Grundlegendes

Leseprobe "Mir geht es darum, zu zeigen, wie wesentlich es ist, sich im Leben immer wieder Fragen zu stellen – die wichtigen und die richtigen Fragen – und genau hinzuhören, wenn wichtige und richtige Fragen gestellt werden."
Grundlegendes
Foto: Darren McCollester/Getty Images

Die Kunst des Fragens

Fünf Fragen reichen aus, um gut durchs Leben zu kommen. Das ist erstaunlich, aber auch beruhigend und praktisch. Wenn Sie sich diese fünf Fragen immer wieder einmal selbst vorlegen, werden Sie merken, dass diese Gewohnheit zu einem glücklicheren, erfolgreicheren und letztlich erfüllteren Leben führt. Und schließlich wird es Ihnen auch gelingen, auf das, was ich die Bonus-Frage nenne, eine gute Antwort zu geben. Es handelt sich um die wichtigste Frage, auf die es im Leben ankommt.

Bevor Sie jetzt die Augen verdrehen oder – was noch schlimmer wäre – das Buch gleich wieder beiseitelegen, lassen Sie mich Folgendes sagen: Ich bin mir völlig bewusst, dass das, was ich gerade geschrieben habe, ein wenig großspurig und meinetwegen befremdlich klingt. Meine einzige Entschuldigung dafür ist der Umstand, dass der Ausgangspunkt dieses Buches eine Ansprache bei der Examensabschlussfeier meiner Hochschule gewesen ist und solche Reden eben immer ein wenig feierlich und getragen klingen. Falls Sie meinen, dass das, was Sie gerade gelesen haben, zu hochtrabend klingt, dann hätten Sie meinen mündlichen Vortrag hören sollen. Jedenfalls möchte ich Sie herzlich bitten, mich – wenigstens bis jetzt – nicht zu streng zu beurteilen. Ich kann Ihnen versprechen, dass das Buch ausgewogener und nuancierter sein wird und hoffentlich noch unterhaltsamer als die Rede. Länger ist es auf jeden Fall.

Diese Rede habe ich in meiner Eigenschaft als Dekan der Harvard Graduate School of Education gehalten, der Pädagogischen Hochschule von Harvard. Es gehört zu meinen Pflichten, jedes Jahr bei der Abschlussfeier nach den Examen ein paar »kurze Bemerkungen« über das abgelaufene Studienjahr zu machen, die allerdings selten so kurz ausfallen wie gewünscht. Den Studenten, die ihr Abschlussexamen bestanden haben, sowie ihren Familienangehörigen, bleibt kaum eine andere Wahl, als dieses Ritual über sich ergehen zu lassen, bevor endlich die Diplome ausgehändigt werden – so wie es bei unzähligen anderen Abschlussfeiern zur gleichen Zeit im Sommer quer durchs Land der Fall ist: Sie müssen sich eine mehr oder weniger lange Reihe gut gemeinter Banalitäten und Plattitüden anhören, während sie gegen das Gähnen ankämpfen, manchmal auch gegen Herzschmerz.

Bei meiner letztjährigen Rede habe ich das Thema »Fragen« in den Mittelpunkt gestellt und fand die Rede selbst ganz in Ordnung. Keine Glanzleitung, aber in Ordnung. Ich hätte nicht erwartet, dass sie sich wie ein Lauffeuer im Netz ausbreiten und dort sehr erfolgreich sein würde. Millionen Menschen sahen sich den Videoclip der Ansprache auf YouTube an. Viele Zuschauer kommentierten sie zustimmend, lobten sie sogar. Es gab auch verärgerte und wenig schmeichelhafte Stimmen; die meisten davon sind mir gut im Gedächtnis geblieben, einige waren echt witzig. So geht es in der Online-Welt eben zu – und bei mir bleiben nun mal eher die kritischen Stimmen haften.

Als Nächstes erhielt ich eine E-Mail von einem Verlagslektor, der vorschlug, ich solle die Rede zu einem kleinen Buch ausarbeiten. So entstand der Text, den Sie gerade lesen – zumindest bis zu dieser Stelle.

Warum eine Rede (und im Anschluss daran das Buch) zum Thema »Fragen«? Wieso ist es so wichtig, sich im Leben die richtigen Fragen zu stellen – und insbesondere diese fünf entscheidenden Fragen? Das wiederum ist auch eine gute Frage. (Sehen Sie, was ich meine?) Mir fällt es nicht schwer, diese Frage zu beantworten, und die Antwort fällt, wenigstens teilweise, ganz persönlich aus.

