Ecce homo

Zum Stück In wechselnden Rollen wird die Geschichte eines Menschen, nennen wir ihn Fred, in sieben Stationen erzählt. Es sind Momentaufnahmen, die sich hier zu einem dramatischen Augenblick des Lebens verdichten
Ecce homo
Foto: Birgit Hupfeld

Zwei Theater, zwei Bühnen, zwei Zuschauerräume mit einem verdoppelten Publikum in zwei Städten - und die bildgewaltige, fantastische Geschichte eines Lebens, das sich selbst gegenüber steht und dann weiterverzweigt, in einer endlosen Spirale der Möglichkeiten.
 
Die zwei siebenköpfigen Schauspielensembles auf den Bühnen im Berliner Ensemble und im Schauspiel Dortmund spielen zeitgleich miteinander Theater. Sie sind, wie das Publikum, zugleich voneinander getrennt und doch sicht- und hörbar miteinander verbunden, in Echtzeit: durch ein Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit über 420,62 Kilometer Luftlinie zwischen Dortmund und Berlin hin- und hertransportiert.
 
In wechselnden Rollen erzählen die Schauspielerinnen und Schauspieler gemeinsam die Geschichte eines Menschen, nennen wir sie Fred, in sieben Stationen. Es sind 
Momentaufnahmen, in denen sich starke Emotionen und grundlegende Fragen zu einem dramatischen Augenblick des Lebens verdichten: Geburt, Kindheit, erste Liebe, Hochzeit, Trennung, Alter, Tod. In "Die Parallelwelt" verlaufen die Geschichten in beiden Städten jedoch nicht parallel, sondern gegenläufig. Berlin erzählt von der Geburt bis zum Tod und Dortmund umgekehrt.
 
Spätestens in der Mitte dieses Lebens jedoch, wenn sich während Freds Hochzeit ein Wurmloch in der Raumzeit auftut und die beiden Festgesellschaften sich selbst gegenüberstehen, geraten endgültig alle Sicherheiten über unser Dasein ins Schwanken. Die klassischen Naturgesetze spielen verrückt, die Bilder der Wirklichkeit beginnen zu tanzen.
 
Doch was ist wirklich? Alles was sich messen lässt? Welche anderen Wirklichkeitsräume gibt es und welchen Einfluss haben sie auf unser Leben? Was ist mit Traum und Fantasie? Welche Rolle spielen Gedanken und Vorstellungen? Erschaffen wir die Welt in unserer Vorstellung oder können wir uns nur vorstellen, was der Fall ist? Was aber ist der Fall? Und für wen? Und wo? Welche Wirklichkeitsräume teilen wir mit wem genau, seit die digitalisierte Welt gefühlt auf einen Punkt zusammengeschrumpft und zum globalen Dorf geworden ist, in der es keine Abstände mehr gibt?

Und was wäre, wenn die uns bekannte Welt mit ihren Menschen und Dingen irgendwo im Universum mindestens ein zweites Mal existierte? Und zwar in großer Ähnlichkeit? Was wäre, wenn also all die großen, intensiven Momente im Leben nicht durch ihre Unverwechselbarkeit glänzten, sondern sich gleichen würden wie unterschiedlich hergestellte Kopien? Gibt es ein Entkommen aus vor- und nachgelebten Mustern? Welche Alternativen hätten wir gehabt? Was würde es bedeuten, wenn es uns mehrfach gäbe in jeder möglichen anderen Ausführung und Situation? Wenn wir davon ausgehen müssten, dass Paralleluniversen existierten?
"Die Parallelwelt" spielt mit der Vervielfältigung von Wirklichkeiten und Identitäten im Zusammenspiel mit dem Wandel von Bildern, die sich die menschliche Spezies zu der Welt macht, deren Teil sie ist. Eine überbordende Fantasie der Entgrenzungen, ein skurriler, kurzweiliger und philosophischer Alptraum der Auflösung und Neuzusammensetzung der Welt, wie wir sie kannten.
 
