Ungleichheit der Geschlechter

Einblicke Interview mit der Kolonialismusforscherin Grit Koeppen über die Kraft der Sprache und die Wirksamkeit positiver Erzählnarrative, die Konstruktion eines absolut „Anderen“, sowie von Archetypen zur Erhaltung patriarchaler Machtstrukturen
Ungleichheit der Geschlechter
Vorabfoto „Hekabe“ | Paul Grill

Foto: Deutsches Theater Berlin/ Tabea Jorcke

Der trojanische Krieg ist ja für das Theater und viele humanistische Gymnasien ein Kanon-bildender Mythos, der immer nochmal und nochmal wiederholt wird. Dabei wird in der Überlieferung Homers - der „Ilias“ und der „Odyssee“ ein großes Maß an Heroisierung betrieben, die Perspektive der Angreifer und Sieger festgeschrieben und die Täter nicht selten als die Opfer dargestellt. Odysseus und Agamemnon werden für ihre Taten als Helden gefeiert, für ihre List bewundert und für ihre Leiden bedauert. Kennst Du aus Deinem Forschungsbereich vergleichbar hegemoniale Erzählungen? Welche Muster sind dafür typisch?

Im antiken Griechenland wurde bereits der eigene Herrschaftsanspruch mittels Wortwahl zementiert, denn der Begriff „Barbaren“ wurde auf Nicht-Griechen angewandt, die angeblich – so die abwertende Konstruktion – keine richtige Sprache sprächen und daher einen anderen „Entwicklungsstand“ als die „Helenen“ gehabt hätten; folglich angegriffen, ausgebeutet und gefangengenommen oder zivilisiert werden konnten. Auch die Tragödiendichter Aischylos, Euripides und Sophokles trugen wesentlich zur Popularisierung dieses dichotomen Denkens bei. Aber es sind Platon und Aristoteles die dann eine scheinbar „natürliche Gegebenheit“ sozialer Hierarchien und asymmetrischer Machtbeziehungen postulieren - einschließlich der Sklaverei.
Auch die hegemoniale Erzählung um die „Entdeckung“ der restlichen Welt durch Vertreter des Abendlandes ist so ein Beispiel. Christoph Columbus, der bis heute als Entdecker betitelt und geehrt wird, hat die ersten Kolonien im 15. Jahrhundert gegründet. Die Idee der Entdeckung erscheint wertneutral, ist aber euphemistisch und gewaltverleugnend, da es imperialistische und rassistische Herrschaft nach sich zog, wobei die Täterschaft entthematisiert wird.
Ein anderes Beispiel ist die Entdeckung Amerikas 1550, was zur Vernichtung von ungefähr 90% der lokalen Bevölkerung geführt hat. Auf der Seite der Täter und „Sieger“ wird es allerdings als neues „Zeitalter der Menschheit“ gedeutet, deklariert und positiv konnotiert. Während der Kolonisation des afrikanischen Kontinents als imperialistische Expansionskriege geführt, massiver Menschen- und Rohstoffraub betrieben wurden, sowie exzessive Gewalt gegenüber Kolonisierten ausgeführt und im öffentlichen Raum ausgestellt wurde, hat das Narrativ von der „Bürde des weißen Mannes“ dazu gedient, diese Taten als angeblichen Zivilisationsauftrag diskursiv zu konstruieren. Mit diesem Bild wurde die Idee vermittelt, quasi selbstlos den Rest der Welt zu humanisieren, während gerade die Dehumanisierung wesentliches politisches Mittel im kolonial-rassistischen Kontext war. Diese Idee des Zivilisations- und Entwicklungsauftrags findet sich bis heute in einem verfestigten und wirksamen Entwicklungsnarrativ gegenüber der sogenannten „dritten Welt“.
Die angebliche „Überlegenheit“ Europas wurde jahrhundertlang mittels Narrativen und Repräsentationspolitiken behauptet und mittels Schrift und Buchdruck disseminiert. Mit der hegemonialen Erzählung von „Überlegenheit“ und „Fortschrittlichkeit“ wurde und wird weiterhin versucht, eine Legitimation für Gewaltverhältnisse zu schaffen, denn militärische und ökonomische Herrschaft/ Gewalt muss nach innen und nach außen diskursiv legitimiert werden. Daher haben solche kanonbildenden Mythen, Erzählungen, Begriffe und Metaphern immer auch herrschaftssichernde Dimensionen.

Sobald der Krieg durch die Griechen gewonnen ist, wechselt der Blick der Erzählung: Aus dem Kampf von Helden gegen Helden wird eine Geschichte von siegreichen Soldaten und Beutefrauen. Gewalt und Vergewaltigung, Macht und Unterwerfung, Feindseligkeit und Verachtung, Täter- und Opfer-Rollen verschieben sich in die Ungleichheit des Geschlechterverhältnisses. Auch das scheint geradezu eine Gesetzmäßigkeit zu sein … warum ist das so? Und muss das so sein?