Fragen haben mich immer schon besonders fasziniert, fast bis an den Rand der Besessenheit. Wie die meisten Kinder habe auch ich in dem entsprechendem Alter jede Menge Fragen gestellt. Für meine Familie und meine Freunde ergab sich allerdings das Problem, dass ich damit niemals aufgehört habe. Heute erinnere ich mich mit einer gewissen Verlegenheit daran, wie oft wir bei uns zu Hause beim Abendessen saßen und sich meine Eltern und meine arme kleine Schwester gegen das unaufhörliche Fragen und Nachhaken meinerseits stemmen mussten.

Als ich etwas älter war, drehten sich meine Fragen dann nicht mehr so stark um Erklärungen über die äußere Welt wie »Warum ist der Himmel blau?«, sondern ich bohrte lieber hartnäckig nach, so wie ein Anwalt vor Gericht beim Kreuzverhör jedes Detail genau wissen will. Ich selbst empfand mich als wissbegierig, vielleicht ein wenig altklug, aber keineswegs als nervig. Beispielsweise wollte ich von meinen Eltern wissen, warum sie dieses oder jenes für wahr und richtig hielten und ob sie für ihre Annahmen auch die nötigen Belege vorweisen könnten. Von meiner Mom wollte ich wissen, welche Beweise sie für ihre Behauptung hatte, Ronald Reagan sei ein guter Präsident, und von meinem Vater verlangte ich ebenfalls Fakten, die seine Meinung untermauerten, Reagan sei ein schlechter Präsident. Außerdem wollte ich von beiden wissen, welche greifbaren Nachweise es gab, dass der Papst Gottes Stellvertreter auf Erden sei. Zugegeben, nicht alle Fragen, die mich umtrieben, behandelten solch gravierende Themen. Genauso oft drehten sich meine Kreuzverhöre um die Frage, warum es angeblich so wichtig ist, Rosenkohl zu essen, oder wie irgendjemand darauf kommen kann, Leber mit Zwiebeln für menschenwürdige Nahrung zu halten.

Kurz gesagt, ich ging allen anderen furchtbar auf die Nerven. Mein Vater, der nie ein College besucht hatte, wusste mit meiner ständigen Fragerei auf die Dauer nichts anzufangen, und der Umstand, dass ich offenbar keine anderen Fähigkeiten entwickelte, außer einen Ball zu werfen und eben ständig Fragen zu stellen, machte ihn zunehmend ratlos. Anders als er hatte ich für die praktischen Dinge des Lebens nicht das geringste Verständnis und konnte kaum die einfachste Reparatur selbstständig durchführen. Mein technischer Unverstand war vollkommen. Nur die Fragen gingen mir nie aus, weswegen mein Vater zu dem Schluss kam, ich sei der geborene Anwalt. In seinen Augen gab es für mich keine andere Möglichkeit, meinen künftigen Lebensunterhalt zu verdienen.

So folgte ich schließlich dem Rat meines Vaters und begann, nachdem ich das College absolviert hatte, mit dem Jurastudium. Das passte in der Tat perfekt zu mir. Vermutlich haben Sie schon einmal gehört, dass sich die meisten Rechtsprofessoren an den Jurafakultäten in irgendeiner Form der sokratischen Methode bedienen. Sie stellen sich vor ihre Studenten und stellen eine Frage nach der anderen und haken gegebenenfalls nach, wenn ihnen die Antwort ungenügend erscheint. Wenn diese Methode richtig durchgeführt wird, zwingt sie die Studenten dazu, die unausgesprochenen (oder unbedachten) Implikationen ihrer Argumente noch einmal präziser zu durchdenken und dabei grundlegende Rechtsregeln herauszufiltern, die als allgemeine Norm auf eine Vielzahl verschiedener Rechtsfälle Anwendung finden können.

Ich hatte das Gefühl, dass diese Branche genau das Richtige für mich sei. Nachdem ich einige Jahre als Anwalt praktiziert hatte, entschied ich mich, meinerseits Juraprofessor an der Uni zu werden.

Kurz nachdem ich einen Lehrstuhl an der juristischen Fakultät der Universität von Virginia in Charlottesville erhalten hatte – die Uni, an der ich selbst Jura studiert habe –, besuchten mich meine Eltern. Bei dieser Gelegenheit fragte mich mein Vater, ob er sich mal eine meiner Vorlesungen anhören könne. Im Nachhinein erwies sich das als ergreifendes, einmaliges Erlebnis, denn wenige Monate später starb er völlig unerwartet an einem Herzinfarkt; somit war diese Vorlesung die einzige Gelegenheit, bei der er mich jemals als Professor erlebt hat.

