In Deutschland

Leseprobe "Karl-Wolf. So steht es geschrieben in meiner Geburtsurkunde. Nicht Wolf, sondern Karl-Wolf Biermann. Im vierten Jahr des Tausendjährigen Reiches wurde ich in Hamburg geboren."
In Deutschland
Foto: Steve Eason/Hulton Archive/Getty Images

Die Wahrheit mit der Muttermilch

Familie und kommunistischer Widerstand

Karl-Wolf. So steht es geschrieben in meiner Geburtsurkunde. Nicht Wolf, sondern Karl-Wolf Biermann . Im vierten Jahr des Tausendjährigen Reiches, am 15 . November 1936, wurde ich in Hamburg geboren, genau fünf Minuten nach zwölf. Ich war – auf den Tag genau – ein Achtmonatskind. Meine Mutter flüsterte die Standardfrage. Die Hebamme des Sankt-Georg-Krankenhauses durchschnitt die Nabelschnur und knurrte: »... is ’n Junge.« Emma gluckste vor Glück. Ausgerechnet die Arbeiterin Emma Biermann tirilierte das blöde Liedchen »Ja, wir haben einen Sohn, einen Erben für den Thron ...« Die Hebamme war womöglich genervt. Sie sagte mit spitzer Zunge: »Der hat ja ’ne kleine Judennase!« War das nun die Diagnose einer erfahrenen Geburtshelferin? Oder der blinde Affekt einer missgelaunten Nazi-Hippe?

Am Abend dieses Sonntags, direkt nach seiner Sonderschicht auf der Deutschen Werft, kam mein Vater in Arbeitskluft zur Klinik . Dagobert hatte Augen nur für seine Emma . Vom Balg nahm er freundlich Notiz . Ja, er war glücklich mit ihr, war verliebt in seine Frau . Und: Er war ihr dankbar . »Du bist nicht nur mein Lieb, sondern der beste Kamerad, den ich je hatte«, schrieb er später in einem Brief aus dem Gefängnis .

Dagobert Biermann hatte Schlosser und Maschinenbauer erlernt . Aufgewachsen war er im »Lazarus-Gumpel-Stift zur Unterstützung bedürftiger Juden« in der Schlachterstraße 46, nahe dem Hamburger Michel, in einer Hinterhofwohnung, in die nie ein Sonnenstrahl fiel . Eine meiner ersten Erinnerungen: drei Treppenstufen hoch am Geländer . Gleich vorne die düstere Wohnstube . Großvater schlief auf dem Sofa, mit einem Hut auf’m Gesicht . John Biermann, meines Vaters Vater, war ambulanter Elektrikermeister mit nur einem Angestellten: er selber . Seine ganze »Firma« bestand aus einem wohlgeordneten Holzkasten fürs Handwerkszeug, dazu eine Stehleiter, ein paar Kabelrollen und eine schwere Kiste voll mit elektrischem Kleinkram . Großvater ging in die Häuser und reparierte den Leuten die Leitungen . Meines Vaters Bruder Karl war zwei Jahre jünger und wurde auch Elektriker . Die hübsche Schwester Rosa, die Hutmacherin, war ganze zwölf Jahre jünger . Weil Großmutter Louise aus einer orthodoxen Familie Löwenthal kam, schickte sie ihre Kinder auf die Talmud-Tora-Realschule, gleich neben der Synagoge am Grindel .

Gewiss Hebräisch, ja, Tora, ja, Talmud . Aber dann ging Dagobert mit vierzehn Jahren in die Lehre auf der Werft Blohm & Voss . Noch lieber als Jude sein wollte er Mensch werden . Er trat der Metallarbeitergewerkschaft bei . Seine Religion war fortan der Kommunismus . Und weil er nicht nur gut arbeiten, sondern auch gut reden konnte, wählten die Lehrlinge ihn zu ihrem Sprecher . Durch sein unerschrockenes Auftreten zog er den scharfen Blick der Werftleitung auf sich . Nach vierjähriger Lehrzeit kriegte er, trotz allerbester Prüfungen, mit dem Gesellenbrief zugleich die Entlassungspapiere . Er landete außerdem auf der »schwarzen Liste« . Und das bedeutete für viele Jahre, auch nach der tiefen Werftenkrise, Arbeitslosigkeit .

