Sehnsucht und Widerstand

Leseprobe "Junge Menschen auf der ganzen Welt sprechen von einer tiefen Sehnsucht nach einer Zukunft, die sie zu haben glaubten, die aber mit jedem Tag mehr dahinschwindet, an dem die Erwachsenen angesichts des Ernstfalls nur tatenlos abwarten."
Sehnsucht und Widerstand

Foto: Mark Wilson/Getty Images

Einführung: "Wir sind der Flächenbrand"

An einem Freitag Mitte März 2019 strömten sie, aufgeregt wegen ihres trotzigen, widerständigen Akts des Schuleschwänzens, plappernd in schmalen Rinnsalen aus den Schulen. Die kleinen Gruppen strebten zu den großen Alleen und Boulevards, wo sie sich mit anderen Strömen singender und schwatzender Kinder und Jugendlicher in Leggings mit Leopardenmuster, sauberen Uniformen oder Jeans und T-Shirt vereinten.

Bald wurden aus den Rinnsalen rauschende Flüsse: 100 000 Teilnehmer in Mailand, 40 000 in Paris, 150 000 in Montreal.

Pappschilder tanzten über der Menschenwelle: Es gibt keinen Planeten B! Verbrennt nicht unsere Zukunft! Das Haus steht in Flammen!

Einige Transparente waren etwas komplexer. In New York hielt ein Mädchen ein üppig bemaltes Bild voller filigraner Hummeln, Blumen und Tiere des Dschungels hoch. Aus der Ferne sah es aus wie das Ergebnis eines Schulprojekts zur Artenvielfalt; bei näherer Betrachtung zeigte sich, dass es eine Klage über das sechste Massenaussterben war: 45 % der Insekten durch den Klimawandel ausgestorben, 60 % aller Tierspezies in den letzten fünfzig Jahren verschwunden. In die Mitte hatte das Mädchen eine ablaufende Sanduhr gemalt.

Die jungen Menschen, die am ersten weltweiten Schulstreik für das Klima teilnahmen, waren im Unterricht radikalisiert worden. Nachdem sie in ihren Schulbüchern und in aufwendigen Dokumentarfilmen von alten Gletschern, atemberaubenden Korallenriffen und exotischen Säugetieren als den vielen Wundern unseres Planeten erfahren hatten, mussten sie – aufgerüttelt durch Lehrer, ältere Geschwister oder neuere Dokus – feststellen, dass ein Großteil dieser Wunder bereits verschwunden und der Rest dem Untergang geweiht sein würde, bevor sie ihren dreißigsten Geburtstag feiern würden.

Doch nicht nur, was sie über den Klimawandel gelernt hatten, bewog diese jungen Leute dazu, massenhaft dem Unterricht fernzubleiben. Sehr viele von ihnen erfuhren ihn bereits am eigenen Leib.

Vor dem Parlamentsgebäude im südafrikanischen Kapstadt riefen Hunderte junge Streikende ihre gewählten Politiker in Sprechchören dazu auf, keine neuen Vorhaben mehr zu genehmigen, bei denen fossile Energieträger zum Einsatz kämen. Erst ein Jahr zuvor hatte sich die Stadt mit vier Millionen Einwohnern im Griff einer so schweren Dürre befunden, dass die Wasserversorgung bei drei Vierteln der Bewohner zusammenzubrechen drohte. »Kapstadt nähert sich der ›Stunde null‹ nach der Dürre«, lautete eine typische Schlagzeile. Der Klimawandel war für diese jungen Menschen nicht etwas, worüber sie in Büchern lasen oder was sie in ferner Zukunft zu befürchten hatten. Er war so gegenwärtig und akut wie der Durst nach Wasser selbst.

Dasselbe galt für den Klimastreik auf der Pazifikinsel Vanuatu, wo die Bewohner in der ständigen Angst vor weiteren Küstenerosionen leben. Der benachbarte Inselstaat, die Salomonen, hatte bereits fünf kleine Inseln an das steigende Wasser verloren, und sechs weitere drohten für immer unterzugehen.

»Hebt eure Stimme, nicht den Meeresspiegel!«, skandierten die Schüler.