Als ich in der Familie meinen Entschluss bekannt gegeben hatte, an die Uni zu wechseln, war mein Vater einigermaßen überrascht gewesen. Er wusste, dass ich sehr gern als Anwalt arbeitete, und er war sich gar nicht sicher, ob Juraprofessor überhaupt ein seriöser, ernst zu nehmender Beruf war. Aber nachdem er mich in der Vorlesung erlebt und mitbekommen hatte, wie ich meine Studenten mit einer Frage nach der anderen bombardierte, war er vollkommen davon überzeugt, dass ich meinen Traumjob gefunden hatte. »Das ist wie für dich gemacht«, sagte er hinterher zu mir. Spaßeshalber fügte er noch hinzu, er könne es gar nicht fassen, dass man mir sogar ein Gehalt dafür zahle, dass ich im Hörsaal genauso nervige Fragen stelle wie früher zu Hause beim Abendessen.

Nachdem ich fünfzehn Jahre lang Jura an der Universität von Virginia gelehrt hatte, erhielt ich völlig unerwartet das Angebot, Dekan der Pädagogischen Hochschule von Harvard zu werden. Abwegig war die Berufung nicht, denn während meiner gesamten beruflichen Laufbahn hatte ich mich in Aufsätzen und in der Praxis intensiv mit praktischen wie rechtlichen Problemen der Bildungsförderung auseinandergesetzt. Die Befassung mit Chancengleichheit und Ausbildungsförderung ist mir ein zutiefst persönliches Anliegen, da ich selbst schon als Schüler von Fördermaßnahmen profitiert habe, später von Stipendien und dergleichen, als ich in Yale und an der Universität Virginia studierte.

Ebenso wie mein Vater war auch meine Mutter nie aufs College gegangen, aber beide legten großen Wert auf eine gute Erziehung und Ausbildung; sie glaubten fest daran, dass dies bessere Chancen eröffne. Von dieser Überzeugung habe ich stark profitiert. Bereits die Lehrer an meiner staatlichen Highschool in New Jersey setzten alle Hebel in Bewegung, damit ich als Undergraduate, also als Studienanfänger, nach Yale gehen konnte. In Amerika werden dafür bekanntlich nicht nur sehr gute Leistungen und Zeugnisse verlangt, sondern auch hohe Studiengebühren. Meine Jahre in Yale und mein anschließendes Jurastudium an der Law School der Universität Virginia haben natürlich mein Leben verändert. Für mich öffneten sich dadurch Türen, von denen ich vorher noch nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Diese persönliche Erfahrung hat dazu geführt, dass ich während meines gesamten Berufslebens immer wieder versucht habe, die Frage zu beantworten: Warum funktioniert unser öffentliches Bildungssystem für einige Schüler sehr gut, wohingegen es bei der Masse der Kinder so oft versagt, insbesondere bei denen, die ohnehin von vornherein im Nachteil sind. Die Berufung nach Harvard habe ich dann ohne großes Zögern angenommen, da sich hier die wohl einmalige Chance in meinem Leben bot, in einer Institution zu arbeiten, wo sich extrem motivierte und inspirierte Menschen zusammenschließen, um Mittel und Wege zu finden, wie man die Chancengleichheit für ansonsten eher vernachlässigte Schülergruppen verbessern kann.

Schon während meines ersten Jahres als Dekan musste ich erkennen, dass man in diesem Job eine Menge Reden und Ansprachen halten muss. Die wichtigste dieser Ansprachen ist zweifellos diejenige bei der Examensfeier am Ende des Studienjahres. Die richtig hinzubekommen ist überhaupt nicht leicht.

Da ich zunächst nicht genau wusste, wie ich meine erste Rede zur Examensfeier anpacken soll, griff ich auf eine Ansprache zurück, die ich bei der Abschlussfeier auf meiner Highschool gehalten hatte. (Zugegeben, mir fehlten noch die zündenden Ideen dafür.) Das Thema meiner damaligen Rede war die Bedeutung von »Zeit«, und im Grunde bestand sie aus nichts anderem als aneinandergereihten Zitaten, die ich einem dicken Zitatenbuch zu diesem Thema entnommen hatte, also was solchen Berühmtheiten wie Helen Keller, Albert Einstein oder dem Baseballspieler Yogi Berra zum Thema Zeit eingefallen ist. Als ich mir 2014 die alte Highschool-Rede vornahm, um sie zu meiner ersten Abschlussrede als Dekan in Harvard umzuarbeiten, wurde mir erst richtig klar, was ich dreißig Jahre zuvor eigentlich hatte zum Ausdruck bringen wollen: dass wir erst gar keine Zeit damit verschwenden sollen, uns viele Gedanken über die Zeit zu machen – über das, was in der Vergangenheit war, was in der Zukunft sein könnte, über all das Ungewisse, Unkalkulierbare, was neue Ideen und neue Entwicklungen mit sich bringen. Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass es sinnlos ist, sich über dergleichen in Spekulationen zu verlieren.