Dagobert traf Emma Dietrich im Jugendverband der KPD, der »Kommunistischen Jugend Deutschlands« (KJD) . Sie bewunderten einander . Er ihre Schroffheit, sie seine Geduld . Emmas Realschullehrerin hatte die Eltern besucht und gesagt: »Die kleine Emma sollte weiterlernen . Sie könnte Lehrerin werden .« Aber der alte Dietrich knurrte: »Wir können uns keine Gräfin erlauben .«

1919 begann das Mädchen eine Lehre als Maschinenstrickerin . Nach zweijähriger Ausbildung arbeitete sie im Akkord und verdiente gutes Geld . Dann strickte sie elegante Modekleider auf Sylt . Aber 1924 kam es für sie noch besser: Sie wurde von der Hamburger Blindenanstalt eingestellt . Dort baute sie in eigener Verantwortung eine neue Blindenwerkstatt für Maschinenstrickerei auf .

Und das war ihre Idee: Die Arbeitsgänge wurden, im Sinne einer Manufaktur, so unterteilt und die Maschinen so eingerichtet, dass die Blinden und Halbblinden nach ihren Möglichkeiten in ausgetüftelter Zusammenarbeit etwas wirklich Brauchbares produzieren konnten . Emma liebte diese Arbeit und war stolz .

Das Liebespaar heiratete 1927 . Beide waren inzwischen in die KPD eingetreten und standen aktiv in der Arbeiterbewegung . Emma und ihre jüngeren Geschwister Lotte und Karl, genannt Kalli, und ihr Dagobert verstanden sich bestens, sie waren ja beides: Familienbande und Genossen . Auch Emmas Eltern, Karl Dietrich und Martha .

Die Dietrichs waren aus Sachsen über Kiel nach Hamburg gezogen . In der Schmiedelehre in Halle an der Saale hatte Emmas Vater durch einen glühenden Eisenspan ein Auge verloren, so dass er beim Hämmern nicht mehr den Abstand in der dritten Dimension sehen konnte . Er arbeitete fortan als Steineträger auf Baustellen . Immer fünfundzwanzig Ziegelsteine mit dem Schulterbrett die Bauleitern hoch . So trug er sich krank und krumm . Der Sachse wurde in Hamburg ein führender Kader des Rotfrontkämpferbundes der KPD, und Ernst Thälmann war sein vertrauter Genosse . Karl galt als der beste Schütze unter den Mitgliedern des RFB . Immerhin, so spotteten die Genossen, musste er sein Glasauge beim Zielen nicht zukneifen . Das war vielleicht sein einziges Privileg im Leben: Er gewann jedes Jahr den ersten Preis, einen ganzen Schinken, beim fröhlichen Wettschießen für den Sieg der Weltrevolution .

An den Wochenenden fuhren die jungen Kommunisten mit der Vorortbahn in die Lüneburger Heide . Sie waren begeistert von der Wandervogelbewegung . Der neueste Schrei: FKK – Freikörperkultur . Emma übte sich im Ausdruckstanz à la Mary Wigman . Sie sangen gemeinsam »Dem Morgenrot entgegen, ihr Kampfgenossen all« oder das von Rosa Luxemburg aus dem Polnischen übersetzte Lied: »Des Volkes Blut verströmt in Bächen, / Und bitt’re Tränen rinnen drein . / Doch kommt der Tag, da wir uns rächen, / Dann werden wir die Richter sein ...« Na ja . Und die Kitschlieder von Hermann Löns: »Ja grün ist die Heide / Die Heide ist grüüüüün ...« Der Maschinenschlosser »Dago« zupfte dazu die Gitarre, die Ma- schinenstrickerin »Emsch« die Waldzither .

