Aktuelle Lage

Einblicke So wie Lyrik noch viel zu oft als Unterabteilung der Schönen Literatur missverstanden wird, so haben Repräsentanten der Lyrik es immer noch schwer, sich im Reigen anderer Künste zu behaupten. "Fokus Lyrik" möchte dies ändern
Aktuelle Lage
Monika Rinck und Tristan Marquardt

Foto: Alexander Paul Englert

Grußworte

Dass Frankfurt eine Stadt der Lyrik ist, würde man auf den ersten Blick nicht erwarten. Zwischen den Hochhaustürmen der Banken und Kanzleien läuft der städtische Alltag im Eiltempo ab. Dabei bedarf gerade die freie, spielerische Sprache der Poesie Zeit und Muße. Mitten im hektischen Großstadttreiben hat sich eine autonome Lyrikszene entwickelt. Dichter und Dichterinnen aus unterschiedlichen Kulturen und Milieus erproben hier innovative Schreibweisen und Ausdrucksformen. Die Kreativität ihrer Gedichte steht im maximalen Kontrast zur funktionalen Sprache der Leistungsgesellschaft. Orte, die der Poesie einen Raum für öffentliche Auftritte bieten, gibt es in Frankfurt in überraschender Zahl. Nicht zuletzt die Stadt selbst verschafft der Lyrik seit Jahren mit den Frankfurter Lyriktagen die ganz große Bühne. Daher freue ich mich sehr, dass die Kulturstiftung des Bundes den Festivalkongress zur Gegenwartslyrik in Frankfurt am Main fördert. Fokus Lyrik schafft neue Möglichkeiten des Dialogs, der Verständigung und der Präsentation – ein Katalysator poetischer Energien.

Ich wünsche allen Teilnehmenden einen produktiven Austausch und anregende Tage bei Fokus Lyrik.

Dr. Ina Hartwig
Kulturdezernentin der
Stadt Frankfurt am Main

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Fokus Lyrik – für vier Tage wird Frankfurt zu einem Treffpunkt der Dichterinnen und Dichter, zu einem Forum des Austauschs, der die vielgestaltigen Szenen deutschsprachiger Lyrik in den Blick nimmt und die Aufmerksamkeit auf einen oftmals prekären Arbeitsalltag zwischen konzentrierter Textarbeit und öffentlicher Performance richtet. Fokus Lyrik bietet eine Chance zur Vergewisserung über die aktuelle Lage der Dichtkunst, zum Rückblick und Ausblick. Der Festivalkongress führt dazu all diejenigen zusammen, die sich für Lyrik interessieren, die Gedichte schreiben, verlegen oder verkaufen, sie übersetzen, rezensieren oder studieren, der Poesie große öffentliche oder kleine intime Auftritte verschaffen. Eine derartige poetische „Generalversammlung“, die sich ihre eigenen Formen sucht und erprobt, kann ein Anfang sein: für ein sich konstituierendes lyrisches Netzwerk, für eine neue öffentliche Präsenz der Dichtung und für den Einspruch gegen den zunehmenden gesellschaftlichen Sprachverlust. Es gilt, „das Leben und die Gesellschaft poetisch (zu) machen“, dieses romantische Programm Friedrich Schlegels ist aktueller denn je. Ich wünsche Fokus Lyrik eine erfüllte Zeit.

Prof. Dr. Ernst Osterkamp
Präsident der Deutschen Akademie
für Sprache und Dichtung

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Das Gedicht entspricht auf eine vertrackte oder offensichtliche Weise der Gegenwart, sagt die Dichterin Monika Rinck. Vergessen wir, dass auch dieser Satz poetisch gelesen werden kann, nehmen wir ihn „wörtlich“: So viel Gegenwart war nie, so viele hochkarätige Gedichte in so vielen Formen und Formaten, Sprachen und Übersetzungen selten. Wann schon gab es zuvor so vielfältige Möglichkeiten und Medien, dieser Art künstlerisch potenzierter Gegenwart zu begegnen. Zumal im deutschsprachigen Raum hat die Lyrik derzeit das, was man modisch einen Lauf nennt. Ihre hohe Qualität, ihre ausgefallenen künstlerischen Versuchsanordnungen und auch ihre gesellschaftliche Durchlässigkeit suchen ihresgleichen. Lyrik fungiert als interdisziplinär wirksamer Treiber in den Kulturen. Was der Lyrik jedoch im Vergleich zu anderen Künsten offenkundig fehlt, ist ein wettbewerbsfähiges Maß an Organisation und Institutionalisierung. So wie Lyrik noch viel zu oft als Unterabteilung der Schönen Literatur missverstanden wird und unverstanden bleibt, so haben Repräsentanten der Lyrik, ihre Szenen und Akteurinnen, es immer noch schwer, sich im Reigen anderer Künste kultur- und bildungspolitisch zu behaupten und sich wirkungsvoll gegen strukturelle Benachteiligungen bei der Kulturförderung zu schützen. Mit der Förderung des Festivalkongresses Fokus Lyrik verbindet die Kulturstiftung des Bundes die Hoffnung auf einen nachhaltig wirksamen Bedeutungsschub für die Lyrik im kulturpolitischen Raum. Das in diesem Umfang erst- und einmalige Branchentreffen bringt die unterschiedlichsten Akteure im Feld der Gegenwartslyrik aus Kunst, Wirtschaft, Politik und Medien zusammen, damit sie als Kenner und Betroffene die chronisch schwierige Situation analysieren und gemeinsam identifizierte Desiderate in konkrete Vorschläge für Verbesserungsmaßnahmen ummünzen können. Wir danken dem kuratorischen Tandem, Monika Rinck, einer der renommiertesten Dichterinnen im deutschsprachigen Raum, und ihrem Kollegen Tristan Marquardt, beide ausgezeichnete Kenner der internationalen Lyrikszenen und erfahrene Vermittlerinnen, für die kluge und weitsichtige Vorbereitung des Kongresses in Zusammenarbeit mit Dr. Sonja Vandenrath, der Literaturbeauftragten der Stadt Frankfurt am Main. Ihnen ist zu wünschen, dass der Kongress als Durchbruch für einen kulturpolitisch verantwortungsbewussten Umgang mit der Lyrik als kultureller „Institution“ in Erinnerung bleibt!

