Perspektivfrage

Zum Festival "Vielleicht wird uns eines Tages die Erkenntnis kommen, dass erst jener Beitritt zur Bundesrepublik uns zu den DDR-Bürgern hat werden lassen, die wir nie gewesen sind, jedenfalls nicht, solange wir dazu gezwungen waren."
Perspektivfrage
little red (play): ‘herstory’ von andcompany&Co.

Foto: Barbara Braun

"Comrades, I Am Not Ashamed of My Communist Past"*

Erinnerungspolitik – 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer
11.–17.3.2019 / HAU1, HAU2, HAU3

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall ist die Geschichte der DDR noch nicht erzählt. Die offizielle Erinnerungspolitik reduziert das Leben in diesem verschwundenen Land nach wie vor weitgehend auf Täter*innen und Opfer der Stasi. Es wird Zeit, erneut in die Vergangenheit zu blicken, um die komplexen historischen Prozesse sichtbar zu machen – "die Aufarbeitung der Aufarbeitung der DDR-Geschichte", wie es der Historiker Karsten Krampitz fordert.

Der Übergang von der DDR-Planwirtschaft in die Marktwirtschaft der BRD ging einher mit einem radikalen Anpassungs- und Umstrukturierungsprozess. Die Gesellschaft der DDR, geprägt durch ein vollkommen anderes Verhältnis zu Eigentum und Mitmenschen, stand plötzlich vor der Aufgabe, sich in Höchstgeschwindigkeit in ein bisher unbekanntes System einzupassen. Dabei wurde der Osten Deutschlands Anfang der 90er Jahre innerhalb kürzester Zeit nahezu de-industrialisiert, eine Entwicklung, die bis heute ihre Auswirkungen hat.

Treffend äußerte sich der Schriftsteller Wolfgang Hilbig im Jahr 1997 rückblickend zum Prozess der Wiedervereinigung: "Vielleicht wird uns eines Tages die Erkenntnis kommen, dass erst jener Beitritt zur Bundesrepublik uns zu den DDR-Bürgern hat werden lassen, die wir nie gewesen sind, jedenfalls nicht, solange wir dazu gezwungen waren."

Das Programm widmet sich der Frage nach einer Erinnerungspolitik nach 1989, die den kritischen Rückblick auf die gelebten Leben und die damit verbundenen politischen Prozesse einschließt. Neben einer Diskussion mit Karsten Krampitz, Klaus Lederer, Luise Meier und Carola S. Rudnick zur DDR-Erinnerungspolitik widmen sich verschiedene künstlerische Beiträge aus Berlin, Chişinău und Belgrad den gesellschaftlichen Umbrüchen, die eng mit den politischen Ereignissen rund um den Mauerfall verbunden sind. Titelgebend für das Festival ist die Produktion "Drugovi, ja se ni sada ne stidim svoje komunističke prošlosti / Comrades, I Am Not Ashamed of My Communist Past"* von Sanja Mitrović.

[*Zitat aus dem Film "WR: Mysterien des Organismus" von Dušan Makavejev / Titel der Produktion "Drugovi, ja se ni sada ne stidim svoje komunističke prošlosti / Comrades, I Am Not Ashamed of My Communist Past" von Sanja Mitrović.]

15:07 08.03.2019

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