Auf der Suche

Leseprobe "Der Kapitalismus wird für zunehmende Ungleichheit verantwortlich gemacht, doch fehlt es an einer Alternative. Auf der Suche nach einem Ausweg haben wir die Werke der Gründungsväter der modernen sozialen Ordnung neu gelesen."
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Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

VORWORT

Die Auktion wird euch frei machen

Der Liberale des 19. Jahrhunderts war ein Radikaler, und zwar in doppelter Hinsicht: im etymologischen Sinn jemand, der den Dingen auf den Grund, an die Wurzel geht, und im politischen Sinn jemand, der sich für die großen Veränderungen in den sozialen Institutionen einsetzt. In diesem Sinn muss sich sein moderner Erbe verhalten.

— Milton Friedman, KAPITALISMUS UND FREIHEIT (1961)

Der Grundstein für dieses Buch wurde während eines Sommers gelegt, den einer von uns in Rio de Janeiro verbrachte. Rio ist die landschaftlich schönste Stadt der Welt. Üppige tropische Hügel, die sich zu einer strahlend blauen Bucht voller Inseln hinabziehen, bieten einzigartige Ausblicke. Doch dieselben Hügel sind mit favelas überzogen, armseligen, notdürftig errichteten Slums, denen es an grundlegenden sanitären Anlagen und Transportmöglichkeiten fehlt.

Leblon, das vielleicht reichste Viertel in ganz Lateinamerika, liegt am Fuße der Hügel. Dort kann man zu hoffnungslos überhöhten Preisen die Luxusuhren und Autos kaufen, die die führenden Statussymbole sind. Doch die Bürger von Leblon wagen es nicht, ihre Uhren auf der Straße zu tragen oder mit ihrem Auto nachts an einer roten Ampel zu halten, weil sie Angst vor der Gewalt aus den darübergelegenen Favelas haben. Rio ist eine der gefährlichsten Städte der Welt.

Cariocas, wie sich die Einwohner von Rio nennen, sind entspannt, freundlich, kreativ und offen. Sie nehmen Hautfarbe auf differenziertere Weise wahr als wir in den USA mit unserer scharfen Trennung zwischen weiß und schwarz. Beide Länder blicken auf eine lange Geschichte der Sklaverei zurück, doch in Brasilien hat jeder ein gemischtes Erbe. Gleichwohl sind die Schattierungen der Hautfarbe Indikatoren der sozialen Schicht, einer allgegenwärtigen Einflussgröße in der brasilianischen Gesellschaft.

Ökonomisch gesehen ist Brasilien das ungleichste Land in der westlichen Hemisphäre. Es besitzt zwar eine Überfülle an Rohstoffen, doch einige wenige Familien kontrollieren den Großteil seines Reichtums und fast 10 Prozent der Brasilianer leben unter der weltweiten Armutsgrenze. Die letzte Präsidentin wurde wegen Machtmissbrauchs abgesetzt, ihr Vorgänger sitzt wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis und Korruptionsermittler rücken ihrem Nachfolger, dessen Beliebtheitswerte sich im einstelligen Bereich befinden, immer mehr zu Leibe. Bei Erscheinen dieses Buches wird er wahrscheinlich schon im Gefängnis sitzen. Der Lebensstandard im Land stagniert seit längerem. Das Unternehmertum ist wenig ausgeprägt.

Wie konnte dieses Paradies zu Fall kommen? Wie lässt sich sein Potential ausschöpfen? Die Debatte ist altbekannt:

Linke: Die Regierung sollte die Reichen besteuern und so Wohnungen, medizinische Versorgung und Arbeitsplätze für die Armen schaffen.

Rechte: Ja, und am Ende geht es so zu wie in Venezuela oder Simbabwe. Die Regierung muss staatliche Unternehmen privatisieren, Eigentumsrechte durchsetzen, die Steuern senken und die Regulierung abbauen. Wenn erst einmal die Wirtschaft läuft, löst sich das Problem der Ungleichheit von ganz allein.

Technokratische Mitte: Wir benötigen eine Wirtschaft, die von international ausgebildeten Experten sorgfältig reguliert wird, gezielte Maßnahmen, die in randomisierten kontrollierten Studien geprüft werden, und politische Reformen, die die Menschenrechte schützen.

Menschen in reichen Ländern mit zunehmender Ungleichheit werden ihr eigenes Land in Brasilien wiedererkennen. In den reichen Ländern stagniert die Wirtschaft ebenfalls und politische Konflikte und Korruption nehmen zu. Die langgehegte Erwartung, ein „sich entwickelndes Land“ wie Brasilien werde schließlich zu einem „entwickelten Land“ wie die USA werden, steht auf dem Prüfstand, und die Menschen fragen sich allmählich, ob die Dinge sich nicht in die umgekehrte Richtung entwickeln. Die Patentrezepte für Reformen sind unterdessen dieselben wie vor einem halben Jahrhundert: Steuern erhöhen und umverteilen; Märkte stärken und privatisieren oder Governance und Know-how verbessern.

