Zeit und Wandel

Zur Veranstaltung Im Zentrum der Reihe "Fearless Speech" stehen das philosophische Erbe Michel Foucaults und die Frage danach, was Begriffe wie Macht, Disziplinarstaat und Wahrheit heute für Gesellschaft und Kunst bedeuten
Zeit und Wandel
Foto: Hebbel am Ufer

Die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe “Fearless Speech” beschäftigt sich seit 2016 mit Fragen des Kritischen in Kunst und Politik. Nicht nur politische und ethische Praktiken von gegenwärtigen Künstler*innen, die einen Raum der Möglichkeiten erschließen wollen, standen im Zentrum der Reihe, sondern auch Fragen nach anderen Formen der Künste und der Politiken. In der Spielzeit 2017/18 verabschieden wir uns von der Signatur Foucault im Untertitel, nicht aber von seinen Fragestellungen.

Das HAU Hebbel am Ufer wird den Spuren Foucaults – der sich  entschieden gegen Gefängnisse, gegen den justiziellen Apparat, die psychiatrischen Gutachten, die administrative Konstruktion von Identitäten, die Erzeugung von Gehorsam in Schulen oder Fabriken, die militärische Produktivität des Tötens oder die Sexualisierung der Individuen engagiert hat – weiter nachgehen und sie für die Gegenwart befragen. Die parrhesia, die eine Form einer ästhetischen und intellektuellen Lebenspraxis darstellt und die der französische Intellektuelle dem individualisierten Wissen, dem "common sense" mit seinem Evidenz-Fetischismus entgegenstellte, war für ihn ein  "Wahr-Sprechen" in einer ganz konkreten Situation ohne vorab feststehende Absicherungen. Welchen Weisen des Geformtwerdens man sich wie widersetzen kann, aber auch das "Wissen der Leute" sollen nun im Zentrum unserer Reihe stehen. 

"Fearless Speech“ wird fortgesetzt mit einem Gespräch zwischen dem Autor Édouard Louis und dem Soziologen Geoffroy de Lagasnerie. Im Kontext des gleichzeitigen Erscheinens in deutscher Sprache von Édouard Louis’ Roman Im Herzen der Gewalt (S. Fischer) und Geoffroy de Lagasneries Untersuchung Verurteilen: Der strafende Staat und die Soziologie (Suhrkamp) eröffnen die beiden Autoren in dieser Veranstaltung eine politische Diskussion über den Themenkomplex Gewalt, Staat und Gerechtigkeit. Es ist selten, dass wie im vorliegenden Fall ein Roman und ein theoretisches Werk wie ein Echo einander antworten. Ausgehend von einer persönlichen Erfahrung bei Édouard Louis und einer soziologischen Untersuchung bei Geoffroy de Lagasnerie, versuchen beide, jeder auf seine Weise, nachzudenken über die Zyklen der Gewalt, über die Logik der Traumatisierung, über den Status des Opfers, über Anklage, Medizin, Richter und Polizei, aber auch über die Soziologie und die Psychologiekritik hinsichtlich dieser Themenfelder. Es geht dabei auch darum, die Kritik des Strafsystems und des Repressionsapparats des Staates zu aktualisieren. Es erscheint ihnen besonders wichtig, in einer Welt, in der sich die Logiken der Repression und des Strafvollzugs intensivieren, eine andere Ethik der Gerechtigkeit, des Rechts und des Verständnisses des andern zu entwerfen.

In einer der kommenden Ausgaben von "Fearless Speech" wird die Philosophin Judith Butler nicht nur eine kritische Haltung einnehmen, sondern sich auch für eine Form des "Wahr-Sprechens", für ein offenes und öffentliches Auftreten gegenüber der Politik der Trump-Regierung stark machen. McKenzie Wark, der Media and Cultural Studies an der New School in New York lehrt, wird Foucaults Konzeption des "spezifischen Intellektuellen" mit Marx' Begriff des "general intellect" vergleichen und Diedrich Diederichsen über "(Anti-)Correctness und (Anti-)Normativität" sprechen. Angela McRobbie wird als Vertreterin der britischen Cultural Studies in ihrer Lecture "Against the Dismantling of Welfare" auf die neoliberale Gouvernementalität in Zeiten gnadenloser Austeritätspolitiken eingehen; der Poptheoretiker Dan Hancox wird sich mit dem Musikstil Grime auseinander setzen, in dessen Zentrum das lokale und  spezielle "Wissen der Leute" afrodiasporischer Musiker*innen steht, die als organische oder quasi-spezifische Intellektuelle  den Subalternen Großbritanniens eine wortgewaltige Stimme verleihen und Owen Hatherley wird über "Landscapes of communism" sprechen. Helen Hester von der University of West London wird ihr Buch zum Xenofeminismus präsentieren, der als neue, an den Cyberfeminismus angelehnte feministische Strömung einerseits für ein Produktivmachen der Entfremdung und des Nichtnatürlichen steht,  andererseits die Abschaffung von Kategorien wie Geschlecht, Rassifizierung oder Klasse vorschlägt. Die italienische Soziologin Sara R. Farris hat das Schlagwort Femonationalismus geprägt und analysiert in ihrer Forschung die ebenso aktuelle wie hochbrisante Instrumentalisierung feministischen Vokabulars für rassistische und nationalistische Zwecke.

In früheren Ausgaben der Reihe waren unter anderem Didier Eribon, Loïc Wacquant, Rahel Jaeggi, Daniel Zamora, Ruth Sonderegger, Jace Clayton, Ekaterina Degot, Nick Srnicek, Serhat Karakayali, Kathrin Busch, Helmut Draxler, Ute Tellmann, Roberto Nigro und Alex Demirović zu Gast.

13:20 06.10.2017

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