Hortensia Völckers
Alexander Farenholtz
Vorstand der Kulturstiftung des Bundes

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Intro

Wer heute den Fokus auf die Lyrik richtet, kann nur staunen: Die Stimmenvielfalt ist enorm, die Qualität begeisternd und die Gegenwärtigkeit elektrisierend. Erstmals in der Geschichte der deutschsprachigen Poesie arbeiten alle Generationen an einem Lyrikdiskurs mit: Da führen Friederike Mayröcker, Volker Braun und Ror Wolf ihre beeindruckenden Werke fort. Und zugleich stehen noch nicht einmal Zwanzigjährige auf den Bühnen der Clubs und präsentieren ihre Gedichte in Live-Performances. Dies alles vor einem Publikum, in dem sich die treuen Lyrikleser plötzlich mit hippen Millennials mischen. Der Festivalkongress Fokus Lyrik bündelt diese Entwicklungen und bietet ihnen erstmals ein großes Forum. Das Besondere ist, dass er zwei unterschiedliche Facetten verbindet. Als Festival präsentiert er die künstlerischen Arbeiten selbst. Kuratiert von Monika Rinck, finden an jedem der drei Abende und als Matinee am Sonntagmorgen Dichterlesungen, Live-Performances und interdisziplinäre Aufführungen statt. Mit dem Museum MMK, der Jugendkulturkirche St. Peter und dem Künstlerhaus Mousonturm werden Räume bespielt, die den Aufführungen eine eigene Dimension hinzufügen. Ein solches Programm in einem derartigen Setting hat es noch nie gegeben. Als Kongress wiederum diskutiert Fokus Lyrik den Status quo der verschiedenen Praktiken der Produktion, des Vertriebs, der Präsentation und der Rezeption von Dichtung. Bei Podiumsdiskussionen, die Tristan Marquardt konzipiert hat, wird über die Poetik von Dichtkunst heute, ihre Internationalität und Vielsprachigkeit sowie die performative Wende gesprochen. Außerdem befragt die Lyrikkritik ihr Selbstverständnis und ihre Funktion. Diskutieren Literaturwissenschaftler, welche Rolle die Gegenwartslyrik an den Universitäten spielt. Geben Schulexperten einen Einblick in die Vermittlung von aktueller Poesie im Unterricht. Debattieren Veranstalter den Lesungsboom und evaluieren Förderer ihr Engagement. Wird in einer öffentlichen Jurysitzung das literarische Preiswesen ebenso analysiert wie der Auswahlprozess an einem Beispiel durchgespielt. Und gibt es einen langen Tag mit Vorlesungen renommierter Literaturwissenschaftler, welche mit der Geschichte der deutschsprachigen Dichtung auch die Traditionen beleuchten. Wichtige Themen des Kongresses sind zudem die Perspektiven der Verlagsförderung, die Zukunft der Lyrikzeitschriften und das Verkaufspotential von Gedichtbänden im Buchhandel. Das heißt, der Festivalkongress bietet jenen Praktiken eine Bühne, die üblicherweise im Verborgenen ablaufen. Mit dieser Kombination aus Präsentation und Diskurs richten wir den Fokus auf die Lyrik neu aus. Dass mehr als 100 Akteure an den drei Tagen teilnehmen, zeigt, dass wir einen Rahmen setzen, um nach zwanzig Jahren „Lyrikboom“ Bilanz zu ziehen und zugleich Perspektiven für die nächsten zwei Dekaden zu eröffnen. Was wir uns erhoffen? Impulse setzen, Akteure vernetzen, Diskussionen anregen und dies alles, um die Dichtkunst aus ihrer Nische zu holen. Denn die Lyrik steht nach zwanzig Jahren der feuilletonistisch gefeierten Blütezeit vor einem erneuten Dimensionen-Sprung: Was mit der Anthologie „Lyrik von Jetzt“ im Jahr 2003 erstmals eine größere Öffentlichkeit erreichte, wird jetzt über den deutschsprachigen Raum hinaus getragen und neu verortet. So feiert auf unserem Festivalkongress alles andere als zufällig die spektakuläre Anthologie „Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas“ ihre Premiere. Sie präsentiert erstmals die Gegenwartsdichtung im europäischen Raum. Damit stellt sich die Frage nach den poetischen Praktiken und ihren Vermittlungsinstitutionen in einem internationalen Kontext. Ich bin sehr froh, dass ich mich für diese Fragen auf die hervorragende kuratorische Arbeit Monika Rincks und Tristan Marquardts sowie die umsichtige Koordination des Projekts durch Silke Hartmann verlassen durfte. Allen dreien danke ich sehr herzlich. Ebenso möchte ich Friederike Tappe-Hornbostel von der Kulturstiftung des Bundes für ihr großes Engagement danken, das uns für dieses einzigartige Vorhaben sehr motiviert hat. Uns alle verbindet die Hoffnung, dass Fokus Lyrik der gesamten Szene einen Schub gibt, der sie durch die kommenden Jahre trägt.

Dr. Sonja Vandenrath
Leitung Fokus Lyrik

12:05 22.02.2019

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