Nach meinem zweiten Jahr als Dekan, bei meiner zweiten Abschlussfeier also, sprach ich über ein Thema, das mich ebenfalls schon lange beschäftigte: die Sünde der Unterlassung. Ich bin in einem streng katholischen Elternhaus aufgewachsen, wo man jeden Sonntag zur Messe ging, und selbstverständlich war ich auch Messdiener. Falls Sie es nicht ohnehin schon wissen: Katholiken haben eine besondere Vorliebe für Sünden, wobei auch das Sündigen durch Unterlassen eine wichtige Rolle spielt.

Alles Wesentliche und Wissenswerte über die Unterlassungssünde habe ich während meiner ersten Beichte gelernt. Ein Jahr zuvor, als ich elf war, hätten ein Schulfreund und ich aus Versehen fast den kleinen Garten hinter unserem Haus in Brand gesteckt. Eigentlich hatten wir nur ausprobieren wollen, ob man ein trockenes Blatt tatsächlich mithilfe einer Lupe entzünden kann. Das hatten wir jedoch nicht hinbekommen. Deswegen tränkten wir ein paar Blätter in Benzin, was überraschend schnell und gut funktionierte – urplötzlich loderte eine beachtliche Stichflamme auf. Zwar gelang es uns beiden, das Feuer rasch wieder auszutreten; allerdings hatte ich mir dabei die Augenbrauen versengt.

Als meine Eltern mich dann am Abend fragten, ob ich eine Ahnung hätte, woher der große Fleck mit verbranntem Gras hinten im Garten komme, tat ich genauso erstaunt wie sie.

»Das ist ja seltsam«, sagte mein Vater.
Ich fragte ihn, was daran merkwürdig sei.
»Das Seltsame ist, dass ich mir ziemlich sicher bin, 
dass du heute Morgen noch mit Augenbrauen in die Schule gegangen bist.«

Er drang jedoch nicht weiter in mich. Ich bin nicht sicher, ob er in diesem Moment von mir erwartete, dass ich ein Geständnis ablege – was ich auch tat, aber zuerst wendete ich mich an einen Priester.

Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich diese spezielle Sünde bei meiner ersten Beichte gleich zur Sprache bringen sollte. Für eine Erstbeichte schien es mir doch ein ziemlicher Brocken, außerdem dämmerte mir bereits, dass es sich eigentlich um zwei Sünden handelte – die versehentliche Brandstiftung und anschließend die Sünde der vorgespielten »Gedächtnislücke« (wie der politische Fachausdruck heute dafür lautet) vor dem Untersuchungsausschuss meiner Eltern.

Als ich dann erstmals im Beichtstuhl kniete, fragte ich den Beichtvater vorsichtshalber, was passiert, wenn man nicht alle Sünden bekennt. Ich wollte mich vergewissern, welche Optionen ich hatte. »Das wäre eine neue, eine zusätzliche Sünde«, erwiderte er, »die Sünde des Unterlassens.« Verdammt, dachte ich, als ich erkannte, dass ich in der Falle saß, sprach den Gedanken aber wohlweislich gegenüber dem Priester nicht aus. Er erklärte mir dann, dass es praktisch genauso schlimm sei, wenn man es unterlässt, etwas zu tun, wozu man verpflichtet ist, wie wenn man absichtlich etwas Schlimmes tut.

Der Gedanke, man könne auch sündigen, wenn man gar nichts tut, verwirrte mich zunächst. Aber im Lauf der Jahre kam ich zu der Überzeugung, dass Unterlassungssünden oft gravierender sind als Sünden durch aktives Handeln. Mittlerweile bin ich sogar der Überzeugung, dass wir unsere Unterlassungssünden im Nachhinein am meisten bereuen. Das war auch der Grund, warum ich das Thema »Unterlassungssünden« zum Gegenstand meiner zweiten Jahresabschlussrede machte – ich wollte den Studenten mit auf den Weg geben, sich auch über das Gedanken zu machen, was sie nicht taten.

Als im nächsten Frühjahr die Examenszeit unweigerlich näher rückte, begannen die ersten Freunde und Kollegen zu fragen, welches Thema ich diesmal behandeln werde. »Gute Frage«, erwiderte ich anfangs etwas nachdenklich und – zugegeben – auch etwas lahm. Bis mir in den Sinn kam, dass »Gute Fragen« genau das richtige Thema für eine Rede zur Abschlussfeier sein könnte; vor allem angesichts meiner schon in der Kindheit entfesselten Fragelust.

