Heimat und Flucht

Leseprobe "Die Unruhe unter denen, die sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, nimmt von Tag zu Tag zu: Bleiben oder Gehen? Niemand darf es wagen, seine Befürchtungen offen zu äußern."
Heimat und Flucht
Foto: Fred Ramage/Keystone/Getty Images

Die Störche ziehen

Sommer 1944

„Noch einmal, ehe die Kriegswalze darüber hinwegging, entfaltete sich meine ostpreußische Heimat in ihrer ganzen rätselvollen Pracht. Wer die letzten Monate mit offenen Sinnen erlebte, dem schien es, als sei noch nie vorher das Licht so stark, der Himmel so hoch, die Ferne so mächtig gewesen. Und all das Ungreifbare, das aus der Landschaft heraus die Seele zum Schwingen bringt, nahm in einer Weise Gestalt an, wie es nur in der Abschiedsstunde Ereignis zu werden vermag ...“

Mit diesen berührenden Worten erinnert der Arzt Hans Graf von Lehndorff in seinem Ostpreußischen Tagebuch an jene Wochen im Sommer 1944, die der Katastrophe unmittelbar vorausgehen. Er beschreibt die Unruhe der Bewohner im östlichsten Teil der Provinz. Bis vor kurzem noch galten die Gebiete jenseits von Oder und Neiße als die sichersten in Deutschland: Sie waren Aufmarsch- und Durchzugsgebiet der Wehrmacht – die Schlachten fanden woanders statt. Nach Ostpreußen kamen die Evakuierten, wenn im Ruhrgebiet, in Hamburg oder Berlin die Bomben fielen ...

Über die Gebiete Europas, die jenseits der Grenze von Ostpreußen liegen, ist die Katastrophe längst schon hereingebrochen. Sie kam zunächst über Polen, das im September 1939 mit Hitlers Vorgabe „Härte gegen alle Erwägungen des Mitleids“ überfallen wurde. Polen ist inzwischen zerschlagen, die polnische Intelligenz durch Himmlers Truppen weitgehend „ausgerottet“. Und wurde die Beute zunächst mit Stalin, dem bolschewistischen Erzfeind, geteilt, so ist die Sowjetunion seit 1941 nun selbst Aufmarschgebiet von drei Millionen Soldaten der Wehrmacht, von Polizeieinheiten und Verbänden der Waffen-SS.

Was sich im Osten neben den Jubelmeldungen im Volksempfänger tatsächlich abspielt, wissen allein die Soldaten der Wehrmacht, Himmlers SS- und Polizeieinheiten, wissen die im Generalgouvernement und später in Weißrussland eingesetzten deutschen Zivilinstanzen, die Akteure in den Vernichtungslagern, Eisenbahner, die Fahrpläne Richtung Osten zusammenstellten ...

Längst sind das Baltikum, Weißrussland und die Ukraine durchkämmt – sind Juden, „Zigeuner“ und eine Vielzahl „slawischer Untermenschen“ zwischen Ostsee und Karpaten vernichtet. Oft fanden die Mordorgien mit Hilfe von Freiwilligenverbänden aus den besetzten Gebieten statt. Haben die Zivilisten Ostpreußens, auf die nun die Rote Armee zuwalzt, eine Ahnung davon, was die Menschen im Osten seit Jahren erleiden müssen? Haben sie eine Vorstellung davon, in welchem Tempo beispielsweise im September 1941 in der Schlucht von Babi Jar 34 000 Juden aus Kiew ermordet wurden? Den Massenerschießungen im Baltikum, in Weißrussland und Teilen der Ukraine, an denen sich auch Einheiten der Wehrmacht beteiligten, fielen in den ersten Monaten nach dem Überfall rund eine halbe Million Menschen zum Opfer ...

Was wissen die Bewohner Ostpreußens von Leningrad, der zweitgrößten Stadt Russlands, die erst im Januar dieses Jahres endgültig befreit werden konnte? Die Überlebenden von Leningrad sind schwer traumatisiert. Im ersten, eisigen Winter 1941/42 ließ die Heeresgruppe Nord der Deutschen Wehrmacht, welche die Großstadt umzingelt hatte, zweieinhalb Millionen Menschen – darunter etwa 400 000 Kinder – ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Licht, ohne Strom, ohne Heizung und ohne Kanalisation. Leningrad lag über Monate dunkel und kalt wie die Tundra. Das häufigste Geräusch in dieser Zeit waren die Kufen von Kinderschlitten, auf denen steif gefrorene Tote auf die Zufahrten zu den Friedhöfen gebracht wurden. An die Friedhöfe selbst kam man schon bald nicht mehr heran, weil Leichenberge die Wege versperrten ...

Bereits im ersten Jahr der Blockade starben in Leningrad, dem früheren St. Petersburg, schätzungsweise 470 000 Frauen, Kinder und Männer. Sie starben durch Hunger und Kälte, durch Bombardements und Artilleriebeschuss. Bis Ende des Jahres 1941 warf die deutsche Luftwaffe fast 70 000 Brand- und Sprengbomben über der Stadt an der Newa ab, wobei gezielt Kindergärten, Schulen, Betriebe und Straßenbahnhaltestellen bombardiert wurden, um die Bevölkerung zu demoralisieren. Als Leningrad im Januar 1944 durch die Rote Armee befreit wurde, hatte Hitlers Luftwaffe mehr als 100 000 Brandbomben über der Stadt ausgeklinkt ...

