Wissen und Wollen

Leseprobe "Das Bedürfnis nach Gehorsam ist ein grundlegender Aspekt unserer Kultur. Gerade dieses Bedürfnis spiegelt aber eine Pathologie, die von der Kultur selbst hervorgerufen, ja erzeugt wird."
Wissen und Wollen
Foto: Kazuhiro Nogi/AFP/Getty Images

Prolog

Das Resultat unserer rationalisierten, von abstrakten Ideen über unser erwünschtes gehorsames Wesen geformten Zivilisationen sind standardisierte Personen. Das Individuum in unseren Kulturen läuft deswegen dauernd Gefahr, sich in eine Funktion oder in ein Statusideal aufzulösen (Goffman 2006). Wir, die wir uns für so individualistisch halten, verwechseln die Konstruktion einer persona mit der eigenständigen Entwicklung eines Selbst. Deswegen hielt Nietzsche die »ideale« Welt für eine Lüge, weil sie aus jasagenden, sich selbstverleugnenden Menschen bestand (Nietzsche, Ecce homo 1980).

Die Angst, ungehorsam zu sein, führt dazu, sich dem Unterdrücker unterzuordnen. Indem man sich mit dem Unterdrücker verbündet, kehrt man seine Gewalt und Verachtung in Liebe um. Rechtsradikale Führer gelangen deswegen besonders häufig in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche an die Macht. Diese Führer erwarten Gehorsam und wollen ihn als Größe und Zeichen ihrer Macht wiederherstellen oder stärken. Dass dies gelingt, zeigt uns: Das Bedürfnis nach Gehorsam ist ein grundlegender Aspekt unserer Kultur.

Gerade dieses Bedürfnis spiegelt aber eine Pathologie, die von der Kultur selbst hervorgerufen, ja erzeugt wird. Wer die Demokratie stärken will, muss folglich zunächst die Wurzeln dieser Pathologie aufdecken. Nicht rationale Programme sind dabei gefragt oder erforderlich, vielmehr müssen die Strukturen grundlegend geändert werden, die diesen Gehorsam fördern. Weil diese Strukturen des Gehorsams offensichtlich, allgegenwärtig und so sehr Teil unseres täglichen Lebens sind, nehmen wir sie als solche jedoch gar nicht mehr wahr. Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace kleidete diesen Sachverhalt in eine Parabel:

Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen Jungs, wie ist das Wasser?« Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und fragt: »Was zum Teufel ist Wasser?«

Mit dem Gehorsam verhält es sich wie mit dem Wasser in der Parabel. Wir erkennen unseren Gehorsam daher überhaupt nicht mehr. Wir leugnen sogar, moderne Sklaven und Knechte des Gehorsams geworden zu sein. Wir spüren die Fesseln schon gar nicht mehr. Und deshalb ist der Kampf gegen diese Knechtschaft, der Kampf gegen den Gehorsam so schwierig.

Das Problem des Gehorsams

Gehorsam ist die Unterwerfung unter den Willen eines anderen. Dieser Andere übt Macht über den Unterworfenen aus. Bereits in frühester Kindheit beginnt diese Unterwerfung, lange bevor Sprache und Denken sich ordnen, so dass der Gehorsame später seine Unterwerfung während der Kindheit gar nicht wahrnimmt und sie erduldet, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Aus diesem Grund entwickeln sich etliche Kulturen wie die unsrige: Fest verankerte Konventionen verführen zu reflexartigem Gehorsam, veranlassen uns, Obrigkeiten nicht in Frage zu stellen, verleiten uns zur Hingabe an vorgegebene Programmierungen, zu Gruppendenken und machen uns schließlich unfähig, selbst zu denken und selbstbestimmt zu handeln.

