Dunkel, rau und finster

Interview Karl Schönherrs Volksstück „Glaube und Heimat“ erinnert an die Vertreibung österreichischer Protestanten durch die Katholiken im Jahre 1837. Michael von Hintzenstern sprach mit der leitenden Dramaturgin Sibylle Baschung
Dunkel, rau und finster

Foto: Matthias Horn/ Berliner Ensemble

Was hat das Berliner Ensemble bewogen, »Glaube und Heimat«, dessen Untertitel »Die Tragödie eines Volkes« lautet, ins aktuelle Programm aufzunehmen?

Sibylle Baschung: Unser Hausregisseur Michael Thalheimer hat sich sehr für dieses Stück eingesetzt, aus inhaltlichen und ästhetischen Gründen. Da ist zunächst das Thema der Vertreibung, das Schönherr in aller Drastik vorführt. Vertreibung und Flucht gehören zu den wesentlichen Themen unserer Zeit, denken Sie an all die Menschen, die nach Europa kommen. Mit Schönherrs Stück drehen wir die Blickrichtung um und knüpfen an unsere eigene Geschichte an. Das Stück erinnert an die Gewalt, die Christen von Christen erfuhren, mitten in Europa, vor gar nicht allzu langer Zeit. Die Ursachen für Vertreibung und Flucht sind komplex und mögen sich in ihrer historischen und kulturellen Bedingtheit jeweils unterschiedlich darstellen, aber der Aspekt des Zwangs, der Gewalt und des individuellen menschlichen Leids hat etwas Überzeitliches. Wer sich von Schönherrs Figuren, ihrer Geschichte, die in unserem Kulturkreis spielt, berühren lässt, verbindet sich auf emotionaler Ebene auch mit Menschen, die aktuell aus ihrer Heimat vertrieben werden. Darin liegt der Zusammenhang zwischen Damals und Heute, darin liegt auch eine geteilte oder teilbare Erfahrung unterschiedlicher Kulturen. Zudem zeigt das Stück mit einfachen Mitteln, was es für Menschen bedeutet, wenn eine Denkart, die keine Heterogenität, keine Pluralität erlaubt, mit Gewalt durchgesetzt wird. Wenn eine Staats- und Glaubenseinheit gewaltsam hergestellt werden soll, in welcher abweichende Einstellungen keinen Platz haben. Lebensgemeinschaften, Familien, Beziehungen werden auseinandergerissen, Menschen vor die unmenschliche Entscheidung gestellt, Prioritäten zu setzen: Was ist mir wichtiger? Meine Familie, mein Zuhause, mein bisheriges Leben oder meine Überzeugung? Diese Form des ausschließlichen, ausgrenzenden Denkens, die alles, was nicht dazu passt, autoritär aus- grenzt und vertreibt oder vertreiben will, die gab und gibt es leider zu jeder Zeit. Was es im äußersten Fall für Menschen bedeutet, wenn sich dieses Denken durchsetzt, durchleben wir mit Schönherrs Figuren.

Was waren die ästhetischen Aspekte, die Michael Thalheimer an dem Stück fasziniert haben? Die Sprache ist doch auch sehr speziell ...

Schönherr hat mit einer ans Tirolerisch angelegten Kunstsprache, die einen sehr rauen, harten Klang hat, Figuren geschaffen, die auf dem Papier wirken, als seien sie aus Holz geschnitzt: einfach, streng mit sich und anderen, etwas grob und manchmal etwas unbeholfen. Ohnmächtig stehen sie einem autoritären System gegenüber. Michael Thalheimer hat eine große Sympathie für solche Figuren, für ihre Härte gegen sich selbst, ihre Verzweiflung ob der Ausweglosigkeit der Situation, ihre Trauer, ihre Hilflosigkeit, ihre Wut gegenüber ihrer Ohnmacht. Die Spannung zwischen diesen holzschnittartig gezeichneten Figuren und ihren darin wie gefangen wirkenden Emotionen, die einen Ausdruck suchen – das zu gestalten, gemeinsam mit den Schauspielerinnen und Schauspielern, das interessiert ihn.

Wollte Schönherr mit dieser Sprache die Atmosphäre verstärken und gewisse Authentizität schaffen?

Ich denke, er schafft mit dieser Sprache gleichzeitig einen lokal und historisch konkreten Bezug sowie eine kritische Distanz dazu. Erst nachdem Schön- herr aus Tirol nach Wien gezogen ist, hat er die Gegend, aus der er stammte, literarisch und kritisch in den Blick genommen. »Glaube und Heimat« wurde inspiriert von einer bildlichen Darstellung der Vertreibung der Zillertaler Protestanten im Jahr 1837. Schönherr verlegte das Drama – ich denke, um der dramatischen Zuspitzung willen – noch weiter zurück in die Zeit der Gegenreformation. 1837 existierte bereits das Toleranzedikt Joseph des Zweiten. Die Vertreibung musste den Zeitgenossen wie ein ungeheurer Anachronismus erschienen sein, was sie auch war. Es war ein Rückfall in autoritäre Zeiten.

