Wir und die Anderen

Leseprobe "Radfahrer auf Fahrrädern, für deren Preis man in Marzahn vier Monate lang Miete und Nebenkosten zahlen könnte. Und Ökoläden allenthalben. Und Straßencafés. Zum Kotzen ist das. Die beschissene Gentrifizierung, diese Vertreibung."

Nennt mich Marie. Ich bin keine von den Anderen. Die Anderen waren zu einer anderen Zeit. In der anderen Zeit war das Land ein anderes Land und noch eines. Wir sind wenige. Die Anderen waren viele. Die Anderen glaubten, sie wären die von morgen. Wir treffen uns mit ihnen am Schnitt ihres nicht-kommenden Tages, dort, wo er an unseren nicht-vergangenen stößt. Wir sind aus den Anderen gemacht. Wenn wir uns umdrehten, würden wir die von morgen sein und das Heute hinübertragen. Wir aber schauen zurück. Täten wir es doch nur im Zorn! Dann könnten wir uns bald drehen. Hinter uns der Zorn dann, und vor uns die Hoffnung.
Ich verlasse das Dorf. Heute noch, gleich. Das Haus meiner Eltern hat ein Blumenfenster, das hoch und breit den roten Klinker durchbricht. Im Blumenfenster gibt es keine Blüten. Nur Grünpflanzen hat es dort. Die werden von künstlichen, blauen Sonnen beschienen. Jede Sonne hat einhundertdreißig Watt. Sieben Sonnen beleuchten die grünen Pflanzen und warten vergebens auf das Bunt von Blüten.
Ich gehe in die Stadt. Ich werde dort leben. Die Stadt ist groß, die Stadt ist nicht fern, die Stadt ist nicht nah. Die Stadt ist bunt und grau und laut, und sie schläft nicht. Das Dorf schläft immer. Nur die Pflanzen unter den blauen Kunstsonnen schlafen nie, hier im Dorf, im Haus meiner Eltern, im Blumenfenster.
(...)
Und dann weiter zum Prenzlauer Berg. Rumlaufen dort. Alles Turm hier. Ein ganzer Kiez voll Turm. Jedes renovierte Haus: Turm. In jedem renovierten Haus: die Türmer. Oberärzte, Manager, Universitätsdozenten, Rechtsanwälte, Schriftsteller. Tell me, man, tell me. Kein Vulkan mehr. Straßenbelag aus harter Lava, Abgründe überall, weich, moderig schon. Turm an Turm. Mittel hier alles auch. Tut aber großbürgerlich. In den Gesichtern Ruhe und Rechthaben. In den Herzen  … man mag nicht fragen, nicht wissen wollen. In den Köpfen: TAZ und Tagesspiegel. Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt. Linker Hand mag niemand die Hand für die Zukunft ins Feuer legen. Aber alles bunt jetzt hier.
Dabei bekennt niemand Farbe. Keiner mehr da von denen, die hier die kleine Flucht aus dem DDR-Grau versucht haben. Wir sind ein Volk. Oh ja, wir sind ein Volk, und was für eines. Prenzlauer Berg. Holzspielzeugläden. Bestimmt tanzen hier Waldorfschüler auf dem Parkett der elterlichen Wohnung. Bestimmt für eine Zukunft zwischen Hedgefonds und Bioläden, zwischen friedensschaffenden Maßnahmen und Menschenketten.
Dreißigjährige Paare. Mir ist alles sushi. Und alle, die mit mir umhergehen, in den Turmschluchten der Gründerzeithäuser (History repeating, Ihr Propellerheads): Leger, aber teuer gekleidet. Radfahrer auf Fahrrädern, für deren Preis man in Marzahn vier Monate lang Miete und Nebenkosten zahlen könnte. Und Ökoläden allenthalben. Und Straßencafés. Zum Kotzen ist das. Die beschissene Gentrifizierung, diese Vertreibung. Dieses Intellektuellenschickimickiviertelgehabe. Tell me, man, tell me. Sie haben nicht gewonnen. Nicht den Krieg jedenfalls. Nur eine Schlacht. Ein regionaler Erfolg, weltweit. Aber nur weil man auf die Fresse gefallen ist, muss man doch nicht gleich die Füße küssen, die sich einem vors Gesicht stellen.