Die Nationalsozialisten griffen zu Beginn der dreißiger Jahre nach der Macht . Als die SA, der Rotfrontkämpferbund und die Kampfgruppe »Eiserne Front« sich gegenseitig verprügelten und die Vereinslokale demolierten, machte Dagobert sich einen Namen, weil er es schaffte, mit jungen, bürgerlichen Nazis immerhin unblutige Streitgespräche zu führen, statt immer nur »Eins-in-die-Fresse-mein-Herzblatt!« . 1932 wurde mein Vater von den Thälmann-Anhängern als »Abweichler« gebrandmarkt . Er war der Meinung, die KPD sollte verbündet mit der SPD gegen die Nazis kämpfen . Sein Schwiegervater Karl Dietrich wütete gegen den Abweichler . Als Dago und seine Emsch an der Wohnungstür klingelten, riss der Alte die Tür auf, schwang ein Beil überm Kopf und brüllte einen Satz, der von da ab zur geflügelten Phrase unserer Familiengeschichte gehörte: »Ich! dulde! in meinem Hause!! keine konterrevolutionäre!!! Brut!!!« Die Frauen kreischten und schimpften . Sie rissen dem Berserker mit vereinten Kräften das Beil aus den Händen . An diesen acht Wutworten war wirklich alles falsch . Von wegen »Ich dulde nicht ...« . Der Alte musste es dulden, denn schon gleich danach saßen sie wieder zusammen bei Kaffee und Bienenstich am Küchentisch . Auch war sein Schwiegersohn keine »konterrevolutionäre Brut« . Und dann noch das große Wort »in meinem Hause!« . Dieser herzkranke Steineträger Karl Dietrich war froh, wenn er die Miete zahlen konnte .

Er hatte Glück, er starb an seinem schweren Herzfehler schon 1932 . Als die Überfallkommandos der NSDAP nach Hitlers Machtergreifung 1933 mehrmals an Oma Meumes Wohnungstür standen, um den Alten zu verhaften, rannte Oma Meume ins Schlafzimmer und zerrte wütend die vertrockneten Kränze von seiner Beerdigung unterm Ehebett hervor . Sie zeigte auf die zerknitterten Kranzschleifen und schrie auf Sächsisch: »Der is doooot! Den gönnd ihr nich mehr dotschlagn!«

Anders als die Sozialdemokraten war die KPD sofort verboten worden, und damit auch ihr Parteiblatt, die Hamburger Volkszeitung . Die Genossen arbeiteten illegal weiter . Meine Eltern und Emmas Bruder Kalli waren in der Parteigruppe St . Georg organisiert . Doch bereits am 8 . Mai 1933 wurde mein Vater verhaftet . Die Polizei ertappte ihn auf frischer Tat . Im Atelier des Kunstmalers Arnold Fiedler vervielfältigte er mit einer primitiven Druckmaschine die Notausgabe des verbotenen Parteiblattes, die illegal verteilt werden sollte . Weil die eigentlichen Redakteure schon seit März als »Schutzgefangene« im KZ Fuhlsbüttel saßen, hatte Dagobert auch den Leitartikel verfasst . Darin berichtete er über den unmittelbar anstehenden Prozess zum Altonaer Blutsonntag . Ein knappes Jahr zuvor, am 17 . Juli 1932, war es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen der SA und den Kommunisten gekommen . Achtzehn Menschen waren erschossen worden . Kaum an der Macht, stellten die Nationalsozialisten den Klempner Bruno Tesch, den Packer Walter Möller, den Schuhmacher Karl Wolff und den Seemann August Lütgens als Schuldige vor ein schnell eingerichtetes Sondergericht . Alle vier wurden ohne Beweise zum Tode verurteilt, das Urteil wurde am 1 . August 1933 vollstreckt . Da saß mein Vater schon in Haft . Zwei von den Angeklagten waren erst neunzehn Jahre alt, nach damaligem Gesetz noch nicht volljährig .

Eine unerhörte Begebenheit bei der Hinrichtung hatte sich rasch herumgesprochen . Der beamtete Henker der Hansestadt stand grade nicht zur Verfügung . Ein junger Schlachtermeister aus Wandsbek war eingesprungen, ein Mitglied der NSDAP . Die Exekution fand auf dem Hinterhof des Gerichtsgebäudes in Altona statt . Einer nach dem anderen wurde von dem Ersatzhenker mit dem Handbeil geköpft . Als zuletzt dem Schuhmacher Karl Wolff befohlen wurde, seinen Kopf auf den Hackblock zu legen, bat er um eine letzte Gunst . Sie wurde ihm gewährt, wer weiß, vielleicht von einem Hanseaten, der sich erinnerte, dass auch dem berühmten Seeräuber Störtebeker ein letzter Wunsch erfüllt worden war .