In Rio schlagen diese Rezepte offenkundig nicht an. Armut, die strenge und konzentrierte Kontrolle von Land und politische Konflikte scheinen eng miteinander verknüpft zu sein. Die Umverteilung von Wohlstand hat in puncto Ungleichheit kaum Fortschritte gebracht. Eine Verbesserung der Eigentumsrechte hat nicht viel zur Förderung der Entwicklung beigetragen. Slumbewohner halten an Grundbesitz fest, der stattdessen ein öffentlicher Park, ein Naturschutzgebiet oder moderner Wohnraum sein könnte. Grundstücke in der Innenstadt, in denen Favela-Bewohner menschenwürdig leben und öffentliche Dienstleistungen in Anspruch nehmen könnten, befinden sich in der Hand einiger weniger Reicher, die zu viel Angst vor Verbrechen haben, als dass sie sie genießen könnten. Dieselbe geballte Konzentration von Wohlstand, die Ungleichheit erzeugt, scheint die Politik zu korrumpieren und unternehmerische Initiativen zu bremsen: Brasilien zählt laut Weltbank zu den 10 Prozent der am wenigsten geschäftsfreundlichen Länder.

Der Fall Rio verlangt eine Antwort auf die Frage: Gibt es keinen besseren Weg? Kann diese Stadt nicht Ungleichheit, Stagnation und sozialen Konflikten entkommen? Deutet Rio auf das Schicksal von New York, London und Tokyo voraus –allerdings ohne die Freuden von Samba, Strand und Sonne?

(…)

Einleitung

DIE KRISE DER FREIHEITLICHEN GRUNDORDNUNG

Die Ideen von Ökonomen und politischen Philosophen, seien sie richtig oder falsch, sind mächtiger als üblicherweise angenommen. Tatsächlich wird die Welt von kaum etwas anderem regiert. Praktiker, die von sich glauben, sie unterlägen keinerlei intellektuellen Einflüssen, sind gewöhnlich die Sklaven eines längst verstorbenen Ökonomen.

— JOHN MAYNARD KEYNES, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1936)

Die Berliner Mauer fiel, als einer von uns gerade zur Vorschule kam und der andere am Beginn seiner Karriere stand. Es war ein entscheidender Moment für die Entwicklung unserer politischen Identitäten. Der „American Way“ – freie Märkte, die Volkssouveränität und globale Verflechtung – hatte das sowjetische „Reich des Bösen“ besiegt. Seitdem beherrschen jene Werte, die wir als freiheitliche Grundordnung bezeichnen, die intellektuellen Diskussionen. Führende Denker riefen „das Ende der Geschichte“ aus. Die großen sozialen Probleme, die so lange im Mittelpunkt des politischen Dramas gestanden hatten, waren gelöst.[i]

Intellektuell wurden wir beide in einer noch nie dagewesenen Ära des globalen intellektuellen Konsenses, des Vertrauens und der Selbstzufriedenheit erwachsen. Nirgends war diese Atmosphäre deutlicher zu spüren als in der Welt der Politik, in der wir beide landeten – der eine in den Rechts-, der andere in den Wirtschaftswissenschaften. Ironischerweise übernahm die Ökonomie mehr als jeder andere Bereich die Rolle des Anführers in einer Welt, in der es keine Debatten über Wirtschaftssysteme mehr gab. Ökonomen, die einst die Extreme des politischen Spektrums mitdefiniert hatten (erinnern Sie sich an Karl Marx?), sahen sich als Mainstream-Stimmen der Vernunft, die von der Öffentlichkeit mit politischen Entscheidungen betraut worden waren.[ii]

An Universitäten und in Fachverbänden konzentrierten sich die Ökonomen auf eine Politikanalyse der Mitte, die angesichts ihrer mathematischen und quantitativen Art ideologisch neutral erschien. Unterdessen grenzte das Gebiet die radikale Linke (Marxisten) und Rechte (die sogenannte Österreicher Schule) aus.[iii] Die meisten Arbeiten von Wissenschaftlern aus Wirtschaft, Jura und Politik widmeten sich der Rechtfertigung bestehender Marktinstitutionen oder dem Vorschlag moderater Reformen, die im Wesentlichen den Status quo wahrten.

Bis auf wenige Ausnahmen gingen die Mainstream-Ökonomen dieser Zeit davon aus, die herrschende Ausgestaltung von Marktinstitutionen funktioniere verhältnismäßig gut. Wenn die Märkte „versagten“, so die Theorie, würde eine moderate Regulierung auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Analyse den Abschwung auffangen. Fragen der Ungleichheit wurden weitgehend ausgeblendet. Da die Märkte so viel Wohlstand generierten, sei Ungleichheit hinnehmbar; ein soziales Sicherheitsnetz sorge dafür, dass die Ärmsten nicht verhungerten. Einer von uns landete schließlich bei Microsoft und verfolgte sein Interesse an der Ausdehnung des Standardansatzes auf moderne Technologieplattformen, der andere konzentrierte sich auf Fragen der Rechtsreform. Unterdessen geriet der Boden unter unseren Füßen ins Wanken.

