Weltsicht und Varianz

Leseprobe "Selbst deine Idole helfen dir jetzt nicht. Dein Foucault, dein Deleuze, dein Bernhard – die Büchertürme schweigen. Keiner schreibt, keiner denkt, nur dein Herz schlägt. Und ich bin ein undankbares Publikum."

Am Ende geht es um den Moment. Wie das Mondlicht durch die Ritze der Jalousie auf den Parkettfußboden fällt. Wie das Auto unten vorbeifährt. Wie still es wieder wird. Du atmest. Ich sitze an deinem Bett. Ich trage die Farbe, die dir an mir so gut gefällt, das mittelgraue Anthrazit. Ich könnte Musik anmachen, ich könnte gehen. Meinen Mantel anziehen, raus, nach Hause, ein paar Stunden nicht an dich denken, einschlafen und dann morgen anrufen und sehen, ob du die Kurve gekriegt hast. Auch jetzt wäre es nur ein Telefonat – du musst es nur sagen, dann rufe ich einen Notarzt. Aber darüber haben wir nie gesprochen.

Notfälle kamen in deiner Welt nie vor. Die Lichtstreifen auf dem Boden sehen aus wie leere Notenblätter. In der Küche summt der Kühlschrank. Über deinem Bett hängt das Bild von Arvo Pärt, in seiner Musik ist es auch oft so leise und aufgeräumt wie hier. Einmal hab ich dich erwischt, wie du auf einem Fensterputztuch im Wohnzimmer herumgerutscht bist, um den gewischten Boden nicht wieder schmutzig zu machen. Du hast niedlich ausgesehen, wie eine kreuzlahme Ente. Und ich musste an Mama denken, von der ich dir nie erzählt habe. Sie hatte früher vom vielen Marmorfußbodenpolieren kleine Hornknubbel an den Knien, die man durch ihre Nylons sah. Ich könnte dir von den Haldol-Patienten erzählen, die wie Zombies durch schmuddelige Aufenthaltsräume schlurften, in denen immer der Fernseher lief – ohne Ton. Ich könnte dir vom Neonlicht erzählen. Vom Staub auf den Büchern und den lila Veilchen in den Beeten im Park vor der Klinik. Von Mamas leerem Gesicht. Von ihrem geblümten Nachthemd. Sie war mit dicken, grauen Schlaufen ans Bett gebunden.

Eine Geschlossene käme für dich nicht in Frage. Das würdest du mir nie verzeihen. Du würdest wahnsinnig werden. Mama hat die Sache mit Papa nicht verkraftet, und die Sache mit Papa habe ich dir nie erzählt, weil es dich immer so aufgeregt hat, wenn etwas nicht perfekt war, nicht fröhlich, nicht heiter oder leicht. Deine Stirn glänzt, deine Hand ist klamm. Ich zähle die Schläge unter deiner Haut. Eins, zwei, drei. Leider weiß ich nicht, wie man den Puls misst. Ich bekomme Angst, wenn einer was fühlt, hast du einmal gesagt. Und doch waren sie immer hier, die Gefühle, wie herrenlose Hunde sind sie uns nachgelaufen, aber du sagtest: Man muss sachlich sein, sonst ist man wie ein Tier. Traurig sahst du aus, als du meintest, du bräuchtest deine Befreiungsschläge, so nennst du es, wenn du jemandem etwas Gemeines sagst. Zum Teufel mit deiner Bildung. Zur Hölle mit deinem Heraklit! Krieg ist der Vater aller Dinge? Du liegst hier und atmest. Das ist Kämpfen? In deiner Welt kämpfen die Leute um Anerkennung, um Positionen, um Macht. Deine Waffen sind dein Verstand und die Schwächen der anderen. Das ist kein Kämpfen, das ist ein Kindergarten. Kämpfen ist etwas anderes. Es ist etwas Leises.

