem die Familie 1914 nach Polen zurückgekehrt war. Als ihre Eltern und älteren Geschwister in den 1920er Jahren wieder in die Staaten zogen, blieb Lena, die als Modeschöpferin arbeitete, mit den jüngeren Brüdern in Lodz. Sie heiratete einen polnischen Staatsbürger, den Maler und Antiquitätenhändler Shia Wattenberg. Sie bekamen zwei Kinder, Mary und eine jüngere Tochter mit Namen Ann.

Unter der deutschen Besatzung verschaffte der Status ihrer Mutter als amerikanische Staatsangehörige der gesamten Familie Schutz und Privilegien, obwohl Mary und ihre Schwester in Polen geboren waren. Mary berichtet, dass der Postbote, als er ihrer Mutter im Dezember 1939 einen Brief vom amerikanischen Konsulat brachte, es sich nicht verkneifen konnte, »seinen Neid darüber zu äußern, dass wir Verbindungen nach Amerika haben«. Am 5. April 1940 vermerkte sie realistisch: »Polnische Staatsbürger jüdischer Herkunft sind für ihren Schutz ganz auf sich allein gestellt.« Später erläuterte sie, dass die Visitenkarte ihrer Mutter an der Wohnungstür in Warschau, die darauf verwies, dass sie Amerikanerin war, »ein wundervoller Talisman gegen die deutschen Banditen [war], die ungeniert in alle jüdischen Wohnungen eindringen«. Diese Unsitte war so verbreitet, dass sich Nachbarn in die Wohnung der Wattenbergs flüchteten, sobald eine deutsche Uniform gesichtet wurde.

Obwohl die Wattenbergs Flüchtlinge waren, war es ihnen gelungen, einiges an Geld und Wertgegenständen zu retten. Sie bekamen auch Briefe und Pakete von Verwandten aus den Staaten, und Frau Wattenberg war es als amerikanischer Staatsbürgerin anfangs noch erlaubt, das Ghetto zu verlassen. Als die Deutschen im November 1940 das jüdische Viertel in Warschau offiziell als Ghetto abriegelten, hatten die Wattenbergs das Glück, in ihrer Wohnung in der Sienna-Straße 41 an der Ecke zur Sosnowa-Straße bleiben zu können. Sie gehörte zu dem Bezirk an der Südgrenze, den man das »Kleine Ghetto« nannte. Der Hof vor ihren Fenstern ging auf die »arische« Seite des Ghettos hinaus, wo sie Menschen sehen konnten, die sich frei bewegen durften.

Das »Kleine Ghetto« wurde zum privilegierten Viertel. Gutman erläutert dazu:

Im Ghetto herrschte zwar offiziell der Grundsatz »alle sind gleich«, doch waren einige »gleicher« als andere, und dieses Ungleichgewicht war auch auf den Straßen zu spüren. Einige Straßen wie die Sienna und die Chlodna galten als begüterte Bereiche. Die Wohnungen dort waren größer, es war nicht so überfüllt, und vor allem waren die Menschen verhältnismäßig wohlgenährt. Hier waren die assimilierten Juden ansässig … und reiche Juden, denen es gelungen war, einen Teil ihres Vermögens zu behalten.

Mary war sich dieser Ungleichheit und der Bedeutung, die Wohlstand im Ghettoleben spielte, sehr wohl bewusst.

Dass sie auch über die Korrumpierbarkeit des Judenrats Bescheid wusste, geht aus einem späteren Tagebucheintrag hervor. Da war sie mit ihrer Familie schon in eine Wohnung in der Chlodna-Straße 10 umgezogen, die direkt am westlichen Ghettotor an der Fußgängerbrücke über die Straße lag. Sie schreibt:

Die Betuchten, die es sich leisten konnten, die Offiziellen im Wohnungsamt zu bestechen, bekommen die besten Wohnungen in dieser Straße mit ihren vielen großen, modernen Häusern. Die Chlodna-Straße gilt allgemein als die Aristokratenstraße des Ghettos, so wie es am Anfang die Sienna-Straße war.

Auch wenn Mary die Privilegien und der geschützte Status ihrer Familie häufig peinlich zu sein schienen, wollte sie andererseits auch das Elend um sie herum vergessen, und mit der Widerstandsfähigkeit der Jugend gewöhnte sie sich allmählich an das Leben unter der Besatzung. Joanna Wiszniewicz sprach vor einigen Jahren mit einem Überlebenden des Ghettos, der es in die Vereinigten Staaten geschafft hatte:

Die Leute denken, im Ghetto war es wie in den Filmen – unablässige Todesangst. Aber so war es überhaupt nicht. Wir waren zwar die ganze Zeit über von Todesangst begleitet, aber daneben führten wir auch ein normales Leben. Im Ghetto wurde geflirtet, es gab Romanzen, Konzerte, Theaterauf führungen. Die Leute gingen ins Restaurant, während hinter dem Restaurant gerade jemand starb. Das Normale und das Anormale griffen immer wieder ineinander.

Ein solches Leben schildert auch Mary auf jeder Seite.

Viele ihrer Freunde aus Lodz waren ebenfalls nach Warschau geflohen. Im Sommer 1940 begann der Direktor ihres ehemaligen Gymnasiums in Lodz, Dr. Michael Brandstetter, zusammen mit einigen Mitgliedern seines Lehrerkollegiums, in Warschau illegal zu unterrichten. Die Schüler trafen sich zweimal die Woche heimlich im Schutz der Wattenbergschen Wohnung, damit sie weiter lernen konnten. Nur die Begüterten konnten weiter zur Schule gehen, denn die Lehrer mussten in aller Regel bezahlt werden. Um die dreißig bis vierzig Zloty im Monat betrug das Schulgeld.