In New York kamen 10000 junge Menschen aus Dutzenden Schulen am Columbus Circle zusammen und marschierten mit dem Ruf »Geld zählt nicht mehr, wenn wir tot sind!« zum Trump Tower. Die Teenager unter ihnen hatten noch lebhafte Erinnerungen an den Tag im Jahr 2012, als der Supersturm Sandy in ihrer Küstenstadt gewütet hatte. »Mein Haus stand unter Wasser, und ich war total bestürzt«, erinnerte sich Sandra Rogers. »Das hat mich dazu gebracht, der Sache nachzugehen, weil man in der Schule nichts darüber erfährt.«

Die große puertoricanische Gemeinde von New York war an diesem unverschämt heißen Tag ebenfalls in großer Zahl vertreten. Manche Schüler hatten sich die Flagge des Inselstaats um die Schulter gelegt, um an die Verwandten und Freunde zu erinnern, die immer noch unter den Nachwehen des Hurrikans Maria litten, der 2017 in großen Teilen des Landes für fast ein Jahr die Strom- und Wasserversorgung lahmgelegt hatte – ein totaler Zusammenbruch der Infrastruktur, der etwa dreitausend Menschen das Leben ge- kostet hatte.

Auch in San Francisco brodelte die Stimmung. Hier trafen sich mehr als tausend Schüler, die aufgrund von Schadstoffen aus den benachbarten Industriebetrieben unter chronischem Asthma litten. Ihr Leiden hatte sich noch verschlimmert, als wenige Monate zuvor der Rauch eines großen Waldbrands in die Bay Area gewabert war. Ähnliche Klagen erhoben Streikende im gesamten Pazifischen Nordwesten, wo Waldbrände nie gesehenen Ausmaßes zwei Sommer hintereinander die Sonnenstrahlen abgeblockt hatten. Auf der anderen Seite der Grenze, in Vancouver, hatten junge Menschen bereits die Ausrufung des Notstands durch den Stadtrat erreicht.

Im 11000 Kilometer entfernten Delhi trotzten streikende Schüler der allgegenwärtigen Luftverschmutzung (die häufig weltweit Rekorde bricht) und riefen durch ihre weißen Mundschutzmasken hindurch: »Ihr habt unsere Zukunft verkauft, nur wegen des Profits!« In Interviews sprachen manche von den verheerenden Überschwemmungen in Kerala, bei denen 2018 über vierhundert Menschen ums Leben gekommen waren.

Der vom Kohlenstaub offenbar benebelte australische Industrieminister erklärte: »Das Beste, was man von dem Protest lernen kann, ist, wie man arbeitslos wird.« Doch unbeeindruckt davon strömten 150000 junge Leute auf die Plätze von Sydney, Melbourne, Brisbane, Adelaide und anderen Städten.

In Australien ist die junge Generation zu dem Schluss gekommen, dass sie einfach nicht mehr so tun kann, als wäre alles normal. Nicht mehr, seit Anfang 2019 in der südaustralischen Stadt Port Augusta die Temperaturen auf sagenhafte 49,5 Grad Celsius gestiegen waren. Nicht, nachdem die Hälfte des Great Barrier Reef, der weltweit größten natürlichen Struktur aus Lebewesen, zu einem verrottenden Massengrab unter Wasser geworden war. Nicht, nachdem sie in den Wochen unmittelbar vor dem Streik hatten mit ansehen müssen, wie sich im Bundesstaat Victoria mehrere Buschbrände zu einem massiven Großfeuer ausgewachsen und Tausende Bewohner gezwungen hatten, aus ihren Häusern zu fliehen. Nicht, nachdem in Tasmanien Wildfeuer Primärwälder zerstört hatten, deren Ökosysteme weltweit kein zweites Mal existierten. Nicht, nachdem im Januar 2019 extreme Temperaturschwankungen und Misswirtschaft bei der Wasserversorgung dazu geführt hatten, dass das ganze Land zu den Morgennachrichten apokalyptische Bilder des Darling River serviert bekam, der von schwimmenden Fischkadavern verstopft wurde.

»Ihr habt uns alle furchtbar im Stich gelassen«, sagte die fünfzehnjährige Organisatorin des Streiks, Nosrat Fareha, und meinte damit die gesamte politische Klasse. »Wir haben etwas Besseres verdient. Junge Leute, die nicht einmal wählen dürfen, werden mit den Folgen eurer Tatenlosigkeit leben müssen.«

In Mosambik beteiligte sich unterdessen niemand am internationalen Schülerstreik. Vielmehr bereitete sich das ganze Land auf den Zyklon Idai vor, einen der schlimmsten Stürme in der Geschichte Afrikas, der Menschen auf Bäumen Zuflucht suchen ließ, während das Wasser immer weiter anstieg und schließlich über tausend Menschen in den Tod riss. Nur sechs Wochen später, während die Bevölkerung noch mit Aufräumarbeiten beschäftigt war, wurde Mosambik vom Zyklon Kenneth heimgesucht, einem weiteren rekordverdächtigen Sturm.