Kiyoshi Kurokawa, der Vorsitzende der Untersuchungskommission des Japanischen Unterhauses und Wissenschaftsberater der japanischen Regierung, stellte bei seiner Untersuchung der Atomkatastrophe von Fukushima (11. März 2011) fest, dass der Unfall sich ereignet habe, weil die Einstellungen der japanischen Aufsichtsbehörden mit denen des Kraftwerksbetreibers Tepco übereinstimmten: »Der kritiklose Gehorsam ge- genüber Autoritäten und Obrigkeiten sei zutiefst in der japanischen Kultur verwurzelt.« (Koelling 2012)

Obwohl wir diese Form von Gehorsam sofort in der japanischen Gesellschaft und Kultur erkennen, sehen wir dennoch nicht, wie sehr sich andere Formen von Gehorsam in unserer westlich geprägten Kultur manifestiert haben. Aus den Experimenten und Arbeiten von Stanley Milgram (1963, 1975) geht in erschreckender Weise hervor, dass blinder Gehorsam in unserer Kultur eine viel größere Rolle spielt, als wir es wahrhaben möchten. Milgram führte seine Untersuchungen in Conneticut durch, einem der Bundesstaaten der USA, der 1776 als eine der ersten Kolonien gegen England revoltierte und schon immer als sehr demokratisch galt.

Milgram wollte Erklärungen dafür finden, wie es zu Auswüchsen an Kadavergehorsam während des Dritten Reichs kommen konnte. Die Vorarbeiten von Theodor W. Adorno et al. (The Authoritarian Personality, 1950) und Erich Fromm (Die Furcht vor der Freiheit, 1941) hatten ihn zu seinen Experimenten inspiriert. Zu seiner eigenen Überraschung zeigten sich auch seine Versuchspersonen – amerikanische Mittelklassebürger – zu grausamen Taten bereit, wenn eine Respektsperson von ihnen Gehorsam einforderte.

65 Prozent von Milgrams Versuchsteilnehmern folgten ohne große Einwände und ohne Widerrede den Anweisungen eines Versuchsleiters, der als wissenschaftliche Autorität ausgewiesen wurde. In einem vermeintlichen Forschungsprojekt ließen sie zu angeblich pädagogischen Zwecken einen Menschen mit elektrischen Stromstößen bestrafen, der daraufhin unter Schmerzen zusammenbrach, wenn er den Anweisungen nicht folgte oder ihm Fehler unterliefen. Zwar stellte ein Schauspieler das »Opfer« dar; aber selbst die Schreie und Ohnmachtsanfälle des Gepeinigten brachten die meisten Versuchspersonen nicht davon ab, den Anordnungen des Leiters Folge zu leisten. Nur einer von drei Probanden weigerte sich, die Quälerei fortzusetzen. Milgrams Experiment wurde in vielen Ländern, auch in Deutschland, wiederholt – stets mit denselben Resultaten.

Wir glauben, wir könnten durch rationales Denken dem kritiklosen Gehorsam entgegenwirken. Dabei merken wir nicht, dass es eigentlich nicht um das Denken oder Überlegen geht. Vielmehr dreht es sich um eine Knechtschaft, der wir uns unterwerfen mussten, die tief in unsere früheste Kindheit zurückreicht und die durch die überwältigende Macht unserer Mütter oder Väter hervorgerufen wurde. Die Macht der Eltern über uns erkennen wir nicht, denn in unserer Kultur gelten Mutter und Vater als allwissend, als wohlwollend, weil sie nur das Beste für uns wünschen.

Folglich wird auch Gehorsam nicht als das wahrgenommen, was er ist, ja mehr noch, ein Großteil der Menschen fühlt sich gerade dann besonders bedroht, wenn sie mit der Wahrheit über ihren Gehorsam konfrontiert werden. Diese Bedrohung erinnert uns an die eigentlichen Umstände unserer frühkindlichen Entwicklung, die aufs Engste mit dem Gehorsam verbunden sind. Diese Umstände müssen daher unterdrückt werden, weil sie sonst Angst und Terror auslösen würden. Es ist mehr als merkwürdig, dass ein Mensch, wenn er bedroht und terrorisiert wird, dazu neigen kann, sich mit demjenigen zu identifizieren, der ihn terrorisiert. Mehr noch, der Bedrohte verschmilzt sogar mit dem Bedroher und gibt seine Identität zugunsten der ihn terrorisierenden Instanz auf. So erhofft der terrorisierte Mensch – was nie gelingen kann –, sich retten zu können.

