Metaphysik

Leseprobe "Falls Sie und ich an Werte zu glauben genötigt sind, scheint dies vorauszusetzen, dass 'Werte' nicht bloß Worte sind, sondern Wesenheiten, die es irgendwie auch jenseits der Sprache gibt."
Metaphysik
Foto: Adrian Dennis/AFP/Getty Images

Vorrede

Manche Dinge meine ich zu verstehen, einigermaßen wenigstens. Das Vorhandensein mancher Dinge setze ich als gegeben voraus. Dazu gehören Steine und Sterne, Maschinen und Menschen, Ballone und Bücher.

Manch andere Dinge zu verstehen, fällt mir schwer. Ihr Vorhandensein als gegeben anzunehmen, bereitet mir Mühe. Dazu gehören Gott und Gnomen, Engel und Einhörner, Vampire und Werte.

Nun schreiben zwar Menschen Bücher über Gnomen, Engel, Einhörner und Vampire, noch mehr Menschen reden über Gott so, als ob es ihn gäbe. Aber in einer säkular-demokratischen Gesellschaft ist niemand dazu gezwungen, an das Vorhandensein von Gnomen, Engeln, Einhörnern oder Vampiren zu glauben. Sogar die soziale Nötigung, an Gott zu glauben, hat sich im Prozess der Modernisierung verflüchtigt. Jeder und jedem ist es anheimgestellt, es zu tun oder es zu lassen.

Anders verhält es sich mit Werten. Unterliegen wir nicht ausnahmslos alle dem Zwang, an sie zu glauben – an ihr Vorhandensein, an ihre Wirkungskraft, an ihren Verpflichtungscharakter? Wer Werte leugnet, gilt nicht bloß als unsicherer Kantonist, sondern als intellektueller Terrorist, als nihilistischer Feind der Menschheit. Herrscht heute nicht die soziale Nötigung zum Werteglauben – an was für Werte auch immer? Hauptsache Werte!

Die Fragen, denen dieser Essay nachgeht, sind deshalb ganz einfach: Was ist das, woran ich zu glauben genötigt werde? Warum soll ich an Werte zu glauben genötigt sein?

Ganz einfache Fragen, so scheint es. Fragen allerdings, die leicht in einen farbenreichen Urwald an Ungewissheiten locken. Dieser Essay will den Urwald nicht abholzen. Aber wenigstens einen von vielen möglichen Pfaden finden. »Statistisch gesehen besteht das Leben zu 98 Prozent aus Ungewissheit. Der Rest ist Stoffwechsel.«

Falls Sie und ich an Werte zu glauben genötigt sind, scheint dies vorauszusetzen, dass ›Werte‹ nicht bloß Worte sind, sondern Wesenheiten, die es irgendwie auch jenseits der Sprache gibt. Reine Sprachanalyse, also die Untersuchung, was und wie wir reden, wenn wir über Werte reden, reicht dann nicht aus, um zu verstehen, was und warum Werte sind. Aber sie kann doch Fingerzeige geben. Nützliche Fingerzeige, auch um die Übellaunigkeit zu beschwichtigen, die manchen überkommt angesichts des allgegenwärtigen Wertgere- des. Wer sich nicht – zumal als politisch, ökonomisch oder medial Wortmächtige(r) – lautstark darüber vernehmen lässt, wie sehr er oder sie sich an Werten ›orientiere‹, wie wichtig ›Werteerziehung‹ sei, wie sehr die Kultur auf Werten beruhe und wie unerlässlich sie überhaupt seien, ist weder wähl- noch tragbar. Indes verschleiert dieses Wertgerede oft unzureichend die handfesten Interessen, die den Wertredner tatsächlich inspirieren. Aber dieser Befund, der zur Verallgemeinerung verlockt, Werte für bloße Deckbegriffe von Interessen zu halten, bleibt vordergründig und kurzatmig. Offensichtlich können, tun und sind Werte mehr. Aber was? Welche spezifische Leistung stellt es dar, Werte zu entdecken oder zu erfinden, sie vorzuschreiben und sich ihnen zu unterwerfen?