Als die Zahl der Flüchtlinge anstieg und die Zustände immer problematischer wurden, begannen die Warschauer Juden, im jüdischen Viertel ein Netzwerk aus Hilfsorganisationen zu knüpfen. Eifrig bemüht, dazu einen Beitrag zu leisten, gründeten Mary und elf ihrer Freunde aus Lodz einen Klub, um Gelder zu sammeln. Auf Bitten eines Vertreters des Joint Distribution Committee entschlossen sie sich, eine musikalische Darbietung auf die Beine zu stellen. Sie nannten sich die »Künstlertruppe aus Lodz«, auf Polnisch Lodzki Zespol Artystyczny, was abgekürzt zu LZA das Wort »Träne« bildet – angesichts der Umstände sehr passend, wie Mary fand.

Ein Dokument aus dem Oneg Schabbat Archiv nimmt auf die »privilegierten« Jugendlichen im Ghetto Bezug, bei denen es sich mehrheitlich um Flüchtlinge aus Lodz und benachbarten Städten handelte. Dort ist geringschätzig von der »Goldjugend« die Rede. In ihrem Tagebuch berichtet Mary, dass sie zum Singen in die Cafés in der Sienna-Straße ging oder zu Vorstellungen im Femina Theater – Ausflüge, die in krassem Gegensatz zu den hungernden Kindern und Jugendlichen im Ghetto stehen. Selbst die LZA, die ja dazu gedacht war, Geld für die Armen zu sammeln, war für die Initiatoren sicherlich eine willkommene Abwechslung zu dem Schrecken, dem sie überall begegneten. So berichtete Mary, dass sie bei ihrer Darbietung »großen Spaß« hatten und einen nicht unerheblichen Erfolg verbuchen konnten. Dennoch hatte sie nach wie vor ein feines Gespür für dieses Ungleichgewicht und für die wachsende Verzweiflung innerhalb des Ghettos. Nur wenige Wochen zuvor hatte sie einen Besuch in einem Flüchtlingsheim vermerkt, wo sie halb nackte, ungewaschene Kinder apathisch daliegen sah. Ein Kind schaute sie an und sagte, es habe Hunger. Mit der für sie typischen Freimütigkeit bekannte Mary ihrem Tagebuch gegenüber: »Ich schämte mich unendlich. Ich hatte an dem Tag zu essen gehabt, aber nicht einmal ein Stück Brot dabei, das ich diesem Kind geben konnte. Ich hatte nicht den Mut, ihm in die Augen zu sehen.«

An einer anderen bewegenden Stelle schreibt sie über die »Brot-Träumer« in den Straßen, deren »Augen von einem Nebel verschleiert [sind], der nicht von dieser Welt ist«. Weiter führt sie aus:

»Für gewöhnlich sitzen sie vor den Schaufenstern der Lebensmittelläden, aber ihre Augen sehen schon gar nicht mehr die Brotlaibe, die hinter den Glasscheiben liegen wie in einem weit entfernten, unerreichbaren Himmel.« Im gleichen Eintrag bekundet sie Schuldbewusstsein wegen ihrer Privilegien und kommt zu dem Schluss:

»Ich bin richtig selbstsüchtig geworden. Einstweilen habe ich es ja noch warm und bekomme zu essen, aber überall um mich herum herrschen so viel Elend und Hunger, dass ich allmählich ganz unglücklich werde.«

Abraham Lewin, der ebenfalls im Ghetto Tagebuch führte, aber ums Leben kam, schildert den gewaltigen Kontrast zwischen den wohlhabenderen Bewohnern des Ghettos und den vielen Tausenden, die Armut, Krankheit und Hunger erlitten:

Das Ghetto bietet ein Bild des Grauens mit seinen Massen von verhärmten Gesichtern, aus denen alle Farbe gewichen ist. Manche sehen aus wie Leichen, die schon einige Wochen unter der Erde gelegen haben. Sie sind so furchterregend, dass sie uns instinktiv erschauern lassen. Vor dem Hintergrund dieser wandelnden Gerippe und der allumfassenden Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, die aus allen Augen paaren der Vorübergehenden sprechen, schockiert ein bestimmter Typ von junger Frau – wenig an der Zahl, muss man dazusagen – mit ihrer übertrieben eleganten Aufmachung … Wenn ich die Straßen entlanggehe, bemerkte ich diese widerwärtige Eleganz und empfinde selber Scham.

Wie ein weiterer Oneg-Schabbat-Chronist künftigen Historikern zu bedenken gibt, führten diese jungen Leute zwar ein vergleichsweise angenehmes Leben, waren aber »nichtsdestotrotz ebenfalls von den kriegsbedingten Verhältnissen betroffen, die ihr Leben zum Schlechten veränderten«.

Wohlstand und Privilegien wirkten sich im Ghetto nicht nur auf Wohnraum und Schulbildung aus. Mary stellte fest, dass sie auch dazu beitrugen, die Bewohner vor dem Arbeitslager zu schützen, und zu den begehrenswertesten Jobs verhalfen. Sie stand zweifellos vor einem moralischen Dilemma, als sie im Herbst 1941 erfuhr, dass der Judenrat in der Nähe ihrer Wohnung in der Sienna-Straße Praxiskurse in Bereichen wie Hüttentechnik und technisches Zeichnen anbot. Der Lehrgang sollte sechs Monate dauern, die Unterrichtsgebühr betrug fünfundzwanzig Zloty. Als Mary sich anmelden wollte, entdeckte sie viele Freunde unter den fast sechshundert Bewerbern, die alle begierig darauf waren, dem Arbeitslager zu entkommen. Wie zu erwarten, gab es nur ein paar Dutzend freie Plätze.

Mary wusste, wie sie sich in ihrem Tagebuch eingestand, dass bei der Auswahl der Kursteilnehmer »Vitamin B« eine große Rolle spielte. Anfangs habe sie dagegen »aufbegehrt«, aber als ihr klar wurde, dass sie kaum Chancen hatte, zugelassen zu werden, entschloss sie sich, »zu den gleichen Mitteln zu greifen«. Diesem Entschluss haftet noch ein zusätzlicher Egoismus an, denn sie gibt zu, dass sie wusste, dass Mädchen zu dieser Zeit nicht, so wie Jungen, das Arbeitslager zu befürchten hatten.