Der junge Schuster aus Altona bat darum, ihm die Fesseln auf dem Rücken zu lösen . Er wolle, sagte er, sich nur noch einmal im Leben richtig ausrecken können . Doch kaum war die erste Hand befreit, schlug er dem nächsten Beamten die Handschellen in die Zähne . Diese letzte Rebellion im ewigen Freiheitskrieg der Menschheit verbreitete sich wie ein Lauffeuer . Die Kundschaft im Stadtteil Wandsbek blieb dem Schlachter, nachdem er seinen Parteigenossen den Schlächter gemacht hatte, weg . Die meisten Kunden hatten nichts gegen die Nazijustiz . Aber sie ekelten sich bei dem Gedanken, dass Menschenblut an den Händen oder an den Werkzeugen des Hilfshenkers klebt und bei ihnen mit dem Schweinebraten auf den Tisch kommt.

Mein Vater wurde am 14 . August 1933 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt . Er hatte gelogen, alle Artikel der illegalen Ausgabe seien von ihm verfasst . Dadurch konnte er seine zwei Mittäter entlasten . Seine Frau wurde am Tage der Veröffentlichung des Urteils fristlos entlassen . Alle Bewerbungen um eine neue Arbeitsstelle wurden abgelehnt . Nach Monaten vermittelte ihr das Arbeitsamt eine primitive Hilfsarbeit in einer Fabrik .

Bald darauf brachte Emmas Bruder Kalli einen Genossen mit . Es war der ältere Bruder von Karl Wolff . Arbeiter auch er, Kommunist im Rotfrontkämpferbund und, wie die meisten Genossen, auf der Flucht vor den Nazis . Emma sollte diesem Hans Wolff zwei, drei Tage Unterschlupf geben, bis die Fluchtwege im Hamburger Hafen frei waren, um nach Dänemark zu entkommen . Sie versteckte den Wolff-Bruder . Am Tag des Aufbruchs wickelte sie drei Wurstbrote in einen Bogen legales Zeitungspapier und sprach ein großes Wort gelassen aus: »Genosse! Wenn mein Mann in eineinhalb Jahren wieder aus dem Knast kommt ... und wenn ich dann schwanger werde ... und wenn es ein Sohn wird ..., dann nennen wir ihn nach deinem Bruder . Und so machen wir uns einen neuen Karl Wolff!«

Der Bruder des Geköpften rettete sich nach Dänemark, er verschwand auf Nimmerwiedersehn . Bis zur Entlassung von Dagobert war es noch lange hin . Eines Sonntags, am Nachmittag, ging die Strohwitwe Emma über den Jungfernstieg, als eine SA-Kolonne mit Tschingdera und Gegröle vorbeimarschierte . Und so blühte ein junges Glück auf im Unglück: Emma verliebte sich in einen anderen Mann . Was ihn verzauberte? Die junge Frau mit den weichen Locken riss als Einzige in der Menge am Straßenrand nicht den Arm hoch zum Heil-Hitler-Gruß . Er zog sie ins Gespräch . Er lockte sie in den Alsterpavillon . Hübscher Zufall: genau der magische Ort, an dem Heinrich Heine hundert Jahre vorher mit seinem Verleger Julius Campe Rheinwein getrunken und Austern schlampampert hatte .

Der schicke Kerl an der Binnenalster erwies sich als ein gebildeter Mann, ein wohlhabender Mann und ein Anti-Nazi . Paar Jahre jünger als Emma . Friedel Runge war eine Mischung aus Sozialdemokrat und Dandy und Kommunist . Ein linker Einzelgänger . Er arbeitete als Handelsvertreter und fuhr damals schon ein eigenes Auto . Er lockte die Frau des Schlossers Dagobert Biermann bald in die Oper, bald ins Bett . An den Wochenenden flanierte das Paar plebejisch an der Bille, bürgerlich an der Alster . Sie wanderten ins Alte Land auf der anderen Elbseite . Friedel tauchte um die Wette mit seinem Freund unter einem Schlickrutscher in der Elbe durch, eine Art freiwilliges Kielholen im Übermut . Er war stark, er war sanft, er liebte das blonde Kommunistenweib Emma Biermann . Ihr Ehemann saß im Gefängnis, gewiss, aber sie wollte es wissen, sie wollte alles wissen . Emma war so schön, und so schön begeistert, und so schön allein .

