Sicht und Weise

Biographien Der Politikwissenschaftler Abdel-Samad und der Professor für Islamische Theologie Khorchide sind zwei der prominentesten Akteure der Diskussionen dieser Tage
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Hamed Abdel-Samad wurde am 1. Februar 1972 bei Kairo als drittes von fünf Kindern eines sunnitischen Imams geboren. 1995 kam er im Alter von 23 Jahren nach Deutschland.

Abdel-Samad studierte Englisch, Französisch und Japanisch in Kairo sowie Politik in Augsburg. Er arbeitete als Wissenschaftler in Erfurt und Braunschweig sowie in Japan, wo er sich für Shintoismus und Buddhismus interessierte.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde Abdel-Samad durch seine Autobiographie Mein Abschied vom Himmel (2009) bekannt. Es sei weder eine Abrechnung mit seiner Kultur noch ein Aufruf zum Glaubensverlust. Er wolle lediglich die Widersprüche seines Lebens verstehen. Nach der Veröffentlichung in Ägypten sprach eine Gruppe eine Fatwa gegen Abdel-Samad aus, und er stand unter Polizeischutz.

Abdel-Samad ist der Meinung, dass nur ein "Islam Light" in Europa eine Zukunft hat, ein Islam ohne Schari’a, Dschihad, Geschlechter-Apartheid, Missionierung und Anspruchsmentalität. Er kritisiert, aus Angst oder aus politischem und wirtschaftlichem Kalkül würde eine Appeasement-Politik gegenüber dem Islam betrieben, während die Ängste der eigenen Bevölkerung (vor dem Islam) aus der politischen Debatte ausgeblendet würden. Dieses Verhalten schlage in der deutschen Bevölkerung in Ressentiments um.

Im Herbst 2010 unternahm er mit dem Journalisten Henryk M. Broder für die fünfteilige TV-Serie "Entweder Broder – Die Deutschland-Safari" eine 30.000 km lange Autoreise durch Deutschland mit einem Abstecher nach Dänemark zu einem Besuch bei Kurt Westergaard. Beide erhielten dafür 2012 den Bayerischen Fernsehpreis.

Abdel-Samad ist in den deutschen Medien präsent, beispielsweise als Gast in Talkshows und durch Interviews zum Islam. Als ein aus Ägypten stammender Politologe wird er oft zur Arabellion ("Arabischer Frühling") befragt.

Das Werk Der islamische Faschismus: Eine Analyse entstand in der Folge des 2013 gehaltenen Vortrags. Abdel-Samad sieht darin neben der übereinstimmenden Entstehungszeit in den 1920er-Jahren inhaltliche Übereinstimmungen zwischen Islamismus und Faschismus. Das Werk wurde innerhalb der Massenmedien breit rezipiert und wurde zum Bestseller.

Seit Juni 2015 veröffentlicht Abdel-Samad einmal wöchentlich seine arabischsprachige YouTube-Sendung "Box of Islam".

In seinem im Herbst 2015 erschienenen Werk Mohamed – Eine Abrechnung vertritt Abdel-Samed die Auffassung, Mohammed sei ein gekränkter Außenseiter, krankhafter Tyrann, Narziß, Paranoiker und Massenmörder gewesen. Das, woran die islamische Welt kranke, könne nur geheilt werden, wenn Muslime sich von den multiplen Krankheiten des Propheten lösen würden: Selbstüberschätzung, Paranoia, Kritikunfähigkeit sowie die Neigung zum Beleidigtsein. Auch das verzerrte Bild Gottes, das zum Vorbild für Despoten geworden sei, müsse infrage gestellt werden. Das Buch war bereits kurz nach Erscheinen ein Bestseller.

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Mouhanad Khorchide wurde am 6. September 1971 in Beirut geboren. Khorchides Großeltern waren aus Palästina in den Libanon geflohen, und seine Eltern zogen von dort weiter nach Saudi-Arabien, wo Mouhanad Khorchide zur Schule ging. Er und seine Geschwister durften als Ausländer dort nicht studieren und lernten Deutsch, um später in Deutschland studieren zu können. Doch als Staatenlose erhielten sie kein Visum und entschieden sich dann für Österreich.

Mouhanad Khorchide kam 1989 als 18-Jähriger nach Wien, studierte Soziologie und wurde nach vier Jahren österreichischer Staatsbürger. Neben seinem Erststudium begann er ein Fernstudium. Er flog einige Jahre lang regelmäßig für ein paar Wochen nach Beirut, wo er den Abschluss in islamischer Theologie machte.

Von Dezember 2006 bis September 2008 war er Universitätsassistent an der Forschungseinheit Islamische Religionspädagogik an der Universität Wien. Seit 2007 war er Lehrbeauftragter für den privaten Studiengang für das Lehramt für Islamische Religion an Pflichtschulen. Zugleich war er im In- und Ausland wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Projekten. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind der Islam in Europa, islamischer Religionsunterricht in Europa, Muslime der zweiten Einwanderergeneration, koranische Hermeneutik, sowie Islam und Aufklärung. Außerdem lehrte Khorchide in Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Khorchide war Imam einer kleinen Moschee in Wien Ottakring und hat selbst als Religionslehrer gearbeitet.

Khorchide hat seit dem 20. Juli 2010 als Nachfolger von Sven Kalisch die Professur für Islamische Religionspädagogik, mit der die Universität Münster seit Herbst 2010 Islamische Religionslehrer ausbildet, inne.

Khorchide stellt in seinem 2012 erschienenen Buch Islam ist Barmherzigkeit seine Vision von einem modernen, aufgeklärten Islam vor: Eine humanistische Religion, die vor allem von Gottesbarmherzigkeit, Gottesliebe und Freiheit geprägt sei. Khorchide liest den Koran als ein Buch aus dem siebenten Jahrhundert, dessen einzelne Gebote nicht mehr wörtlich ins heutige Leben übertragen werden können. Er tritt für eine historisch-kritische Koranexegese ein. Trotzdem würden bei solch einer Auslegung die Kernbotschaften des Propheten Mohammed erhalten bleiben.

Ende 2013 protestierten muslimische Verbände (darunter der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion und der Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland) gegen Khorchide, dessen historisch-kritische Methode und Thesen zur Barmherzigkeit sie ablehnen. Ihrer Ansicht nach genügten Khorchides theologische Positionen weder wissenschaftlichen Ansprüchen, noch gingen sie mit seiner Selbstverpflichtung zu einer bekenntnisgebundenen Islamtheologie konform. Dadurch sei das Vertrauen der organisierten Muslime in seine Arbeit beschädigt. Weil Khorchide Morddrohungen erhalten hat, steht er aktuell unter Polizeischutz.

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Teile dieses Textes basieren auf den Artikeln Hamed Abdel-Samad und Mouhanad Khorchide aus der freien Enzyklopädie Wikipedia und stehen unter der Doppellizenz GNU-Lizenz für freie Dokumentation und Creative Commons CC-BY-SA 3.0 Unported (Kurzfassung).

13:10 31.03.2016

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