Ein paar Monate zuvor hatte sie angefangen, Bestechungen und »Vitamin B« als Gegebenheiten hinzunehmen. Als der Judenrat die Judenpolizei einsetzte, berichtete sie: »Es haben sich mehr Bewerber gemeldet, als gebraucht wurden«, und dann noch hinzugefügt: »Ein Sonderausschuss wählte sie aus, und ›Vitamin B‹ war dabei ein wichtiges Kriterium. Ganz am Ende, als nur noch wenige Posten zu haben waren, half auch Geld… Selbst im Himmel sind nicht alle nur Heilige.« Da Marys Onkel Abie bei der Polizei war, hatte sie diese Information vermutlich aus erster Hand.

Aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung vor dem Krieg, ihres Vermögens und ihrer Bildung waren viele von Marys Verwandten und Freunden in der Lage, sich »bevorzugte« Posten zu sichern und dadurch ein sehr viel angenehmeres Leben zu führen als der Durchschnittsghettobewohner – und zumindest einige Zeit länger zu überleben. Die meisten erhielten ihre Posten über den Judenrat. Zwar gehen die Meinungen, was die Redlichkeit des Judenrats betrifft, auseinander, doch bezeichnet Ringelblum ihn in seinen Oneg-Schabbat-Aufzeichnungen als »den Menschen gegenüber feindselig gesinnt«. Andere traten der Judenpolizei bei, die von Ringelblum und weiteren Chronisten gänzlich verteufelt wurde mit dem Argument, sie zeichne sich durch »furchtbare Bestechlichkeit und Sittenlosigkeit« aus.

Später berichtet Mary, dass ihr Onkel Percy Arbeit beim Judenrat gefunden habe und in zerstörten Gebäuden Ziegelsteine aufsammle, ihm aber das »Vitamin B« fehle, um eine besser bezahlte Stellung als Aufseher zu bekommen. Andererseits wusste sie von ihrem »festen Freund« im Ghetto, Romek Kowalski, ebenfalls ein »Goldjunge« aus Lodz, dass er sich einen Posten als Aufseher bei der Errichtung der Ghettomauer verschafft hatte, weil er »Vitamin B« besaß. Kowalski war mit dem Ingenieur Mieczyslaw Lichtenbaum verwandt, dem Leiter des Mauerbauausschusses, den der Judenrat eingerichtet hatte, und mit Marek Lichtenbaum, der nach der großen Deportationswelle Vorsitzender des Judenrats wurde.

Nach einigen »Mühen«, wie Mary es nennt, was vermutlich bedeutet, dass Bestechung im Spiel war, bekam ihr Vater den begehrten Posten des Hauswarts in ihrem Wohnblock. Der Judenrat ernannte die Hauswarte. Sie bekamen ein Gehalt, zusätzliche Rationen sowie Ermäßigungen bei den Gemeindesteuern, konnten mietfrei wohnen, und eine Bescheinigung des Judenrats befreite sie von der Zwangsarbeit. Wie Mary es ausdrückt: »Kein Wunder, dass an den Posten schwer heranzukommen ist.« Marys Schwester Ann besuchte Kurse für das Schneidern von Kinderbekleidung, die von der Gesellschaft für handwerkliche und landwirtschaftliche Arbeit, bekannt als ORT, des Judenrats angeboten wurden.

Ein anderer Bekannter Marys, Heniek Grynberg, dessen Cousine Rutka Anns beste Freundin war, betätigte sich im Ghetto als Schmuggler. Er war allem Anschein nach in die Unterwelt des Ghettos verstrickt, denn er tauchte häufig mit Gestapoagenten im Café Hirschfeld auf. Mary vermerkt: »Er ist in diesem neuen Geschäftszweig einer der Erfolgreichsten. Das kann man an seiner wohlhabend wirkenden Erscheinung und an den eleganten Kleidern erkennen, die seine Frau und seine Tochter tragen.« Hauptsächlich handelte er mit einem Serum gegen Typhus, das, da Typhus im Ghetto weit verbreitet war, selbstverständlich an die Meistbietenden ging.

Der Ambulanzdienst handelte sich von Ringelblum besonders vernichtende Kritik ein. Er sah ihn nur als Tarnung, um Karten und Mützen zu verkaufen, die ihren Trägern wertvolle Vorteile verschafften, zum Beispiel die Befreiung von der Zwangsarbeit. Er wurde von der berüchtigten mafiösen Unterwelt des Ghettos geführt, die als die »Dreizehn« bekannt war und unter dem Verdacht stand, ein Werkzeug der Gestapo zu sein. Einer von Marys Freunden und wie sie Mitglied der LZA, Tadek Szajer, war der Sohn eines der »Dreizehn« und gehörte selbst ebenfalls dem Ambulanzdienst an. Er umwarb sie mit jugendlicher Inbrunst, doch sie wies seine Annäherungsversuche zurück, denn ihr war aufgefallen, dass andere, wie Romek Kowalski, hart arbeiten mussten, um ihre Familien zu versorgen, während Tadek immer wohlgenährt und elegant gekleidet war und überallhin in einer Rikscha fuhr. Sie hegte den Verdacht, dass sein Vater Geschäfte mit den Nazis machte, und ihr Entschluss, keinen Umgang mehr mit ihm zu pflegen, lässt vermuten, dass sie erkannte, was vor sich ging, und eine klare moralische Haltung einnehmen wollte.