Es gibt da eine Frau, sie leidet seit Jahren unter Depressionen. Jeden Morgen, wenn sie aufsteht, spürt sie ein Gewicht, das man nicht wiegen kann, denn es ist unsichtbar. Jede wache Sekunde versucht sie, an etwas nicht zu denken, weil man es nicht denken kann. Sie lebt mit Knochenschmerzen und mit einem dichten Nebel, der sich über ihre Gedanken legt, und die meiste Zeit ist sie allein. Sie wartet. Darauf, dass sich etwas ändert, dass etwas geschieht, vielleicht sogar darauf, dass sie stirbt, aber sie bringt sich nicht um. Sie bleibt am Leben, wenngleich es ihr nichts mehr bedeutet. Hast du solche Depressionen? Weißt du überhaupt, wie schwer das ist, wenn man wirklich kämpfen muss? Gegen alles? Für nichts? Für dich war heute Morgen doch alles in Ordnung. Du hattest dich angezogen, die Sonne schien, wir saßen beim Frühstück. Dein Gehirn muss etwas gedacht haben, es ist zu einem Ergebnis gekommen, und das hast du mir mitgeteilt: Aus. Du warst freundlich. Ich hatte sogar das Gefühl, es machte dir gute Laune, dieses »Aus«. Und dann? Wie ging es für dich weiter? Hat dich dein Scheißheraklit am Ende in dieses Bett gebracht? Wieso?

Oder tobt jetzt doch ein Krieg in dir, und nur ich bekomme ihn nicht mit, weil mir der Einblick fehlt, weil ich ein bestimmtes Buch nicht gelesen oder falsch verstanden habe. Weil ich dich falsch verstanden habe? Weil ich nicht sachlich bin? Aber du bist doch derjenige, der jetzt nicht bei sich ist. Fast ohnmächtig. Nur noch da. Sag mir: Was ist man, wenn man nur noch da ist? Am Ende? Gelangweilt? Oder ist das hier etwa ironisch gemeint? Ein Notarzt wäre jetzt das Sachlichste, was dir passieren könnte. Er würde Blutdruck messen, deinen Magen auspumpen, eine Infusion setzen, und wenn du Pech hast, weist er dich ins nächste Landeskrankenhaus ein. Auf A folgt B folgt C. Hast du das nicht zu Ende gedacht? Oder wolltest du nur endlich auch mal wissen, wie das ist, wenn man sich fallenlässt? Mann, Ludwig. Du wolltest ihn immer vermeiden, den Moment der größtmöglichen Schwäche, und jetzt ist er da. Wenn du dich sehen könntest! Wie verletzlich du aussiehst, und wie schön. Deine Büchertürme bewachen dich. Draußen bellt ein Hund. Und du? Atmest.

Alles muss groß sein, weil wir klein sind, hast du gesagt, und dann haben wir deine Musik gehört. Deine Popmusik, über die du nicht müde wirst, große Worte zu verlieren. Die die Leute dann lesen und nicht verstehen, aber denken, wie schlau der doch ist. Aber die Erlösung ist keine Endlosschleife in einem Technolied. Hörst du nicht, was das im Grunde ist? Es sind gebrochene Akkorde. Warst du jemals auf einem Rave, ich meine nicht in der VIP-Lounge, wo deine Freunde mit den richtigen Turnschuhen stehen. Ich meine ein Fest, bei dem man irgendwann morgens um vier merkt, dass man die ganze Zeit im Matsch getanzt hat. Dass man seit Stunden nicht mehr auf die Uhr geguckt hat. Dass man aussieht wie jemand, der vergessen hat, wie er aussieht. Ein Rave, bei dem man die Sonne aufgehen sieht – ohne Sonnenbrille. Du tanzt nicht. Du stehst daneben und verschränkst deine Arme, und ab und zu nickst du anerkennend mit dem Kopf. Nein, Musik muss kein Techno sein, das sage ich nicht, ich sage nur: Den gleichen Sonnenaufgang kann ein Orchester in dir anrichten oder ein Mann, der auf der Straße singt. Aber das ist dir zu banal, zu kitschig, zu dumm. Du gehst auf Partys, weil man dich einlädt. Besuchst Konzerte, weil du eine Karte geschenkt bekommst. Gehst niemals irgendwohin, wo es nicht besonders ist. Lässt alles aus, worüber man hinterher nicht sprechen kann. An guten Tagen ist die Realität wie ein Kapitel aus einem Roman, den du schreibst. Du hast sie in der Hand: die Figuren, die Schauplätze, was die Leute sagen, was sie denken, und vor allem, was es zu bedeuten hat. Eine Katastrophe ist eine Frage der Dramaturgie, und ein Happy End ist was für Doofe. Abends sitzt du in Restaurants, verachtest die Leute, die sich mit dir unterhalten wollen, und schweigst – deine Klamotte ist das Statement, und wer das nicht kapiert, ist selbst schuld. Wo sind sie jetzt, deine schicken Schuhe, deine Hemden? Ist das hier etwa das Schlusskapitel? Ich dachte, du verachtest Dramen. Wolltest du nicht alle Theater in die Luft sprengen und die Schauspieler und Regisseure gleich mit? Es ist niemand hier, der mitspielt außer dir.

