Perspektivwechsel

Zu den Stücken Die schon zehnte Ausgabe der Autorentheatertage richtet den Radar wieder gen Osten: Mit dem internationalen Auftakt werden aufregende Inszenierungen aus Weißrussland, Ungarn, der Ukraine, Tschechien und Russland kompakt an einem Wochenende gezeigt
Perspektivwechsel
„Die Revolution frisst ihre Kinder!" ein Film– und Theaterprojekt von Jan-Christoph Gockel und Ensemble mit Julia Gräffner, Komi Mizrajim Togbonou u.a.

Foto: Lupi Spuma/ Schauspielhaus Graz

„Who Is Happy In Russia?“

von Kirill Serebrennikow (Moskau, Russland)

Who Is Happy In Russia? – eine hintergründige Frage, die im heutigen Russland Putins nicht weniger provokativ ist als zu Zeiten Nikolai Nekrasov – literarischer Nationalheld und moralische Instanz des russischen Realismus. Mit dieser elementaren Frage, wer denn glücklich lebe in Russland, übertitelte er nach Abschaffung der Leibeigenschaft das einem jeden Schulkind vertraute sozialkritische Epos (1863 – 1877) und legt dar, dass Wohlstand und Glück nicht gleichbedeutend sind.

Der international gefeierter Regiestar Kirill Serebrennikov untersucht mit dem Ausnahmeensemble des Moskauer Gogol Centers in einer bildmächtigen und hochmusikalischen Parabel aus Schauspiel, Tanzperformance und Live-Musik das individuelle Streben nach Glück, die Freiheitssehnsüchte und Verwerfungen einer gefährdeten Gegenwart. In dieser dritten Arbeit, die das Deutsche Theater in Berlin zeigt, glückt Serebrennikov erneut eine seltene Verbindung aus überbordender Sinnlichkeit und scharfer Gesellschaftskritik.

Serebennikov, regimekritische Symbolfigur einer urbanen Kunstavantgarde, stand wegen angeblicher Veruntreuung staatlicher Gelder in dem wohl umstrittensten Künstlerprozess des postsowjetischen Russlands vor Gericht und befand sich 20 Monate in Hausarrest.
"I haven‘t seen anyone else looking this closely at Russia‘s topics, characters and stories that are capable of illuminating the times we live in." (The Moscow Times)

Nikolai Nekrasov (1821 bis 1878), russischer Dichter, Publizist und scharfzüngiger Gesellschaftkritiker, gilt als der russische Bertolt Brecht des 19. Jahrhunderts. Von 1863 bis zu seinem Tod arbeitete er an seinem Poem über die Suche nach einem glücklichen Menschen während der großen Reformen von Zar Alexander II – eine Epoche über die der Nationaldichter bitter urteilte: "schon ärmre Zeiten sah das Land, bösartigere nicht", denn Wohlstand und Glück sind nicht gleichbedeutend. Das Werk kennt in Russland jedes Schulkind.

„Gypsy Hungarian"

von Ádám Császi (Budapest, Ungarn)


Wir wollen keine Antworten geben. Wir wollen die alten Fragen und Zuschreibungen loswerden. Zu Beginn des Stücks stellen sich fünf junge Roma als Polizist, Kellnerin, Tänzer, Astronomin vor, aber die Vorstellungsrunde hört nicht auf: Derjenige, der einmal Polizist war, ist jetzt Paläontologe, während die Astronomin zur Verurteilten wird. Der Verdacht des Publikums ist legitim: Diese Leute sind nicht das, was sie behaupten. Aber auch ihre Lügen sind legitim. Es wäre nicht klug, die Wahrheit zu sagen. Die selbstkreierte alternative Realität ist der Preis dafür, akzeptiert zu werden. Trotzdem sprechen alle ehrlich, frei von Kommentar und Moral. Es wird nichts anderes geboten als Geschichten. Die Monologe überschneiden und unterbrechen sich. Sie sind jedoch assoziativ und motivisch miteinander verbunden: Können Sie entscheiden, wann Ihre kleine Schwester verhungert? Hat Gott gestohlene Handys übertrieben kompliziert konstruiert und Polizisten erstaunlich simpel? Sollte der Geschlechtsverkehr zwischen Familienmitgliedern Teil des Schullehrplans sein? Wie sieht das Make-up-Tutorial einer Obdachlosen aus? Wie schmeckt ein SEK-Stiefel? Wie schnell heilen Zigarettenverbrennungen nach einem sexuellen Übergriff? Armut macht sie kreativ und Ausgrenzung macht sie außergewöhnlich. Kein Wunder, dass die T6-Teammitglieder absichtlich als Roma geboren wurden. Einfach, weil es sich gut anfühlt, auch wenn sie nie vergessen, dass in ihrem Personalausweis "Ungarisch" als Nationalität angegeben ist.

Das Ensemble von Gypsy Hungarian, bestehend aus jungen Roma-Künstlern, ist Teil der T6 Initiative und wurde 2014 von Kristóf Horváth gegründet. Mit ihrer Rap- und Slam-Poetry und ihren Forum-Theateraufführungen suchen sie den direkten Austausch mit dem Publikum. Sie verarbeiten ihre eigenen Erinnerungen und reflektieren Erlebnisse, die es nicht bis in die Abendnachrichten geschafft haben. Immer dabei: authentische Neudichtungen von Roma-Volkslieder, begleitet von Beat Boxing und Body-Percussion. Die Gruppe widmet sich zudem der theatralischen Ausbildung benachteiligter Roma-Jugendlicher. Ihr Ziel ist es, ihr Wissen weiterzugeben und Vorbilder für ihre Schüler zu werden. T6 kämpft gegen die Diskriminierung und Stigmatisierung des Roma-Volkes, der größten europäischen Minderheit.