Anfang 1942 erfuhr Mary, dass es US-Bürgern erlaubt worden war, das Ghetto zu verlassen, und dass der Vater einer Bekannten in Deutschland interniert war. Im Ghetto machten Gerüchte über einen Gefangenenaustausch die Runde. Ein paar Wochen später vermerkte Mary, auch hier könnten »Vitamin B« und Bestechungsgelder nützlich sein. In ihrem Tagebuch heißt es: »Man muss natürlich irgendeinen Fetzen Papier haben, der bestätigt, dass wenigstens ein Mitglied der Familie ausländischer Staatsbürger ist. In dieser Hinsicht hat meine Mutter Glück, denn sie ist eine waschechte Amerikanerin.«

Später nahm Marys Mutter mit einem Gestapoagenten namens »Z« Kontakt auf, der ihr Hilfe versprach. In ihrer Naivität hatte Mary den Eindruck, »dass er trotz seiner Stellung ein anständiger Mensch geblieben ist«. Wahrscheinlicher ist, dass ihm Geld zugespielt wurde, bevor er Frau Wattenberg bei der Gestapo registrierte. Im Folgemonat marschierten Mary Berg und ihre Familie, zusammen mit etwa siebenhundert Bürgern neutraler, europäischer beziehungsweise amerikanischer Staaten, von denen einundzwanzig Amerikaner waren, quer durch das Ghetto zum Pawiak-Gefängnis. Dort wurden sie interniert.

Als die Wattenbergs in den Pawiak umzogen, bedeutete das für Mary nicht nur die Trennung von Kowalski und ihren vielen Freundinnen, sondern auch von den beiden jüngeren, in Polen geborenen Brüdern ihrer Mutter. Ihr Onkel Abie begleitete die Familie bis zum Gefängnistor. Beim Abschied meinte er zu ihrer Mutter: »Wie kannst du mich nur zurücklassen?« Später schrieb Mary in der relativen Sicherheit des Internierungslagers Vittel in ihr Tagebuch: »Wir, die wir aus dem Ghetto entkommen konnten, schämen uns, einander anzusehen. Hatten wir das Recht, uns zu retten?… Hier bin ich und atme frische Luft, und dort werden meine Landsleute vergast und bei lebendigem Leibe verbrannt. Warum?«

Bei ihrer Ankunft im Internierungslager Vittel Anfang 1943 konnten die Wattenbergs und die anderen Häftlinge aus dem Pawiak zunächst nicht glauben, dass eine solche vergleichsweise normale Welt noch existierte. Gutta Eisenzweig, die im Pawiak mit Mary eine Zelle geteilt hatte, schildert in ihren Erinnerungen ihre erste Reaktion: »Ich befand mich in einem Schockzustand, denn wir hatten mit einem Mal die Grenze zwischen Hölle und Paradies überschritten… wir waren in eine unbeschwerte Atmosphäre des Luxus nach Art der Alten Welt geraten. Der Kontrast war überwältigend.« Vittel war unter den deutschen Internierungslagern in Europa ein Vorzeigeort. Es diente dazu, dem Internationalen Roten Kreuz zu versichern, dass die Internierten gut behandelt wurden, damit darauf auch bei der Internierung Deutscher im Ausland geachtet wurde.

Das Lager von Vittel war in einem Kurort in den Vogesen angesiedelt. Die Internierten hatten Zimmer in Hotels und konnten auch noch von einigen der Kurangebote profitieren. Es gab ein Krankenhaus mit freundlichen Ärzten, die selber Insassen waren, Kinos und ein Unterhaltungsprogramm, ein paar Geschäfte sowie einen herrlichen Park, in dem man tagsüber spazieren gehen konnte. Rot-Kreuz-Pakete sorgten dafür, dass niemand hungrig blieb. Die amerikanischen und britischen in Vittel Internierten hatten genug Muße, ein gesellschaftliches Leben zu organisieren. Sie konnten Sprach- und andere Kurse besuchen oder auch Konzerte. Darüber hinaus gab es Kontakte zur französischen Résistance, und mehrere Hundert Nonnen sowie bereits länger Internierte wie Sofka Skipwith nahmen sich der Neuankömmlinge aus Warschau an.

Madeleine Steinberg, eine britische Insassin, hat ihre Erinnerungen an Vittel aufgeschrieben. Sie berichtet, dass sich Mary sofort freiwillig meldete, um bei der Beaufsichtigung der Kinder im Malunterricht und beim Spielen zu helfen. Sie erinnert sich auch, dass Mary als Erste den übrigen Internierten vom Leben im Warschauer Ghetto erzählte und ihnen erklärte, warum die Kinder aus Polen davonliefen und sich im Keller versteckten, sobald sie in Vittel einen Deutschen sahen. Die Internierten fingen wieder an, Hoffnung zu schöpfen. Doch ein paar Wochen, nachdem die Wattenbergs zu ihrer Passage auf der SS Gripsholm aufgebrochen waren, wurden die meisten der polnischen Internierten, die man ins Hotel Beau Site außerhalb des Stacheldrahtzauns umgesiedelt hatte, in zwei Transporten nach Drancy deportiert und kurze Zeit später von dort nach Auschwitz, wo sie gleich nach ihrer Ankunft vergast wurden.

Im Warschauer Ghetto exekutierten unterdessen nach den Deportationen im Spätsommer 1942 die Jüdische Kampforganisation und weitere politisch engagierte Jugendliche Kollaborateure. Dazu gehörten Juden, die mit der Gestapo zusammengearbeitet und lukrative Geschäfte mit den Deutschen gemacht hatten, sowie bekannte Gestapo-Spitzel. In der Nachkriegszeit war die Reaktion auf Nazi-Täter – wozu auch Kollaborateure, die Mitglieder der Ghettoräte und die Ghettopolizei beziehungsweise die Kapos in den Lagern gezählt wurden – anfangs kompromisslos, vor allem unter den überlebenden Opfern in Europa. Einige wurden im besetzten Deutschland vor Gericht gestellt und für ihre Taten verantwortlich gemacht.

Später wurde unter großem Medieninteresse mehreren jüdischen Kollaborateuren in Israel beziehungsweise Deutschland der Prozess gemacht. Jedoch war eine »Schuld« im juristischen Sinn in vielen Fällen nur schwer nachzuweisen und zu bewerten. Da das »Endziel« der Deutschen die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung war, waren diese Kollaborateure ja den deutschen Befehlen unterworfen, was die Grenze zwischen Kooperation und Kollaboration oft verschwimmen lässt. Die öffentliche Moral neigt ohnehin dazu, auf diese Art Beschuldigte eher nachsichtig zu beurteilen, denn man fragt sich unwillkürlich, was man selbst in einer solchen Situation getan hätte, um sich und seine Familie zu schützen.

