Zeit und Wandel

Leseprobe "Wenn es einen Gott gab, musste er Komiker sein: Die Nazis hatten ein Haus für die arische Herrenrasse gebaut, in dem jetzt muslimische Flüchtlinge lebten. Genau mein Humor."
Zeit und Wandel
Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Vorwort

Haben Sie vor dem September 2015 etwas mit Flüchtlingen zu tun gehabt?

Nein? Ich auch nicht.

Hatten Sie vor, sich näher mit ihnen auseinanderzusetzen, sie gar kennenzulernen?

Nein? Ich auch nicht. Man kann sich schließlich nicht um alles kümmern.

Doch aus Zufall, Fügung oder spontanem Aktionismus: Am 5. September 2015 landete ich ungeplant, unvorbereitet und mäßig motiviert in einer der heute größten Notunterkünfte in Berlin, an jenem Tag, an dem Österreich und Deutschland die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge nach Deutschland weiterreisen ließ. Für ein paar Stunden wollte ich bleiben, ein bisschen was erleben, gucken, und dann wieder gehen. Tatsächlich kam ich am nächsten Tag wieder. Und am übernächsten. Und am überübernächsten. Und in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten.

Warum?

Zum einen, weil da diese Menschen vor mir standen, über die man in den Zeitungen und im Fernsehen so viel gehört hatte. Plötzlich waren sie keine Bilder, keine Geschichten mehr, sondern echt, mit echten Schicksalen, Nöten, Träumen und Hoffnungen.

Zum anderen, weil da diese Menschen vor mir standen, die anpackten und halfen: mitten aus der Gesellschaft, aus verschiedenen Bildungs- und Einkommensschichten, politischen und kulturellen Hintergründen, Generationen, gesellschaftlichen Ansichten und Zielen. Sie wuchsen zu einem großen »Wir« zusammen. Diesem »Wir« schloss ich mich an.

Wer hofft, ich hätte eine verträumte Geschichte erzählt, eine Notunterkunft beschrieben, in der alles nur schön war und in der es keine Probleme gab, der wird enttäuscht werden. Ebenso alle, die hoffen, ich hätte darüber geschrieben, wie schlimm alles war. Denn das Jahr hatte viele Facetten: Hassmails und Anfeindungen, quälende Bürokratie, Schlaflosigkeit und Erschöpfung, Besuch aus Hollywood, strahlende Kinderaugen, Probleme mit Harzer Käse, Krätze, die einen nicht juckt, spontane Hochzeiten und Weihnachten mit den Geflüchteten, Ausnahmesituationen, die zur Normalität wurden, und viel Gelächter.

Es war ein aufregendes Jahr, in dem ich viel gelernt habe. Über mich selbst, über unser Land, vor allem über Menschen: jene, die Hilfe brauchten; jene, die Hilfe leisteten; jene, die gegen uns waren; jene, die zweifelten. Dieses Buch schloss ich vor dem Anschlag in Berlin am 19. Dezember ab, gedruckt wurde es danach. Schon am Morgen nach dem Anschlag, der sich im Bezirk von unserer Notunterkunft ereignete, wurde ich gefragt, ob wir jetzt unseren Umgang mit Geflüchteten ändern. Ob wir sie anders sehen als vorher. Ob ich dieses Buch umschreiben wolle. Die Antwort lautet: nein!

Es gibt leider keine Garantie für Sicherheit, nirgendwo auf der Welt. Selbst dann nicht, wenn wir alle Geflüchteten, alle »Ausländer« aus dem Land werfen, eine Mauer um Deutschland bauen und »unter uns« bleiben. Noch weniger aber werden wir Sicherheit bekommen, wenn wir uns abschotten, die Geflüchteten isolieren und sie jenen überlassen, die den Terror wollen, egal ob in den Geflüchtetencamps in Beirut oder den Notunterkünften in Berlin. Die Welt und unsere Gegenwart sind nicht schwarz-weiß, nicht einfach unterteilt in gut und böse. Die Realität – und das ist vermutlich unsere größte Herausforderung – ist viel komplexer, als wir es gerne hätten. Sie hat uns aber auch gezeigt, dass wir viel mehr erreichen können, als wir häufig glauben, wenn wir es gemeinsam tun, mutig und unbequem sind und nicht den einfachsten Weg gehen.

Neue Situationen lassen sich nicht allein durch politische Parolen bewältigen und nicht, wenn wir darauf warten, dass es jemand anderes tut. Sondern nur dann, wenn wir selbst aktiv werden. So wurde aus »Wir schaffen das« ein »Wir machen das«.

1. Bis morgen

Es war nicht einfach mit diesen Flüchtlingen. Da wollte man helfen und dann – waren sie nicht zu finden. Seit einer Stunde kämpfte ich mich bereits durch das Internet auf der Suche nach einem Ort, wo wir was tun könnten. Die Aspirin wirkte nicht, der Kaffee wirkte nicht, und ich hatte jetzt schon keine Lust mehr.