Die Finanzkrise von 2008 und die darauffolgende Rezession waren die ersten Erschütterungen. Doch obwohl der konjunkturelle Einbruch der schlimmste seit der Weltwirtschaftskrise 1929 war, schien er sich eine Zeitlang nicht von den meisten Rezessionen zu unterscheiden. Die Menschen verloren ihre Häuser, ihre Jobs und ihren Zugang zu Krediten, doch dies hatte es bereits viele Male zuvor gegeben, und die Wirtschaft hatte sich wieder erholt. Erst 2016 wurde klar, wie dramatisch sich die Lage gewandelt hatte.

Wie sich herausstellte, war ein großer Teil des wirtschaftlichen Fortschritts vor der Rezession illusorisch gewesen – er war vor allem den sehr Reichen zugutegekommen. Explodierende Ungleichheit, stagnierende Lebensstandards und zunehmende wirtschaftliche Unsicherheit führten den alten Stil der Politikanalyse ad absurdum. Die wütende politische Reaktion auf die Rezession, wie sie die Occupy-Wall-Street- und die Tea-Party-Bewegung in den USA verkörperten, klang mit der Erholung der Wirtschaft nicht ab. Die Öffentlichkeit verlor das Vertrauen in die gewohnte Politikanalyse der Eliten, die die Deregulierung der Finanzmärkte und anschließend die unbeliebten Rettungspakete unterstützt hatten. Wo die alten Ansätze in Zweifel gezogen wurden und die neuen Richtungen unklar waren, zerfiel die öffentliche Meinung in zwei Lager. Und aufgrund der seit langem schwelenden Kontroversen über kulturelle Fragen insbesondere der Zuwanderung nahm die Wut auf die Eliten eine hässliche fremdenfeindliche Wendung. Weltweit entluden sich Fremdenhass und Populismus in einem seit den 1930er Jahren ungekannten Ausmaß.

Leider haben die Ideen nicht mit der Krise Schritt gehalten. Der Kapitalismus wird für zunehmende Ungleichheit und nachlassendes Wachstum verantwortlich gemacht, doch fehlt es an einer Alternative. Die liberale Demokratie wird für Korruption und Lähmung verantwortlich gemacht, doch ist der Autoritarismus kaum ein verlockender Ersatz. Globalisierung und internationale Governance-Institutionen sind zu beliebten Sündenböcken geworden, doch fehlt es an Vorschlägen für einen alternativen, nachhaltigen Weg der internationalen Beziehungen. Selbst die am besten geführten Regierungen der am weitesten entwickelten Länder verfolgen trotz seiner zahlreichen Misserfolge den etablierten technokratischen Ansatz der Vergangenheit.

Auf der Suche nach einem Ausweg aus dieser Sackgasse haben wir daher die Werke der Gründungsväter der modernen sozialen Ordnung neu gelesen: eine Gruppe von selbsternannten „politischen Ökonomen“ und „Philosophical Radicals“ des späten 18. und 19. Jahrhunderts, darunter Adam Smith, der Marquis de Condorcet, Jeremy Bentham, John Stuart Mill, Henry George, Léon Walras und Beatrice Webb.

Obwohl diese Denker, deren Ideen wir in späteren Kapiteln untersuchen werden, in einer anderen Welt als der unsren lebten, standen sie vor ähnlichen Herausforderungen. Das wirtschaftliche und politische System, das sie aus dem 18. Jahrhundert übernommen hatten, konnte mit dem technischen und demographischen Wandel, der Globalisierung der Zeit und dem breiteren kulturellen Umfeld nicht mithalten. Tiefverwurzelte Privilegien blockierten Bemühungen um die Förderung von Gleichstellung, Wachstum und politischen Reformen. Da die Philosophical Radicals die intellektuellen Ressourcen der damaligen Zeit als unzureichend für zukunftsfähige Lösungen empfanden, arbeiteten sie neue Ideen aus, die bei der Entwicklung unseres modernen marktwirtschaftlichen Systems und unserer liberalen Demokratie eine wichtige Rolle spielten. Ihre Vision und ihre Reformen verbanden die libertären Bestrebungen der heutigen Rechten mit den egalitären Zielen der heutigen Linken und sind das gemeinsame Erbe beider Enden des politischen Spektrums. Dies ist der gemeinsame Geist, den wir wiederzubeleben versuchen.

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[i] Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte: wo stehen wir? Aus dem Amerikan. von Helmut Dierlamm (München: Kindler, 1992).

[ii] Marion Fourcade-Gourinchas und Sarah L. Babb, The Rebirth of the Creed: Paths to Neoliberalism in Four Countries, 108 American Journal of Sociology, S. 533 (2002); Fourcade u.a., The Superiority of Economists, 29 Journal of Economic Perspectives, S. 89 (2015).

[iii] Marion Fourcade, Economists and Societies: Discipline and Profession in the United States, Britain, and France, 1890s to 1990s (Princeton University Press, 2010).

13:31 10.10.2019

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