Nach "Das Goldene Zeitalter" und "Die Borderline Prozession" (eingeladen zum 54. Berliner Theatertreffen 2017) entwickeln Kay Voges, Alexander Kerlin, Eva Verena Müller und Team wieder gemeinsam einen Theaterabend, der die Ränder des Erzählens auslotet und die Grenzen zwischen Theater, Film und Netz niederreißt – diesmal in Koproduktion und als Parallelaufführung zwischen dem Berliner Ensemble und dem Schauspiel Dortmund.

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Theater – das ist, wenn an einem Ort zur selben Zeit Menschen anderen Menschen etwas vorspielen.

Wirklich? Ist diese Jahrhunderte alte Minimaldefinition der Theaterkunst als Einheit von Zeit und Raum noch haltbar – inmitten der Digitalen Revolution? Wenn riesige Distanzen mittels Glasfaser auf einen Nullpunkt schrumpfen und Menschen und Maschinen in Echtzeit alle Arten von Informationen austauschen können – rund um den Globus? Wenn die zeitgenössische Physik inzwischen davon ausgeht, dass Paralleluniversen mit großer Wahrscheinlichkeit existieren? Wie verhandelt das Theater diese neuen Raumzeit-Fragen, wenn es sich selbst nicht entgrenzt – zumindest als Versuch?

Das Berliner Ensemble und das Schauspiel Dortmund eröffnen die Spielzeit 2018/19 mit einem völlig neuartigen Projekt: Kay Voges, Intendant des Schauspiel Dortmund, inszeniert die Simultan-Uraufführung von "Die Parallelwelt", die zeitgleich in Berlin und Dortmund stattfindet. Zwei Aufführungen, 420,62 km Luftlinie voneinander entfernt, werden zu einer Inszenierung, indem sie über Glasfaserkabel miteinander interagieren. Sie finden auch im Repertoire-Betrieb immer parallel statt. Das Stück, das im Untertitel "Eine Simultanaufführung über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen heißt", stammt von Kay Voges (Intendant am Schauspiel Dortmund) und dem Dramaturgen Alexander Kerlin (ebenfalls Dortmund).

"Die Parallelwelt" ist die Geschichte eines Lebens, das sich selbst begegnet; eine Erzählung, in der Geburt und Tod, Kindheit und Alter, Liebe und Abschied einander fremd gegenüberstehen und doch miteinander verbunden sind – zeitgleich erzählt von zwei Ensembles in zwei identischen Bühnenwelten in Dortmund und Berlin.

Das Stück geht von der Frage aus: Was wäre, wenn die uns bekannte Welt irgendwo im Universum ein zweites Mal identisch existierte? Und was wäre, wenn durch einen Zufall in der kosmischen Ordnung die eine dieser Welten einen anderen Verlauf nehmen würde und die Gegenwart heimgesucht wird von Geistern der Vergangenheit und der Zukunft. Welche Alternativen hätten wir gehabt? Und gibt es einen Weg, dem Schicksal zu entkommen?

Kay Voges’ Interesse gilt den künstlerischen Möglichkeiten und Erzählweisen, die die Digitalisierung dem Theater eröffnet. Nach diversen Multimedia-Performances wie u.a. "Die Borderline Prozession" (eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2017) und "Das Goldene Zeitalter" (eingeladen zum Heidelberger Stückemarkt 2014) entwickelt er mit "Die Parallelwelt" gemeinsam mit Alexander Kerlin einen neuen Theaterabend an der Schnittstelle von Theater und Filmkunst – diesmal in Koproduktion und als Parallelaufführung zwischen dem Schauspiel Dortmund und dem Berliner Ensemble. Die Bühne – identisch in Berlin und Dortmund – stammt von Daniel Roskamp, die Kostüme von Mona Ulrich. Für die Musik zeichnet der Musiker, Sänger und Komponist T.D. Finck von Finckenstein verantwortlich, der u.a. auch die Musik für "Die Borderline Prozession" gemacht hat. Für die Videokunst verantwortlich sind Voxi Bärenklau und Mario Simon.

Es ist Kay Voges‘ erste Regiearbeit am Berliner Ensemble.

10:59 14.09.2018

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