Am Abend zuvor hatten meine Freundin Ida und ich spontan beschlossen, heute helfen zu gehen. Wir saßen auf einer der zahlreichen Dachterrassen in Berlin-Mitte, feierten eine der zahlreichen Partys einer der zahlreichen Werbe- und PR-Agenturen, genossen den Freitagabend, und wie in jedem Gespräch in jenen Tagen sprach man irgendwann über Flüchtlinge. Seit Wochen stiegen die Flüchtlingszahlen in Europa und in Deutschland an, in Ungarn, am Budapester Bahnhof, spielten sich dramatische Szenen ab, Hunderttausende Flüchtlinge liefen durch Europa, stießen an immer neue Grenzzäune, wurden von Polizisten und Soldaten gejagt, geschlagen und gequält. Vor zwei Tagen war am Strand von Bodrum der dreijährige Aylan aus Syrien tot angespült worden, der Welt stockte einen Moment lang der Atem. Angesichts der sich abzeichnenden Aufgaben für Deutschland hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel einige Tage zuvor die ermutigende Parole »Wir schaffen das« ausgegeben. Es lag ein neues Gefühl in der Luft, etwas Mobilisierendes. Wer ein bisschen Empathie hatte, fühlte sich gefordert, geradezu aufgerufen, mit anzupacken. Dieser Stimmung konnte man sich nicht entziehen, wenn man sich ihr nicht entziehen wollte, sie war jetzt sogar hier oben bei uns Feiernden angekommen.

Ida runzelte die Stirn. »Wir müssten eigentlich irgendwas machen, das geht doch so alles nicht!«

»Du hast recht. Wollen wir da zusammen hingehen?«

»Finde ich gut. Was machst du morgen? Ich habe nachmittags frei.«

»Ich muss zur Einschulung meines Patenkindes, ab 12.30 Uhr hätte ich Zeit.«

»Okay ... 14 Uhr? Wo geht man denn da hin?« »Zu diesem LAGeSo? Da schreiben die doch jeden Tag drüber.« »Stimmt. Die Bilder da sind echt krass. Ein bisschen absurd, dass LAGeSo für Landesamt für Gesundheit und Soziales steht. Sollte eher Landesamt für Nichtstun heißen. Wo ist das eigentlich genau?« »Irgendwo in Moabit. Ich google das mal schnell ... Na ja, ist schon ’ne Ecke. Ich hol dich mit dem Auto ab.« »Nee, wir fahren Fahrrad. Wir machen einen Samstagnachmittagsausflug und danach gehen wir Kaffee trinken.« »Gut, aber ich bin um 19 Uhr zum Essen verabredet. Und das ist schon ziemlich weit weg.« »Keine Sorge. ›Wir schaffen das‹.« Gelächter. »Alles klar. Du auch noch einen Gin Tonic?« In der Nacht erklärten der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann und Bundeskanzlerin Angela Merkel nach einem gemeinsamen Telefonat, die Weiterreise von Flüchtlingen aus Ungarn nach Österreich und Deutschland zuzulassen. Der als »Zug der Hoffnung« in die Geschichte eingehende Treck Tausender Flüchtlinge setzte sich in Bewegung.

Nun saß ich also hier, vor meinem Computer, in zwanzig Minuten musste ich als guter Patenonkel zu dieser Schule fahren, und das Internet verriet mir einfach nicht, wo wir hinfahren sollten. Das LAGeSo, wo wir ja eigentlich hinwollten, schien Berichten zufolge am Wochenende geschlossen zu haben. Ich hatte Ario eine SMS geschrieben. Ario war in der Flüchtlingsszene aktiv und hatte vor Kurzem einen Afghanen aufgenommen. Oder Syrer? Einen Flüchtling halt, er wusste mit Sicherheit, wo man hingehen konnte. Ario rief an und lachte: LAGeSo am Wochenende? Welche Behörde hat denn am Wochenende auf? Äh, das LAGeSo vielleicht, wir haben doch eine Flüchtlingskrise, da kann man doch keine Montag-bis-Freitag-8-bis-16-Uhr-Öffnungszeiten einhalten!? Wieder Lachen. Wir sind in Berlin. Nun gut, kein LAGeSo. Wohin dann?

»Fahr mal nach Wilmersdorf. In dem alten Rathaus hat vor zwei Wochen eine Unterkunft aufgemacht. Adresse habe ich nicht, irgendwo Fehrbelliner Platz. War noch nicht da, aber die sind wohl ziemlich groß.«

Wilmersdorf? Das ist das andere Ende der Stadt. Gab es nichts in Kreuzberg, wo man was tun kann? Oder Neukölln oder Mitte? Offenbar nicht. Wilmersdorf. Ein Blick auf die Karte: 10,4 Kilometer. Mit dem Fahrrad sollte das 40 Minuten dauern.

SMS an Ida: »Wir fahren nach Wilmersdorf. Das sind 13 oder 14 Kilometer, vielleicht noch mehr. Mit dem Fahrrad eine Stunde. Nicht doch Auto? Dauert halb so lange.«

»Egal. Nein, kein Auto, strampeln ist gut.«

Mäßig gelaunt wartete ich nun um 14.10 Uhr vor Idas Haus. Sie, im Gegensatz zu mir in bester Stimmung, schob ihr Rad aus der Einfahrt und sah aus, als wolle sie shoppen gehen: hohe schwarze Stiefel, Wollstrumpfose unterm Minirock, schneeweißer Trenchcoat, die kurzen Haare akkurat geföhnt, perfekt gestylt. Ich hingegen hatte Augenringe und trug in weiser Voraussicht auf zwei Stunden Arbeit Kapuzenpulli und Jeans. Wir waren ein Traumteam.

Hinter Ida tauchte Wassef auf. Nachdem sie jahrelang in ihrer viel zu großen Wohnung alleine gewohnt hatte, hatte sie kürzlich beschlossen, sich einen Mitbewohner zu suchen. Wassef, Architekt aus dem Libanon, wollte mitkommen. Zu dritt dürfte das Ganze noch lustiger werden, und Arabisch sprechende Menschen waren vermutlich auch nicht verkehrt. So begann unser Ausflug. Es windete, natürlich von vorne, ab und an fielen Regentropfen vom Himmel, und meine Motivation hatte nach fünf Kilometern ihren absoluten Tiefpunkt erreicht.