Der Dichter Rainer Maria Rilke erkennt diesen Tatbestand in seiner Ballade »Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke«. Cornet Rilke – vermutlich ein Vorfahre Rilkes – wurde auf einem der Kreuzzüge von einer Gruppe Muslime umzingelt. Im Gedicht erlebt der Held die auf ihn niedergehenden blitzenden Säbel als lachende, auf ihn herabrieselnde Wasserfontänen. Wir sind, wie diese Szene eindrücklich belegt, in der Lage, die Wirklichkeit auszublenden und blind zu werden, um den uns bedrohenden Terror nicht sehen oder überhaupt wahrnehmen zu müssen. Stattdessen halluzinieren wir eine Einheit mit dem uns bedrohenden Andern, verlieren unsere Identität und manchmal sogar unser Leben.

Im Jahr 1961 erschien eine Studie des Heidelberger Psychosomatikers Friedtjov Schaeffer über »Pathologische Treue« in der Zeitschrift »Nervenarzt«. Der Autor beschreibt in seinem Beitrag, wie verheerend sich die Treue einer jungen Frau zu ihrer Großmutter auswirkte, die ihre Enkelin unmenschlich, sadistisch und gewalttätig quälte. Menschliche Regungen bekämpfte diese Großmutter als hassenswerte Schwäche der Enkelin, die schließlich gegen ihre eigenen Gefühle ankämpfte und sie unterdrückte. Die Brutalität ihrer Ersatzmutter entschuldigte das Opfer damit, dass die Großmutter so viel arbeiten müsse. Der Alltag der Großmutter wurde so zum alleinigen Maßstab dessen, was die Enkelin erwarten durfte. Jede Möglichkeit, etwas Besseres zu erleben, verschwand aus ihrem Gesichtskreis, da alle Vorstellungen von Angst und Terror besetzt waren.

Eine solche Treue schlägt in kritiklosen Gehorsam um; jede Regung der Großmutter machte die junge Frau zu ihrer eigenen. Dadurch wurden die unerträglichen Verhältnisse, in denen das Opfer lebte, aufrechterhalten, moralisch gerechtfertigt und auch noch verteidigt. Genau diese moralischen Rechtfertigungen treffen wir im gesellschaftlichen Leben immer wieder dort an, wo Menschen ihrem Unterdrücker beigetreten sind. Die Kehrseite jeder Treue ist Gehorsam. Umgekehrt impliziert jeder Gehorsam Treue. Menschen halten sich für treu, aber deswegen nicht für gehorsam, weil sie sich – aus freier Wahl – als treu empfinden und erleben. Aber indem man Treue als einen moralischen Wert empfindet, den man selbst wählt, verhüllt man jenen Gehorsam, der der Identifikation mit den Mächtigen dient.

Beide, Treue und Gehorsam, wurzeln in der Autorität, wodurch freiwillige Knechtschaft zum moralischen Wert und zu einer bewundernswerten menschlichen Qualität erhoben werden. Ein derartiges Verhalten resultiert aus einem destruktiven Vorgang, bei dem der Wert des eigenen Selbst zum Unwert erklärt und der Unwert des Unterdrückers zum Wert verklärt, also in sein Gegenteil umgewandelt wird. Dies bewirkt und steuert zugleich den Gehorsam. Die Wurzeln dieses uralten Mechanismus finden sich in der frühesten Kindheit: Damals waren wir den Erwachsenen, die uns versorgten, aber uns auch ihren Willen aufzwangen, ausgesetzt. Diese Erfahrung bedroht jedes kindliche Selbst, das sich gerade entwickelt. Kinder, deren Willen auf diese Weise gebrochen wurde, entwickeln einen verhängnisvollen Gehorsam gegenüber Autoritäten. Unsere Entwicklung wird dadurch gestört, dass sie Gehorsam verlangt und eine Identifizierung mit demjenigen, der Gehorsam einfordert.

Gehorsam ist immer Unterwerfung unter den Willen eines anderen, weil dieser Macht über einen hat. Wenn ein Kind von demjenigen, der es schützen sollte, körperlich und/oder seelisch überwältigt wird und das Kind zu niemandem fliehen kann, wird es von Angst überwältigt. Eine Todesangst sucht das Kind heim. Es kann nicht damit leben, dass die Eltern sich von ihm zurückziehen. Ohne Echo für seine ihm eigene Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit kann ein Kind nicht überleben. Es übernimmt, um eine Verbindung aufrechtzuerhalten, die Erwartungen der Eltern. Auf diese Weise wird das seelische Sein eines Kindes in seiner autonomen Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit geradezu ausgelöscht (Gruen, 1999).

[...]

20:58 03.12.2014

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