Gestern und Heute

Leseprobe "Anders als Wörter wie 'Kaiser' oder 'Proletariat' zeigt das Wort 'Revolution' nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Auf ungewisse Zeiten, die noch kommen werden."
Gestern und Heute
Foto: Hulton Archive/Getty Images

Vorwort

Vor 100 Jahren, im Jahr 1917, siegte die russische Oktoberrevolution.

Die Revolution! Ein großes Wort. Es hat seine Anziehungskraft nicht verloren. Es gehört zu den meistbenutzten politischen Begriffen. Im Sommer 2016 hat es gar ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat zu seinem Schlüsselwort gemacht, und zwar allen Ernstes: der US-Senator Bernie Sanders, mit 75 Jahren, umjubelt von jungen Leuten.

Anders als Wörter wie »Kaiser« oder »Proletariat« zeigt das Wort »Revolution« nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Auf ungewisse, womöglich turbulente Zeiten, die noch kommen werden.

Ist das jetzt Optimismus oder Pessimismus? Es ist Realismus. Die Revolution ist schon so oft für tot erklärt worden, dass man mit ihrem Weiterleben rechnen sollte.

Revolutionen sind erhabene Ereignisse. Menschenmassen ziehen durch die Straßen, füllen Plätze, stürmen Gebäude, stürzen Machthaber, machen Geschichte. Das ist noch keine Definition, sondern nur eine Beschreibung, die aber auf einen Wesenszug hinweist: Revolutionen sind Gefühlsereignisse (weshalb dieses Buch auch ein emotionales Buch ist). Die revolutionären Massen empfinden Hass und Liebe zugleich. Und je größer der Widerstand gegen die Revolution, desto tiefer empfinden die Revolutionäre Hass und Liebe. In Revolutionen bewegen sich nicht nur die Gedanken, sondern auch die Körper, deswegen sind, ja deswegen müssen sie emotional sein. Sie sind konkret und nicht abstrakt. »Strukturen gehen nicht auf die Straße«, lautete ein geflügeltes Wort der Rebellen im Pariser Mai 1968, ein anderes: »Revolutionen sind Feste oder sie sind nicht«.

Die anstürmende Revolution ist ein Gefühlserlebnis, ihr Scheitern ist es allerdings auch. Wie der »arabische Frühling«. Weitere Wechselbäder von Euphorie und Depression stehen bevor, da bin ich mir sicher. Erst Enthusiasmus, dann Katzenjammer. Zwei sehr unterschiedliche Emotionen, nicht nur wegen des positiven und des negativen Gehalts, sondern weil die Begeisterung stets ein kurzlebigeres und intensiveres Gefühl ist als die Enttäuschung. Begeisterung reißt mit, Enttäuschung zieht herab.

Berühmt geworden sind die Worte, mit denen Georg Wilhelm Friedrich Hegel die Wirkungen der Französischen Revolution von 1789 auf die Gemüter der Zeitgenossen beschrieb: »Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen.« Danach landeten die Schwärmer wieder auf der Erde.

Diese emotionale Eigenschaft von Revolutionen hat eine weitreichende Folge: Sie bleiben lebendig. Romane, Gedichte, Lieder, Bilder, Filme geben die Gefühlserlebnisse über Generationen weiter, mehr noch, diese hochemotionalen Erlebnisse werden wiederholt, aktualisiert, noch einmal empfunden.

Revolutionen sind Gemeinschaftserlebnisse. Gemeinschaftliche Befreiungsakte und, leider, oft auch gemeinschaftlich begangene Grausamkeiten.

Ihre Schönheit: Das ist der dramatische Moment der Befreiung. Der Sozialphilosoph Herbert Marcuse, Vaterfigur rebellierender Studenten, schrieb im Jahr 1969 in seinem »Versuch über die Befreiung«, sie sei »nur als die Weise denkbar, in der freie Menschen (oder vielmehr Menschen, die praktisch dabei sind, sich selbst zu befreien) ihr Leben solidarisch gestalten und eine Welt aufbauen, in welcher der Kampf ums Dasein seine häßlichen und aggressiven Züge verliert«.

Eine umfassende Transformation der Gefühle. An die Stelle individuell empfundener Verzweiflung tritt das Erleben gemeinschaftlicher Stärke; »alle kämpfenden Kollektive kennen diesen Moment der katastrophischen Erregung, des intensiven Glücks, mag es auch vergänglich sein, das der Entdeckung der eigenen Kraft nachfolgt, einer Kraft, derer man sich zuvor nicht fähig fühlte«, schreibt ein anderer Sozialphilosoph: Frédéric Lordon, einer der intellektuellen Wortführer der französischen Alternativbewegung »nuit debout«.

So schön die Befreiung, so schrecklich die Gewalt. Revolutionäre Massen können im Nu zu Täterkollektiven werden, die gemeinschaftlich zu Handlungen fähig sind, die ein Einzelner niemals verüben würde. Die Anwesenheit der anderen Wütenden senkt den Rechtfertigungsaufwand für Gewalttaten.

Man höre genau hin bei den Revolutionsliedern, die bis heute gesungen werden: Viele von ihnen singen das Lob der Lynchjustiz. »Die Aristokraten an die Laterne!«, heißt es im Sansculottenchanson »Ça ira«, und Hanns Eisler vertonte den »Roten Wedding«, den der Dichter Erich Weinert mit folgendem Text versah:

»Hier wird nicht gemeckert, hier gibt es Dampf,

denn unsre Parole heißt Klassenkampf,

nach blutiger Melodie!«

Nach blutiger Melodie also. Sagen wir es so: Wäre die Welt so beschaffen, dass sie Revolutionen überflüssig machte, sie wäre glücklicher. Doch sie ist schreiend ungerecht.

Und das Unrecht ist sichtbarer als je zuvor, nicht nur das, seine Darstellung wird auf erschütternde Weise bildlicher. Erst kam die Druckerpresse, dann das Radio, das Fernsehen, und heute erzeugt das Internet das Bild der Welt: Die Medien werden heißer, um einen Begriff des kanadischen Medientheoretikers Marshall McLuhan (1911 – 1980) zu verwenden, sie werden emotionaler, schneller, erregender. Sie gehen unter die Haut.

Revolutionen kämpfen um die Körper und um die Sprache, sie sind kommunikative Ereignisse. Die Machthaber ebenso wie die Rebellen organisieren und verabreden sich, verbreiten praktische Informationen sowie Aufrufe und Ideen, stören die Kanäle der anderen Seite. Zu den traditionellen taktischen Zielen eines Aufstandes gehören Rundfunk- und Fernsehstationen. Dieser mediale Wesenszug der Revolution wird durch das mobile Internet noch radikalisiert, wie sich während des sogenannten arabischen Frühlings erwies. Zwar scheiterte dieser beinahe überall (bis auf Wiedervorlage), es bleibt aber dennoch richtig, dass die digitale Technologie wegen ihrer Internationalität, Flexibilität und ihres Massencharakters den sich erhebenden Völkern letztlich mehr als ihren Unterdrückern nützt.

Wir werden das noch etliche Male erleben. Zwei tektonische Platten, die eine heißt Möglichkeit und die andere Wirklichkeit, reiben sich im Untergrund unserer Welt aneinander, bauen eine tellurische Spannung auf. In welchen Formen wird sie sich entladen?

Die Zeit der Erhebungen, Rebellionen, Aufstände und Revolutionen ist jedenfalls nicht vorüber. Sosehr dieses Buch daher auf vergangene Revolutionen zurückblickt, soll es doch auch das Potenzial zukünftiger Erschütterungen erahnen lassen.

12:41 23.03.2017

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