Warum mussten wir da noch mal hin? Wegen der Stimmung im Land, weil alle plötzlich mitmachen wollten? Flüchtlinge sah ich doch auch so jeden Tag: die Drogendealer im Görlitzer Park vor meinem Wohnzimmerfenster, direkt dahinter die seit Monaten von Flüchtlingen besetzte Gerhart-Hauptmann-Schule, in die aber externe Helfer inzwischen nicht mehr reindurften, vor meinem Büro das Lampedusa-Camp in der Oranienstraße. Ja, natürlich hatte ich verstanden, warum die geflüchtet waren. Wer sah, wo sie herkamen, und das nicht verstand, dem fehlte es an Verstand. Ja, natürlich musste Deutschland helfen. Dafür zahlte ich gerne Steuern. Ja, ich diskutierte auch gerne und viel und sagte anderen Leuten gerne, wie beschränkt sie waren. Das musste doch reichen. Wieso genau saß ich auf diesem Fahrrad und strampelte durch die Gegend?

Nach fast 40 Minuten standen wir vor diesem monumentalen Haus mit fünf Stockwerken, weißen Mauern und hohen Fenstern. Mit seiner halbrunden Fassade erinnerte es an den Flughafen Tempelhof, nur in kleiner und weniger marode. Wenn es einen Gott gab, musste er Komiker sein: Die Nazis hatten ein Haus für die arische Herrenrasse gebaut, in dem jetzt muslimische Flüchtlinge lebten. Genau mein Humor.

Doch wo waren die? Das Tor war verschlossen, niemand da. Wir fuhren ums Haus. Und hier, in der Brienner Straße 16, waren wir am Ziel. Eine große Toreinfahrt, bewacht von streng dreinblickenden Security-Leuten. Rechts daneben ein großer weißer Container, als »Info-Point« gekennzeichnet, an der Seite wie ein Marktstand geöffnet. Drinnen vier hin und her wirbelnde Menschen, davor Dutzende Flüchtlinge und offenbar Helfer, viele Stimmen, ein Gewirr verschiedener Sprachen, Kinder rannten durch die Gegend, Leute liefen umher und trugen Säcke von A nach B, Autos hielten, Fahrräder stoppten, brachten Spenden.

Wir stellten uns in die Schlange. Und lauschten. Immer wieder der gleiche, leicht variierte Satz: »Hallo, schön, dich zu sehen. Dein Name?« oder »Hallo Martin, toll, dass du wieder da bist. Für welchen Bereich hast du dich eingeteilt?« – »Hat jemand Philipp gesehen?«

Was für Bereiche? Wir waren dran. »Hallo, schön, dass ihr da seid. Wie heißt ihr? Für welchen Bereich habt ihr euch angemeldet?«

Das größte Lächeln aufsetzend: »Hey! Wir wussten nicht, dass man sich irgendwo anmelden kann. Wir haben nur gehört, dass man hier helfen kann. Gibt doch sicher etwas, was wir machen können?«

Christoph, wie sein Namensschild verriet, blickte freundlich, aber durchaus bestimmt. »Wir bitten alle Leute, sich vorher unter www.volunteer-planner.org in die Schichten einzutragen, damit wir einen Überblick haben, wann wie viele Leute kommen. Hier ist der Zettel mit den Infos. Wir dürfen nur eine begrenzte Anzahl an Leuten ins Haus lassen und müssen den Überblick behalten. Warte mal – Sima, Jochen, habt ihr Philipp gesehen?«

»Schichten? Volunteer Planner? Davon haben wir noch nie gehört. Sorry.« Das war natürlich gelogen. Wer »Rathaus Wilmersdorf« in der Suchmaschine eingab, stieß unweigerlich auf diesen Volunteer Planner mit der klaren Anweisung, sich bitte zu registrieren und in eine Schicht einzutragen. Ich hatte den nach meinem Telefonat mit Ario auch gefunden und mich sogar registriert, aber nicht in eine Schicht eingeteilt. Der ganze Aufwand für einen Nachmittag erschien mir dann doch ein bisschen zu groß.

»Wir sind jetzt durch die ganze Stadt gefahren. Ihr wollt uns doch jetzt nicht wegschicken!?« Ich war ein bisschen genervt.

Katja übernahm uns, neben ihr eine ziemlich laute Frau, die energisch in einer Sprache sprach, die ich nicht zuordnen konnte, Arabisch war das nicht. Katja hatte die Ausstrahlung einer liebenswürdigen Mutter der Kompanie, die aber abends heimlich als Türsteherin arbeitete. »Na jut, dann finden wa wat. Wat wolltn ihr machen?«

Berliner Schnauze? Das sollte was werden mit uns beiden, das konnte ich als hier Geborener auch, wenn ich wollte.

Was wollten wir machen? Keine Ahnung. Das sollte uns doch bitte jemand sagen. Ich blickte Ida an, die ebenfalls keine Ahnung zu haben schien, was wir genau machen wollten. Dieses Helfen war jetzt schon anstrengend. »Du, ick hab keene Ahnung, wat wir machen solln, wir sind einfach herjekommen. Wat brauchtn ihr? Wir machn allet.«

»Ochn Berliner?« Ich hatte sie geknackt. »Woher? Aus Kreuzberg? Wat machstn dann hier im Westen? Na ja, macht nischt, wir nehm ja hier jeden.« Ich war verliebt. Natürlich lag Kreuzberg höchstens geografisch im Osten, aber für so eine alte Westberliner Schnauze war das schon o.k. »Wollta Spenden sortieren?!«

Äh, o.k., klar wollten wir Spenden sortieren.