Es basiert vermutlich auf dem Prinzip des Othering, einer Konstruktion des absolut „Anderen“. Das ist verbunden mit einer Überlegenheitsphantasie, also sich von dem/der Anderen als getrennt seiend zu denken, wobei das Andere als das Irrationale, das Unbewusste, das Wilde, das Nicht-Gezähmte, das Fremde, das Ungeheuerliche, das Unbekannte, das Bedrohende gedacht und vom Selbst abgespalten und entwertet wird. Die Idee, das/den/die Andere unterwerfen und beherrschen zu können, findet sich im Rassismus, im Klassismus und im Sexismus. Das Prinzip der Macht- und Gewaltausübung wird dabei auf verschiedene Kategorien verlagert, was unterschiedliche Formen der Unterdrückung hervorruft. Um Macht und Privilegien zu sichern, wird mit Diskriminierung und Destabilisierung des „Anderen“ gearbeitet. Dennoch bleibt es ein bestehendes intaktes Gewalt- und Herrschaftsverhältnis, das oft von den Täter*innen verschwiegen und/oder geleugnet wird. Daher ist für eine machtkritische Praxis die stetige Infragestellung, wer von wem vor welchem historischen Hintergrund erfunden, „geandert“, diskursiv konstruiert und bewertet wird, so relevant.
Indem Täterschaft unbenannt und unmarkiert bleibt, können bestehende Herrschaftsverhältnisse strukturell und diskursiv fortgesetzt werden und eine Mit-Verantwortung für das Fortbestehen dieser Verhältnisse abgestreift werden. Die Einnahme der Opferperspektive durch Täter*innen (auch intergenerational gedacht) entspricht einer aktiven Leugnungsstrategie, wobei allerdings das/die Opfer doppelt geschändet bzw. gänzlich zum Verschwinden gebracht werden.

Euripides hat als Tragödiendichter in seinen Stücken „Die Troerinnen“ und „Hekabe“ den Fokus verschoben und das Leid der Opfer in den Blick gerückt, den Frauen von Troja und ihrer entrechteten Königin Hekabe eine Stimme gegeben – der Versuch einer Empathie-Erzeugung. Aber wie ist die Empathie der Sieger zu bewerten? Wie sehr ist Mitgefühl eine Art emotionales Alibi und eine Verbrämung von Schuld?

Empathie erscheint mir sehr wichtig für ein angehendes Verständnis von Machtbeziehungen, weil es das Empfinden des Leids einer/eines Anderen dazu beitragen kann, sich in diese Perspektive und Position einzufühlen und hineinzudenken. Dadurch kann eine Öffnung zur Situation von Subalternen begünstigt werden, was wiederum eine Infragestellung von Macht-, Herrschafts- und Gewaltverhältnissen hervorrufen kann; und letztlich dazu zwingt, selbst Position gegenüber diesen Verhältnissen beziehen zu müssen. Allerdings erscheint mir Mitleid demgegenüber eher als eine herablassende Geste, die nicht zwingend auf Veränderung der hegemonialen Verhältnisse drängt, sondern eine emotionale Alibifunktion erfüllen kann.

Wie weit reicht der Archetypus der leidenden, klagenden, duldenden Frau wie Hekabe und Andromache in die Gegenwart? Welche Beispiele fallen Dir dazu ein?

