Von der Balance

Leseprobe "Wir brauchen eine Lebenskunst, eine Art ökonomische Avantgarde, die uns wieder näher an uns selbst heran bringt, denn wir leben zwischen zwei Polen: Mangel und Überfluss."
Von der Balance
Foto: Oli Scarff/Getty Images

Kunst und Lebenskunst

Wie revolutionär die Avantgarde der Kunst des 20. Jahrhunderts war, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Die Bildsprache der Moderne ist längst Teil unserer Alltagskultur. Poster der Seerosen von Monet schmücken die Wartezimmer von Ärzten und Behörden, während die Rasterbilder von Piet Mondrian heute Fliesen, Mode und kosmetische Produkte zieren. Die Avantgarden bieten uns Wege zur Erkundung von Möglichkeiten eines anderen Lebens – Inspiration. Die Kunst eröffnet uns Spielräume für Freiheiten und neue Konzepte.

Wo liegen die Schnittstellen zwischen Kunst und Lebenskunst? Ob Monet oder Mondrian – Kunst ist mehr als Dekoration.

Es lohnt sich, ihren Willen zur Veränderung ernst zu nehmen und ihre Sichtweisen dem eigenen Leben anzuverwandeln. Gute Kunst ist ihrer Zeit voraus, bringt uns auf neue Ideen und ändert unsere Wahrnehmung.

In diesem Buch geht es um neue Perspektiven für ein sinnerfülltes Leben – um einen frischen Blick auf das Wesentliche: Wie wollen wir leben? Welche Werte wollen wir umsetzen? Welche Strukturen brauchen wir, welche sind überflüssig? Welche Rolle spielen Dinge, Rituale und Symbole in unserem Alltag? Was ist wirklich wichtig? Was erfüllt uns mit Schönheit, Sinn und Harmonie? Wie soll man leben? Welche Ziele sind erstrebenswert. Glücksangebote locken überall.

Leben ist Lebenszeit und als solche eine begrenzte Res- source. Menschen bereuen am Ende ihres Lebens am meisten, dass sie nicht den Mut hatten, das zu verwirklichen, was sie für richtig und wichtig hielten. Es kommt darauf an, diese Ressource, unsere Lebenszeit, in eine persönlichen Lebenskunst umzusetzen und spürbar zu machen. Denn Zeit, in der wir fremdbestimmt und unzufrieden herumdümpeln, ist verlorene Zeit, wir bekommen sie nicht zurück.

Ein autonomer Lebensstil ist möglich, denn gesellschaftlich sind wir so frei wie nie. Heutzutage gibt es wenige noch zwingende Konventionen, die uns vorgeben, wie wir unser Leben führen sollen. Soziale Kontrolle ist schon weitgehend unwirksam. Jeder ist auf sich selbst gestellt und muss seinen eigenen Weg suchen. Schier unendlich viele Lebensmodelle sind möglich. Unsere Multioptionsgesellschaft zwingt uns zu Entscheidungen.

Jeder stellt sich die Fragen: Was soll ich aus meinem Leben machen? In welche Werke und Taten lässt sich meine Ressource Lebenszeit verwandeln? Wie lässt sie sich nutzen? Und der Sinn des Lebens, stellt sich diese Frage denn überhaupt? Dient das Leben einem Ziel oder einem Zweck? Ist eine kluge Antwort überhaupt möglich? Warum gehen wir davon aus, dass das Leben, außer da zu sein, auch noch einen Sinn haben muss? Welche Bedeutung hätte der Sinn des Lebens für unser Glück? Was ist die Bestimmung des Menschen? Gibt es ein göttliches Gebot? Gibt es ein Gebot der Evolution, das die Fortpflanzung oder die Arterhaltung verlangt? Oder führt jeder autonom ein selbstbestimmtes Leben und wählt selbst einen Lebensweg, den er als sinnvoll erachtet?

Es kommt darauf an, die Zeit sinnvoll zu nutzen. Zeit, in der wir unzufrieden waren, ist verlorene Zeit, wir bekommen sie nicht zurück. Aber das rastlose Streben nach immer mehr Glück verhindert, dass wir es tatsächlich erleben. Es geht nicht um wilden Aktionismus, auch die Muße muss im Leben Platz haben.