Endlich bekamen wir unsere hart erkämpften Zugangsschildchen um den Hals gehängt, auf denen groß »REFUGEES WELCOME« stand, darunter eine Lücke, in die man Kreppband für den Namen und den Bereich klebte, darunter fett das Wort »STAFF«. Wir fühlten uns, als hätten wir uns ohne Einladung auf eine begehrte Party geschmuggelt, als wir das erste Mal die hochgeklappte Schranke der großen Toreinfahrt zum Rathaus Wilmersdorf passierten.

Doch hier hieß es plötzlich wieder: Stopp. »Eure Namen?« Ein grimmiger Security-Mann schaute uns an. Wir zeigten unsere Schilder, er blätterte in seinen Unterlagen. »Ihr steht nicht auf der Liste vom Planner.« Himmel, sollte das jetzt schon wieder losgehen? Ja, wir hätten uns eintragen sollen, das hatten wir ja nun verstanden. »Wenn ihr nicht auf der Liste steht, kommt ihr nicht rein.«

»Die beiden sind schon o.k., Fehler in der Liste.« Da war Christoph wieder, der uns eben noch abgemahnt hatte und jetzt ins Haus schmuggelte.

»Was ist das eigentlich für eine Scheiße mit diesen Listen, wie soll ich da denn bitte kontrollieren, wenn die ständig falsch sind? Wie heißt ihr jetzt? Ich trage euch nach.« Er guckte auf unsere Schilder. In die Spalte des Vornamens trug er meinen Vornamen, Holger, in die Spalte für den Nachnamen »Staff«. Ernsthaft? Fiel dem Typen nicht auf, dass hier hundert Leute den gleichen Nachnamen hatten? Ich wollte gerade ansetzen, etwas zu sagen, aber Christophs Blick bedeutete mir: Klappe halten, lächeln, weitergehen. Ich hielt die Klappe, lächelte und ging weiter. Wir hatten auch den zweiten Sicherheitscheck überwunden.

Endlich. Hier waren wir also. Links führten drei Stufen nach oben in einen kurzen Flur, rechts drei nach oben in einen endlos langen Gang mit PVC-Bodenbelag und Dutzenden Türen zu beiden Seiten, ein großes, altes ehemaliges Rathaus eben. Vor uns, am Ende der dunklen Toreinfahrt, der riesige Innenhof, vollgestellt mit großen Zelten, in denen Feldküchen und Feldduschen standen, umrahmt von parkenden Wagen des Katastrophendienstes, umhereilenden Menschen und Fußball spielenden Kindern. Eine Szene wie aus einem Film.

Noch während wir staunend umherschauten, rief jemand übertrieben fröhlich: »Spendensortierung? Dann bitte links rein. Geradeaus. Könnt ihr nicht übersehen. Habt ihr Philipp gesehen?« Ich schüttelte irritiert den Kopf, die Frau lachte und lief weiter. Wer zur Hölle war dieser Philipp? Und wo war er bloß?

Stufen hoch, durch den kurzen Gang mit seinen vier schäbigen kleinen Büros, die noch immer die alten Behördentürschilder hinter geschraubtem Plexiglas trugen, auf denen »Rechnungshof« stand. Am Ende des Ganges eine riesige Halle, in der sich prall gefüllte Müllsäcke, Plastiktüten und Pappkartons stapelten, dazwischen Inseln aus Tischen, auf denen ausgekippt, sortiert, zusammengelegt und verteilt wurde. Unter jedem Tisch ein Karton mit der Aufschrift »Müll«, um die Tische herum fein säuberlich beschriftete Kisten: »Kinder/Jungen, Hosen, S«, »Kinder/Jungen, Hosen, M«, »Kinder/ Jungen, Hosen, kurz«, das Gleiche für Kinder/Mädchen, Frauen und Männer.

Man wirft mir gelegentlich vor, ordnungsliebend bis pedantisch, mit einem Hang zum Sterilen, zu sein. Nun stand ich inmitten meines persönlichen Albtraums. Getragene Hosen, Hemden, T-Shirts, Unterhemden, Schuhe, Socken, Blusen, Mäntel, Röcke, Spielzeug und viele, viele laute Menschen, die wie Ameisen durcheinanderwuselten. Verdammt, der Kram musste sortiert werden, deswegen Spendensortierung. Schon bei dem Gedanken, Hunderte getragene Klamotten anfassen zu müssen, stieg es mir ein bisschen die Kehle hoch. Aber ein Duft von Krankenhaus ließ mich Frieden finden: astreines Desinfektionsmittel, dicke Flaschen auf jedem Tisch. Alles war gut.

»Habe Spielzeug! Wer übernimmt Spielzeug?« Wieder rannte eine dieser Ameisen an uns vorbei, wurde hinten links bereits erwartet, stellte die Ladung ab, die umgehend von anderen Händen zerlegt und in weitere Kartons verteilt wurde: Teddybären, Puppen, Autos, Spiele ... Und wieder verjagte mich ein halb gesungenes »Vorsicht, aus dem Weg bitte«. Genau so musste die Spielzeugwerkstatt des Weihnachtsmannes aussehen. Nur mit Elfen. Und mit Zuckerwatte. Und mit neuen Sachen.

»Hey, ich bin Marion. Seid ihr schon eingeteilt?« Eine sehr große, sehr blonde Frau mit einem sehr großen lachenden Mund riss mich aus meinen Gedanken. Noch bevor wir antworten konnten, rief sie über uns hinweg: »Drei Neue, wer braucht noch jemanden?« Und schon waren wir verteilt.

Ida übersetzte Wassef, wofür man uns eingeteilt hatte, doch er kam nicht mal in die Nähe eines Tisches.