Wie werden die einzelnen Charaktere der Protagonisten des Stückes und die Welt, in der es spielt, dargestellt?

Das Stück handelt von Menschen, de- nen es nicht leichtfällt, den Ort, an dem sie leben und arbeiten, zu verlassen. Sicher nicht zuletzt deswegen, weil sie sehr viel Mühe, Liebe, Arbeit und Pflege in diesen konkreten Ort investieren, was sie bindet – es sind Bauern. Die Welt, in der es spielt, wird in erster Linie atmosphärisch erzählt. Sie werden kein realistisches Bühnenbild finden mit einer Bauernstube oder ähnlichem.

Was gibt es denn zu sehen?

Eine düstere, raue, finstere Welt. Das Hauptelement auf der Bühne ist ein rechteckiger Quader, der in die Höhe schießt, weit über den sichtbaren Bühnenraum hinaus. Man könnte das als abstrakte Übersetzung für einen Kamin, einen Ofen mit einer Bank darum herum assoziieren – als Zeichen für ein Zuhause. Das steht auf einer Drehscheibe und ermöglicht unter- schiedliche Perspektiven und Bilder. Der Raum darum herum ist mit einer dunklen Plane ausgelegt, wie sie in der Landwirtschaft verwendet wird, und die Sie vielleicht schon manchmal auf den Feldern gesehen haben. Es wird vielleicht regnen und nebeln – lassen Sie sich überraschen, wir probieren ja gerade noch ... Das Wichtige bei Michael Thalheimer sind die Figuren, ihre Beziehungen und ihre Konflikte. Um das zu spielen, brauchen wir keinen Tisch und keinen Stuhl, kein Wohnzimmer, keinen Baum und keinen Brunnen, oder was sonst noch alles im Stück erwähnt wird.

Geht es in der Inszenierung auch um aktuelle Flüchtlingsströme, die jetzt von wo ganz anders her zu uns kommen?

Wir lassen das Stück genau da, wo es ist – in der Gegenreformation. Es geht auch um diesen konkreten Glaubenskonflikt, um die Spaltung innerhalb des Christentums. Wir werden nichts umschreiben oder die Figuren, die fliehen müssen, beispielsweise als Muslime verkleiden. Auch der Raum ist ja eher abstrakt und nicht zeitlich oder räumlich konkret verortet. Im Fokus steht die Zwangslage, in die Menschen durch ein autoritäres System gebracht werden, und ihre Möglichkeiten, die sie finden, damit umzugehen. Das Erschütternde dabei ist, dass es keiner einzelnen Figur gelingt, sich so zu verhalten, dass es für sie und die anderen gut ist. In einem System, das keine Pluralität erlaubt, keine individuelle Freiheit, sondern das das Wohlergehen der Menschen von einer übergeordneten Instanz abhängig macht – sei es ein autoritärer Gott, von dem man sich Trost erhofft, oder ein autoritärer weltlicher Herrscher – in so einem System kann sich die einzelne Person kaum »gut« verhalten, es sei denn, sie verhält sich vollständig konform und beugt sich. Unter Umständen vergewaltigt sie sich dabei selbst oder bringt andere ins Unglück.

Es gibt ja, das zeigt die Aufarbeitung von Geschichte, viele Schattierungen – jenseits von Schwarz und Weiß.

In dem Stück gibt es Christoph Rott, der mit seinem Vater seinen protestantischen Glauben im Geheimen lebt und mit einer Katholikin verheiratet ist. Er bekennt sich erst im Verlauf des Stückes, als er miterleben muss, wie die Sandpergerin, eine Nachbarin, für ihre Glaubensfreiheit zu sterben bereit ist. Das ist unter anderem ein Auslöser für Rott, seinem Gewissen zu folgen, oder wie er sagt: »Ich muss so tun, wie es mich treibt.« Angesichts der sterbenden Sandpergerin kann Rott nicht mehr schweigen und bekennt sich öffentlich. Sein Vater hingegen leugnet weiter, kann auch in diesem Moment nicht öffentlich bekennen. Für ihn, der weiß, dass er bald sterben wird, ist es existenziell wichtig, in Würde und zuhause begraben zu werden. Auf der anderen Seite gibt es den Mann der Sandpergerin, den der Gedanke, sein Zuhause verlassen zu müssen, in den Wahnsinn treibt, und der sich am Ende, um bleiben zu können, der Autorität beugt und dem Glauben abschwört, für den seine Frau gestorben ist. Und Rotts Frau, die mit ihrem Mann mitgeht, obwohl sie als Katholikin bleiben könnte, und so weiter ... So führt jeder und jede einen eigenen Kampf – das gehört ja auch mit zu dem Problem, dass es in dem Stück nicht gelingt, gemeinsam gegen das Trennende vorzugehen ...

08:39 06.12.2019

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