Selbst deine Idole helfen dir jetzt nicht. Dein Foucault, dein Deleuze, dein Bernhard – die Büchertürme schweigen. Keiner schreibt, keiner denkt, nur dein Herz schlägt. Und ich bin ein undankbares Publikum. Kannst du mich überhaupt hören? Dir wird schlecht, wenn du ein Liebeslied von den Stones hörst. Und wenn man dir von Leuten wie Brian Jones erzählt, von den Drogen, von ihrem Rock and Roll Circus, dann läufst du aufs Klo und kotzt. Du bist mit Absicht taub. Du lässt nicht viel rein, nur etwas raus. Aber für deinen Popdiskurs brauchst du mehr als ein Morsezeichen, du brauchst Mitwisser. Du brauchst Eingeschworene und Ausgegrenzte, natürlich muss das so sein, wo kämen wir auch hin, wenn alle mitmachen könnten, wir sind ja nicht bei den Hippies, die so weich sind, so milde und so widerlich nett. Aber dein Gerede über Pop gehorcht den gleichen Regeln wie das Geschwafel der Hippies oder das Getratsche auf dem Land. So wie im Dorf Bauer Tegtmeier und Schlachter Becker über das Auto vom Nachbarn oder die letzte Ernte reden, besprichst du mit deinen Auserwählten, was Tracy Emin gestern im Fischereihafen anhatte, und wer was wann in der Zeitung geschrieben hat. Die Leute hören dir dann zu, finden sich wieder in deinen Texten, auch wenn sie die vielen Fremdworte nicht verstehen, und alle fühlen sich zu Hause in den Filmen, in denen die Leute einsam sind: ratlos, sprachlos und immer umgeben von Krach und Stadt und Gestank. Und genauso, wie sich in jeder Gruppe immer ein paar Leute für was Besseres halten, weil sie meinen, sie wären hellsichtig oder besonders anständig, gibt es auch in deinem Zirkus eine Hackordnung. Du stehst oben. Auf die anderen siehst du herab. Sie sind das Fußvolk, das in Schallplattenfirmen arbeitet, bei Nachrichtenmagazinen, beim Fernsehen, im Marketing, irgendwo in den großen Ideen-Häckslern der Gegenwart. Sie halten den Laden am Laufen, aber sie sind nur Dienstleister, zu doof für eine Banklehre und zu faul für die Müllabfuhr, hast du gesagt. Die meisten können den Stift nicht halten, aber wollen was mit »Medien« machen. Sie haben die Neunziger um das Popkalb mit den tausend Mägen vertanzt und dabei viel verdient, nichts bewegt, nur wiederholt. Du sagtest, sie wären das Medienprekariat mit Ramones-T-Shirt, ohne Rentenversicherung – im Kern verhinderte Spießer.

Warum? Was unterscheidet dich von ihnen? Bist du kein spießiger Dienstleister, wenn du deine Texte an eine Zeitung verkaufst? Bist du ein besserer Mensch als der Promoter, der einen Waschzettel verfasst, nur weil in deinen Texten etwas steht, was eine kleine, exklusive Gruppe so sehr achtet? Oder siehst du dich insgeheim als Künstler? Hast du deswegen deine Geschichten gefälscht? Aber nein, du fälschst ja nicht. Du frisierst, das ist ein Unterschied. Oder ist das Ganze nur eine Form von Protest? Gegen was denn? Du nennst es »draufhauen«. Das merke eh keiner, und selbst wenn, wäre es dir scheißegal, denn dafür gibt es Anwälte. Du gehst in Deckung und bist ein Jahr später wieder da, in besserer Stellung mit höherem Gehalt. Nun ist es aber rausgekommen. Und so ganz egal kann es dir nicht gewesen sein, oder ich verstehe hier etwas nicht richtig. Ich erinnere mich an eine Nacht im Herbst, als du mich gefragt hast, ob ich für das ganz Große sterben würde. Ich lief neben dir her, wir spazierten an der Elbe entlang, du wie immer mit verschränkten Armen, ich wie immer schweigend neben dir. Ich habe eine Antwort. Nein, das würde ich nicht. Ich würde dafür leben. Jung sterben. Was soll das überhaupt? Ist das die ganz große Geste? Gott, was für eine Inszenierung. Das ist auch nicht groß. Es ist eine Zeile aus einem Popsong, den schon Kurt Cobain missbraucht hat: »It’s better to burn out, than to fade away«.