»Do you speak Arabic?« »Yes I do.« »So what are you doing here? I need you. Come.« Und schon war er weg, aus dem »Spendensortierung«-Kreppband wurde ein »Übersetzer, Arabic«-Kreppband. Dolmetscher waren zweifellos sehr begehrt.

Marions Einweisung war einfach: »Tüte auf den Tisch kippen, Sachen angucken, Sachen zusammenlegen und in die jeweilige Kiste packen.« Sie reichte mir eine große Packung Gummihandschuhe. »Anziehen, ich will dich ja noch ein bisschen behalten.« Und genau so machte ich mich ans Sortieren.

Der befürchtete Ekel blieb aus. Nicht nur hatte ich meine rettenden Gummihandschuhe, die Sachen waren auch wirklich gut. Daran gab es nichts zu bemängeln, und Zeit für Ekel hätte man bei dem Rhythmus ohnehin nicht gefunden. Weil auf jedem Tisch alles landete und die Kisten in der Halle verteilt standen, flogen die Zurufe um meinen Kopf. »Hier, kannst du die mal nehmen, zwei Hosen in S und ein Shirt in M.« – »Eine Bluse, eher für Ältere, Größe 42.« – »Super Kleid, dazu habe ich vorhin eine Tasche gesehen. Wo sind die Taschen? Wir packen das zusammen.« – »Äh sorry, ich habe hier neue Tangas. Geben wir Tangas raus?« – »Habe hier ein T-Shirt mit der Aufschrift ›Super-Pussy‹, wollen wir das wirklich anbieten?« Lachen. Es wurde wirklich viel gelacht. Ein bisschen paradox, wenn man bedachte, dass wir in einem großen Haus mit Flüchtlingen waren, durch die Fenster sah man, wie sie durch den Innenhof liefen oder sich von Dolmetschern Papiere erklären ließen.

Ich kippte die gefühlt hundertste Tüte auf den Tisch, um die Sachen anzugucken, zusammenzulegen und wegzupacken, als vor mir zwei ganz offensichtlich getragene und ungewaschene Unterhosen auf den Tisch fielen, eingewickelt in ein dreckiges T-Shirt mit einem fetten Loch auf der Brust. Wieder stieg es mir die Kehle hoch, doch Marion rief nur: »Müll!« Sie deutete auf die Kiste unter dem Tisch. »Manche Leute verwechseln Spenden mit Mülltonne. Passiert. Nicht aufregen, weitermachen.« Sie lachte laut. Es war wirklich nett hier.

Ida war inzwischen von der Spendensortierung in die Lagerabteilung gewechselt oder gewechselt worden – so genau wusste man das nicht, tat man eine sinnvolle Handbewegung, hatte man plötzlich einen neuen Job – und kümmerte sich nun um das Einlagern der Spenden. Von Weitem sah ich sie wirbeln und delegieren, sie hatte in kürzester Zeit Karriere gemacht.

Nach zwei Stunden machte ich mich auf die Suche nach ihr. Das Haus war ein Labyrinth aus gelblichen Fluren und bräunlichen Treppenhäusern. In den früheren Verwaltungs-, Fraktions- und Abgeordnetenbüros wohnten nun Menschen, waren Lager und Behandlungszimmer. Durch die offenen Türen konnte man in den kleinen Zimmern drei, manchmal vier Feldbetten sehen, dazwischen Kleidung, Säcke, aufgerissene alte Taschen, Rucksäcke, ab und an sogar Koffer und andere Habseligkeiten.

Aus den Toiletten drang ein ekelhafter Geruch auf den Flur, der Geruch von zu wenigen Toiletten, die von zu vielen geteilt wurden und die eher an einen Klub in den Morgenstunden oder an ein Festival am zweiten Tag erinnerten. Der Gestank aus verstopften Rohren mischte sich mit dem unverwechselbaren Geruch einer abweisenden alten Berliner Behörde, der Bürgern schon beim Eintritt sagte: »Hier sind Sie falsch, gehen Sie bitte wieder!« Überall rannten Kinder durch die Gegend, stritten lautstark in fremden Sprachen um Spielzeug, gingen Security-Leute schnellen Schrittes durch die Gänge, immer wieder mit Freiwilligen zusammenstoßend, die Betten, Kissen und Kleidung irgendwo hinbrachten, die übersetzten und erklärten.

Im ersten Teil des endlos scheinenden Ganges hatten sich die ehrenamtlichen Ärzte und Krankenschwestern von »Medizin hilft Flüchtlingen« eingerichtet, die hier zu Dutzenden beschäftigt waren und im Eiltempo Verbände legten, Wunden säuberten, Pflaster klebten und Schnupfen, Kopfschmerzen und aufgeschlagene Knie behandelten. Durch einen Türspalt sah ich ein riesiges Medikamentenlager, in dem Ärzte gerade eine Apothekenspende in Regale sortierten, dahinter eine Arztliege.

Der Gang wurde von einem majestätischen Treppenhaus unterbrochen, rechts führten Stufen nach oben in die anderen Stockwerke, dahinter führte der Gang weiter. Hier war das Reich der Spendenannahme, rechts und links standen große Schilder mit »Spenden Männer«, »Spenden Frauen«, »Spenden Kinder«, »Spenden Hygiene«, hier waren unsere Sortierkisten hingekommen.

Das Ende des Ganges bildete ein großer Raum mit terrakottafarbenem Steinfußboden, der früher sicher einmal elegant gewirkt hatte, auf dem sich nun aber Kisten über Kisten stapelten. Dutzende Freiwillige bewegten sich in einem unüberschaubaren Gewusel hin und her, es wurde ausgekippt, einsortiert, aussortiert und gelagert.