Diese Generation hat, wo immer man in der Welt hinschaut, eins gemeinsam: Sie ist die erste, für die der Zusammenbruch des Klimas in weltweiter Dimension keine ferne Bedrohung mehr ist, sondern erlebte Wirklichkeit. Und nicht nur an ein paar Brennpunkten, die besonderes Pech haben, sondern auf jedem einzelnen Kontinent, wobei nahezu alles bedeutend schneller aus den Fugen gerät, als es die meisten wissenschaftlichen Modelle vermuten ließen.

Die Meere erwärmen sich um 40 Prozent schneller, als die Vereinten Nationen noch vor fünf Jahren vorausgesagt haben. Und eine umfassende, 2019 in der Zeitschrift Environmental Research Letters veröffentlichte Studie unter Leitung des Glaziologen Jason Box zum Zustand der Arktis zeigt, dass Eis in verschiedenen Formen so rapide abschmilzt, dass sich das »biophysikalische System der Arktis inzwischen deutlich von seinem Zustand, wie er im 20.Jahrhundert herrschte, zu einem nie dagewesenen hinbewegt, mit Folgen nicht nur in der Arktis selbst, sondern auch über ihre Grenzen hinaus«. Im Mai 2019 veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat IPBES (United Nations Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) einen Bericht über den alarmierenden Verlust von Wildtieren und warnte, dass eine Million Tier- und Pflanzenspezies auszusterben drohen. »Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und alle anderen Arten abhängig sind, nimmt rascher ab als je zuvor«, erklärte der Vorsitzende des Rates Robert Watson. »Wir höhlen weltweit die Grundlagen der Volkswirtschaften, unserer Erwerbsquellen, der Nahrungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität aus. Wir haben schon genug Zeit verloren. Jetzt müssen wir handeln.«

Und so fiel bei vielen der Schüler, die schon im Kindergarten gelernt hatten, wie man im Fall eines Amoklaufs in Deckung geht, der Unterricht wegen des Rauchs von Flächenbränden aus, oder sie mussten angesichts eines heranrollenden Hurrikans ihre Taschen für eine Evakuierung packen. In Guatemala wurden zahlreiche Kinder gezwungen, ihre Heimat für immer zu verlassen, weil eine anhaltende Dürre die Existenzgrundlage ihrer Eltern zerstört hatte, und in Syrien war jahrelange Dürre einer der Gründe für den Ausbruch des Bürgerkriegs.

Es ist inzwischen dreißig Jahre her, dass Regierungsvertreter und Wissenschaftler erstmals zu offiziellen Treffen zusammenkamen und über die notwendige Reduzierung von Treibhausgasemissionen sprachen, um einen Zusammenbruch des Klimas zu verhindern. Seither hören wir immer wieder Appelle, zu handeln, in denen von »den Kindern«, »den Enkeln« und »den nächsten Generationen« die Rede ist. Man sagt uns, wir seien es ihnen schuldig, rasch Maßnahmen zu ergreifen und Veränderungen vorzunehmen. Man warnt uns, bei unserer heiligsten Aufgabe, dem Schutz dieser Kinder, nicht zu versagen. Und man droht uns, jene Kinder würden uns scharf verurteilen, wenn wir nicht in ihrem Sinne handelten.

Doch keiner dieser emotionalen Appelle konnte überzeugen, jedenfalls nicht die Politiker und ihre Hintermänner aus der Wirtschaft, die mutige Schritte hätten unternehmen können, um die Klimakrise zu stoppen, die wir alle heute erleben. Im Gegenteil, seit Beginn jener Gespräche auf Regierungsebene im Jahr 1988 haben die weltweiten CO2-Emissionen um gut 40 Prozent zugenommen, Tendenz steigend. Seit wir Kohle auf industriellem Niveau verbrennen, hat sich der Planet um etwa ein Grad erwärmt, und die Durchschnittstemperaturen werden bis zum Ende des Jahrhunderts vermutlich um weitere vier Grad steigen. Das letzte Mal, dass sich eine solche Menge Kohlendioxid in der Atmosphäre befand, gab es noch keine Menschen auf diesem Planeten.

Und die Kinder, Enkelkinder und Generationen, die so häufig heraufbeschworen werden? Sie sind nicht mehr nur Gegenstand von emotionalen Reden. Sie sprechen (schreien und streiken) jetzt für sich selbst. Und sie machen füreinander den Mund auf als Teil einer wachsenden internationalen Bewegung von Kindern und als Teil einer Schöpfung, zu der all jene erstaunlichen Tiere und Naturwunder gehören, in die sie sich so spontan verliebt hatten, nur um festzustellen, dass sie alle dem Untergang geweiht sind.