Meine Studenten fragten mich nach der Lektüre von Mary Bergs Tagebuch häufig, woher sie vom Pawiak aus wissen konnte, was im Ghetto vor sich ging, und warum sie schrieb, dass die Opfer in Treblinka mit Gas getötet wurden. Die Antwort ist: Mary war zwar während der »Aktion« 1942 im Pawiak, doch die Wände dort hatten Ohren. Sie spricht von Gerüchten, die über die Gefängniswachen und die polnische Polizei zu den Gefangenen gelangten. Sie bekamen auch Briefe von Freunden und Verwandten. Gutta Eisenzweig wurde von einem Funktionsträger namens Hillel Seidman detailliert auf dem Laufenden gehalten.

Darüber hinaus kommunizierte man mit Neuzugängen und durch die Gefängnisfenster mit Ghettobewohnern. Was Mary schreibt, spiegelt wider, was den Menschen zur damaligen Zeit bekannt war. Einige der ersten Berichte ließen darauf schließen, dass in Treblinka Dampf eingesetzt wurde, um Menschen zu töten. Erst einige Zeit, nachdem die Ersten aus Treblinka entkommen waren, begriff man in Warschau, dass die Deutschen Kohlenmonoxid einsetzten.

Die Bilder des Leids, die wir heute auf Titelseiten und Fernsehbildschirmen sehen, rücken unsere Welt gefährlich nah an die Welt von Marys Jugendzeit heran. Die heutige Jugend appelliert oft mit scharfen Worten an die Weltgemeinschaft, dem Töten Einhalt zu gebieten. Holocaust-Forscher streben das Gleiche an. Ihre Hoffnung ist, dass eine Aufklärung zukünftiger Generationen über die Vergangenheit diese dafür starkmacht, eine neue Welt ohne Hass aufzubauen. Marys Tagebuch bietet seinen Lesern aus einer eindringlichen, sehr persönlichen Perspektive Einsicht in den Holocaust und bestärkt sie in ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Menschheit.

In seiner zornigen Autobiografie schreibt Marcel Reich-Ranicki mit Bezug auf seine Frau, die dem Umschlagplatz entkommen konnte: »Wer, zum Tode verurteilt, den Zug zur Gaskammer aus nächster Nähe gesehen hat, der bleibt ein Gezeichneter – sein Leben lang.« Auch wenn Mary den Umschlagplatz niemals selber passiert hat, konnte sie beobachten, wie über 300 000 Juden auf ihrem Weg in den Tod in Treblinka am Pawiak-Gefängnis vorbeimarschierten. Nachdem sie in die Vereinigten Staaten gelangt war, erfuhr sie, dass die meisten ihrer Freunde und Verwandten in Europa im Holocaust umgekommen waren, darunter mehr als 20 Juden in Vittel, ihre Zimmernachbarin Rosl Weingort, Adam Wentland und seine Schwestern, Frau Tamara Schorr, die Gattin des Oberrabbiners von Warschau, und noch viele andere, die sie gekannt hatte. Sie waren ganz nah an der Freiheit, doch die Welt schaute weg, und sie wurden zurück nach Polen deportiert, wo sie in den Gaskammern von Auschwitz starben.

Mary fing in Amerika ein neues Leben an und gab sich Mühe, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als Nancy Craig sie Anfang des Jahres 1945 fragte, ob sie noch einmal nach Polen reisen wolle, antwortete sie:

Nein, ich werde nie mehr zurückkehren. Amerika ist jetzt meine Heimat und ich werde eine echte Amerikanerin. Es wäre nicht schön, nach Polen zu fahren und dort nur Friedhöfe zu sehen … Außerdem wurde die Familie meines Vaters getötet … und alle unsere Freunde auch. Nach dem, was wir durchgemacht haben, weiß ich, was Freiheit bedeutet … es bedeutet Amerika. Schon alleine heute Morgen mit ihnen am Radio zu sprechen … das ist Amerika.

Es mag Leser geben, die zu dem Schluss kommen, dass Mary »Glück hatte« zu überleben, und annehmen, sie habe in den USA an die unbeschwerte Zeit ihrer frühen Jugendjahre anknüpfen können. Doch den meisten wird bewusst sein, dass sich das Leben von Trauma-Überlebenden – und das trifft wohl insbesondere auf Kinder zu – durch die Verfolgung für immer verändert hat, und der Schrecken, die Verluste sowie die Entscheidungen, die ihnen aufgezwungen wurden, die Zukunft entscheidend prägen.

Bis in die frühen 1950er Jahre hinein war Mary Berg in New York eine bekannte Persönlichkeit, sie gewährte Interviews, trat im Radio auf. Doch dann distanzierte sie sich von ihrem Tagebuch mit der Begründung, sie wolle die Vergangenheit vergessen. Sie verschwand aus dem Licht der Öffentlichkeit. Es ist nicht bekannt, ob sie als Erwachsene ihr Glück fand. Wir können nur hoffen, dass es ihr gelungen ist, für sich einen Platz in der Nachkriegswelt zu finden und zur Ruhe zu kommen.

Susan Pentlin

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[...]

Kapitel 2

Beginn der Ghettozeit

15. NOVEMBER 1940

Heute wurde das jüdische Ghetto offiziell eingerichtet. Juden ist es verboten, sich außerhalb der Grenzen zu bewegen, die durch bestimmte Straßen gebildet werden. Es herrscht ein ziemlicher Wirbel. Unser Volk hastet nervös durch die Straßen und wispert sich allerlei Gerüchte zu, eines absurder als das andere.

Es wurde auch schon mit der Arbeit an den Mauern – die knapp drei Meter hoch sein werden – begonnen. Jüdische Maurer setzen, beaufsichtigt von Nazi-Soldaten, Ziegelstein auf Ziegelstein. Wer nicht schnell genug arbeitet, bekommt die Peitsche der Aufseher zu spüren. Das erinnert mich an die biblische Schilderung unserer Sklaverei in Ägypten. Aber wo ist der Mose, der uns von unserer neuen Knechtschaft befreit?