Ein unglaubliches Bild, das einen entweder abschreckte oder mit sich riss. In einem weiteren Gang standen Flüchtlinge in Schlangen vor der Kleiderkammer, in denen die zuvor sortierten Spenden ausgegeben wurden, Dolmetscher übersetzten, wenn die Kommunikation mit Händen und Füßen nicht mehr half, Arabisch sprechende Freiwillige mit offenen Haaren, tief dekolletierten Shirts und engen Hosen erklärten arabischen Flüchtlingen mit Kopftuch, wovon sie wie viel bekommen konnten.

Und mittendrin, in diesem unüberschaubaren Chaos: Gelächter. Überall wurde gelacht, gescherzt, gealbert, hitzig, aber erstaunlich freundlich und charmant über die perfekte Stapelordnung der Kisten diskutiert. Und jeder duzte jeden. Klar, Berlin ist eine Du-Stadt, wer Gleichaltrige oder gar Jüngere siezt, outet sich selbst als Zugezogener, und mit denen hatten wir bekanntermaßen so unsere Toleranzprobleme. Ich duzte die Bäckerin, ich duzte in jedem Café die Kellner, ich duzte natürlich in jedem Kiosk und Supermarkt die Verkäufer. So war das auch hier: Der 16-jährige Rastalockenträger duzte die 70-Jährige im Chanel-Kostüm, die duzte wiederum den Mittsechziger, der irgendwas zwischen Geschichtsprofessor und Rechtsanwalt war, der wiederum fragte die 30-Jährige, wie sie denn bitte dieses und jenes sortiert hätte, die dann dem 40-Jährigen ... und so weiter. Auch das Alter schien hier keine Rolle zu spielen.

Jetzt war ich endgültig in einem Film angekommen, der mich begeisterte, der aber auch anstrengend war. Von allen Seiten prasselte es auf mich ein. Überall war eine helfende Hand gefragt, überall sollte und wollte man gleichzeitig mit anpacken, man zerriss sich förmlich und musste aufpassen, vor lauter Zerrissenheit nicht die Hälfte liegen zu lassen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ida kam mir entgegen, eine Kiste auf dem Kopf balancierend, sie lachte und rief mir etwas im Gewirr Untergehendes zu. Es wirkte, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan, als hier Kisten zu stapeln. Ich machte ihr ein Zeichen, ich wollte raus, ich wollte frische Luft.

Wir stellten uns in den Torbogen zwischen Eingang und Innenhof des Rathauses, es regnete. Auf dem riesigen Innenhof standen nicht nur diese vielen Zelte und Fahrzeuge, sondern auch ein wundersames, großes metallenes Gebäude, so hoch und groß wie ein kleines Einfamilienhaus, eingezäunt und bestückt mit Kameras.

Ich lehnte an der Hauswand und versuchte meine Gedanken zu sortieren. Ich war überwältigt, euphorisiert und erschöpft zugleich, ich hatte wahnsinnig viel Spaß und fragte mich, ob das o.k. war. Die Situation hier war ja nicht spaßig, und die Flüchtlinge, die wir hier sahen, vermittelten auch nicht gerade den Eindruck, als sei ihre Situation besonders unterhaltsam. Trotzdem, es war toll. Es hatte was von einem Happening. Das Chaos ohne stundenlanges Diskutieren war produktiv. Hier hatte alles ein Ergebnis, und die Freiwilligen strahlten eine geradezu mysteriöse positive Energie aus.

Im Gegensatz zu einer anderen Gruppe. Da gab es nämlich noch die Katastrophendienstmitarbeiter. Sie wirkten eher gemächlich, trugen ihre Warnwesten und Sicherheitskleidung, tranken Kaffee, rauchten, kippten zur Essenszeit Konserven in der Feldküche in die Töpfe und bewegten sich ansonsten eher gemütlich. Erst später erfuhr ich, dass der Katastrophenschutz nicht nur viel getan hatte, sondern auch, dass die hier tätigen Mitarbeiter ebenfalls Freiwillige waren, nur eben durch einen Träger organisiert und im Gegensatz zu uns versichert. Ihr Image war aber nicht das beste, und auf Neue wie mich wirkten sie untätig, ihr durchaus spannungsvolles Verhältnis zu den Freiwilligen war nicht zu übersehen – fast egal, mit wem man sprach: Es gab »die« und »wir«, und »wir« gaben den Takt vor, schon deshalb, weil wir zehnmal so viele Leute stellten.

Ida flüsterte mir zu: »Die Spendensortierung ist zu chaotisch. Man müsste den Schritt drei nach vorne ziehen.«

»Schritt drei?«

»Wir kippen hier alles auf einen Haufen, legen die Sachen zusammen und rennen dann zu den jeweiligen Boxen. Wir sollten die Sachen erst nach Männer-, Frauen- und Kindersachen vorsortieren. Dann nach Hosen, Pullovern und Unterwäsche und so. Und erst dann nach Größen. Das wäre viel sinnvoller. Wenn wir das System umstrukturieren, könnten wir Leute und Zeit sparen und die Efzienz erhöhen.« Das war Ida. Unternehmensberaterin durch und durch. Der Vorschlag klang plausibel, aber sollten wir als Neue, die niemand kannten, gleich mit Änderungsvorschlägen kommen? Ich blickte an die gegenüberliegende Wand, vor der eine Gruppe Freiwilliger stand, einer hockte auf dem Boden, ziemlich jung, groß, blond, etwas blass, den Kopf mit halb geschlossenen Augen an die Wand gelehnt, Jeanshemd, schwarze Turnschuhe, verwaschene Jeans, eine Zigarette in der Hand. Jeder redete auf ihn ein, die Menschen rannten hin zu ihm, fragten, bekamen eine Antwort und liefen wieder weg. Es gab keinen Zweifel: Das war Philipp! Wir hatten ihn gefunden. Langsam robbten wir uns an die Gruppe ran.

