Anders machen

Leseprobe "Es gibt eine Sehnsucht nach einer Politik, die Visionen und Ideen nicht für ein Schimpfwort hält, eine Politik, die Menschen bewegt und mitnimmt, die Demokratie erlebbar macht."
Anders machen
Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images

Wer wagt, beginnt

Vom Norden aus liegt der Rest der Republik ganz schön abseits. Die Wege sind weit und die Zugfahrten lang. Häufig genug verpasst man den Anschluss und will nach drei Tagen Wahlkampfreise nur noch nach Hause, um wenigstens zum Tischabräumen und Abwasch noch da zu sein, wenn man schon das gemeinsame Essen mit der Familie verpasst hat. Stattdessen steht man auf zugigen Bahnsteigen in Dortmund oder trollt sich in Bahnhofsbuchhandlungen in Hannover. Wahlkampf bedeutet, unterwegs zu sein. Und je mehr ich unterwegs war, desto größer wurde das Verlangen nach einem Halt, nach einem Fixpunkt.

Im Winter 2015/16 bekam ich viele Einladungen von Kreisverbänden und Landesverbänden, um Neujahrs- oder Aschermittwochsreden zu halten, auf Klausurtagungen zu diskutieren oder im Wahlkampf zu helfen. Ich tat das so oft und so gut es meine Zeit zuließ. Oft stellte ich mir den Wecker auf vier Uhr, um den Zug um fünf zu nehmen und dann gute zehn Stunden später in Landau oder Friedrichshafen zu sein. Abends lief ich durch fremde Städte, um dann in kalte Hotelbetten zu kriechen. Aber die vielen Stunden in der Bahn, das Warten in Wartehallen, die Zeit zwischen den Terminen, manchmal auch nur die merkwürdigen Momente auf zugigen Bahnsteigen, wenn ich nach einem Tag unter vielen Menschen und lauter Gesprächen plötzlich allein war, waren für mich besondere. Sie waren auf eigentümliche Art eindringlich. Sie warfen mich – um ein wenig existenziell zu werden – auf mich selbst zurück.

Dieses Alleinsein – nur mit einem Rucksack als Begleiter, in dem alles Notwendige war – kannte ich nicht mehr. Ich war in den letzten Jahren entweder mit meiner Familie gereist, hatte aufpassen müssen, dass keines meiner Kinder abhandenkam, musste Essen oder Trinken besorgen, oder ich war als Minister im Korsett der Termine unterwegs, begleitet von Mitarbeitern und Referenten. Dass sich niemand um mich kümmerte und ich mich um niemanden kümmern musste, das war eine neue alte Erfahrung. Und in einer Zeit, in der mich alle möglichen Ratschläge, Kommentare, jede Form von Kritik und manchmal auch Lob erreichten, war dieses Alleinsein plötzlich bedeutsam. Ich hatte Zeit. Ich konnte nachdenken. Mein Halt, mein Fixpunkt, war mein Notebook. Ich schrieb auf den langen Fahrten und Abenden dieses Buch.

Schreiben war mein Beruf, bevor Politik es wurde. Aber was macht Politik eigentlich zu einem Beruf? Nirgendwo kann man ihn erlernen – außer in der Politik selbst. Ab wann ist man dann Berufspolitiker? Und verändert »Politik als Beruf« eine Person so sehr, dass man ein anderer wird als der, der man sein wollte, als man in eine Partei eintrat?

Manchmal ist es gut, sich daran zu erinnern, warum man eigentlich Politiker geworden ist. Manchmal eicht der Blick zurück den Kompass. Auf zugigen Bahngleisen, in überheizten IC-Abteilen beschleichen einen manchmal ja sehr grundsätzliche Fragen. Und sicher ist, dass im normalen Alltag des Berufspolitikers für ihre Beantwortung kaum Zeit ist, ja, noch nicht einmal für das Nachdenken darüber. Meine Form des Nachdenkens ist Schreiben. Das war es immer. Es ist Reflexion und Selbstvergewisserung. Und zu der Entschleunigung meines Lebens durch die vielen langen Zugfahrten passte gut die Verlangsamung beim Tippen. Während sonst in meinem Alltag lauter Dinge gleichzeitig passieren, ich in Sitzungen bin, parallel auf meinem Handy E-Mails beantworte und mich auf die Rede am Abend vorbereite, gibt das Schreiben Ruhe. Es hat etwas Grundsätzliches und zugleich Persönliches. Politik ist eine Beziehung zur Welt. Sie macht aus einer Reihe von subjektiven Erfahrungen objektive Tatsachen. Sie verallgemeinert. Das ist ihr Spannungsbogen und ihr Sinn. Was man sich allein denkt oder vornimmt, wird in einer Demokratie durch die Gruppe Wirklichkeit. Man braucht andere, im besten Fall Mehrheiten. Beim Schreiben ist man wieder allein. So ist ein privates Buch über das Leben in öfentlichen Ämtern entstanden. Es ist entlang meines Lebens in der Politik erzählt. Entlang der Erfahrungen, die ich auf meinem Weg in der Politik gemacht habe, spürt es der Frage nach, wie viel von den Idealen, Wünschen und Vorstellungen, die mich angetrieben haben, erhalten geblieben sind. Wie sich diese Ideale und Wünsche verändert haben, wie sie mich verändert haben, aber auch wie sie Politik und Wirklichkeit verändern können.