Künstler sterben nicht so wie Lieder klingen. Sie sterben an Kleinigkeiten, an Missgeschicken, am Alter, vor dem dir so graut. Weißt du, warum früher so viele bei Verkehrsunfällen draufgingen? Nicht, weil sie waghalsig Auto fuhren so wie James Dean. Es ist eine Frage der Statistik. Wer dauernd tourt, ist öfter unterwegs, damit steigt die Wahrscheinlichkeit eines Verkehrsunfalls. Einfach. Nicht groß. Was ist überhaupt groß? Das ganz Kleine hinkriegen ist schon schwer genug. Das muss man erst mal schaffen! So wie Little Jimmy Scott, den sie momentan alle verehren, selbst Madonna. Mit fünfzehn war er berühmt, dann wurde er ein Leben lang von miesen Managern über den Tisch gezogen, er wurde vergessen, er verarmte, und jetzt haben sie ihn wiederentdeckt, aber eben auch nicht alle, nur Madonna und ein paar Jazzmagazine. Und was macht er? Krank und alt und schlechtbezahlt singt er noch immer in winzigen Clubs, die nur dann voll sind, wenn sich ein Promi über ihn äußert. Aber wie der singt! Man möchte meinen, er hat nie aufgehört zu leuchten. Wie kannst du mit deinen einunddreißig Jahren behaupten, »in Würde altern ist unmöglich«. Wie kannst du sagen, Alter sei Versagen?

Ich hätte dir gern einmal mein Archiv gezeigt. Ich habe so viel über Popstars und ihre Todesursachen gesammelt, und ich rede jetzt nicht von Elvis, Jimi Hendrix oder Bon Scott, ich meine alle, auch die in den Nischen, gerade die. Ich habe mir Filme und Bilder angesehen, ihre Lieder untersucht, ich wollte wissen: Kann man den Tod hören? Ist er ein unsichtbarer Ton, eine Farbe in der Stimme, so wie beim Blues? Etwas, das man nicht messen, nur fühlen kann? Lorca hat das duende genannt. Das duende, sagte er, ist etwas, das nicht hier ist und nicht dort, es wohnt in den Nervenbahnen, ist eine Ahnung, eine Art Dämon. Wer das duende besaß, war mit schwarzem Wasser getauft. Little Jimmy Scott sang schon immer so. Aber warum? Wie konnte ein Dreizehnjähriger klingen, als wäre er bereits hundert Mal gestorben? Alle, die ihn früher bei Atlantic hörten, dachten, da singt eine alte, traurige Frau, und heute ist er selbst ein Opa, seine Züge sind filigran, sein Kopf so klein, er ist krank, aber du würdest sagen, er ist ein Verlierer.

Einmal lag ich neben einem Jazzmusiker auf dem Teppich. Ich musste da liegen, denn der Mann konnte nicht mehr stehen und auch nicht mehr sitzen und nur sehr leise flüstern. Er war um die vierzig und in seinen Kreisen berühmt. Du kennst ihn nicht, er war nie cool. Der Teppich war graublau, und neben unseren Köpfen ragten die alten Beine eines dunklen Holztisches auf. Von draußen kam Straßenlärm, Sirenen in der Ferne, ständiges Brummen, New York. Wir sprachen über seine Musik. Ich fragte ihn, ob er sterben wollte. Warum?, fragte er. Warum nicht?, fragte ich zurück. Dann fing er an zu weinen.