Philipp, das war sehr schnell klar, war hier der Chef, ohne ihn wurde nichts entschieden, der gesamte Plan schien in seinem Kopf zu stecken. Alles, was er sagte, klang gut, aber eines machte mich etwas nervös: Er redete so langsam. Ich meine w-i-r-k-l-i-c-h langsam. Jemand wollte wissen, in welchen Raum dieses und jenes zu bringen sei. Philipp schaute kurz auf, um dann nicht nur die Raumnummer zu nennen, sondern auch noch anzumerken, was es auf dem Weg dahin und in dem Raum und überhaupt darüber hinaus zu beachten gab. Und das Ganze sehr, sehr langsam. Ich wurde schon beim Zuhören nervös.

Es dauerte nicht lange, und wir hatten uns in ein Gespräch eingebracht, von dem wir zwar nur die Hälfte verstanden, was uns aber nicht davon abhielt, eifrig mitzureden. Ida sprach vorsichtig an, dass sie ein paar Ideen zur Optimierung der Spendensortierung habe, ich machte klar, dass ich die zwei Stunden in der Sortierung zwar super fand, dass wir aber auch gut im Organisieren seien ... Kritische Blicke von allen Seiten und ein kurzes – furchtbar langsames – »Kommt erst mal morgen und übermorgen wieder, und dann sehen wir weiter« beendeten unsere kurze Präsentation. Wir hatten uns gerade so richtig beliebt gemacht: Zwei Neue, noch gut erholt vom Sommerurlaub, das erste Mal dabei, gaben gute Ratschläge.

Es war inzwischen auch schon nach 17 Uhr, und wir wollten längst gegangen sein, aber wir konnten jetzt nicht einfach gehen. Wir waren im Fluss, und jetzt zu gehen wäre wie, das angefangene Essen stehen zu lassen. Die neue Deadline hieß 18 Uhr, »dann aber wirklich«. Während Ida wieder irgendwo in der Sortierung und Lagerung abgetaucht war, landete ich erst am und schließlich ungefragt im Info-Point.

Dieser Container war ein vollgestopftes Minibüro, an der geöffneten Seite lagen die ausgedruckten Listen des Volunteer Planners für den heutigen Tag, Tacker, Locher, Edding-Stifte, Kreppbänder, Tesafilmrollen, mit denen immer wieder Informationen in verschiedenen Sprachen von außen auf die Glasscheibe des Wagens geklebt wurden, Büroklammern, Infozettel, Stadtpläne, BVG-Pläne, Keksrollen und Gummibärchentüten, Wasserflaschen und Plastikbecher, eine Kiste mit Schlüsselbändern, an denen die laminierten und gelochten Umhängeschilder für die Schar der Freiwilligen befestigt wurden – die Helfer, die den Laden offenbar schmissen, hatten statt der Kreppbandlücke ihren Namen und ein Foto aufgedruckt. Hinter mir eine Ansammlung von Papierstapeln, Druckern und Laptops, auf engstem Raum war alles vorhanden.

Am spannendsten aber waren die Leute, die sich hier mit mir drängten: im Schnitt Anfang bis Ende vierzig, manche etwas darüber. Katja arbeitete bei einem Verband, Christoph war Rechtsanwalt, ich hatte richtig vermutet. Jochen war bei der Zivilluftfahrtbehörde angestellt, Maria in der IT irgendeiner Bundesbehörde. Für die höheren Altersgruppen stand hier Sima, eine energische und liebenswürdige Dolmetscherin, die bereits in Rente war. Die Jüngeren wurden von Philipp repräsentiert, der die Semesterferien nutzte, um hier von morgens bis abends aktiv zu sein, und von Manuel, ungefähr so alt wie ich, der einen Stapel an Listen durcharbeitete und laut, schnippisch und ironisch war. Es wirkte, als würden sie jeden Flüchtling persönlich kennen, was bei, wie ich inzwischen wusste, 600 Menschen ja wohl kaum möglich war.

Nun fragte ich selbst nach den Namen von Neuankömmlingen, ermahnte die, die sich nicht im Volunteer Planner eingetragen hatten, das doch bitte zu tun, gab die Zugangsbändchen aus, erklärte, wo sich welcher Bereich befand, wobei ich die Leute ständig in die falsche Richtung schickte. Wir beantworteten Fragen, studierten Papiere, gaben Pflaster aus, schickten Flüchtlinge zu den Ärzten.

Immer wieder wurden wir nach SIM-Karten gefragt. Beim erstenmal schaute ich irritiert und fragte mich, woher wir die denn haben sollten, aber Katja nahm eine SIM-Karte aus der Schublade und erklärte das Prozedere, wie man die Karte aktivierte. Hunderte SIM-Karten und Handys waren gespendet worden, sie waren das wichtigste Kommunikationsmittel für die Flüchtlinge, um mit ihren Verwandten in Kontakt zu bleiben, die sich entweder noch in der Heimat oder sich irgendwo in Europa in Unterkünften und auf Fluchtwegen befanden. Genauso häufig kam die Frage nach BVG-Tickets, von denen ebenfalls Tausende gespendet worden waren, denn die Flüchtlinge befanden sich in einer absurden Situation: Sie mussten immer und immer wieder zu den Behörden fahren, hatten aber keine Fahrscheine und auch kein Geld, um sich welche zu kaufen. Wer also kein Ticket gespendet bekam, musste zwangsläufig schwarzfahren, was die Gebührenstelle der BVG, aber auch die Einrichtungen, Freiwilligen und Behörden noch Monate beschäftigen würde. Man lernte im Minutenrhythmus dazu. Vor allem lernte man, kreativ mit Händen und Füßen zu kommunizieren.