„TseSho (What's that?)"

von Vlad Troitskyi (Kiew, Ukraine)

TseSho (What’s that?) ist eine einzigartige, hybride zeitgenössische Stimme aus der Ukraine, die Theater, Puppentheater, Live-Musik, Poesie und Videokunst kombiniert. So entsteht ein neues Genre: Social Rave. Das Text- und Musikkonglomerat umfasst Folksongs, Kinderreime, traditionelle und zeitgenössische Poesie, eigene Texte, Weltnachrichten, Beiträge von Facebook, Erinnerungen und Träume – in ukrainischer und englischer Sprache.

Das Theater aus Kyjiw lädt Sie in ein Musikzimmer ein. Dort schreien, singen, rezitieren und spielen fünf "Kinder" im gelben Overall, manchmal gemeinsam mit ihren Alter-Egos – fünf gleich gekleidete Puppen. Rhythmen treiben musikalische Nummern hervor, die lustig, böse und verrückt sind. Der Social Rave kombiniert schamlos Passagen klassischer ukrainischer Poesie mit Einweg-Facebook-Posts und Volksliedreimen. Das Publikum wird sich fragen: "Was ist das?" Und genau das ist es, was das Teatr-Pralnia will. Unter der Regie von Vlad Troitskyi, dem Vordenker von Gogol Fest und dem Dakh Contemporary Arts Center in Kyjiw, setzt die Frauencombo hemmungslos ein Potpourri musikalischen und theatralischen Materials ein. Sie blicken dabei durch die eindringliche Perspektive von Kindern fragend auf eine unverständliche Welt: Wie ist Identität möglich zwischen Fake-News und irreführenden Oberflächen? Wie finden wir unseren Platz in Gesellschaft und Geschichte? Wie bestimmt der Krieg unser Schicksal? Warum leben wir genau jetzt? Ist Veränderung möglich? Lohnt sich der Versuch? TseSho?

Das Dakh-Theater ("Theater auf dem Dach") ist das älteste und einzige unabhängige nicht-kommerzielle Theater der Ukraine. 1994 als Zentrum für zeitgenössische Kunst von Vlad Troitskyi in einem Ladenlokal am Rand der Kyjiwer Innenstadt gegründet, entwickelte es sich schnell zu einem lebendigen und überregional erfolgreichen künstlerischen Laboratorium. Mit eigenen Master Classes fördert das Dakh den künsterlerischen Nachwuchs. Seit seiner Gründung ist das Dakh stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen und einer neuen Ästhetik. Eines der künstlerischen Mittel, derer sich das Dakh bedient, um neue theatrale Formen zu erschaffen, ist die traditionelle ukrainische Musik. In Kooperation mit dem Teatr-Pralnia entstand die Kunstform des "Social Rave".

Nikolai, ein Durchschnittsbürger aus der Provinzstadt Podolsk, wird in Moskau verhaftet und auf der Polizeiwache einer peinlichen Befragung unterzogen. Den Grund der Verhaftung, den werde man schon noch herausfinden. Beunruhigend. Was als schwarze Realsatire einer Verhörsituation beginnt, verwandelt sich in eine kafkaeske Therapiestunde. Festgenommen wurde der junge Mann nicht etwa, weil er sich eines Vergehens schuldig gemacht hätte, nein, man will ihm helfen, ein sinnvolleres Leben zu führen, ihn zu wahrem Patriotismus bekehren und das Herz öffnen für die Liebe zur Schönheit seiner Heimat, die doch seinem Sehnsuchtsort Amsterdam in Nichts nachstehe. Und die Polizisten sind auch keine stereotyp-brutalen Bullen, sondern entpuppen sich als Kenner der Strukturalisten und "Einstürzenden Neubauten". Somit wird die Wache für Nikolai zu einem Ort verordneter Sinnsuche.

„Der Mann aus Podolsk"

von Dmitri Danilov (Moskau, Russland)

Der Mann aus Podolsk ist das erste und gleich sehr erfolgreiche Theaterstück von Dmitri Danilov, eine verstörende Satire auf die Allgegenwart von Väterchen Staat, der den letzten Rückzugsraum des Menschen infiltriert und den Begriff "Umerziehung" ganz neu definiert.

Dmitri Alexejewitsch Danilov, geboren 1969 in Moskau, hat in Russland bereits mehrere Bücher veröffentlicht, vor allem Kurzgeschichten und Romane. Er begann seine Karriere als Journalist und Reiseschriftsteller und machte sich mit einer Verbindung aus dokumentarischem Stil und trockenem Humor einen Namen. Sein bislang bekanntester Roman Beschreibung einer Stadt (russ. Opisanie goroda) war 2013 auf der Shortlist für den renommierten russischen Literaturpreis Bolschaja kniga. Der Mann aus Podolsk und Sergej ist dumm sind seine ersten beiden Theaterstücke. Sie wurden in Russland bereits mehrfach erfolgreich aufgeführt. Danilov lebt in Moskau.

17:28 07.05.2019

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