Die Lebenskunst weist Wege zu Persönlichkeitsentfaltung und innerer Freiheit. Sie stellt philosophische Fragen. Um Glück auch auf der gesellschaftlichen Ebene zu ermöglichen, müssen politische Instrumente ausfindig gemacht und umgesetzt werden. Es geht darum, die Ideen der Kunst in das Leben zu holen und sie dort lebendig zu machen.

Ökonomische Avantgarde

Wir brauchen eine Lebenskunst, die uns wieder näher an uns selbst heran bringt, denn wir leben zwischen zwei Polen: Mangel und Überfluss. Wir haben einen Überfluss an Arbeit und Stress, an Konsum, Entfremdung und Reizüberflutung. Dagegen herrscht ein Mangel an Ruhe und Muße, an Entspannung und Freiräumen, an Lebenssinn und fröhlicher Gelassenheit. Da es keinen Masterplan gibt, ist Experimentieren angesagt – in allen Lebensbereichen, in kleinen Schritten, Tag für Tag.

Wie kommen wir aus der Tretmühle heraus? Wie gewinnen wir wieder die Kontrolle über unser Leben? Wie werden wir autonom und souverän, anstatt fremdbestimmt eine leere Existenz zu führen, deren Glücksmomente aus Wochenenden, Wellness, Luxus, Erholungsreisen, Shopping, Karriereschritten und dem Starren auf Displays oder dem Dahinvegetieren vor Bildschirmen besteht?

Downshifting bedeutet Runterschalten, und zwar in allen Lebensbereichen: Beruf, Freizeit, Konsum, Kommunikationstechnik und Infotainment. Was Mies van der Rohe als Credo in der Architektur formulierte, gilt auch im Leben: Less is more.

Viele Architekten, Künstler und Designer haben sich an diesem Motto ihr Leben lang abgearbeitet. Die einfache Wahrheit, die in diesem Leitgedanken liegt, kann man ihm nicht schnell absprechen. Downshifter versuchen nicht weniger als eine grundsätzliche Umschichtung der gewohnten Werte und Denkweisen:

Ist es vernünftig, Lebenszeit gegen Geld einzutauschen, um Dinge in Besitz zu bringen, die wir nicht brauchen, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht leiden können?

Die Ziele von Downshifting sind innerer Frieden, zwischenmenschliche Fülle und fröhliche Gelassenheit. Denn Lebenskunst hat nichts mit Status und Besitz zu tun; es sind die Freude am menschlichen Umgang und das Genießen guter Gefühle und schöner Alltagsmomente, die unserem Dasein Sinn verleihen. Haben oder Sein? Die große Verschwendung, mit der wir heute konfrontiert sind, ist die Vergeudung menschlicher Potenziale im Wettlauf um immer mehr Prestige und Macht.

Wie Mondrian in seinen Bildern zu immer klareren und einfacheren Kompositionen fand, sind wir aufgefordert, darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Was ist überflüssig? In unserem Alltag eine eigene Balance zwischen Notwendigkeit und Freiheit zu finden ist kein geringeres Abenteuer, als künstlerische Grenzen zu durchbrechen. Die Kunst kritisiert, stellt Fragen oder bietet philosophische Denkmodelle. Diese Fülle an Ideen sollten wir uns zunutze machen.

Strategien der neuen Einfachheit

Die ethisch-sozialen, politischen und ökonomischen Dimensionen von Downshifting sind nicht zu unterschätzen. Unter der harmlosen Oberfläche von Reduktion und Verzicht liegt ein ökonomisches Bewusstsein, das zunächst eher naiv wirken mag. Aber da unsere Gesellschaft auf dem Austausch von Waren und Dienstleistungen basiert, ist eine konsumkritische Haltung an sich schon subversiv.

Die Strategien des Downshifting stehen in einem persönlichen, sozialen und politischen Spannungsfeld. Es geht um unsere Werte, im Kleinen wie im Großen. Sich der Fremdbestimmung Stück für Stück zu entziehen, heißt auch kooperative und solidarische Lebenskonzepte zu verwirklichen. Nur so wird der Weg frei, um wahre Bedürfnisse zu erfüllen.

Wachstum ist kein Selbstzweck. Die Wirtschaft hat dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Die internationale Ban- kenkrise hat zwei Systemfehler erkennbar gemacht: Unser ökonomisches System beruht auf Spekulation und auf Schulden – es ist also seinem Wesen nach instabil. Zugleich sind wir abhängiger davon denn je – als gäbe es keinerlei Alternativen.