Dein Leben ist eine Erfolgsgeschichte ohne Tränen. Oder nicht? Was weiß ich schon über dich? Ich weiß, dass du eine Schwester hast. Dass ihr im Stuttgarter Westen aufgewachsen seid, in einer Altbauwohnung mit vielen Büchern, die du alle bereits mit dreizehn gelesen hattest, mit Eltern, die sich nie stritten. Dass dein Vater in deinen Erzählungen nie vorkam. Ich weiß, dass du ihr erstes Kind warst. Schlau, aber allein. Dass du schon früh in deiner eigenen Welt lebtest. Dass deine Eltern heute stolz auf dich sind, weil du so jung promoviert hast, und dass dich das nicht wundert, weil sie eben so bürgerlich sind, diese Leute, so schrecklich bürgerlich und aufgeräumt, so dass du immer genau wissen würdest, was dich Weihnachten erwartet. Was noch? Du sammelst alte Uhren, am liebsten hast du die Oyster Perpetual, oder war es die Daytona? Dein Lieblingsbuch ist »Vater und Söhne« von Turgenjew, dein Lieblingsfilm »Stalker«, aber du hast dauernd Szenen aus »Heat« und »Fight Club« zitiert. Nachts, wenn du nicht schlafen konntest, hast du die Fenster geputzt. Du hast immer im Wohnzimmer damit angefangen. Reicht das aus, um dich zu beschreiben? Nein. Kleiner müssten die Kleinigkeiten sein. Viel kleiner. Vom Hähnchen hast du immer zuerst die Haut gegessen und nie die Brust, die war dir zu langweilig. Und wenn du nervös bist, wackeln deine Finger. Bist du das? Bestehst du aus Hähnchenhaut und wackeligen Fingern?

Die ganze Zeit hast du immer und immer wieder versucht, mir zu erklären, wie ich das anstellen soll, das Gewinnen, das Starksein. Du hast gesagt, man darf nicht einknicken, man soll sich keine Blöße geben. Und jetzt liegst du vor mir, nur die Decke verhüllt deinen Körper. Wenn du die Augen öffnen würdest, könntest du mich sehen. Aber ich weiß ja noch nicht einmal, ob du mir zuhörst. Vielleicht hattest du recht, als du sagtest, ich sei von Anfang an eine tragische Figur gewesen. Jemand, der zum Großen nicht taugt, der immer nur in der zweiten Reihe sitzen wird. Meine Großeltern waren Bauern, das habe ich dir auch nie erzählt. Kein Urlaub. Keine Etagenheizung. Ein Zylinderhut, ein goldenes Armband, ein leerer Ziegenstall. Bei uns gab es die Bild, nicht den Spiegel. Mein Opa war der Einzige im Dorf, der auf die Oberschule hätte gehen können. Aber erst war Krieg, und dann war es zu spät. Er ist Hufschmied geworden, dann Zimmerer. Wenn ich später in Länder gefahren bin, die er nur aus Büchern kannte, hat er in der Stube gesessen mit seinem Globus und hat geschaut, wo ich war, und konnte nicht ahnen, dass ich auch von dort immer nur wegwollte.

Weißt du, wie das ist? Wenn man mit den schicken Leuten in New York in den Szenerestaurants sitzt und da ist, aber auch von dort wieder wegwill, weil man da genauso wenig hingehört wie in einen Vorlesungssaal mit lauter bekümmerten Studenten oder in einen Londoner Privatclub oder auf laute Rockkonzerte, wo man vielleicht sein will, aber wieder wegmuss, ins Krankenhaus, weil Oma da liegt, oder in die Irrenanstalt, weil Mama dort ist, und dann ins Dorf, weil Opa wartet und weint und nicht weiterweiß. Und dann muss man arbeiten, aber Mama wird entlassen, und man fährt wieder in ein Krankenhaus und kümmert sich, und es geht eine Weile gut, und dann klingelt das Telefon, mitten in einer Konferenz, und man lässt wieder alles stehen und liegen, weil sie schon wieder einen Zusammenbruch hatte, und zum ich-weiß-nicht-wievielten Mal fährt man dann dahin, dieses Mal in ein anderes Landeskrankenhaus, und man raucht zu viel und fährt zu schnell, und dann redet man mit den Ärzten und sitzt an einem Bett, und immer sind es Schlaufen, diese scheißgrauen Schlaufen in dem dunklen Mittelgrau, mit denen sie Patienten fixieren. Jedes Mal, wenn du mir gesagt hast, wie gut mir diese Farbe steht, musste ich an sie denken.

10:36 20.09.2012

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