Aus heiterem Himmel

Leseprobe "Die Wahrheit ist, dass überhaupt keine Vorkehrungen getroffen worden waren, weil die Polizei einfach nicht damit gerechnet hatte, es könnte – ausgerechnet – in Oppenau Schäuble etwas passieren."
Aus heiterem Himmel
Foto: Sean Gallup/Getty Images

Einleitung

"Ich konnte nicht verlangen, dass er sein Leben aufgibt"

Es war das schwerste Gespräch, das Wolfgang Schäuble und seine Frau Ingeborg je geführt haben. Er hatte nach jenem 12. Oktober 1990, dem Tag des Attentats, das ihn für die zweite Hälfte seines Lebens in den Rollstuhl gezwungen hat, mit unglaublicher Energie die dramatische Veränderung akzeptiert. Noch in der Universitätsklinik, in den Tagen, da er wegen seiner Verletzungen im Mundraum nicht richtig sprechen konnte, musste ihm – auf seine schriftliche Bitte hin – seine Frau die Berichte der Tageszeitungen aus den ostdeutschen Bundesländern vorlesen. Irgendeinen Wunderglauben, er könne jemals wieder aus der Gefangenschaft seiner Querschnittslähmung befreit werden, ließ er nie an sich heran. Ehe die Operationswunden auch nur halbwegs verheilt waren, stürzte er sich zurück ins politische Leben. Nur kein Mitleid zulassen, Selbstmitleid schon gleich gar nicht. Ingeborg Schäuble tat sich mit dem gemeinsamen Schicksal viel, viel schwerer. In ihr Gedächtnis hatte sich der Satz tief eingebrannt, den ihr Mann irgendwann in den ersten Stunden nach der Einlieferung in die Klinik geflüstert hatte und an den er sich später nicht erinnerte, wohl auch nicht mehr erinnern wollte: »Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?« In jener Zeit konnte auch er sich ein Leben im Rollstuhl und in der Politik mit der Behinderung einer Querschnittslähmung nicht vorstellen.

Noch jahrelang hat Ingeborg Schäuble die Hoffnung nicht aufgegeben, die Mühsal des Rollstuhls lasse sich vielleicht doch noch eines Tages lindern. Sie musste mit ansehen, wie ihr Mann sich in der Bonner Politik ohne jede Rücksicht auf sich selbst wieder einspannen ließ. Sie kannte die Probleme genauer als seine politischen Weggefährten. »Ich habe gesehen, wie es ihm wirklich ging und welche Probleme da waren.« Und nächtelang saß sie zu Hause und schrieb Briefe an Menschen, die ihr immer wieder mitteilten: Mir ist auch so was passiert, und ich bin heute nicht mehr gelähmt. Ingeborg Schäuble studierte die medizinische Fachpresse in der Hoffnung, dass sich irgendwo in der Wissenschaft neue Wege der Rehabilitation öffneten. Sie suchte – gegen den Widerstand ihres Mannes – Kontakte mit allen möglichen Experten. Doch das Einzige, bei dem er mitzog, waren Besuche bei einem Akupunkteur.

Sie räumt heute offen ein: »Für mich innerlich uneingeschränkt ja zu sagen zu dieser Behinderung, das habe ich erst nach etwa fünf Jahren geschafft.« Da gab sie die Hoffnung auf, es ließe sich eine Verbesserung seines Zustandes erreichen, wenn er sich mehr Zeit für sich und seinen Körper nähme. Die grundlegende Lebensentscheidung war zwischen Wolfgang und Ingeborg Schäuble allerdings schon weit früher gefallen. In einem Gespräch, gut ein Jahr nach dem Attentat, das sie heute noch das schwerste ihres Lebens nennt. Da stellte sie ihrem Mann die Frage, ob er sich denn wegen des Rollstuhls auch ein Leben ohne Politik vorstellen könne? Seine Antwort war: »Willst du wirklich, nachdem ich diese dramatische Veränderung in meinem Leben verkraften muss und die du auch aushalten musst, denn du musst mich ja ertragen, eine zweite dramatische Veränderung aushalten, nämlich ein Leben ohne Politik? Und willst du, dass ich in ein sehr zurückgezogenes Leben umsteige, mit der Gefahr, dass die Unzufriedenheit wächst? Wäre das gut für dich und die Familie?«

