Vermittlerin der Moderne

Kontext Die liberale Haltung gegenüber den unterschiedlichen Positionen entsprach den demokratischen Grundsätzen der jungen Republik, mit deren Niedergang auch das Ende der Vereinigung einherging
Vermittlerin der Moderne
Willy Römer, Ohne Titel (Rückkehr der Truppen). bpk, Markus Hawlik

Details zum Beginn der Novembergruppe

„Wir stehen auf dem fruchtbaren Boden der Revolution. Unser Wahlspruch heißt: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!“ lauten die ersten Zeilen eines Manifests, das die Novembergruppe kurz nach ihrer Gründung in den tumultösen Revolutionstagen 1918 entwarf. Der Name der Künstler*innenvereinigung ist dem epochemachenden Zeitgeschehen im Monat November verpflichtet, das Motto der französischen Revolution entlehnt, die zur historischen Kronzeugin für die politischen Umwälzungen in Deutschland berufen wurde.

„Es geschah das Wunder, dass mit wenigen Ausnahmen alle sich als eine Gemeinschaft fühlten, moralisch verpflichtet, an das Gute im Menschen zu glauben und die bestmögliche Welt zu erschaffen“, so charakterisierte der Kunsthistoriker Will Grohmann die kollektive Aufbruchsstimmung nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Ziel der Maler*innen, Bildhauer*innen und Architekten war die „engste Vermischung von Volk und Kunst“ – eine Aufgabe, der sie sich zukünftig in zahlreichen Ausstellungen widmen sollte. In den Anfang Januar 1919 formulierten Richtlinien der Gruppe wurden zwar keine gesamtgesellschaftlichen Reformen gefordert, sehr wohl aber Einflussnahme und Mitarbeit der Kunstschaffenden in öffentlichen kulturellen Belangen, namentlich bei der Vergabe von Bauaufträgen und Ausstellungsräumen, der Reform der künstlerischen Lehranstalten und Museen sowie der Kunstgesetzgebung. Diese Forderungen zielten auf eine Demokratisierung der Kunstöffentlichkeit und den Abbau von überkommenen Privilegien, wie sie die Preußische Akademie der Künste bei der Gestaltung offizieller Ausstellungen im Kaiserreich innegehabt hatte. Indes verfolgte die Novembergruppe ihre kulturpolitischen Ziele nicht konsequent, zumal die Reform des Kulturlebens in der jungen Republik fest in der Hand von Beamten und Politikern blieb. Als Gemeinschaft agierte sie zu keinem Zeitpunkt parteipolitisch und verbat sich eine diesbezügliche Instrumentalisierung.

Der erste öffentliche Auftritt fand im Sommer 1919 als Teil der Kunstausstellung Berlin im Landesausstellungsgebäude am Lehrter Bahnhof statt. Diese Schau war als Nachfolgerin der traditionsreichen Großen Berliner Kunstausstellung konzipiert, die als Verkaufs- und Leistungsschau nach dem Vorbild des Pariser Salons begründet worden war. Veranstaltet von der Akademie und dem konservativen Verein Berliner Künstler war die Große Berliner Kunstausstellung streng juriert und moderne Kunst weitestgehend ausgeschlossen. Mit der ersten Nachkriegsschau wurde von den staatlich Verantwortlichen ein Zeichen der demokratischen Erneuerung gesetzt, wobei die Novembergruppe als Aushängeschild des angestrebten politischen und kulturellen Neubeginns galt. Für die Gruppe bot sich eine epochale Chance: Die Große Berliner Kunstausstellung, wie die Ausstellung ab 1921 wieder genannt wurde, garantierte jeweils vom Reichspräsidenten eröffnet größtmögliche öffentliche Aufmerksamkeit, wurde sie doch nicht nur von Kunstkenner*innen, sondern von einem weiten Publikumskreis besucht.

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Novembergruppe kompakt

In den Revolutionswirren von 1918 gründeten Maler*innen, Bildhauer*innen und Architekten, initiiert von Max Pechstein und Georg Tappert, in Berlin die Novembergruppe als „Vereinigung der radikalen bildenden Künstler“. Bis 1932 präsentierte die Novembergruppe an die 3.000 Werke von über 480 Kunstschaffenden, unter ihnen etwa 200 direkte Mitglieder, deren Namen sich zu Teilen wie ein „who is who“ der Klassischen Moderne lesen. Andererseits sind zahlreiche Künstler*innen in ihren Reihen vertreten, die bis heute auf eine Wiederentdeckung warten und in der Ausstellung besondere Berücksichtigung finden. Die Mitglieder der Novembergruppe waren nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs davon überzeugt, mit ihrer Kunst am Aufbau einer demokratischen Gesellschaft und an der Formung eines Neuen Menschen mitwirken zu können. Ihre eigenen Abteilungen auf der Großen Berliner Kunstausstellung, die von einem Massenpublikum besucht wurde, sind deshalb besonders aufschlussreich. Flankiert von einer engagierten Vermittlung konfrontierte die Vereinigung dort die Besucher*innen jährlich mit den neuesten künstlerischen Entwicklungen. Damit leistete sie einen entscheidenden Beitrag zur Akzeptanz der Moderne. Darüber hinaus entwickelte die Gruppe eine weit über Berlin hinausreichende Strahlkraft und präsentierte die deutsche wie internationale Avantgarde auch in Italien, den Niederlanden und Russland. Offen für alle Stilrichtungen, von Kubismus, Futurismus und Expressionismus über Dada bis hin zu Abstraktion und Neuer Sachlichkeit, forderte sie die Sehgewohnheiten heraus. Die liberale Haltung gegenüber den unterschiedlichen Positionen entsprach den demokratischen Grundsätzen der jungen Republik, mit deren Niedergang auch das Ende der Vereinigung einherging.

11:59 02.11.2018

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Zur Ausstellung Von 1919 bis 1932 realisierte die Novembergruppe knapp 40 Ausstellungen, veröffentlichte zahlreiche Publikationen und veranstaltete regelmäßig Konzerte, Lesungen, Feste und Kostümbälle
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