Überschreitung und Verlust

Thema Der Begriff "Transhumanismus" ist sein eigenes Programm: Überschreitung der menschlichen Grenzen auf allen Ebenen mittels Technik. Doch geht nicht genau bei dieser Überschreitung auch etwas verloren?
Überschreitung und Verlust

»Hier sitz ich, forme Menschen nach meinem Bilde«

Herausforderungen des Transhumanismus

Der Gedanke, sich selbst nach seinem Wunschbild zu formen, ist zentral für die Transhumanisten. Für sie ist der Mensch unvollkommen, fehlerhaft und etwas, dass es durch Technologie zu verbessern und weiter zu entwickeln gilt. Die Option, zum Göttlichen und Höheren wiedergeboren zu werden, muss im transhumanistischen Denkmodell nicht weiter stören, wenn man diesen Zustand als den Übergang in die Künstliche Superintelligenz versteht, ohne jeden Bezug auf göttliche Mächte oder kosmische Zusammenhänge.

Gezielte genetische, neurotechnologische, prothetische und auch pharmakologische Eingriffe sollen Körper, Gefühle wie den Geist (Gehirn) optimieren und so erweitern, dass die menschliche Beschränkung aufgrund der biologischen Verfasstheit aufgehoben, Krankheit, Altern und Tod überwunden und in letzter Konsequenz abgeschafft werden können. Der Name ist soweit zentrales Programm: Überschreitung der menschlichen Grenzen auf allen Ebenen mittels Technik.

Heilsgeschichte der Technologie

Einer der Vordenker dieser Bewegung, die sich seit den 1980er Jahren formiert und Einfluss auf Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ausübt, ist Google Chef-Ingenieur Ray Kurzweil. Er hat in seinem Buch Menschheit 2.0. Die Singularität ist nah (2013) einen Stufenplan entwickelt, wie diese Grenzüberschreitung stattfinden wird. Dabei teilt er die Evolution in sechs Epochen ein. Die fünfte Epoche beginnt 2030 und ist durch die Verschmelzung von Mensch und Maschine gekennzeichnet. Es ist der Anfang der Singularität, worunter Kurzweil ein Zeitalter versteht, in welchem die exponentielle Entwicklung explodiert, die menschlich-technische Schaffenskraft ins Unermessliche steigt, die Grenzen des Gehirns und des Körpers überwunden werden und die Technik letztlich zu einer Art Bewusstsein gelangt sein wird. Ist dann die »gesamte Materie und Energie des Weltalls mit unserer Intelligenz gesättigt [...], wird das Universum ‚erwachen’, bewusst werden – und über fantastische Intelligenz verfügen.« Es ist dies die sechste Epoche der Evolution, die, so schlussfolgert Kurzweil, »Gott schon ziemlich nahe« kommt.[1]

Kurzweil schreibt hier eine große Heilsgeschichte der Technologie, deren Ziel es ist, »das ganze Universum in unseren Händen« zu halten. Das ist nicht nur ein Schlusssatz, der die gesamte Hybris offenbart, sondern zudem noch ausgesprochen paradox klingt, wenn die Metapher suggeriert, der Mensch könne etwas in den Händen halten, wo er sich doch gerade dadurch auszeichnet, dass er nicht mehr Mensch ist.

Leben ist eine Rechenoperation

Dieses gigantische Szenario, das zur Verbesserung des Menschen und seiner Transzendierung durch gute Technik führen soll, wird von Wissenschaftlern, Unternehmern, Regierungskreisen weltweit unterstützt. Unvorstellbare Summen werden in Forschungsprojekte investiert und das nicht nur in den USA, zuvorderst im Silicon Valley sondern auch in China, Indien und Europa. Transhumanismus ist in der Wissenschaft in seiner vollen Realität angelangt. Gleiches gilt für die Politik und die Religion. In den USA wurde 2014 eine transhumanistische Partei von Zoltan Istvan gegründet, in Deutschland gibt es die Transhumane Partei Deutschland (TPD); Anthony Lewandowski gründete 2015 eine religiöse Organisation »Way of the Future«, die eine Gottheit entwickeln will, die auf Künstlicher Intelligenz beruht.

Abgeschnitten von der kosmischen Entwicklung

Schon vor hundert Jahren zeichnete Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie diese Entwicklung voraus, wenn er davon sprach, dass Kräfte, bzw. Wesenheiten mit der Erde eine neue Evolution beginnen lassen wollen und dem Menschen Interesse für »alles Äußerlich-Maschinelle, Mechanische« beizubringen versuchen. Dass sie die Tierwelt, Pflanzenwelt, Menschenwelt verschwinden lassen, »die Menschen von der Erde weggenommen würden« und eine »Welt aus lauter Maschinen« gebildet werden solle.[2]

Rudolf Steiners Aussagen machen deutlich, warum Spiritualität und Transzendenz zum Weltmodell der Transhumanisten dazu gehören und die Sehnsucht nach diesen selbst in ihrer Verkehrung und Pervertierung spürbar bleibt.

Der Transhumanismus ist nicht als ein Spleen einiger verrückter Wissenschaftler und Forscher abzutun. Es gilt, sich mit ihm zu beschäftigen, ihn zu verstehen und seine Folgen zu begreifen. Nur angedeutet: Sind Alter, Krankheit, Tod nicht mehr notwendige Voraussetzung der Entwicklung, wird das Ich in einem permanenten Dauerzustand der Bewusstheit versetzt. Der Mensch schließt sich so von den natürlich gegebenen kosmischen Rhythmen von Tag und Nacht ab. Die Entwicklung des Kosmos allerdings ist vom in Freiheit auf der Erde lebenden Menschen abhängig, wie Rudolf Steiner in den Anthroposophischen Leitsätzen[3] formuliert. Für den sozialen Zusammenhang bedeuten diese Entwicklungen Isolierung und Fokussierung auf das eigene Scheinselbst. Denn erst im Antlitz des Anderen findet das Ich zu sich und kann Schale werden für Höheres. Durch die Maschinen, auf die der Mensch alles Denken, Erinnern, selbst das Fühlen und Handeln überträgt, wird er aber nicht nur sich selbst als Mensch entfremdet, dem anderen Menschen entzogen, sondern vor allem der Verantwortung entbunden. Er wird unfrei und Marionette der Maschine.

Goethes Prometheus formt auch Menschen nach seinem Bilde »zu einem Geschlecht das mir gleich sei.« Aber dieser Prometheus schließt das Leid nicht aus: »Zu leiden, weinen, genießen und zu freuen sich« gehören hier zum Menschsein dazu.

Die Tagung Das Ende des Menschen – Wege aus und durch den Transhumanismus soll einen Raum bilden, den Fragen und Forderungen, die der Transhumanismus stellt, nachzugehen und gemeinsam mit Wissenschaftlern und Kunstschaffenden Wege in einen menschenwürdige Zukunft zu finden.

Ariane Eichenberg und Christiane Haid

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Quelle: Zeitschrift „Stil“, Johanni 2018

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[1] Ray Kurzweil: Menschheit 2.0. Die Singularität naht, Berlin 2013, S. 385.

[2] Rudolf Steiner: Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwicklung, GA 203, Vierzehnter Vortrag, Dornach 11. März 1921, S. 260

[3] Rudolf Steiner: Anthroposophische Leitsätze, GA 26

14:27 06.09.2019

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