So wurden die »Entscheidenden Fragen des Lebens« zum Thema der Rede – und anschließend dieses Buches: Mir geht es darum, zu zeigen, wie wesentlich es ist, sich im Leben immer wieder Fragen zu stellen – die wichtigen und die richtigen Fragen – und genau hinzuhören, wenn wichtige und richtige Fragen gestellt werden. Doch bevor ich auf die fünf entscheidenden Fragen näher eingehe, erlauben Sie mir einen kleinen Exkurs, um den größeren Zusammenhang zu zeigen; es geht um zwei Betrachtungen zu Fragen im Allgemeinen.

Die erste beginnt bei dem Vorschlag, weniger Zeit dafür aufzuwenden, passende Antworten zu finden, und sich lieber damit zu beschäftigen, die richtigen Fragen zu stellen. Viele Menschen machen sich viel zu viele Gedanken um Antworten, die sie unbedingt finden möchten: Wie finde ich die richtige Lösung für dies und das?

Bei Examenskandidaten dreht sich verständlicherweise alles um Antworten. Monatelang überlegen sie die richtigen Antworten, mit denen sie ihr jahrelang erworbenes Wissen unter Beweis stellen sollen; und wenn es klappt, erhalten sie als Nachweis zu Recht ihr Diplom. Die meisten von uns zerbrechen sich aber ihr ganzes Leben lang den Kopf, um vermeintlich richtige Antworten zu finden. Das zieht sich auch durchs ganze Berufsleben, wenn wir uns Kollegen gegenüber keine Blöße geben und nicht als inkompetent erscheinen wollen. Selbst in unserem Privatleben wollen wir möglichst kompetent erscheinen und suchen für jedes Problem die passende Antwort. Junge Eltern brauchen Antworten, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen sowie auf die Fragen der Kleinen selbst. Wie Berufseinsteiger werden sie nervös, wenn sie nicht gleich eine Antwort parat haben; und das passiert bekanntlich häufig, sobald man sich in einer ungewohnten Situation befindet. Das ist auch der Grund, warum neue Erfahrungen mit Stress verbunden sind. Wenn man meint, man müsse auf alles gleich eine Antwort parat haben, und dabei selbst den Kopf voller Fragen hat, wer stünde da nicht unter Strom?

Mir ging das genauso, nachdem ich meine neue Stelle als Dekan angetreten hatte. Anfangs dachte ich, ein wesentlicher Teil meiner Aufgaben bestehe darin, auf alles antworten zu können, wie sich das für Führungskräfte angeblich gehört. Wenn man eine Vision formulieren will, ist das in gewisser Weise auch nichts anderes als die Antwort auf die Frage »Worin liegt die Existenzberechtigung dieser Institution?«. Ich gestehe, dass ich zu Anfang keine besonders ausgeprägte Vorstellung einer solchen Vision hatte. Ich wusste nicht einmal so recht, wo sich die nächstgelegene Toilette befindet. Keine Antworten zu haben und erst recht keine großartige Vision machte mich nicht nur nervös, sondern versetzte mich bisweilen regelrecht in Verzweiflung und Panik.

Nach einer Weile hatte ich dieses Spiel, immer so zu tun, als wüsste ich über alles Bescheid, aber gründlich satt und fing selbst an, Fragen zu stellen. Ich stellte sogar Fragen als Antworten auf Fragen – »Gute Frage. Was meinen Sie denn dazu?« – und kam zu dem Schluss, dass gute und richtige Fragen zu stellen für einen Dekan genauso wichtig ist wie für einen Juraprofessor, auch wenn sich die Fragen inhaltlich unterscheiden. Erst wenn man seine Mitarbeiter und die Menschen seiner Umgebung, ja selbst Wildfremde befragt hat, ist man irgendwann in der Lage, eine überzeugende Vision zu formulieren. Bis ich das vollends verstanden hatte, verschwendete ich leider viel zu viel Zeit damit, mich damit unter Druck zu setzen, auf alles Mögliche sofort antworten zu müssen – zu banalen Alltagsbelangen ebenso wie zu großen Themen.

Damit will ich nicht behaupten, dass Antworten keinerlei Bedeutung hätten oder irrelevant wären. Ich will lediglich hervorheben, dass Fragen genauso wichtig sind, vielleicht sogar noch wichtiger. Die einfache Wahrheit lautet, dass eine Antwort immer nur so gut sein kann wie die Frage, die ihr voranging. Und umgekehrt: Wenn man die falsche Frage stellt, kann man auch keine richtige Antwort erwarten.

