Perspektivwechsel

Zu den Stücken Über mehrere Jahre widmet sich die Festivalreihe „Blue Skies“ den großen Umbrüchen der Gegenwart: in der ersten Edition unter dem Titel „Bodies in Trouble“ steht die technologische und pharmazeutische Veränderung des Körpers im Fokus
Perspektivwechsel
The Agency „Medusa Bionic Rise“

Foto: PACT Zollverein/ The Agency

Uncanny Valley

Rimini Protokoll (Stefan Kaegi) & Münchner Kammerspiele

MI+SA 21.00 DO+FR 19.00 und 21.00
Spielort: KLEINE BÜHNE

Eine androide Maschine oder ein Mensch aus Fleisch und Blut? Humanoide Roboter finden Einsatz in der Altenpflege oder werden als Sexualpartner*innen personalisiert. Doch genau dann, wenn Roboter den Menschen nahezu perfekt imitieren ist die Ablehnung der Maschine am höchsten, während eine als Maschine erkennbare Apparatur akzeptiert wird — als »uncanny valley« (unheimliches Tal) bezeichnete der japanischer Robotiker Masahiro Mori diese Akzeptanzlücke.

Stefan Kaegi inszeniert unter dem gleichen Titel eine Versuchsanordnung: ein Bühnenstück ohne Schauspieler, eine Lesung ohne Autor. Eine animatronische Kopie des Schriftstellers Thomas Melle spricht über die Unberechenbarkeit der Menschen: Sie sind unstet und unkontrolliert, werden nervös oder müde. Die Delegierung an den Androiden scheint ebenso künstlerisch konsequent wie pragmatisch: »Nach Teilen des Geistes, die ich in mein Buch ausgelagert habe, habe ich jetzt auch meinen Körper aus- gelagert.« Doch wer spricht? Welche Faktoren entscheiden über die Glaub- würdigkeit des humanoiden Gegenübers? Und welche Rolle spielen die Projektio- nen und Spekulationen, die Ängste und Wünsche, mit der wir als Betrachter*in- nen die Maschine definieren?

Medusa Bionic Rise

The Agency

DO+FR 20.15
Startpunkt: PACT Zollverein

›Medusa Bionic Rise‹ nennt sich die Untergrundbewegung, in deren futuristischem Trainingscamp der Körper völlig neu definiert wird: Exzessive Fitnessübungen treffen auf Schönheitsoperationen und technische Gadgets, die — gleich neuer Organe — im Körper verbaut werden. An der Bar: Pharma-Smoothies aus In- fusionsschläuchen. Der Körper ist kein Schicksal mehr, sondern nur noch eine Frage des eigenen Gestaltungswillens. ›Medusa Bionic Rise‹ treibt gegenwärtige Phänomene körperlicher und mentaler Selbstoptimierung auf die Spitze und zeigt in einer trans-humanistischen Vision die Verschmelzung von Körper
und Technik zu einem neuen, posthumanen Körper. Die von den Künstlerinnen entworfene Bewegung eignet sich das Wissen und die Techniken jener globalen Konzerne an, die gegenwärtig primär von neuen Technologien wie der künstlichen Intelligenz profitieren. So zeigt ›Medusa Bionic Rise‹ auch, wie eine potentielle Widerstandsbewegung gegen die vorherrschende Dominanz der Konzerne aussehen könnte — online wie offline. Die Zuschauer*innen sind als potentielle Newcomer*innen eingeladen, den Aktionen der MBR-Member beizuwohnen und ihnen in eine Challenge zu folgen.

Transformalor – Transformella Malor [4.4.6.13.]

Johannes Paul Raether


SA 11.30
Startpunkt: PACT Zollverein

Was bedeutet es für einen Menschen zu wissen, dass man mit anonym gespendeten Eizellen oder Sperma empfangen wurde? Inwieweit hängen Identität, Zugehörigkeitsgefühl und Bindung an Familienmitglieder von direkten genetischen Beziehungen und Verwandtschaften ab?
Johannes Paul Raether hat mit der ›Transformella‹-Lebenslinie fremdartige Figuren geschaffen, die mit neuartigen Reproduktions- wie Familienkonzepten auf eine Zeit reagieren, in der Technologie, Körperlichkeit und Gender auseinanderfallen. Als ›Leihmutter einer möglichen Zukunft‹ tritt das Wesen Transformella malor (kurz Transformalor) auf und analysiert, wie in der Gegenwart der globalen, digitalen und biologischen Produktionsketten, Menschen und Maschinen selbst neues Leben produzieren. Die Besucher*innen werden Teil des Stammes von Transformalor und durchstreifen gemeinsam Territorien der Normativität, alltägliche und kommerzielle Räume, die versinnbildlichen, wie Reproduktion heute in ein globales Netzwerk der industriellen Produktion eingebunden ist.

Biotranslab – Transorganchip!

Paula Pin

FR 10-13.oo
Spielort: Trafohaus

Die transhackfeministische Forscherin und Performerin Paula Pin verbindet freie und kollektive Technologienutzung und -entwicklung mit einem experimentellen Forschungsansatz. 2017 initiierte sie im CERN (Genf) einen Workshop rund um das titelgebende ›Trans.Organ. on.a.Chip‹. Als ›organ on a chip‹ wird die mikroskopische, technologische Nachbildung eines Organs bezeichnet, anhand der biologische Reaktionen unter In-vitro-Bedingungen simuliert werden können. Im Workshop wird dies in ein experimentelles Set-up integriert. Darin eingeschlossen befinden sich menschlich-pflanzliches Zellgut, Hormone und Blaugrünbakterien-Extrakte (Cyanobakterien), die u. a. als alternative Ressource für die Energieproduktion diskutiert werden. Paula Pin öffnet den Blick für weitere Nutzungsmöglichkeiten und untersucht das Cyanobakterium Spirulina auf Anwendungen als pharmazeutisches Mittel. Gemeinsam mit den Teilnehmen- den sucht Paula Pin nach Wegen der Öffnung von Verfahren der Biotechnologie für emanzipative und queerfeministische Anliegen. Können derartige Wirkweisen der ›grünen Chemie‹ eine alternative Perspektive auf gängige medizinische Verfahren und den westlichen Wissenschaftsbegriff eröffnen?

08:34 05.07.2019

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