Viele der Syrer sprachen Englisch. Die Afghanen hingegen waren stärker auf die Hilfe der Dolmetscher angewiesen. Übersetzerinnen wie Sima waren ununterbrochen gefragt. Ich beobachtete. Die Flüchtlinge waren anders, als ich sie mir vorgestellt hatte, doch wusste ich gar nicht genau, wie ich sie mir denn vorgestellt hatte. Sie teilten eine sichtbare Erschöpfung und eine innere Unruhe. Und sie trugen Flipflops. Und kurze Hosen. Ich fror vielleicht etwas zu viel, aber Flipflopwetter war heute nun wirklich nicht. Wurden keine Schuhe gespendet? Trugen sie die freiwillig? Ich hatte keine Ahnung, aber ich fror schon beim Zugucken.

Trotz der nicht abreißenden Fragen und Diskussionen – die Leute im Container wussten mit einer mir unbegreiflichen Präzision, wer schon Tickets oder SIM-Karten erhalten und wer welche Probleme hatte – war die Stimmung heiter. Aber viele Freiwillige sahen auch einfach müde aus. Wie lange sie heute schon hier waren? Seit 7 Uhr, seit 8 Uhr, seit 9 Uhr. Philipp betrat den Info-Point, musterte mich kritisch, setzte sich auf einen Klappstuhl, den Kopf in die Hände gestützt, tiefe Augenränder. Angesprochen, wie lange er in den letzten Tagen hier gewesen sei, lächelte er nur und sagte: »Ich hätte jetzt wirklich gerne einen Kaffee.« Seit 22 Tagen war er wie viele andere fast immer hier, morgens, mittags, abends, nachts. Die einen nutzten dafür die Semesterferien, andere hatten sich ihren Jahresurlaub genommen. Und alles, was er wollte, war ein Kaffee? Das sollte doch kein Problem sein. War es aber. Jeder war hier so beschäftigt, dass sie eigene Bedürfnisse vergessen hatten. Das nächste Café war zu weit weg, und so ernährten sich die Freiwilligen an ihren 12-Stunden-Tagen von dem, was sie sich morgens mitgebracht hatten, belegte Brote, Cola, Schokolade und Müsliriegel. Und natürlich Gummibärchen, die man immer und überall rumliegen lassen konnte, weil keines der Kinder diese Schweinegelatinegummibärchen essen wollte. Vollmundig kündigte ich an, mich um eine Kaffeemaschine zu kümmern und sie irgendwann vorbeizubringen. Katja ermahnte mich streng, auf keinen Fall selbst eine Maschine zu kaufen: »Wer hier den ganzen Tag hilft, soll nicht noch Geld ausgeben.« Sie berlinerte gar nicht mehr. Sie meinte das ernst.

Um kurz vor 20 Uhr gingen Ida und ich schließlich wirklich, mein Essen hatte ich schon längst abgesagt, Wassef war als Dolmetscher mit einem Flüchtling ins Krankenhaus gefahren. Wir gaben unsere Schilder ab. Und da passierte es. Maren sagte: »Schön, dass ihr da wart. Bis morgen dann.« Und automatisch und ohne zu überlegen, antworteten wir: »Bis morgen.« Jochen grinste. Verdammt. Das war eine Falle gewesen. Jetzt konnten wir nicht nicht wiederkommen.

Eine Stunde später saßen wir in Kreuzberg, tranken Kaffee und diskutierten. Wir hatten in den letzten Stunden so viel gesehen, gehört und aufgeschnappt, es war gar nicht möglich, über etwas anderes zu sprechen. Ich versuchte meine Erlebnisse zu sortieren. Was hatten wir da heute erlebt? Und wie viel war da noch? Von fünf Stockwerken hatten wir gerade einmal eine halbe Etage gesehen, einen Bruchteil. Wir waren uns einig, dass wir morgen noch einmal wiederkommen würden, den einen Tag konnten wir noch aufringen. Mir ging die Kaffeemaschine nicht aus dem Kopf.

Um 20.31 Uhr schrieb ich mein erstes Facebook-Posting zum Thema »Rathaus Wilmersdorf«:

»Liebes Netzwerk, wer hat eine normale Kaffeemaschine und/oder einen Wasserkocher zu verschenken? Ida und ich haben den Tag heute in der Flüchtlingsunterkunft in Wilmersdorf ver­bracht und werden dort morgen wieder sein. Es ist unglaublich bewegend, zu sehen, wie viele Menschen helfen. Die komp­lette Hilfe ist 100 Prozent ehrenamtlich organisiert. Gleichzeitig war es erschreckend, dass dort Leute bis zu zehn Stunden ehrenamtlich helfen und es nicht mal schaffen, einen Kaffee zu trinken. Es wäre toll, wenn wir diesen Ehrenamtlichen morgen eine Kaffeemaschine hinstellen könnten. Danke!«

Am nächsten Morgen stand ich pünktlich zum Schichtbeginn um 9 Uhr vor dem Rathaus. Mein früherer Kollege Ruben und mein Freund Stefan brachten ihre Kaffeemaschinen vorbei, in meiner Tasche befanden sich der Wasserkocher aus meiner Küche, Süßigkeiten und Kaffeepulver aus dem Kiosk. Völlig selbstverständlich und ohne zu fragen, stieg ich in den Info-Point, sagte laut »Juten Morgen allerseits«, stellte die Maschinen hin, drehte mich nach vorne, schnappte mir die Liste, lächelte breit, gab Ida zehn Minuten später ihr Band für die Spendensortierung. Jetzt ging es los.

11:19 16.03.2017

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