Große Aufgabe

Leseprobe "Das Buch als Ganzes spiegelt meine Überzeugung wider, dass sich der Holocaust genau wie jede andere menschliche Erfahrung erklären lässt, auch wenn das nicht einfach ist."
Große Aufgabe

Foto: Janek Skarzynski/AFP/Getty Images

Einführung

Warum noch ein Buch über den Holocaust?

Siebzig Jahre nach seinem Ende entzieht sich der Holocaust immer noch unserem Verständnis. Trotz (oder vielleicht wegen) der Produktion von rund 16000 Büchern, die die Library of Congress unter diesem Schlagwort verzeichnet, trotz immer neuer Museen und Gedenkstätten, trotz jährlich neuer Filme zu dem Thema und trotz einer Vielzahl von Bildungsprogrammen und Kursen fehlt offenbar immer noch eine kohärente Erklärung, warum im 20. Jahrhundert eine so schreckliche Schlächterei im Herzen des zivilisierten Europas möglich war. So lauten die vielleicht am häufigsten im Zusammenhang mit dem Holocaust verwendeten Adjektive denn auch »unvorstellbar«, »unverständlich« und »unerklärlich«. Diese Begriffe zeugen von einem Reflex, sich zu distanzieren, einem beinahe instinktiven Rückzug in Selbstverteidigung. Zu sagen, man könne den Holocaust erklären, erscheint gleichbedeutend mit seiner Verharmlosung. Wer bekennt, dass er ihn nicht begreifen kann, bekundet seine Unschuld – seine oder ihre Unfähigkeit, sich so etwas Schreckliches vorzustellen, geschweige denn, etwas Derartiges zu tun. Insofern ist es kein Wunder, dass Verständnislosigkeit die übliche Haltung angesichts der Monstrosität des Holocaust ist, auch wenn sie es verhindert, aus dem Thema zu lernen.

Selbstschutz ist jedoch nicht der einzige Grund, warum es den Menschen immer noch schwerfällt, den Holocaust verstandesmäßig zu begreifen. Ein weiterer Grund ist die Komplexität der Aufgabe. Den Holocaust zu verstehen erfordert, zahlreiche mit ihm verbundene Rätsel zu lösen. Seit fast drei Jahrzehnten unterrichte ich amerikanische Studenten zu dem Thema, und in der Zeit habe ich viele Vorträge vor wissenschaftlichem und allgemeinem Publikum gehalten. Dabei bin ich zu der Einsicht gelangt, dass Menschen, die sich mit dem Thema herumschlagen, acht zentrale Fragen besonders schwierig finden. Manche betreffen Taten, andere betreffen Versäumnisse, und wieder andere betreffen beides. Alle erfordern eine Klärung, die berücksichtigt, dass sie miteinander verflochten sind, bevor man die Katastrophe verstehen und darüber Rechenschaft ablegen kann. Jedes Kapitel dieses Buchs untersucht eines dieser acht zentralen Themen, die in Form einer Frage angeschnitten werden. Das Buch als Ganzes spiegelt meine Überzeugung wider, dass sich der Holocaust genau wie jede andere menschliche Erfahrung erklären lässt, auch wenn das nicht einfach ist.

Bei der Beantwortung dieser Fragen bringe ich ein Fachwissen ein, das bei Holocaust-Forschern eher ungewöhnlich ist. Ich bin gelernter Wirtschaftshistoriker. Das heißt nicht, dass ich primär materielle Gründe für den Mord sehe (tatsächlich sage ich, dass die materiellen Gründe gegenüber den ideologischen Motiven zweitrangig waren). Aber mein Hintergrund sensibilisiert mich für Zahlen und ihre Bedeutung, und ich nutze oft die Erklärungskraft von Zahlen. Ein weiteres Merkmal meiner Darstellung sind ihre dialektischen Ursprünge. Dieses Buch soll nicht eine These des Autors belegen, es ist vielmehr die Frucht eines Prozesses von Geben und Nehmen über viele Jahre des Lehrens und Vortragens hinweg, in denen ich gelernt habe, welche Aspekte des Themas die Menschen besonders dringlich geklärt haben wollen und warum. Deshalb habe ich mich bei meiner Lektüre und meinem Nachdenken darauf konzentriert, die verlässlichsten Quellen zu identifizieren, die die Forschung zu bieten hat, und mich dann bemüht, dieses Wissen möglichst gut zugänglich zu machen und möglichst einprägsam zu vermitteln.