Zu den beiden Fragen, was und warum Werte sind, gesellt sich eine dritte: Was verrät es über eine Gesellschaft, dass sie ausgerechnet Werte braucht? Welchen Sinn, welchen Nutzen hat es für eine Gesellschaft, sich über Werte zu definieren? In ›unserer‹ Gesellschaft herrscht offensichtlich ein unstillbares Bedürfnis, über Werte zu reden und sich als ›Wertegemeinschaft‹ zu bestimmen. Diese Selbstverständlichkeit, das Eigene und Relevante über Werte zu bestimmen, überrascht historisch distanzierte Betrachter, denn tatsächlich hat man erst im 19. Jahrhundert angefangen, ›Werte‹ zu dem zu machen, als was sie heute gelten. Davor hatte man zwar dem Guten, Schönen und Wahren gehuldigt, aber nicht ›Werten‹ als exklusiven und universalen Referenzgrößen des gesellschaftlichen und persönlichen Selbstverständnisses. Werte sind eine junge Erscheinung und stehen trotz aller Modernisierungsturbulenzen unvermindert hoch im Kurs. Die drei Hauptfragen dieses Buches stehen also in einem moralgenealogischen und modernitätsgenealogischen Horizont: Wie kam es so, wie es kam?

Aristoteles (384–322 v. Chr.) kannte zwar das Gute, Schöne und Wahre, aber im Unterschied zu modernen Menschen noch keine ›Werte‹. Intensiv hat er sich damit beschäftigt, wie man überhaupt über etwas sprechen kann. Dazu hat er die Kategorien erdacht.Seine Fragen werden hier abgewandelt auf ›Werte‹ angewendet: Was ist ein Wert? Wie viele Werte gibt es? Wie ist ein Wert beschaffen? Worauf beziehen sich Werte? Wo und wann sind Werte (im Gebrauch)? In welcher Position ist ein Wert? Was haben Werte? Was tun sie? Was erleiden Werte? Und zuletzt die schon genannte Frage, die in Aristoteles’ Kategorien kein Pendant hat: Warum Werte?

Indessen:

1. Dieser Essay handelt nicht von der Moral der Menschheit (oder gar: der Moral tierischer Lebewesen) im Allgemeinen. Jede Gesellschaft kennt ein Oben und Unten. Oft nennt man es ›gut‹ und ›böse‹ oder ›gut‹ und ›schlecht‹. Aber nur die Moderne, nur unsere Gesellschaft operiert mit ›Werten‹, um ihr Oben und Unten, aber auch ihr Links und Rechts auszutarieren. Das steht hier im Fokus.

2. Dieser Essay beklagt weder den angeblichen ›Werteverfall‹, den vermeintlichen »Untergang der Wertordnung«, die als Schreckgespenster durch Feuilleton und Leserbriefspalten geistern, noch die scheinbare ›Wertvergessenheit‹, die an den (leider aussterbenden) Stammtischen unerschütterlich Sitz und Stimme behauptet. Dieses Buch dient nicht der allgemeinen moralischen Aufrüstung, unterfüttert kein Plädoyer für alte oder neue ›Wertorientierungen‹. Sein Anliegen ist nüchterner, kälter. Noch einmal: Es will in Erfahrung bringen, was es bedeutet und verrät, dass eine Gesellschaft sich über Werte definieren zu müssen glaubt.

3. Dieser Essay verfolgt schließlich nicht das Ziel, »die Philosophie« als Wertwissenschaft wiederherzustellen. Als die Philosophie den Gipfel ihrer akademischen Selbstgewissheit erklommen hatte, konnte einer ihrer Siegelbewahrer, Wilhelm Windelband (1848–1915), stolz verkünden, diese Philosophie müsse verstanden werden »als die Wissenschaft von den notwendigen und allgemeingültigen Wertbestimmungen. Sie fragt, ob es Wissenschaft gibt, d. h. ein Denken, welches mit allgemeiner und notwendiger Geltung den Wert der Wahrheit besitzt; sie fragt, ob es Moral gibt, d. h. ein Wollen und Handeln, welches mit allgemeiner und notwendiger Geltung den Wert der Güte besitzt; sie fragt, ob es Kunst gibt, d. h. ein Anschauen und Fühlen, welches mit allgemeiner und notwendiger Geltung den Wert der Schönheit besitzt.«

Selbst bei denjenigen, die heute den Kult der Werte am eifrigsten zelebrieren, ist der Glaube an die Wertbestimmungs- und Wertprägekraft der Philosophie versiegt, zumal deren Wissenschaftlichkeit auf schwankendem Grund steht. Das freilich hindert niemanden daran, Nutzen und Nachteil der Werte für das Leben, für das Leben in der Moderne kühl gegeneinander abzuwägen.

Alle reden von Werten. Aber niemand scheint darüber nachzudenken, was es heißt, dass alle von Werten reden. Oder darüber, was Werte eigentlich sind. Dieses Buch holt beides nach. Selbst wenn Werte Fiktionen sein sollten, sind sie vielleicht nützliche Fiktionen.

12:39 16.06.2016

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