Sie verstand die darin versteckte Antwort: Wenn ihr Mann wegen seiner Querschnittslähmung der Politik entsagen müsse, dann würde seinem zweiten Leben nach dem Attentat der Lebenskern fehlen. »Ich konnte nicht verlangen«, sagt sie seither, »dass er sein Leben aufgibt. Der Politik war er schließlich schon in den Tagen verbunden, als er noch ein Bub war.« Leicht ist dieser Lebensweg der Frau nie gefallen, die sich als Lebenspartner stets einen Professor oder Richter erträumt hatte. Ingeborg Schäuble steht jedoch fest zu der Entscheidung jener Tage. »Ich unterstütze ihn in allem, was er tut.« Die große Befriedigung, die ihr Mann bis heute in der Politik findet, hat ihr geholfen, die Gefahr zu überwinden, »dass man in eine von Mitleid überladene Beziehung rutscht«. Dem Leben, von dem die Studentin Ingeborg Hensle geträumt hatte, ehe sie ihren Wolfgang im Studium kennenlernte, einem Leben mit einem Mann, der die Chance gehabt hätte, sehr viel zu Hause zu arbeiten, ist sie nie nahe gekommen. Doch nun blickt sie gelassen auf das beschwerliche Leben an der Seite eines Mannes im Rollstuhl zurück: »Jedes Leben ist lebenswert. Für uns alle ist es ganz wichtig, dass er da ist. Aber ich denke, auch für ihn ist das ganz schön.«

Zu lange, räumt Ingeborg Schäuble ein, habe sie sich bei dem Gedanken an das Attentat und die Veränderungen, »die dadurch in unserem Leben entstanden sind, selbst blockiert«. Sie habe sich immer Sorgen gemacht und »mich nur noch mit uns selber beschäftigt«. Jeden Tag telefonierte sie mit ihrem Mann und stellte die Frage: »Wie geht’s? Wie wird es weitergehen?« Das wollte sie aufbrechen. Sie hat daher organisiert, was sie ihr »drittes Leben« nennt. Sie ließ sich engagieren als Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe. Sie wolle etwas für sich selber finden, was sie ausfülle, »was mich auch fordert und für mich Sinn hat«. Der Satz von einst, den Ingeborg Schäuble oft zu ihm gesagt hat, »Mensch, komm, mach mal was anderes«, kommt ihr heute nicht mehr in den Sinn. Sie hat akzeptiert, was ihr Mann, bezogen auf sein Schicksal, einmal festgelegt hat: »Dem Rollstuhl kann man nicht entkommen.« Und einer Lebensplanung unter dem Diktat der Politik wird und will sich Wolfgang Schäuble nicht entziehen. Wer bei Ingeborg Schäuble das hinterfragen will, erntet ein freundliches Lächeln und hört den Satz: »Der ändert sich auf seine alten Tage nicht mehr.«

Wohl wahr. Journalisten, die Wolfgang Schäuble dieser Tage befragen, wie es denn politisch mit ihm weitergehen soll und ob er noch nach anderen Stationen Ausschau halte, müssen mit Antworten rechnen, wie sie so barsch nur einem Schäuble mit der badischen »Schwertgosch« einfallen können. Dem Magazin Cicero und dessen Autor Hartmut Palmer antwortete er im März 2012: »Wenn Sie keine gescheiteren Fragen haben, ist das fast Ihre letzte.« Und mit jenem Schäuble-Lächeln, das viele für zynisch halten, fügte er dann noch hinzu: »Die letzte Station ist der Friedhof.«

1. Kapitel

Zwischen zwei Leben: Das Attentat

Freitag, 12. Oktober 1990, 22.04 Uhr in der Gaststätte »Brauerei Bruder« im badischen Oppenau bei Offenburg. »Passt es neun Uhr früh? Geh’n wir doch erst mal raus hier«, sagt Wolfgang Schäuble zu mir, »dann können wir in Ruhe besprechen, was wir morgen machen.« 20 Sekunden später liegt er auf dem verschlissenen, schmutzigen Teppichboden des Gasthauses. Niedergestreckt durch zwei Revolverschüsse des 36-jährigen Dieter Kaufmann. Blut läuft aus Schäubles Mund und Nase. Eine Frau schreit: »Mein Gott, er darf nicht sterben! Er darf nicht sterben! Er muss durchkommen!« »Ich kann meine Beine nicht mehr spüren«, flüstert Schäuble noch, ehe er das Bewusstsein verliert.