Neben dem Wunsch, Erklärungen zu geben, verfolgt dieses Buch noch ein weiteres Ziel: Es will die Wahrheit erzählen. Der verstorbene Historiker Tony Judt hat geschrieben: »Da es uns unmöglich ist, das Verbrechen [den Holocaust] zu erinnern, wie es wirklich war, laufen wir zwangsläufig Gefahr, es zu erinnern, wie es nicht war.« Rund um das Thema sind zahlreiche Mythen entstanden. Manche sollen uns trösten, dass alles hätte ganz anders kommen können, wenn nur eine Person oder Institution tapferer oder klüger gehandelt hätte. Andere sollen bevorzugten oder überraschenden Tätern oder sogar Historikern neue Schuld aufladen. Dieses Buch zerstört viele Legenden – von der Vorstellung, der Antisemitismus habe Adolf Hitler in Deutschland an die Macht gebracht, bis zu der Überzeugung, viele Haupttäter seien nach dem Holocaust der Bestrafung entgangen. Im letzten Kapitel werden die verbreitetsten Mythen vorgestellt und entlarvt, einschließlich der immer wieder laut vorgetragenen Behauptung, der Holocaust habe gar nicht stattgefunden.

Das Buch spannt folgenden Argumentationsbogen: Der Holocaust war das Produkt einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Orts, nämlich Europas unmittelbar nach der industriellen Revolution, den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs und der bolschewistischen Revolution. Vor diesem Hintergrund wurde aus einer alten Feindseligkeit gegen die Juden und das Judentum, die tief in einer religiösen Rivalität wurzelte und in der Begrifflichkeit der modernen Wissenschaft aktualisiert wurde, ein an Besessenheit grenzender Aberglaube, dem zufolge die Juden zur magischen Lösung aller sozialen Probleme aus der Zivilgesellschaft eliminiert werden müssten. Die Verwerfungslinien der Umbrüche brachten diese Überzeugung in den 1930er Jahren in Deutschland an die Macht, aber die Ermordung der Juden Europas war weder von der deutschen Geschichte vorprogrammiert noch ein ausschließlich deutsches Projekt. Das Massaker nahm unter spezifischen politischen und militärischen Bedingungen Gestalt an und verschärfte sich zum Teil deswegen, weil es zu den Zielen vieler anderer Europäer passte, zumindest während der kurzen extremen Phase, als der größte Teil des Mordens geschah. Die Opfer der Schlächterei waren weitgehend machtlos, und die Zuschauer hatten mit ihren eigenen, für sie drängenderen Sorgen zu kämpfen. Die Falle, die während der NS-Zeit rund um die europäischen Juden zuschnappte, schloss sich so fest, dass nur einer Minderheit die Flucht gelang, meistens nur knapp und in letzter Sekunde. Danach zögerte die Mehrheit der Länder des alten Kontinents anzuerkennen, woran sie mitgewirkt hatten, aber sie errichteten auch zahlreiche Barrieren, damit sich so etwas nicht wiederholen kann. Heute, siebzig Jahre später, stehen diese Barrieren unter Druck.

Mittlerweile kann fast niemand mehr mit dem Tempo der Holocaust-Forschung mithalten und neue Erkenntnisse in eine allgemeine Interpretation einfügen. Überholte Vorstellungen bestehen fort, während zugleich neue irreführende sich festgesetzt haben. Deshalb brauchen Menschen, die sich für das Thema interessieren, eine gründliche Bestandsaufnahme, die direkt darauf abzielt, die zentralen und anhaltenden Fragen zu beantworten, warum und wie sich das Massaker an den europäischen Juden entfaltete. Genau dies bietet das vorliegende Buch.

14:51 14.09.2017

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