Statt uns von materialistischen Verhaltensmustern manipulieren zu lassen, wie sie Medien, Politik und Wirtschaft propagieren, sollten wir eigene Werte und die passenden Strategien für ihre Umsetzung entwickeln.

Dazu ist es notwendig, den frustrierenden Strukturen des Alltags entgegenzuwirken und finanzielle Unabhängigkeit anzustreben. Die Politik hat kein Interesse, in diese Richtung zu handeln. Auf der Makroebene der Staaten und der Wirtschaft agieren die Akteure noch immer nach den Maximen von Wachstum und materieller Gewinnmaximierung. Sie machen es dadurch schwer, andere Werte lebbar zu machen.

Neue Lebensstile sind nur gegen Widerstände durchzusetzen. Aber ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ist auch innerhalb bestehender Strukturen möglich. Es gilt, selbst zu denken und eigene Entscheidungen zu treffen, damit kluge und praktikable Konzepte entstehen, die den Alltag einfacher und das Leben erfüllter machen. Downshifting ist mehr als minimalistischer Lifestyle, sondern große Einfachheit.

Was brauche ich, was brauche ich nicht?

Befreien wir uns von unnötigem Ballast, damit wir mehr Raum und Zeit zu haben, um individuelle Lebenskonzepte zu ver- wirklichen. Verzetteln Sie sich nicht länger mit Kleinkram, Statusdenken und sinnloser Zeitverschwendung, sondern konzentrieren Sie sich auf ein hohes Maß an körperlicher und geistiger Aktivität. Downshifter reduzieren Stress, indem sie ihre materielle Abhängigkeit reduzieren.

Die Befreiung von Ballast setzt enorme Kräfte frei. Mit der Frage »Was brauche ich, was brauche ich nicht?« ist ein elementares Bedürfnis verbunden, das bisherige Leben neu zu ordnen.

Ausmisten gilt nicht gerade als glamourös, aber es bewirkt wichtige psychologische und philosophische Effekte. Besitz abzubauen ist einer der kraftvollsten und wirkungsstärksten Aneignungsprozesse, um wieder Souveränität über das eigene Leben zu erlangen. Mit dem Entrümpeln der eigenen Umgebung lässt sich die persönliche Lebensorganisation vereinfachen, sodass Sie sich leichter, beweglicher und freier fühlen. Entgegnen Sie der allgemeinen Suche nach mehr Güterwohlstand, Prestige und Luxus mit einer Gegenfrage: Von welchen Energiesklaven, Konsum- und Komfortkrücken lassen sich übervolle Lebensstile und verstopfte Wohnungen sowie schließlich die Gesellschaft als Ganzes befreien?

Hinter der Neubewertung materieller und immaterieller Werte steht die Frage »Was kann weg? Was kann bleiben?«, steht die Sehnsucht nach Transparenz und Einfachheit. Mondrian macht es uns vor: Durch konsequente Vereinfachung findet man zu Ordnungen, die spürbar machen, wie frei und klar geistiges Erleben ist. Einfachheit trägt entscheidend zu Ruhe und Kontemplation und damit zu einem glücklichen Leben bei.

Was kaufe ich, was kaufe ich nicht?

Geld ist ein Machtfaktor ersten Ranges. Mit dem, was wir kaufen, bestätigen wir das Produkt und das Umfeld, in dem es entstanden ist. Jeder Kauf ist eine politische Willensbekundung. Mit unseren Kaufentscheidungen wirken wir jeden Tag auf die Märkte ein. Kaufen wir nicht, werden Ressourcen geschont. Wir entscheiden, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen gefördert oder gebremst werden. Kluges und zurückhaltendes Konsumverhalten bedeutet daher gezieltes und verantwortungsbewusstes politisches Handeln.

Jeder bezahlte Euro wirkt sich aus: Wird ein biodynamischer Betrieb in der Region unterstützt oder eine auf Chemikalieneinsatz, Monokultur und Zerstörung der Küstenvegetation basierende Aquakultur in Asien? Startet ein Flugzeug oder setzt sich ein Schiff in Bewegung? Kann ein Handwerksbetrieb mehr Mitarbeiter einstellen oder baut ein börsennotiertes Unternehmen Arbeitsplätze im großen Stil ab? Kommt unsere Kleidung aus einer Textilfabrik in Bangladesch, wo unter lebensgefährlichen und menschenverachtenden Verhältnissen produziert wird? Oder wurde der Pullover aus der Wolle von Schafen, die auf saftigen Wiesen an der Atlantik- küste Schottlands grasen, gestrickt? – Sicher ist das auch eine Frage des Geldes. Wie viel sind wir bereit auszugeben? Aber bessere Qualität hält länger.