Ein bisschen joggen wollten wir am kommenden Samstagmorgen, dann vielleicht Tennis miteinander spielen und schließlich über Bonner Politik sprechen, zumal über die Rolle, die für Wolfgang Schäuble im nächsten Jahrzehnt darin vorgesehen ist. Ein Porträt im »Stern« war geplant – Arbeitstitel: »Kohls Kronprinz«. Als ich ihm unsere Absicht vortrage, lacht er: »So ein Quatsch!« Aber ausgesehen hat Schäuble dabei so selbstbewusst, als sei da schon was dran. Schließlich hatten ihn soeben die Delegierten des ersten gesamtdeutschen CDU-Parteitags in Hamburg mit einer Ovation gefeiert und ihn dann mit dem weitaus besten Ergebnis aller Bewerber in den Parteivorstand gewählt. Die CDU hat einen neuen Liebling. Und im Kanzleramt sagt einer, der weiß, was Helmut Kohl denkt: »Er ist der tüchtigste, der begabteste, energischste und intelligenteste Mitarbeiter des Kanzlers.« Mein Kollege Cornelius Meffert sollte ihn fotografieren. Zusammen mit Ehefrau Ingeborg und den vier Kindern Christine, 19, Hans-Jörg, 16, Juliane, 14, und Nesthäkchen Anna, 9, im Haus der Familie am Hang hoch über dem Schwarzwaldstädtchen Gengenbach.

Beim Sport, den er liebt und der viel zu kurz kam, seit die Probleme der deutschen Einheit den Bundesinnenminister 18 Stunden täglich auf Touren halten. Auch der Hund sollte ins Bild, den er auf seine in letzter Zeit seltenen ausgedehnten Wochenendwanderungen durch die Wälder seiner Heimat gerne mitnimmt. Anderthalb Stunden redet der Wahlkämpfer Schäuble am Freitagabend in der »Brauerei Bruder«. Ein Heimspiel. Die Oppenauer mögen den Wahlkreisabgeordneten, der ihre Interessen seit 18 Jahren in Bonn vertritt. Und mächtig stolz sind sie darauf, dass der »Wolf«, wie viele ihn nennen, jetzt Minister und Helmut Kohls wichtigster Mann ist. Der Bundesinnenminister ist müde. Tagsüber war er in Berlin von Termin zu Termin gehetzt, und auf dem Weg zum Flugplatz ist er mal wieder im Stau hängengeblieben. Die Wahlplakate im Gaststättensaal zeigen ein jüngeres Gesicht, als Cornelius Meffert es zu sehen bekommt, wenn er den Redner mit dem Teleobjektiv der Kamera zu sich heranholt. Noch sieht man Schäuble seine 48 Jahre zwar nicht an, aber über den Augen kerben sich erste Linien ein, und das straff gescheitelte Haar beginnt grau zu werden.

Er hält seine Standardrede, mit sehr viel weniger Polemik, als er bieten könnte. Denn er hat, wie hier die Leute respektvoll sagen, eine »Saugosch«, wenn er nur will. Den Kanzlerkandidaten der SPD, Oskar Lafontaine, allerdings nimmt er hart ran. Ihn hat Schäuble wenige Tage zuvor, in der Nacht der deutschen Einheit, vor dem Berliner Reichstag genau beobachtet. »Wenn einer Kanzler werden will, der beim Deutschlandlied die Lippen nicht einen Millimeter auseinanderbringt, dann ist er vielleicht doch nicht der richtige Kandidat für diese Zeit.« Das Publikum, etwa 250 Menschen, ist begeistert. Der CDU-Ortsvorsitzende Gerd Hoferer dankt dem Redner mit einer Flasche Kirschwasser: »Möge das Wahlergebnis im Dezember so viele Prozent haben wie dieser Schnaps – nämlich 50.« Bundesweit, kontert Schäuble, wäre ihm ein solches CDU-Ergebnis bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen am 2. Dezember 1990 schon recht, im Wahlkreis allerdings zu mickrig. Er hat in Oppenau beim letzten Mal 67 Prozent der Erststimmen geholt.