Das weiß ich aus einer Fülle von Erfahrungen, um die es in diesem Buch gehen wird. Eine davon will ich Ihnen vorab mitteilen: Charlottesville, Virginia, im Jahr 1990. Bei einer Tanzparty der juristischen Fakultät hatte ich endlich den Mut aufgebracht, mich Katie Homer vorzustellen, einer Jurakommilitonin, in die ich bereits gewaltig verknallt war. Dabei beging ich zwei Fehler. Zunächst sprach ich sie gerade in dem Moment an, als sie mit jemand anderem tanzte. (Fragen Sie mich nicht, wie ich so dumm sein konnte, obwohl das durchaus eine gute und berechtigte Frage wäre.) Der zweite, noch viel schlimmere Fehler bestand darin, dass ich mich bei dieser Gelegenheit gar nicht Katie direkt vorstellte, sondern ihrem Tanzpartner, den ich Norman nennen will. Um die Musik zu übertönen, fragte ich ziemlich laut: »Bist du zufällig Norman? Ich glaube, wir sind im selben Kurs für Zivilprozessrecht, und ich wollte dir sagen, dass ich deinen Diskussionsbeitrag neulich stark fand.« Darauf erwiderte Norman fröhlich und sichtlich geschmeichelt: »Ja, bin ich. Danke für das Kompliment!«

Angesichts des Wortlauts meiner Frage war Normans Reaktion völlig angemessen. Die Antwort hingegen, die ich eigentlich hatte hören wollen, hätte lauten sollen: »Ich heiße Katie Homer, und ich find’s toll, dass wir uns endlich kennenlernen. Und, ja klar, möchte ich dich so bald wie möglich heiraten.« Da ich nicht die entsprechende Frage gestellt hatte, war mit der erwünschten Antwort aber nicht zu rechnen. Zu meinem Glück verstand Katie trotzdem mein eigentliches Anliegen, und diesem Umstand verdanken wir es, dass wir heute ein Paar sind.

Gute und vor allem passende Fragen im richtigen Moment zu stellen ist gar nicht so leicht, wie es manchmal scheint. Das gilt nicht nur für Tanzveranstaltungen. Die Kunst besteht darin, beim Fragen etwas anzupeilen, das über eine Pauschalantwort hinausgeht und darauf abzielt, was im Verborgenen liegt und womöglich schwierig, knifflig, unter Umständen sogar düster oder sogar heikel ist. So werden Gespräche aber tiefer und intensiver, sowohl im Berufs- als auch im Privatleben.

Praktisch in jedem Beruf ist die Kunst der richtigen Frage ein entscheidender Erfolgsfaktor. So wissen gute Lehrer beispielsweise ganz genau, wie man fragend Interesse entzünden kann und verstaubtes Wissen zum Leben erweckt. Kindern und Jugendlichen kann man kein größeres Geschenk machen, als ihre Neugier zu wecken.

Selbst starke Führungspersönlichkeiten geben offen zu, dass geschickte Fragen wichtiger sind als schnelle Antworten. Sie wissen, wie man fragen muss, um erstarrte Denkmuster bei anderen – und bei sich selbst – aufzubrechen. Fragen können völlig neue Wege, Möglichkeiten und Horizonte eröffnen, egal auf welchem Gebiet.

Menschen, die etwas Neues entdeckt oder Großes erreicht haben, verstehen ohne Weiteres den Satz von Jonas Salk, der den Impfstoff gegen Kinderlähmung entwickelt hat: »Was die meisten Menschen für den Durchbruch bei einer Neuentdeckung halten, ist in Wirklichkeit der Moment, in dem jemand die entscheidende Frage gestellt hat.«

Oft dauert es eine Weile, bis die richtige Frage gefunden ist, aber das ist keine vergeudete Zeit. Auch Einstein widmete sich ausgiebig dem Finden passender Frageformen – er meinte, wenn er lediglich eine Stunde hätte, um ein Problem zu lösen, bei dem es um Leben oder Tod geht, so würde er die ersten fünfundfünfzig Minuten damit verbringen, sich die richtige Frage zu überlegen, mit der er die Sache angeht. Unser Problem besteht oft darin, dass wir schneller sein wollen als Einstein.

Auch im Privatleben ist es wichtig, die richtigen Fragen zu stellen. Gute Freunde tun dies fast von selbst, genauso wie gute Eltern. Schon an der Art und Weise ihres Fragens kann man erkennen, wie viel sie über einen wissen und wie stark sie Anteil nehmen. Das können Fragen sein, die innehalten lassen und nachdenklich machen, die zu Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zwingen oder eine noch engere Verbindung stiften. Es sind Fragen, die gar nicht unbedingt nach einer präzisen Antwort verlangen, sondern etwas Verlockendes an sich haben. Solche Fragen zu formulieren ist eine Kunst, die zu kultivieren sich lohnt. Sie zeichnet uns als Menschen aus.