Am Ende der Straßen, in denen der Verkehr noch nicht vollständig zum Erliegen gekommen ist, stehen deutsche Wachposten. Deutsche und Polen dürfen das abgeschottete Viertel betreten, aber sie dürfen keine Pakete dabeihaben. Das Schreckgespenst Hunger zieht drohend vor uns auf.

20. NOVEMBER 1940

Die Straßen sind leer gefegt. In jedem Haus finden außerordentliche Treffen statt. Es herrscht eine ungeheure Anspannung. Manche fordern, es müsse ein Protest organisiert werden. Das ist die Stimme der Jugend. Unsere Älteren halten das für eine gefährliche Idee. Wir sind von der Welt abgeschnitten. Es gibt keine Radios, keine Telefone, keine Zeitungen. Nur die Krankenhäuser und polnische Polizeistationen innerhalb des Ghettos dürfen Telefone haben.

Die Juden, die auf der arischen Seite der Stadt lebten, wurden angewiesen, bis zum 12. November von dort wegzuziehen. Viele warteten bis auf den letzten Moment, weil sie hofften, die Deutschen könnten vielleicht durch Proteste oder Bestechungsgelder dazu bewegt werden, den Erlass zur Einrichtung des Ghettos wieder aufzuheben. Aber da es nicht so gekommen ist, waren viele aus unserem Volk gezwungen, von jetzt auf gleich ihre schönen Wohnungen zu verlassen. Sie kamen mit nur ein paar Bündeln in der Hand im Ghetto an.

Christlichen Firmen innerhalb der Grenzen des abgeschotteten jüdischen Viertels ist es gestattet, vorläufig zu bleiben, sofern sie mindestens fünfundzwanzig Jahre hier ansässig sind. Viele polnische und deutsche Fabriken liegen im Ghetto, und dank ihrer Angestellten haben wir ein bisschen Kontakt mit der Außenwelt.

22. NOVEMBER 1940

Das Ghetto ist nun schon eine ganze Woche abgeschottet. Die Backsteinmauern am Ende der Ghettostraßen sind erheblich gewachsen. In unserer bedauernswerten Siedlung brummt es wie in einem Bienenstock. In den Häusern und auf den Höfen, überall dort, wohin die Ohren der Gestapo nicht reichen, diskutieren die Leute ängstlich darüber, was genau die Nazis mit der Abschottung des jüdischen Viertels bezwecken. Wie werden wir jetzt mit Lebensmitteln versorgt? Wer wird die Ordnung aufrechterhalten? Vielleicht ist es ja tatsächlich besser so, und vielleicht lässt man uns in Ruhe?

Heute Nachmittag hat sich unsere LZA-Gruppe bei mir zu Hause getroffen. Wir saßen benommen da und wussten nicht, was wir unternehmen sollten. Alle unsere Anstrengungen sind jetzt hinfällig. Wer schert sich in diesen Tagen noch ums Theater? Alle brüten ja doch nur noch über ein einziges Thema: das Ghetto.

15. DEZEMBER 1940

Das Leben geht weiter. Als Amerikanerin ist es meiner Mutter immer noch gestattet, das Ghetto zu verlassen. Beim Hinausgehen zeigt sie ihren Ausweis vor, und der Nazi-Wachposten grüßt sie mit Hochachtung, wenn er ihr dieses amerikanische Dokument zurückgibt.

In letzter Zeit hat meine Mutter mehrere solcher Ausflüge unternommen, um allerlei für ihre Freunde zu erledigen. Besonders dankbar sind sie ihr, wenn sie für sie Briefe ins Ausland aufgeben kann, denn die Poststellen im Ghetto nehmen solche Briefe nicht an. Als amerikanische Staatsbürgerin kann sie ohne größere Schwierigkeiten Briefe vom deutschen Postamt aus abschicken. Am Schalter werden ihre Ausweispapiere kontrolliert – der Name des Absenders muss derselbe sein wie der auf dem Pass. Ich kann mir die Verwunderung der Leute im Ausland vorstellen, wenn sie merken, dass auf Briefen von ihren nächsten Verwandten der Name einer Fremden als Absender steht.

Das Hilfsbüro der amerikanischen Kolonie in Warschau liegt in der Mokotowska-Straße Nummer 14. Einmal im Monat erhalten alle amerikanischen Staatsbürger für elf Zloty ein großes Lebensmittelpaket. Aber sein eigentlicher Wert beträgt dreihundert, und es enthält oft Sachen, die man nirgendwo anders bekommt, egal zu welchem Preis.

Das Nahrungsmittelproblem wird immer dringlicher. Die offiziellen Lebensmittelkarten berechtigen zu einem Pfund Brot pro Tag sowie zu einem Ei und zwei Pfund Gemüsemarmelade (gesüßt mit Saccharin) pro Monat. Ein Pfund Kartoffeln kostet einen Zloty. Wir wissen schon gar nicht mehr, wie frisches Obst schmeckt. Nichts darf aus den arischen Bezirken eingeführt werden, obwohl dort alles in Hülle und Fülle vorhanden ist. Aber der Hunger und der Drang nach Profit sind stärker als alle Strafen, die Schmugglern drohen, und das Schmuggeln wird zu einem immer wichtigeren Gewerbe.

Die Sienna-Straße, die eine der Begrenzungen des Ghettos bildet, ist nur durch Mauern von den Straßen, die sie kreuzen, abgeschnitten. Die Häuser, deren Hinterhöfe auf die Zlota-Straße hinausgehen (die Parallelstraße zur Sienna), also auf die sogenannte »andere Seite«, sind einstweilen durch Stacheldraht von der Außenwelt abgeschnitten. Der Schmuggel findet vor allem dort statt. Durch unsere Fenster blicken wir auf einen solchen Hinterhof. Die ganze Nacht über herrscht dort Spektakel, und gegen Morgen tauchen dann Karren mit Gemüse in den Straßen auf, und die Läden sind mit Brot gefüllt. Es gibt sogar Zucker, Butter, Käse – zu hohen Preisen natürlich, denn Menschen haben ja ihr Leben riskiert, um an diese Sachen zu gelangen.