Jeder liefert im Spiel der Geschlechter eben das, was er hat . Emma besaß ein geklinkertes Holzboot, ein Kajak für zwei Paddler, es lag an der Bille im Schuppen des Bootsbauers Willi Schulz . Und sie konnte dem Anderen auch ein Stückchen Welt liefern! Sie hatte Russisch gelernt für eine Reise in die Sowjetunion vor ein paar Jahren . In der Kommunistischen Partei hatte sie »Lohnarbeit und Kapital« von Karl Marx studiert . Sie kannte die romantischen Gedichte von Heinrich Heine . Das »Buch der Lieder« hatte ihr Dagobert zur Verlobung von einem Genossen in rotes Leder binden lassen .

Ein ewiges Jahr dauerte die Himmelhölle dieser Liaison . Doch die Zeit erwies sich als grausam kurz . Als der 8 . Mai 1935 näher kam, der Tag, an dem Dagobert Biermann aus der Haft entlassen werden sollte, graute seiner Frau vor diesem heiklen Freudentag . Emma hatte alles tausendmal her und hin überfühlt, hatte hin und her überlegt . Dann auferlegte sie sich selbst den Parteiauftrag: Verzicht! Aus Treue zur Partei – und aus Achtung vor ihrem Genossen Ehemann . Einen Tag vor der Entlassung traf sie den Anderen ein letztes Mal . Sie küssten sich, sie redeten, sie weinten, sie schwiegen . Dann riss sie sich das Herz aus dem Leibe, und sie riss sich Büschel ihrer goldblonden Locken vom Kopf .

Am Morgen fuhr Emma mit der U-Bahn raus nach Fuhlsbüttel . Sie holte ihren gehörnten Ehemann ab . Er kam ihr schon auf der Straße entgegen mit seinem Bündel, denn er war zehn Minuten zu früh entlassen worden . Scheues Küsschen, aber kein Kuss . Noch auf der Straße gestand sie ihm alles . Sie sagte: »Wenn du willst, wenn du es aushalten kannst, bleibe ich bei dir . Wenn nicht, dann gehe ich mit dem Anderen .« Er entschied sich gegen die Scheidung . Aber als er Emma, zurück in der Wohnung, aufs Bett legen wollte, sagte sie: »Nein, nicht! Noch nicht . Bitte! Ich liebe noch immer den Anderen .« Dagobert richtete sich sein Bett in der Küche . Er ertrug seine Einsamkeit, weil er nicht vereinsamen wollte . Er umklammerte sein Herz, er war todtraurig von alledem und trotz alledem froh .

Warum und wie Emma ihrem Mann das Zeichen gab, dass endlich! aus dem Genossen auch wieder ihr Bettgenosse werden durfte, weiß ich nicht . Weil ich aber auf den Tag genau ein Achtmonatskind sein soll, kann ich mir ausrechnen, wann es passierte: am 15 . März 1936 . Seit Dagoberts Entlassung war fast ein Jahr vergangen, so grausam lange hatten die beiden in kommunistischer Keuschheit nebeneinanderher gelebt . Er hatte nichts erzwingen können, und sie musste ihm nichts abschlagen . Alles hat eben seine Zeit . Sie streichelten sich, sie küssten sich, sie umarmten sich . Und danach? Sie schwiegen . So lagen sie zum ersten Mal seit fast drei Jahren innig beieinander . Alles war wieder gut . Er lächelte . Dann brummte er: »Ich hab aber nicht aufgepasst!« Emma sprang – in ihrem Jargon: wie von der Tarantel gestochen! – mit einem Schrei aus dem Bett . Sie rannte rüber in die kleine Küche . Ran an den Handstein! Wasser aufgedreht . Sie ritt wütend über dem gusseisernen Ausguss, ihrem Proletarier-Bidet . Sie schimpfte und greinte, sie lachte böse und weinte wirre Wortfetzen und fluchte aus sich raus und klagte in sich rein, trocknete sich ab, saß nackt am Küchentisch und schwieg feindselig . Doch der Zorn meiner Mutter wandelte sich wie von selber in eine Glückseligkeit . Bald schon pries die Frau ihren Mann für seinen Mangel an Rücksicht und lachte vor Freude . Und natürlich hielt Emma ihr Versprechen, und die beiden nannten mich Karl-Wolf.

15:19 03.11.2016

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