Keine Grausamkeit lässt sich durch eine vorher begangene rechtfertigen. Doch weisen die Grausamkeiten von Eroberern auch im 20. Jahrhundert noch beträchtliche Ähnlichkeiten auf. So hat das bevorstehende Aushungern der ostpreußischen Bevölkerung durch die Sowjets seinen Vorlauf unter anderem in Leningrad – als nationalsozialistische Strategie im „Generalplan Ost“, in der das Verhungern von etwa dreißig Millionen „Untermenschen“ von vornherein eingeplant war.

Nicht nur Menschen, auch unwiederbringliches Kulturgut wurde vernichtet: So löschte ein Bombenangriff auf die Eremitage im Jahr 1942 die gesamte jüdische Stammesgeschichte der über die Welt verbreiteten Schapiro-Sippe aus, die sich zurückverfolgen ließ bis zu Kalam, dem Goldschmied des Königs Salomon. Hunderte von Dokumenten auf Pergament und Papier, von Zeugnissen und Notizen, Tagebüchern, Urkunden, Urteilen, Gnadengesuchen und Eigentumsbescheinigungen, Enteignungsbefehlen, Freibriefen, Geburts- und Einbürgerungsurkunden, Schenkungs- und Ehrenurkunden, Ehe- und Pachtverträgen, Sterbeurkunden, Begräbnisbescheinigungen, kleinen Gegenständen, Familienbildern, Zeichnungen und Porträts aus vielen Ländern und allen Zeiten wurden in einer einzigen Nacht zerstört. Mögen die Schätze der meisten Überlebenden wesentlich bescheidener gewesen sein – ihr Verlust schmerzt nicht weniger.

Nichts von all diesem Grauen ahnen Bauer Possienke und seine Frau – sie haben keinen Sohn, der auf Heimaturlaub hätte einiges andeuten können, der gefallen oder vermisst ist oder sich jetzt im Zug ausgemergelter Gestalten in russische Gefangenschaft schleppt. Bauer Possienke und seine Frau haben drei kleine Mädchen – vier, sechs und acht Jahre alt. Sie bewirtschaften einen größeren Bauernhof – mit etwa vierzig Kühen, mit Pferden, Schweinen und Gänsen, die zwischen den Kindern über den Hof schnattern. Der Bauernhof der Familie liegt in Schuditten, einem sehr kleinen Dorf, in dem es weder eine Schule noch eine Kirche gibt. Schuditten ist ein altes Dorf, noch aus der Pruzenzeit stammend.

Und dass Familie Possienke sich von der Roten Armee nicht sonderlich bedroht fühlt, liegt daran, dass die russisch-litauische Grenze hier scheinbar weit weg ist: Schuditten befindet sich dreißig Kilometer westlich von Königsberg. Ebenfalls nur dreißig Kilometer sind es bis Pillau; die Küste ist also nicht weit, die Samland-Bahn passiert direkt das Dorf. Brigittes Vater ist nicht nur Landwirt, sondern auch Bürgermeister der etwa 400 Seelen, die Schuditten bewohnen. Er fühlt deutsch-national wie fast alle Bauern des Dorfes, doch für Politik fehlen ihm aufgrund seines großen Hofes Zeit und Interesse – um dieses Thema kümmert sich der Ortsbauernführer.

Die vierjährige Brigitte, das jüngste der drei Mädchen, wird sich später dunkel daran erinnern, hier 1944 – noch fernab allen Kriegsgeschehens – eine glückliche Zeit erlebt zu haben: Gerade waren Onkel und Tanten zu Besuch. Und wie immer gab es unter den Kindern die üblichen Geschwister-Reibereien, wollten doch die beiden größeren Mädchen mal wieder nicht mit ihr spielen, weil sie noch nicht richtig mithalten konnte ...

Es geht im Sommer 1944 auf dem Hof von Possienkes zu wie in vielen anderen Familien auch – Familien, die keinen Sohn im Krieg haben, um den sie bangen müssen, oder die aus rassischen bzw. politischen Gründen verfolgt werden.

Seit dem 22. Juni 1944 befindet sich die Rote Armee in einer Großoffensive, die bereits dramatisch die Situation verändert hat: Die zahlenmäßig weit überlegenen sowjetischen Truppen – seit 1943 verstärkt durch polnische Divisionen – fügen der Wehrmacht immer empfindlichere Verluste zu und rücken bis an den östlichen Saum Deutschlands vor. Verlief die Frontlinie zunächst quer durch Polen und dicht an der Grenze zu Ostpreußen entlang, so erreicht die 5. Sowjetische Armee zwei Monate später, am 17. August 1944, die ostpreußische Grenze.

Der Krieg wird damit für die Zivilbevölkerung Ostpreußens zur bitteren Realität. Seit Juli werden die Bewohner des Memellandes evakuiert. Die Straßen östlich von Königsberg füllen sich außerdem mit Flüchtlingen aus Litauen. Durch die erntereifen Felder streift immer mehr herrenloses Vieh ...

Die Unruhe unter denen, die sich noch nicht auf den Weg gemacht haben, nimmt von Tag zu Tag zu: Bleiben oder Gehen? Niemand darf es wagen, seine Befürchtungen offen zu äußern. So starren die Menschen zum Himmel, an dem die Störche bereits ihre Kreise ziehen, und fragen sich: „Ihr zieht jetzt fort – und wir? Was soll aus unserem Land werden?“

(...)

14:19 18.09.2014

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