Besonders drei Archetypen stereotyper Frauenfiguren, die zugleich zu weiblichen Identifikationsmodellen wurden, scheinen mit hier relevant zu sein: die Heilige, die Mutter, die Hure. Dem gegenüber stand die Konstruktion der Hysterikerin als Störung: Die Heilige hat als Märtyrerin das Leid zum Lebensinhalt gemacht, denn sie leidet und erduldet ihres Glaubens und ihrer Überzeugungen willen. Die gute Mutter ist diejenige, die bereit ist, stets und bedingungslos für das Wohl ihres Kindes/der Familie zu leiden und sich dafür aufzuopfern, d.h. sich aufzugeben. Dem gegenüber wird die Frau, die eine soziale Mutterschaft ausübt, u.a. in Märchen als „schlechte Stiefmutter“ verhöhnt. Die echte Mutter gilt als gut, anständig, pflichtbewusst, instinkttreu. Diese Mutterliebe gilt als natürlicher Bestandteil einer gesunden Frau. Damit wird zugleich jede andere Frau als defizitär und abnormal konstruiert.
Die Hure ist diejenige, die sich bereit erklärt, ihren Körper zum Objekt für jeden beliebigen Mann zu machen, um ihm Trost zu spenden und ihn von seinem Leid zu erleichtern.
Im deutschen Kontext ist während der NS-Zeit der Mutterkult staatlich verankert worden und die Reproduktionspflicht der Frau besonders stark betont worden. Allerdings hält der Mutterkult gesamtgesellschaftlich bis heute unhinterfragt an.
Die Kritik, aber auch die Wut und Auflehnung von Frauen gegenüber jedweden patriarchalen Machtstrukturen wurde seit der Antike pathologisiert. Konstruiert wurde dazu u.a. das Bild der hysterischen Frau, die gefühlsstark und körperlich – teils mit sexuellen Konnotationen – auf die erlebte Unterdrückung abnorm reagiere. Bei diesen Frauen hatte sich psychisches Leiden in körperliches konvertiert. Allerdings vermutete man seit der Antike somatische Ursachen für das diffuse Krankheitsbild. V.a. im 19. Jahrhundert wurden Hysteriker*innen wichtiger Teil eines medizinischen Diskurses über das Weibliche, die Frau als irrational konstruiert und viele nicht-konforme Frauen in Psychiatrien abgeschoben. Bis ins 20. Jahrhundert hat man(n) an hysterischen Frauen Klitoridektomien durchgeführt. Das bedeutet, diejenigen Frauen, die es wagten, sich aufzulehnen, wurden ihres sexuellen Lustorgans beraubt, wobei sie das Leiden körperlich zu erlernen gezwungen wurden. Und bis heute werden im westlichen Kontext Frauen, die Widersprache halten oder Widerstand leisten, leichtfertig als „hysterisch“ diffamiert.

Zum Mythos gehört bei den Griechen die Verwandlung. Jungfrauen, von Göttern begehrt und verfolgt, verwandeln sich in Quellen, Weidenbäume, Rehe. Auch die um ihre Kinder gebrachte Königin Trojas erlebt am Ende eine Metamorphose. Wie viel revolutionäres oder utopisches Potential liegt in der Verwandlung der Hekabe in eine Hündin als dem letzten Ausweg aus dem Unrecht?

Utopisches Potential liegt im Prozess der Transformation selbst. Dabei scheint mir relevant, dass die Figur der Hekabe eine vom patriarchalen Diskurs produzierte Angst-Imagination vor Weiblichkeit zu verkörpern beginnt, indem die über Jahrhunderte konstruierte Gleichsetzung der Frau mit der Natur hier ihren Ausdruck findet. Dabei verwandelt sich die Hekabe in ein Tier und verkörpert als Figur der Hündin das Animalische und das Domestizierte zugleich. Die Figur des Hundes/der Hündin ist höchst ambivalent. Im Allgemeinen gilt der Hund als domestizierte Form des Wolfes. Er wurde geknechtet, gepeinigt, dressiert, gezähmt, gebändigt und von Nahrung abhängig gemacht; erst seitdem gilt er als treu, loyal, ergeben, anhänglich. Jedoch bleibt ein Rest des Wolfes potentiell im Hund verankert. Das Raubtier Wolf dagegen gilt als schlau, aggressiv, blutrünstig, unberechenbar, gefährlich. Der Hund bellt, während der Wolf heulend sich erhebt. Was beide gemein haben, ist, dass sie geschickt jagen können. So kann potentiell die Gejagte und Erniedrigte, die Hekabe, sich selbst in eine Jägerin verwandeln.
Etliche afrikanische Bühnenautor*innen, die sich im zeitgenössischen Sprechtheater mit drängenden politischen Fragestellungen zu Versklavung, Kolonialismus, Rassismus und Dekolonisation auseinandersetzen - wie Dieudonné Niangouna, Marie N´Diaye, Aristide Tarnagda u.a. – haben die Figur des Hundes wiederholend eingesetzt. So lässt der kongolesische Theatermacher Niangouna eine seiner Figuren sagen: „Der Lärm der Ketten, der uns dem Hund ähnlich machte, der nach dem Meister unser Feind und unser Verbündeter in der Knechtschaft war. Bruder Hund, bete für uns.“ Im Kontext der Plantagenwirtschaft wurden Hunde gezielt eingesetzt, um die Spuren entlaufener Versklavter aufzuspüren; sie wurden mit ihrem Jagdinstinkt zur Waffe gemacht. Doch zugleich wurden sie weiterhin in Knechtschaft gehalten. Dieses erzwungene „Domestikentum“ (Césaire) bringt die Wut, die Auflehnung, den Aufruhr, den Widerstand, die Rebellion hervor, die jedes illegitime Macht-, Herrschafts- und Gewaltverhältnis immer zugleich mit produziert.
Und so sagt Kassandra zu Hekabe: „Unbezwingbar, wenn sie wütet, ist die Hündin!“ Darin steckt implizit die Drohung einer zu erwartenden - der ausgeübten Herrschaft adäquaten - Resonanz.

10:04 14.11.2019

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