Plat du jour. Kostet für eine Woche Hartz IV. Jemand drückt mir ein Flugblatt in die Hand. Ein Infostand der Grünen. „Was macht der Hufeisenplan?“, frage ich. Sie sehen mich verständnislos an. Kollateralschäden der gesellschaftlichen Entwicklung. Erst kommt deren Moral, und dann kommt das Kotzen. Kriegste umsonst von denen. Ist das Einzige. Aber die ziehen dir, noch während du vor dich hin reiherst dein ganzes Viertel unterm Arsch weg. Machen sich alles schön. Die im Turm. Die scheißen auf Proleten und Kleinbürger.
Ab in die Bahn. Die S-Bahn ist voll Flair aus früherer Zeit. Vom Westend muss ich nur eine kleine Strecke laufen. Ich mache Halt am Klausenerplatz. Noch ein Espresso und ein Glas Rotwein. Ich starre Löcher in die Berliner Luft, sehe den anderen Menschen zu, die in der Herbstsonne auf dem Platz sitzen, lese Zeitung, bleibe fast eine Stunde hier. Zu Hause, allein. Was soll man essen, wenn man allein ist? Eine Frage, die sich mir immer wieder stellt in den letzten Tagen. Ich bin einsam. Ich will nicht einsam sein, aber auch nicht mit irgendwem. Schon die Vorstellung von irgendwem macht mir unbehagliche Gefühle. Ich will nicht einsam sein und nicht zwei sein.
(...)
Ich will nach Hause. Aber dann rufe ich, schon in der U-Bahn, Kevin an. „Bist Du noch wach?“ Ganz offensichtlich nicht, denn sein Ja klingt ganz verschlafen. Ich stelle mir seine struppigen Haare vor, sehe, wie er, die Augen geschlossen, das Handy ans Ohr hält. „Ich könnte noch vorbeikommen.“ Er murmelt etwas. „War das ein Nein?“ Kevin beeilt sich jetzt, deutlich zu sprechen. Natürlich will er, dass ich komme. Er sieht mich erwartungsvoll an, als ich die Treppe hinaufsteige. Steht da in Boxershorts, hat Kaffee gekocht, ruft es mir schon auf der Treppe entgegen und ist wieder ganz beflissen. Bringt den Kaffee wieder auf dem kleinen Tablett. Und wieder so, dass ich auf den Knicks warte, der nicht kommt.
Wir liegen beisammen in diesem trostlosen Zimmer, dessen Ausdünstung von Einsamkeit mir wieder auf den Magen drückt, ein unangenehmes Kribbeln erzeugt. Ganz dicht aneinander liegen wir. Auf dem Rücken, den Blick an die Zimmerdecke, die mir keine Bedrückung macht, mit ihrem alten Weiß, mit ihrem schemenhaften Stuck. Dann beginnt jenes wieder, für das ich keinen Namen habe. Der kniende Kevin vor der Matratze, ich breitbeinig auf ihr. Er den Kopf gesenkt, meine Hände greifen nach seinen Haaren, ziehen seinen Kopf zwischen meine Beine. Ich lasse mich, halb aufgerichtet, in den Orgasmus fallen, so gut es geht nach den Stunden hinter dem Tresen.
Dann wieder Schweigen. Seit an Seit, Haut an Haut. Kein Wort auf kein Wort. Worüber soll ich mit ihm reden? Ich habe kein Thema, das ich ihm anbieten könnte. Weshalb schweigt auch Kevin? Weil es ihm, wie mir, am Thema fehlt oder er gar, wie fremd ist mir dieses Wort, aus Ehrerbietung kein Wort herausbringt? Endlich sage ich, was ich gestern schon sagen wollte: dass mir die Sache komisch verkommt, mysteriös, eigenartig und eigenwillig. Dass mir dieser Abstand, der sich breitmacht beim Sex, ganz fremd ist.
Kevin schweigt. Dann krabbelt er wie ein kleiner trauriger Käfer aus dem Bett. Es macht mich aggressiv, dass er so traurig aussieht, dass jede Bewegung diese Trauer in sich hat. Es ist eine böse Tat, sich mit einer solchen Attitüde zu behängen. Er kniet vor dem Bett und sieht noch viel kleiner und trauriger aus. Es ist zu viel, viel zu viel von dieser melancholischen, depressiven Attitüde. Wer soll das ertragen. Die ganze beschissene Traurigkeit zieht mich mit runter. Und ich sage es ihm, sage ihm, ach was, schreie ihm entgegen, dass er sich nicht so hündisch gebärden solle, dass ich selbst für mich genug an Traurigkeit hätte, ich bräuchte seine nicht. Ich könne das nicht ertragen, ich käme damit nicht klar. Ich sollte mich besser schnurstracks verpissen und mich um meine eigenen Probleme kümmern. Die würden genug Kümmerei verlangen.