Für Bärbel Doll, eine Bürgerin aus Oppenau, die in der Saalmitte sitzt, ist die Lafontaine-Kritik ein Stichwort. So ein Attentat, wie eine verrückte Frau es am 25. April 1990 gegen den SPD-Politiker verübt habe, sagt sie über den Tisch hinweg zu ihrer Freundin, wäre in ihrer Stadt unmöglich. »Das kann hier nicht passieren.« Weiter hinten im Saal, am zweitletzten Tisch, sitzt ein mittelgroßer, dunkelhaariger Mann mit einer schwarzen Lederjacke. Den ganzen Abend hat er Schäuble ruhig zugehört. Martin Springmann, dem Ortsvorsteher der Schwarzwaldgemeinde Ibach, fällt an dem Fremden vor ihm nur eines auf: »Geklatscht hat er nicht, nur ab und zu in den CDU-Prospekten geblättert, die er vor sich liegen hatte.«

Der Minister spricht am Schluss der Veranstaltung im Stehen noch ein paar Worte mit Parteifreunden und gibt Autogramme. Dann gehen wir zum Ausgang. Die Menschen bilden auf dem Weg zum hinteren Teil des Saals ein Spalier und klatschen freundlich. Zwei Schritte vor der Tür wartet rechts der Mann in der Lederjacke. Als Schäuble und sein dicht folgender hünenhafter Bodyguard Klaus-Dieter Michalsky ihn fast passiert haben, macht er eine schnelle Bewegung, schiebt den rechten Arm von oben zwischen Michalsky und Schäuble. Es knallt zweimal kurz hintereinander, hell und schmerzhaft laut, dann ein drittes Mal. Menschen fallen übereinander, reißen Bilder von der Wand, Glas scheppert. Ein dummer Scherz mit Knallkörpern, denken die Leute im Saal zunächst. Oder hat jemand die CDU-Luftballons im Eingang platzen lassen? Nur wenige erkennen die Situation. Sie verkriechen sich unter den Biertischen.

Olga Biess hat direkt am Ausgang auf Schäuble gewartet. Die Deutschrumänin, erst vor sechs Monaten nach Oppenau übergesiedelt, wollte ein Autogramm. Als sie sieht, was wirklich geschehen ist, ruft sie schrill: »Nein, nein, nein!« Zwei Schritte weiter steht Christine Schäuble, die mit dem Vater nach der Veranstaltung nach Hause, hinüber in das nahe Gengenbach, fahren will. Jetzt begreift auch sie, dass es ihr Vater ist, der da auf dem Rücken in der Tür liegt. Sie schreit auf und will zu ihm. Sie hält den Vater für tot. Zwei Freunde aus dem »Team Schäuble«, einer Gruppe junger Leute, die für ihn Wahlkampf machen, halten sie zunächst zurück. Sie läuft dann doch nach draußen, wo zwei Polizisten stehen, die gar nicht mitbekommen haben, dass im Saal geschossen worden ist. Christine ruft ihre Mutter an, sie möge doch sofort nach Oppenau kommen.

Es ist vier Minuten nach 22 Uhr. Aus einer Einschusswunde zwischen rechtem Ohrläppchen und Kinnwinkel sickert Blut über den Hemdkragen des Schwerverletzten. Böse sieht die Verletzung aus, tief, breit und blaurot. Hoferer und zwei Helfer wollen irgendetwas tun, aber sie wissen nicht, was. Dass es auf Leben und Tod steht, das sehen sie. Vorsichtig drehen sie schließlich Schäuble in Seitenlage, denn sein Mund ist voller Blut. Auf dem Rücken wird dabei eine zweite Einschusswunde sichtbar, umgeben von einer runden, grauen Schmauchspur. »Holt doch endlich einen Arzt«, ruft einer. Verzweifelt versucht jemand mit einem Papiertaschentuch das Blut in Schäubles Gesicht abzutupfen. Es ist duster am Saalausgang. Eine Taschenlampe wird geholt. In ihrem Schein öffnet der Verletzte kurz die Augen. »Ich habe kein Gefühl mehr in den Beinen«, flüstert er.

Nach zehn Minuten, einer Ewigkeit, kommt dann endlich der Oppenauer Bereitschaftsarzt Wolfgang Keller und spritzt ein Kreislaufmittel. »Schnell, schnell«, ruft er, »die sollen endlich eine Trage bringen.« Drei Meter weiter rechts, im Durchgang zum Biertresen, liegen zur gleichen Zeit drei Männer auf dem Attentäter und pressen ihn platt auf die Erde. Im Liegen durchsuchen sie seine Taschen. Außer dem Revolver trägt er keine Waffen bei sich. Ein kleiner weißer Kamm. Eine verbeulte Blechschachtel für Zigarillos. Marke »Dannemann«. »Aua, aua«, jammert der Mann. »Halts Maul, du Sau«, schimpfen die Umstehenden. »Verdammt, hat hier denn keiner Hand- schellen.« Klaus-Dieter Michalsky steht daneben. »Dass uns das passieren muss, oh, was für eine Scheiße«, stöhnt er und presst den Unterarm auf seinen Bauch. Sein Jackett ist dort dunkel gefärbt. »Ich habe einen Streifschuss«, sagt er leise mit kreidebleichem Gesicht. Er hat sich in den dritten Schuss geworfen und muss sich nun anhören, wie einer draußen im Saal laut kommentiert: »Die haben geschlafen, die Leibwächter!«