Manchmal wird ein deutscher Wachmann bestochen, und ein ganzes Fuhrwerk voll mit Waren aller Art schafft es durch die Tore.

Die Deutschen verlangen, dass die jüdische Gemeindeverwaltung Maßnahmen ergreift, um dem Schmuggel Einhalt zu gebieten. Außerdem haben sie die Bildung einer jüdischen Miliz angeordnet, die dann der polnischen Polizei helfen soll, im Ghetto die Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Gemeinde bemüht sich, zweitausend kräftige Männer im Alter zwischen einundzwanzig und fünfunddreißig anzuwerben. Kriegsveteranen werden bevorzugt. Ein hohes Bildungsniveau ist ebenfalls Voraussetzung. Das Minimum ist ein Schulzeugnis.

22. DEZEMBER 1940

Die jüdische Polizei ist eine vollendete Tatsache. Es haben sich mehr Bewerber gemeldet, als gebraucht wurden. Ein Sonderausschuss wählte sie aus, und »Vitamin B« war dabei ein wichtiges Kriterium. Ganz am Ende, als nur noch wenige Posten zu haben waren, half auch Geld… Selbst im Himmel sind nicht alle nur Heilige.

Der Kommandant dieser Ghettopolizei ist Oberst Szerynski, ein konvertierter Jude, der vor dem Krieg Polizeichef von Lublin gewesen ist. Unter ihm gibt es drei Stellvertreter: Hendel, Lejkin und Fürstenberg, die zusammen den obersten Polizeirat bilden. Dann kommen die regionalen Befehlshaber, die Bezirksleiter (die Regionen sind in Bezirke unterteilt) und schließlich die normalen Polizisten, die Routineaufgaben erledigen.

Ihre Uniform besteht aus einer dunkelblauen Polizeimütze und einem Militärgürtel, an dem ein Gummiknüppel befestigt ist. Über dem Schirm der Mütze befindet sich ein metallenes Abzeichen mit dem Davidstern und der Inschrift Jüdischer Ordnungsdienst. Auf einem blauen Band um die Mütze herum wird der Dienstgrad des Polizisten durch spezielle Abzeichen angezeigt: eine runde Blechscheibe von der Größe eines Daumennagels für einen Polizisten, zwei für einen ranghohen Polizisten, drei für einen Bezirkschef; ein Stern für einen regionalen Befehlshaber, zwei Sterne für die drei stellvertretenden Kommandanten und vier für den Kommandanten selber.

Wie alle anderen Juden auch, müssen die jüdischen Polizisten eine weiße Armbinde mit dem blauen Davidstern tragen, aber dazu tragen sie noch eine gelbe Armbinde mit der Aufschrift Jüdischer Ordnungsdienst. Dazu haben sie noch Abzeichen aus Metall auf ihrer Brust mit ihrer Nummer darauf.

Zu den Pflichten dieser neuen jüdischen Polizisten gehören, zusammen mit deutschen Gendarmen und polnischen Polizeibeamten, die Bewachung der Eingänge ins Ghetto, die Regelung des Verkehrs auf den Ghettostraßen, die Bewachung der Postämter, Küchen und der Gemeindeverwaltung sowie das Aufspüren und Bekämpfen von Schmugglern. Die schwierigste Aufgabe für die jüdische Polizei ist die Eindämmung der Bettelei. Sie besteht im Grunde genommen darin, die Bettler von einer Straße in die andere zu scheuchen, weil man sonst nichts mit ihnen machen kann, vor allem, da es von Stunde zu Stunde mehr werden.

Das zentrale Polizeipräsidium, die sogenannte KSP56, liegt in der Ogrodowa-Straße 15, die fünf Bezirksstellen in der Twarda-, der Ogrodowa- und der Leszno-Straße, in der Gesia nahe der Nalewki sowie in der Nähe des jüdischen Friedhofs.

Ich empfinde eine eigenartige und ganz und gar unlogische Befriedigung, wenn ich an einer Kreuzung einen jüdischen Polizisten sehe – solche Polizisten waren im Vorkriegspolen vollkommen unbekannt. Stolz regeln sie den Verkehr – der kaum der Regelung bedarf, denn er besteht nur aus gelegentlichen Pferdewagen, ein paar Droschken und Leichenwagen – Letztere sind die häufigsten Fahrzeuge. Von Zeit zu Zeit rasen Gestapoautos vorbei, die den Anweisungen der jüdischen Polizisten keinerlei Beachtung schenken und denen es ganz egal ist, ob sie Menschen umfahren oder nicht.

24. DEZEMBER 1940

Unser zweites Kriegsweihnachten. Von meinem Fenster aus, das zur arischen Seite hinausgeht, kann ich erleuchtete Weihnachtsbäume sehen. Aber auch im Ghetto wurden heute Morgen zu maßlos überhöhten Preisen kleine Tannenbäume verkauft. Sie sind gestern eingeschmuggelt worden. Ich sah, wie fröstelnde Menschen, die Bäumchen fest an die Brust gedrückt, nach Hause liefen. Das waren Konvertiten oder Christen in erster Generation, die von den Nazis als Juden eingestuft und ins Ghetto gesperrt wurden.

25. DEZEMBER 1940

Heute ist im Ghetto eine neue Gruppe uniformierter jüdischer Amtspersonen aufgetaucht. Sie gehören zur »Überwachungsstelle zur Bekämpfung des Schleichhandels und der Preiswucherei«, deren Aufgabe die Regulierung der Preise von verschiedenen Waren ist. Seit einiger Zeit schon operiert diese Organisation im Geheimen, aber jetzt tut sie es in aller Öffentlichkeit. Diese Offiziellen tragen die gleiche Art von Mütze wie die jüdischen Polizisten, nur mit einem grünen Band, und statt der gelben Armbinden der Polizei haben sie lavendelfarbene Armbinden mit der Aufschrift »Kampf dem Wucher«.