Es klingt viel härter, als es soll. Aber alles in mir sträubt sich gegen das kevinsche Grau. Nicht mit mir! Ich liefere mich diesem Seelenvampirismus nicht aus. Ich weiß, dass in solchen Momenten größter Abscheu vor etwas auch mein Blick bös wird.
Und Kevin? Seine Unterlippe beginnt zu zittern. Er sieht aus wie ein kleines Kind. Und dann brechen Tränen aus ihm heraus. Er beginnt zu heulen. Wie ein Schlosshund. Sein ganzer Körper zittert und wird noch kleiner, während er zuckt, sich verkrampft. So erbärmlich sieht er jetzt aus, dieser traurige Kevin, dass ich hinunterrutsche von der Matratze und ihn in den Arm nehme, ganz fest halte ich ihn. Und ich merke, wie seine Tränen meine Brust hinunterfließen, merke, wie wir durch die Tränen aneinandergeklebt werden. Sein Schluchzen, das Zucken, es geht jetzt auch durch mich. Ich streiche ihm über das Haar. Konvulsivisch zuckt dieser Körper in meinen Armen. Soll ich Erbarmen schenken? Schenkt man Erbarmen überhaupt, oder kann man es nur gewähren, großzügig, von oben herab? Soll ich Mitleid haben, soll ich es zeigen? Soll ich gar mitleiden mit diesem verheulten Jungen, dem in der Stadt verlorenen, dem mir in den Armen liegenden? Soll ich ihn meiner Zu-neigung, meiner Freundschaft versichern?
Kevin umklammert mich wie ein Ertrinkender. Er hat seine Hände an meinen Rücken gepresst und sein Gesicht an meine Brust. Ich aber lockere seinen Griff. Da rutscht er herunter an mir, macht sich ganz klein, liegt nun mit seinem Kopf auf meinen gekreuzten Beinen. Sein Schluchzen wird leiser, weicht einem Wimmern, aber ich spüre die noch immer rinnenden Tränen, die laufen jetzt meine Unterschenkel hinab. Kevin heult in Embryostellung weiter. Heult und heult. Es scheint gar kein Ende nehmen zu wollen.
„Es gibt doch gar keinen Grund, so traurig zu sein“, spreche ich zu ihm. Nein, nicht sage ich zu ihm. Ich spreche zu ihm, wie eine Pfarrerin von der Kanzel, wie eine Mutter zum weinenden Kind; da kann man nicht von sagen reden. Kevin aber antwortet mir mit immer neuen Tränen, mit diesem leisen, durchdringenden Flennen. Verdammte Heulerei. Wie hilflos ich mich fühle. Dabei habe ich doch nichts getan, was einen solchen Augenblick des Leids rechtfertigen könnte. Nein habe ich zu seinen Attitüden gesagt. Das ist mein Recht, und man kann es mir nicht nehmen, nicht mit all diesen Tränen, dieser jämmerlichen Nacktheit, diesem Zittern des Körpers da auf meinen Knien. Das geht doch nicht.
„Kevin!“, sage ich so ruhig, wie ich kann. „Kevin. Ich habe doch nur gesagt, dass du mir mit deiner Teenie-Melancholie auf die Nerven gehst. Ich habe nicht gesagt, dass wir uns nicht mehr sehen können.“
Da richtet er sich auf. Ganz verrotzt sieht er aus, seine Nase läuft; er wischt sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Ich bin doch so stolz auf dich!“
„Stolz? Aber weshalb denn?“
„Weil ich dich getroffen habe. Weil du hier bist. Weil ich dich … dich …“
Nein, sag es nicht, denke ich. Sag es nicht!
„… weil ich dich liebe.“
Mein Gott, welch ein Idiot. Mich lieben? Wir haben doch nicht einmal drei vernünftige Sätze über irgendetwas gewechselt. Wir haben nicht einmal über den mysteriösen Sex gesprochen, den wir miteinander haben. Über nichts haben wir geredet. Und jetzt liebt der Idiot mich. Warum nur, warum? Was nur ist der Grund, der Menschen so schnell lieben lässt. Ohne jede Grundlage, ohne jedes Wissen um das Objekt der Liebe.

17:45 19.06.2012

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