Am Tag danach verteidigt sich die Polizei mit der Erklärung, es seien an diesem Abend die bei einem Politiker der höchsten Gefährdungsklasse wie einem Innenminister »üblichen« Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Allerdings: Leibesvisitationen der Zuhörer gehörten nicht dazu. Es dauert und dauert, bis der Attentäter endlich abgeführt wird. Die Lederjacke hat man ihm heruntergerissen, ebenso die Hose. »Totschlagen sollte man dich!«, rufen ihm die Menschen hinterher, als zwei Polizisten den Mann im Laufschritt wegbringen. Schäuble liegt immer noch in seinem Blut. Der Rettungswagen habe schon Oberkirch passiert, meldet jemand. Tröstlich ist das nicht. Noch zehn kurvenreiche Kilometer das Renchtal hinauf sind es von dort, weitere gut zehn Minuten.

Genau eine halbe Stunde nachdem ihn die Kugeln getroffen haben, trägt man den Verletzten endlich in den Rettungswagen hinaus. Stumm bleiben die Menschen zurück. Das war kein Attentat, wie sie es aus dem Fernsehen kennen, zuletzt zu sehen beim Anschlag auf Oskar Lafontaine. Das hier war live. Geknallt hat es, und Wolfgang Schäuble ist umgefallen. Die Blutlache ist immer noch da. Einer kann es nicht mehr sehen und deckt eine grüne Tischdecke drüber. Es gibt nichts mehr zu tun. »Nur zwei Leibwächter«, klagt einer an. »Warum haben sie ihn nicht besser geschützt?« Bürgermeister Thomas Grieser atmet schwer und sagt: »Ausgerechnet bei uns. Ausgerechnet hier, wo er doch zu Hause ist.« Wo waren die bei einer Veranstaltung mit einem so stark gefährdeten Politiker wie dem Bundesinnenminister »üblichen Sicherheitsvorkehrungen«? Im Saal selbst saß während Schäubles Rede nur ein einziger Polizist, Armin Schneider aus Oppenau, und der war privat gekommen. Zwei Ortspolizisten waren kurz nach dem Attentat nur deshalb vor Ort, weil sie auf Streifenfahrt zufällig an der »Brauerei Bruder« vorbeigefahren waren.

Ehe die Spurensicherung ans Werk geht, vergehen zwei Stunden, obwohl bis dahin die Frage noch offen war, ob der Attentäter einen Helfershelfer hatte. Die Wahrheit ist, dass überhaupt keine Vorkehrungen getroffen worden waren, weil die Polizei einfach nicht damit gerechnet hatte, es könnte – ausgerechnet – in Oppenau Schäuble etwas passieren. Er selbst vermutlich auch nicht, denn rund um Gengenbach fühlte er sich sicher, selbst dann, wenn er mal – wie so oft – ohne Personenschutz unterwegs war. Am vorletzten Wochenende war Schäuble erst abends und viel später als angekündigt auf dem Löcherhansenhof eingetroffen, der hoch oben im Schwarzwälder Peterstal liegt. Er hatte sich im Wald verlaufen. »Hend Se denn koi Angst so ganz alloi?«, hat ihn der Bauer gefragt. »Man muss halt damit leben«, antwortete ihm Schäuble und bedankte sich freundlich für die Fürsorge.

09:41 13.09.2012

Buch der Woche: Weitere Artikel


Nah dran

Nah dran

Biographie Seit den 70er-Jahren begleitet und beschreibt der Journalist Hans Peter Schütz den politischen Lebensweg Wolfgang Schäubles. Natürlich gibt es nach so langer Zeit auch persönliche Berührungspunkte
Macht und Überzeugung

Macht und Überzeugung

Einblicke Ein konsequenter Machtmensch mit protestantischem Arbeitsethos: Wolfgang Schäuble ist seit über 30 Jahren eine signifikante Figur im bundesdeutschen Politikbetrieb. Versuch einer Sammlung
Hintergrund und Details

Hintergrund und Details

Netzschau Rezensionen aus dem Netz: "Mit seinem Reportage-Stil, viel Hintergrundwissen und delikaten Details aus der ersten Liga deutscher Politikintrigen fasziniert Schütz durch alle Kapitel hindurch"