Politik und Alltag

Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "Adorno hat es nicht gewusst, als er den Satz prägte, dass es kein richtiges Leben mitten im falschen geben könne, aber er hat da nicht nur Recht gehabt, er hat zudem auch von Marie gesprochen."

Einmalige Sprache

"Aber das ist nicht alles, was ich über das Buch sagen möchte, denn ich habe während der Lektüre auch besser als jemals zuvor nachempfinden können, was unser immer noch gespaltenes Deutschland ist und wie es sich im Bewusstsein der aus der ehemaligen DDR stammenden Mitbürger darstellt. Wäre Sukov nur das gelungen, so hätte er ein lange schon fehlendes Buch geschrieben. (...) Ich wäre Sukovs Protagonistin Marie im Leben gern selbst begegnet. Das geht natürlich nicht, aber die einmalige unverwechselbare Sprache, die er für sie gefunden hat, ist ein großartiger Ersatz dafür." >> Literaturbüro Gogolin

Politik als Lebensweise

"Also ein Liebesroman wie aus dem Bilderbuch? Ja und Nein. Ja, denn alle nötigen Klischees sind vorhanden. Tempo und Intensität werden systematisch gesteigert. Stilistisch finden sich Sex-Szenen, die im Englischen als 'steamy' bezeichnet werden; sie werden begleitet von einer Sehnsucht nach Liebe, die zumindest den hartgesottenen Rezensenten sofort dahinschmelzen ließ.- Nein, denn Politik ist doppelt präsent. Nicht nur in der Milieu-Schilderung, die von sanfter Ironie und liebevoller Satire zeugt, sondern ebenfalls in einem an Raymond Williams erinnernden weiten Verständnis von Politik als Lebensweise, wo dominante und alternativ-oppositionelle Kulturen in ständiger hegemonialer Auseinandersetzung begriffen sind. Das bedeutet konsequente Einbeziehung von Gegenwartskultur. Als Stichworte seien genannt: Facebook, H&M, MySpace, Polly Scattergood, YouTube." >> Kulturation

Warten auf die Revolution

"Die Frage, warum er dafür ein weibliches Ich gewählt hat, zählt zu den streitbaren Aspekten des vielschichtigen Romans. (...) Die Leser - und das ist die Aufgabe von Literatur - werden sich mit dieser Frage auseinandersetzen können, denn Raum für Fragen bietet Leander Sukov; nicht zuletzt mit dem Titel seines Romans. Marie wartet auf Ahab, der sie lieben lehrt, anstatt selbst lieben zu lernen, anstatt sich selbst auf die Suche nach Ahab zu machen. Steht diese Analogie sinnbildlich für das Warten einer Generation auf den Umsturz von Verhältnissen, die nur sie selbst umstürzen kann? Kann die romantisch-verklärte Figur Kapitän Ahabs verglichen werden mit einer nostalgischen Rückbesinnung auf ein schöneres Gestern? Ist das 'Warten auf Ahab' dann nicht auch ein Warten auf die Revolution?" >> Unsere Zeit

Was bleibt

"Die schöne, subjektivistische Sprache, die Sukov in der Tradition Peter Handkes benutzt, wäre noch steigerungsfähig, erinnert in ihrem bedenkenlosen Materialismus aber ans detailliert Monologische von Antonio Lobo Antunes oder Nanni Ballestrini ('I Furiosi'): ein temperiertes Meer der Silben, in dem der Wind des Temperaments die Wörter vor sich her treibt. Stilistisch wie gedanklich ist Sukov eine Lektüre für Menschen, die Berlin hassen (Marie: 'Wir sind die Wenigen'), weil Berlin so ist, wie die Welt in ihren momentanen Verhältnissen ist. Dass die linke Avantgarde auch nicht besser ist, beschreibt Sukov eindrucksvoll – und ausreichend. Was bleibt, ist also nur das Warten auf Ahab. Und auf Marie." >> der Freitag

Das andere Berlin

"Leander Sukov schreibt wortgewandt, manchmal detailversessen, und entwickelt eine subtile Spannung, die mich dazu bewogen hat, das Buch, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand zu legen. Es ist eine wunderschöne moderne Geschichte, die sich flüssig lesen lässt. Sie wirkt authentisch und nachvollziehbar und ich konnte mich leicht in die Gedanken- und Gefühlswelt der Marie hineinversetzen. Der Leser leidet und liebt mit Marie und der Autor schafft es, ihn richtig in die Story hineinzuziehen. Ein empfehlenswertes Buch, das Einblicke in ein heutiges junges Berlin offeriert, ein Berlin, das man nicht in Hochglanz-Reiseführern findet. Die Sprache ist eigenwillig, aber faszinierend und fesselnd. Ich wollte, ich könnte so wortgewaltig, blumig und nachvollziehbar schreiben." >> Hendrik Blome

Treffende Studie

"Klingt nach einem Pornoroman von Frau Hegemann, werden Sie sagen, und das mag irgendwo stimmen. Aber – woran liegt es denn, dass Sukov diese Suche einer jungen Frau nach sich selbst, so viel besser zu erzählen versteht? Ganz einfach: Er ist ein großer Erzähler, kein Copy-and-paste-Artist. 'Warten auf Ahab' ist eine treffende Studie des Hauptstadtmilieus – und für mich die Entdeckung des Frühjahrs." >> Financial Times Deutschland

Der unermüdliche Kampf

"Für mich war es eine gute Lektüre, die mich davon überzeugte, dass es abseits des Mainstreams Schriftsteller gibt, die mit ihrem ganzen Autoren-Ich authentisch hinter ihren Fiktionen stehen. Ein herausfordernder, mutiger, bisweilen politisch anklagender Roman mit sehr viel Insiderwissen über eine linke Berliner Szene, in der das Ideal der freien Liebe ohne Eifersucht zählt. Mehr noch aber der unermüdliche Kampf gegen den weißen Wal, der mir ein Symbol für jegliche Form der gesellschaftlichen Unterdrückung zu sein scheint. Kann man überhaupt einen Roman als politische Liebesgeschichte schreiben? Und ob, Leander Sukov kann das auf eine bestechend ehrliche Weise." >> Der Bücherblogger

17:45 19.06.2012

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