Und ja, wie vorhergesagt sind diese Kinder im Begriff, ihr moralisches Verdikt über die Menschen und Institutionen zu sprechen, die genau darüber Bescheid wussten, was für eine gefährliche, ausgelaugte Welt sie hinterlassen würden, und dennoch nicht gehandelt haben.

Sie wissen, was sie von Donald Trump in den Vereinigten Staaten, von Jair Bolsonaro in Brasilien und Scott Morrison in Australien und von all den anderen Mächtigen zu halten haben, die trotzig und freudig den Planeten in Brand setzen und gleichzeitig die elementarsten wissenschaftlichen Erkenntnisse bestreiten, die bereits die Achtjährigen unter diesen Kindern mühelos verstehen. Ebenso vernichtend ist das Urteil dieser jungen Menschen über die Politiker, die leidenschaftliche und bewegende Reden über die zwingende Notwendigkeit halten, das Pariser Klimaabkommen zu respektieren und »den Planeten wieder groß zu machen« (Emmanuel Macron, der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau, Angela Merkel und viele andere), dann aber die Fossil- und Agrobusiness-Riesen mit Subventionen, Zuwendungen und Lizenzen überschütten, die den ökologischen Zusammenbruch anheizen.

Junge Menschen auf der ganzen Welt dringen zum Kern der Klimakrise vor, sprechen von einer tiefen Sehnsucht nach einer Zukunft, die sie zu haben glaubten, die aber mit jedem Tag mehr dahinschwindet, an dem die Erwachsenen angesichts des Ernstfalls, in dem wir uns befinden, tatenlos abwarten.

Darin besteht die Kraft der jugendlichen Klimabewegung. Im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, die an den Hebeln der Macht sitzen, haben sie noch nicht gelernt, die unvorstellbaren Gefahren unserer Zeit mit bürokratischen Floskeln und unnötig komplizierten Phrasen zu verschleiern. Sie begreifen, dass sie für das fundamentale Recht kämpfen, ein erfülltes Leben zu führen – ein Leben, in dem sie nicht, wie die dreizehnjährige Streikende Alexandria Villaseñor sagt, »vor Katastrophen davonlaufen müssen«.

An jenem Tag im März 2019 fanden laut Schätzung der Organisatoren etwa 2100 Klimastreiks von Jugendlichen in 125 Ländern mit insgesamt 1,6 Millionen Teilnehmern statt. Das ist schon eine enorme Leistung für eine Bewegung, die erst acht Monate zuvor mit einem einzigen fünfzehnjährigen Mädchen in Stockholm ihren Anfang genommen hatte.

[...]

14:17 07.11.2019

Buch der Woche: Weitere Artikel


Geist und Aktion

Geist und Aktion

Biographie Naomi Klein, Jahrgang 1970, ist eine der renommiertesten Intellektuellen unserer Zeit. Die kanadische Journalistin feierte ihren Durchbruch 2000 mit dem internationalen Bestseller "No Logo!"
Theorie und Praxis

Theorie und Praxis

Einblicke Um unserer Gegenwart der Krise(n) etwas Substantielles entgegensetzen zu können, müssen die bestehenden Systeme und Strukturen radikal überdacht werden. Versuch einer Sammlung zum Thema
Neue Visionen

Neue Visionen

Netzschau Rezensionen und Stimmen aus dem Netz: "Hier ist das wegweisende und überaus optimistische Buch, ein solches gesellschaftliches Bündnis zur Durchsetzung eines Green New Deal zu beflügeln."

The Green New Deal, explained

Video The Green New Deal is an ambitious plan to fight the effects of climate change. It’s the only American plan that actually acknowledges the size of the impending crisis. And it contains some difficult truths


Lösung für die Klima-Erwärmung?

Video Alexandria Ocasio-Cortez bringt in den USA den Green New Deal ins Gespräch. Wer sie überhaupt ist und wieso der Green New Deal eine Lösung für die Klima-Erwärmung sein könnte


Naomi Klein: The Case for a Green New Deal

Video Naomi Klein joins Steve Paikin to discuss her new book, in which she makes the case for why a Green New Deal is a necessary framework for tackling climate collapse and economic inequality


Naomi Klein on the Case for a Green New Deal

Video Essentially, what the Green New Deal is saying: If we’re going to do all that, why wouldn’t we tackle all of these systemic economic and social crises at the same time?