Im großen Maßstab praktiziert, kann bewusster Konsum auch globale Fehlentwicklungen konterkarieren. Für Downshifter wird durch täglich angewandte Konsumkritik der Weg frei zu authentischen Bedürfnissen, zu Autonomie, Mündigkeit, Freiheit und Mitmenschlichkeit. Die Welt der Dinge und des schönen Scheins ist so dominant geworden, dass sie eine Generation nach Mondrian eine eigene Kunstform prägte: Andy Warhol und andere Vertreter der Pop-Art erhoben Konsum und Glamour zum Wesentlichen. Mit seinen Suppendosen und Waschmittelpackungen verherrlichte Warhol die Warenwelt und zeigte zugleich, wie totalitär sie ist.

Ursprünglich sollte die Wirtschaft dem Wohl des Einzelnen und der Gesellschaft dienen – seit sich der Markt verselbstständigt hat, ist es umgekehrt. Was kaufe ich, was kaufe ich nicht? – Überflüssigen Konsum einzuschränken ist der erste Schritt hin zu mehr ökonomischer Unabhängigkeit. Wer weniger ausgibt, muss weniger Geld verdienen und gewinnt an Lebenszeit, die frei ist von den äußeren Zwängen der Erwerbsarbeit.

Was tue ich, was tue ich nicht?

Die empfundene Zeit schrumpft, wenn zwischen Tätigkeiten permanent hin und her gewechselt wird: Sie können telefonieren, währenddessen Ihrer Kollegin eine Notiz schreiben und dabei Bonbons lutschen. Natürlich sind Sie in der Lage, das alles gleichzeitig und ökonomisch zu erledigen. Indem wir die Zeit komprimieren, steigt die Erlebnisdichte. Aber auf diese Weise werden Sie kaum etwas erleben und intensiv wahrnehmen. Schmeckt das Bonbon nach Erdbeere oder Apfel? Welchen Ton schlagen Sie am Telefon an? Entspricht die Notiz Ihrem persönlichen Stil? Die Strategie der Entschleunigung stellt die Zeitfrage: Wie gehen wir mit der begrenzten Ressource Lebenszeit um? Wie möchten wir leben?

Ein leerer Terminkalender ist heutzutage fast verdächtig: Ist man nicht wichtig, hat nichts zu tun? Außerdem versäumt man ja scheinbar so viele verlockende Möglichkeiten. Entscheiden Sie sich lieber gegen den Versäumnisterror und das Zeitrauschen. Das Zeitempfinden ist höchst subjektiv und unterliegt Schwankungen. Kulturen und Epochen gehen unterschiedlich mit Zeit um. In Gesellschaften mit hoher Individualisierung und Vereinzelung ist die Beschleunigung größer. Es wird gro- ßen Wert auf Leistung und Effektivität gelegt. Uhrzeit-Kulturen zwingen das individuelle Erleben und Handeln unter das Zeitmaß.

Aber die Uhr ist eine Erfindung des Menschen. Die Sonne geht auf und unter, weil die Erde sich dreht. Die Zeit ist ein Konstrukt der Zivilisation. Es gibt kein eigenes Sinnesorgan für das Zeitempfinden. Die Zeit verhält sich letztlich immer so, wie man sie sich vorstellt und wie man mit ihr umgeht. In kollektivistischen Kulturen legt man Wert auf Zusammengehörigkeit. Hier steht die Ereigniszeit im Vordergrund. Das Zeitmaß ist den Ereignissen untergeordnet. Auf Bali antworten die Menschen auf die Frage, wie lange etwas dauert, mit Sätzen wie: »Die Zeit, die man zum Reiskochen braucht.« Ein Kind spielt selbstvergessen und hat dabei ein Gefühl von zeitloser Unendlichkeit. Es lernt spielerisch. Aber je älter es wird, desto seltener sind solche Flow-Erfahrungen – sein Glück, im Fluss der Zeit zu sein, wird von Stundenplänen und Terminen immer mehr beschränkt.

Ein eigenes Zeitbewusstsein zu entwickeln ist möglich. Es ist ein Prozess, den man lernen und üben kann. Dabei gilt die Devise: Rhythmus statt Tempo, Harmonie statt Ausdauer.

13:14 17.07.2014

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