Pablo Picasso hat einmal gesagt, dass er Maschinen für nutzlos hält, weil sie lediglich Antworten geben können. Zu seiner Zeit gab es weder Google noch Siri, die mittlerweile recht gut darin sind, Antworten zu geben. Gute Fragen fallen ihnen aber auch nicht ein. Und auf Fragen, die nicht eindeutig formuliert sind, reagieren sie wenig pfiffig, was mich zu meinem zweiten Hinweis führt: wie wichtig es ist, auf gute Fragen zu achten und genau hinzuhören.

Man sagt manchmal zur Ermutigung: Es gibt keine dummen Fragen. In gewisser Hinsicht ist das aber falsch. Natürlich gibt es viele Fragen, die schon auf den ersten Blick verquer sind, wie jenes »Bist du zufällig Norman?«. Manchmal hängt es schlicht vom Adressaten ab, ob die Frage dumm ist oder nicht. Worauf ich aufmerksam machen will, ist, dass Sie als Zuhörer oder Adressat durchaus die Möglichkeit haben, eine schlechte Frage in eine gute umzubiegen, wenn Sie sorgfältig zuhören.

Es bleibt selbstverständlich nicht aus, dass man auf eine dermaßen unmögliche Frage trifft, bei der von vornherein Hopfen und Malz verloren sind. Aber viele auf den ersten Blick ungeschickte Fragen sind bei näherer Betrachtung klug oder zumindest berechtigt. Um Ihnen das zu verdeutlichen, stelle ich Ihnen kurz eine Art Quizfrage oder, wie es im Jargon der modernen Pädagogik heißt, eine formative Beurteilung. Ich berichte kurz zwei wahre Begebenheiten – Ihre Aufgabe besteht darin, festzustellen, worin der Unterschied zwischen beiden liegt.

Kaum war ich als junger Student und kompletter Neuling in Yale eingetroffen, ergab sich eine lebhafte Unterhaltung mit einer Kommilitonin, die offenbar recht gesprächig war. Nachdem wir ungefähr zwanzig Minuten lang über Verschiedenes geplaudert hatten, hielt sie kurz inne, schaute mich verlegen an und sagte zu mir: »Darf ich dir eine Frage stellen?« – Ich dachte: Wow! Das ist ja unglaublich. Gleich fragt sie mich, ob wir zusammen zu Abend essen oder ins Kino gehen. Ich bin erst seit zwei Tagen im College und hab schon mein erstes Date!

Bevor ich Ihnen die Frage verrate, die sie mir tatsächlich stellte, muss ich vorausschicken, dass ich damals erst einen Meter sechzig groß war, also weit entfernt von meinen imposanten eins sechsundsiebzig heute. Sprich: Ich war ganz schön schmächtig. Die Pubertät lag damals anscheinend noch vor mir, sodass ich in meinem ersten Collegejahr wie ein Zwölf- oder Dreizehnjähriger wirkte. Aber zurück zur Frage. Meine Freundin in spe fuhr etwas verlegen fort: »Ich weiß nicht so recht, wie ich es ausdrücken soll, aber bist du vielleicht so was wie, na ja, eines von diesen Wunderkindern?« Dass aus dem gemeinsamen Abendessen oder Kinobesuch nichts mehr wurde, versteht sich wohl von selbst.

Ich stelle diese Episode einer anderen gegenüber, die sich bloß zwei Monate vor der Wunderkind-Bemerkung zugetragen hat. Dazu müssen Sie nur wissen, dass ich in Midland Park aufgewachsen bin, einer typischen Arbeiterstadt im Bundesstaat New Jersey. Die meisten Leute dort arbeiten als Elektriker, Installateure, Gärtner und dergleichen. Midland Park ist umgeben von ausgedehnten wohlhabenderen Vorortgemeinden, in denen jene Leute leben, die immer mal wieder einen Elektriker, Installateur oder Gärtner brauchen. Der A-&-P-Großmarkt, bei dem wir in der Regel einkauften, lag ziemlich genau in der Mitte zwischen Midland Park und einer dieser benachbarten wohlhabenden Gemeinden. Als meine Mutter gerade damit beschäftigt war, die Wocheneinkäufe in den Kofferraum einzuladen, tauchte eine aufwendig frisierte Dame neben ihr auf und fragte Mom, ob sie in Midland Park lebe. Nachdem meine Mutter das bejaht hatte, deutete die Frau auf das Rückfenster des Wagens meiner Eltern, wo ein Aufkleber von Yale prangte, den ich vor Kurzem mitgebracht hatte. Die wohlfrisierte Frau sagte: »Eigentlich geht es mich ja nichts an, aber ich bin trotzdem neugierig ... Könnte es sein, dass sich dieser Aufkleber schon auf dem Auto befand, bevor Sie es gekauft haben?«

Man erkennt leicht den grundlegenden Unterschied zwischen den beiden ungeschickten Fragen. Die erste war ganz unschuldig und sogar nett gemeint – und letztlich lustig, was ich allerdings erst später erkannte, nachdem meine Pubertät endlich abgeschlossen war. In der zweiten Episode entsprang die Frage hingegen einer abfälligen Attitüde; es war nur der äußeren Form nach eine Frage und in Wirklichkeit eine Beleidigung.