Im ersten Kapitel suche ich nach Erfahrungen und Motiven aus Schul- und Studienjahren, die später politische Bedeutung bekommen haben.

Das zweite Kapitel erzählt, wie ich Politiker geworden bin, wie Politik mein Leben mehr und mehr beeinflusst, bereichert und strapaziert hat. Es lotet aus, wie weit man sich als Person in politische Prozesse einbringen und behaupten kann, aber auch welche Grenzen zum Privaten berührt werden und wie ich versuchte, sie zu verteidigen.

Das dritte Kapitel schildert den ständigen Konflikt zwischen Enttäuschungen und Erwartungen, zwischen Vision und Wirklichkeit im Amt als Minister – und bejaht ihn.

Im vierten Kapitel schließlich hole ich mir die Freiheit des Anfangs zurück und steche noch mal in See.

In See stechen?

Ich bin am Meer aufgewachsen, im Amt bekam ich die Verantwortung für den Meeresschutz, den Nationalpark Wattenmeer, den Küstenschutz. Konflikte zwischen Naturschutz und Fischerei, Schweinswalschutz und Stellnetzen, Muschelfischern und Nullnutzungen prägten meine letzten Jahre. Das Meer ist zunehmend eine Metapher für meinen Blick auf Politik geworden.

Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry schreibt in seinem so melancholischen wie visionären Buch »Die Stadt in der Wüste«: »Wenn Du ein Schif bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschafen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.« Die Sehnsucht nach dem Meer als Hofnung auf weite Horizonte.

Ich erlebe als Minister täglich, wie sich Realitätssinn und Idealismus gegenseitig beflügeln. Beflügeln, nicht widersprechen. Das ist eine erstaunliche und überraschende Erfahrung. Ich habe gedacht und befürchtet, dass ich in der Politik und erst recht als Minister unter all den Kompromissen, Paragrafen und Zwängen meine Leidenschaft verliere, dass sich meine Vorsätze abschleifen. Das Gegenteil ist eingetreten. Im Amt ist mein Idealismus gewachsen. Politischer Fortschritt gelang. Und das lag stets daran, dass Menschen nicht nur Konsumenten sein und ein Leben in ökonomischer Austauschbarkeit fristen wollen. Wir wollen als Bürgerinnen und Bürger und als politische Individuen über den Alltag hinausdenken. Es gibt eine Sehnsucht nach einer Politik, die Visionen und Ideen nicht für ein Schimpfwort hält, eine Politik, die Menschen bewegt und mitnimmt, die Demokratie erlebbar macht. Nach einer Regierung, die transparent und selbstkritisch arbeitet und die jeder als Teil der Gesellschaft ansieht. Nicht als »die da oben«. Davon handelt dieses Buch – von der Notwendigkeit zum Mut, Antworten zu geben, und von der Toleranz, Antworten, die einem nicht passen, als Meinungen der anderen in jeweils ihrem Recht stehen zu lassen. Und gerade deshalb aber umso leidenschaftlicher für seine Sache zu streiten. Kein Eiferertum, aber Mut und Leidenschaft sind Tugenden – und sie werden jetzt gebraucht: Auszubrechen aus dem taktischen Korsett, ofen und mit Risiko die politische Auseinandersetzung suchen und nicht aus Angst vor Niederlagen gar nichts mehr riskieren – das ist das, was jetzt ansteht. Wer wagt, muss jetzt beginnen.

11:24 29.09.2016

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