Während die jüdische Bevölkerung zu den jüdischen Polizisten ein herzliches Verhältnis hat, begegnet man diesen neuen Amtsträgern mit deutlichen Vorbehalten, denn sie stehen im Verdacht, Handlanger der Gestapo zu sein. Ihre Organisation hat den Spitznamen »Die Dreizehn« bekommen, weil sich ihr Büro in der Leszno- Straße Nummer 13 befindet. Ihr Leiter ist Kommissar Szternfeld und seine wichtigsten Mitarbeiter sind Gancwajch, Roland Szpunt sowie der Anwalt Szajer aus Lodz.

Es gibt noch eine Gruppe uniformierter Juden im Ghetto: die Angehörigen des Ambulanzdienstes. Sie tragen Mützen mit einem blauen Band sowie blaue Armbinden. Eine weitere Gruppe ist der schwarzgekleidete Trupp der Bestatter, die von Privatunternehmen angestellt sind. Die beliebtesten sind dasjenige von Pinkiert neben dem Gemeindehaus auf der Grzybowska und das von Wittenberg direkt gegenüber. Selbst der Übergang ins Jenseits ist in diesen Zeiten nicht so einfach. Beerdigungen sind schrecklich teuer, und eine Grabstätte auf dem überfüllten jüdischen Friedhof ist Gold wert.

Unterdessen wird das Leben im Ghetto in geordnete Bahnen gelenkt. Arbeit hilft einem, alles zu vergessen, und es ist nicht schwer, hier Arbeit zu finden. Eine große Zahl von Werkstätten und Fabriken haben eröffnet. Sie fertigen alle möglichen Artikel, die vorher noch nie in Warschau hergestellt worden sind.

Unsere Theatertruppe ist mehrfach eingeladen worden, in Cafés aufzutreten. Wir haben auch unseren eigenen Saal und beabsichtigen, zwei- bis dreimal die Woche am Nachmittag richtige Vorstellungen zu geben. Wir haben Weismans Tanzschule auf der Panska-Straße gemietet, obwohl sie vor dem Krieg einen zweifelhaften Ruf hatte, weil sich dort immer die Warschauer Unterwelt traf. Die Anwohner im Viertel haben sie früher die »alte Spelunke« genannt. Aber jetzt haben wir ja unser eigenes Publikum, das über den schlechten Ruf des Saals hinwegsehen und zu unseren Vorstellungen kommen wird, egal, wo sie stattfinden. Außerdem gibt es im ganzen sogenannten Kleinen Ghetto zwischen der Sienna- und der Leszno-Straße keinen besseren Saal.

Der Übergang vom Kleinen zum Großen Ghetto beginnt an der Chlodna-, Ecke Zelazna-Straße. Nur der Fahrweg, der mit Mauern auf beiden Seiten von der restlichen Chlodna-Straße abgetrennt ist, gehört offiziell zum Ghetto. Mitten auf der Straße befindet sich ein Ausgang zur Zelazna-Straße. Dieser Ausgang wird von einem Nazi-Gendarmen mit Maschinengewehr sowie zwei Polizisten, einem jüdischen und einem polnischen, besonders streng bewacht.

2. JANUAR 1941

Unsere Neujahrsvorstellungen haben uns ein unerwartet riesiges Publikum beschert. Der Saal war brechend voll. Weil der 31. Dezember zufällig mit dem letzten Tag des Chanukkafestes zusammenfiel, hatten wir eine Szene improvisiert, die den heldenhaften Kampf der Makkabäer darstellte – mit vielen zeitgenössischen Anspielungen. Wir zündeten acht Kerzen auf der Bühne an. Das Publikum applaudierte frenetisch, und es blieb kaum ein Auge trocken.

Alle unsere Matineen sind sehr erfolgreich. Die Hälfte der Einnahmen geht an das Flüchtlingskomitee, denn es gibt immer noch eine riesige Flut obdachloser Flüchtlinge.

4. JANUAR 1941

Das Ghetto ist dick mit Schnee bedeckt. Es ist schrecklich kalt und keine der Wohnungen beheizt. Überall wo ich hinkomme, haben sich die Leute in Decken eingewickelt oder kuscheln sich unter Federbetten, sofern die Deutschen all diese warmen Sachen noch nicht für ihre eigenen Soldaten beschlagnahmt haben. Die bittere Kälte macht die Nazi-Bestien, die an den Ghetto-Eingängen Wache stehen, noch brutaler als sonst. Nur um sich aufzuwärmen, eröffnen sie, während sie in dem tiefen Schnee hin und her stapfen, von Zeit zu Zeit das Feuer, und unter den Passanten gibt es viele Opfer. Andere Wachen, denen ihr Dienst an den Toren langweilig wird, verschaffen sich ein wenig Zerstreuung. Sie suchen sich aus den zufällig vorübergehenden Leuten ein Opfer aus und befehlen ihm, sich mit dem Gesicht nach unten in den Schnee zu werfen. Ist es ein Jude mit Bart, reißen sie diesen zusammen mit der Haut ab, bis der Schnee rot von Blut ist. Wenn ein Nazi schlechte Laune hat, kann das Opfer auch mal der jüdische Polizist sein, der mit ihm Wache schiebt.

Gestern habe ich selbst mit angesehen, wie ein Nazi-Gendarm in der Nähe des Übergangs vom Kleinen zum Großen Ghetto in der Chlodna-Straße einen jüdischen Polizisten »exerzieren« ließ. Der junge Mann bekam schließlich keine Luft mehr, aber der Nazi zwang ihn trotzdem noch, sich fallen zu lassen und wieder aufzustehen, bis er in einer Blutlache zusammenbrach. Dann rief jemand nach einem Krankenwagen, der jüdische Polizist wurde auf eine Trage gelegt und mit einer Sackkarre weggebracht. Im gesamten Ghetto gibt es nur drei Krankenwagen, weshalb in den meisten Fällen Sackkarren benutzt werden. Wir nennen sie Rikschas.

[...]

14:08 05.12.2019

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