Praktisch jeder ist schon einmal oder mehrmals mit solch einer hochnäsigen, abwertenden Frage konfrontiert worden, sei es von Kollegen, Vorgesetzten, Verwandten oder völlig Fremden. Das gehört nun mal zum Leben dazu. Es kommt eben darauf an, die böse gemeinten von den schlicht ungeschickt formulierten zu unterscheiden. Bei einer ungeschickten Frage kann es durchaus sein, dass der Fragesteller einen Weg sucht, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen, Sie besser kennenzulernen, oder sie entstehen aus einer gewissen Ängstlichkeit oder Tollpatschigkeit heraus. All das ist nicht tadelnswert. Die wirklich schlimmen, in böser Absicht gestellten Fragen sind hingegen gar keine wirklichen Fragen, sondern einfach abwertende Bemerkungen unter dem Deckmantel der Frageform. Vor solcher Geringschätzung sollte man sich hüten, während die lediglich ungeschickten Fragen es verdienen, anerkannt und gewürdigt zu werden.

Um Ihnen noch einen möglichst anschaulichen Eindruck davon zu vermitteln, warum mir die Kraft entscheidender Fragen so wichtig ist, gehe ich noch einmal zurück in meine Kindheit: Als ich in die Grundschule ging, gab es dort einen Hausmeister, an dessen Gürtel immer ein enormer Schlüsselbund baumelte – davon war ich damals völlig fasziniert. Das lag auch daran, dass die schiere Menge der Schlüssel in keinem Verhältnis zu der doch irgendwie überschaubaren Anzahl von Türen in unserer Schule stand, jedenfalls derjenigen Türen, die wir Schüler kannten. Ich fragte mich also immer, welche anderen, unbekannten oder unsichtbaren Türen es noch gab und was sich dahinter wohl verbarg. Als Kind war ich fest davon überzeugt, dass der Hausmeister der mit Abstand wichtigste und mächtigste Mann der Schule sein müsse, da er ja die vollkommene Schlüsselgewalt hatte; genauso wie ich mir als Kind immer vorstellte, der Tankwart müsse der reichste Mann der Welt sein, weil er damals, noch vor Einführung von Kreditkartenzahlung und Selbstbedienung, vor meinen Augen immer mit fetten Bündeln von Dollarnoten hantierte wie sonst niemand, den ich kannte. Jedenfalls waren diese Hausmeisterschlüssel für mich der Inbegriff der Macht.

Fragen sind wie Schlüssel. Die richtige Frage zur richtigen Zeit öffnet einem die Tür zu etwas, das man bislang nicht erkannt hat oder noch nicht einmal im Entferntesten in Erwägung gezogen hätte – sowohl im Hinblick auf sich selbst als auch auf andere. Ich möchte Sie anregen, die fünf Fragen, über die es in diesem Buch geht, wie einen idealen Schlüsselbund bei sich zu tragen. Darüber hinaus werden Sie sicher immer mal wieder den einen oder anderen sonstigen Schlüssel benötigen, aber es empfiehlt sich, diese fünf immer bei sich zu haben.

Die folgenden fünf Fragen sollten Sie immer wieder stellen und sich selbst ihnen regelmäßig stellen, auch wenn es Ihnen spontan widerstrebt. Selbstverständlich sind dies nicht die einzigen wichtigen Fragen, die Sie sich selbst und anderen vorlegen können. Oftmals hängt es vom Kontext ab, was wirklich wichtig ist. Dies fünf entscheidenden Fragen sind aber so einfach und essenziell, dass sie in die alltäglichsten Gespräche einfließen können. Sie sind in so gut wie jeder Situation nützlich und zielführend, praktisch in jedem Zusammenhang. Mit ihnen überstehen Sie einen Montagvormittag im Büro und sind leichter in der Lage, Konflikte zu lösen und bestehende Beziehungen zu vertiefen. Sie sind ebenso dazu geeignet, sich über die grundlegenden Fragen des Lebens Klarheit zu verschaffen.

13:57 14.06.2018

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