Ein Dialog über Kolonialgeschichte

Hereroland Zwei Regisseure, ein Deutscher und ein Namibier, nähern sich gemeinsam einem dunklen Kapitel der Vergangenheit ihrer Länder an. Der Versuch einer Begegnung über zwei Kontinente hinweg und eines Dialoges über den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts
Ein Dialog über Kolonialgeschichte
Der Schauspieler Otja Henock Kambaekua sowie Ensemblemitglied Jörg Pohl im Stück „Hereroland“

Foto: Armin Smailovic/Thalia Theater

Das Stück „Hereroland“ ist eine Begegnung, die sich über zwei Kontinente spannt und einen Dialog über den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts eröffnet: Den Völkermord an den Herero im damaligen Deutsch-Südwestafrika durch die deutsche Kolonialmacht im Jahr 1904 . Noch heute sind die Folgen in Namibia allgegenwärtig. Gernot Grünewald, Vertreter des modernen Dokumentartheaters, und David Ndjavera, mehrfach ausgezeichnet als bester Regisseur Namibias und selbst Herero-Nachfahre, erschaffen in dieser Koproduktion auf der Grundlage von Recherchen und Interviews ein begehbares Museum, in dem das Publikum parallel Performances, Ausstellungen und Theaterszenen erleben kann.

Mit exklusiv geführten Interviews mit Nachfahren der Herero, deutschen Siedlern, sowie Repräsentanten der Bundesrepublik nähern sich in dieser Koproduktion namibische und deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler einem traumatischen Kapitel der kolonialen Vergangenheit.

Als wichtigste Hafen- und Handelsstadt des Deutschen Kaiserreichs, war Hamburg ein zentraler Dreh- und Angelpunkt der deutschen Kolonialgeschichte zwischen 1884 und 1918. Nicht nur Waren und koloniale Rohstoffe erreichten über die Hansestadt das Deutsche Kaiserreich, auch ein Großteil der deutschen Siedler und Kolonialsoldaten gingen im hiesigen Hafen an Bord.

So auch die 15.000 Soldaten der „Schutztruppe“, die unter dem Kommando von Lothar von Trotha in „Deutsch-Südwest“ den Kampf gegen den antikolonialen Widerstand der Herero aufnahm. Das heutige Namibia war seit Ende des 19. Jahrhunderts deutsche Kolonie und Siedlungsgebiet. Enteignungen, Unterdrückung und Ausbeutung der Einheimischen durch die Weißen hatte 1904 zum Widerstand der Herero geführt. Zur entscheidenden Schlacht am Waterberg kam es am 11. August 1904. Doch von Trotha beließ es nicht bei dem Sieg seiner Truppe. Tausende wurden gezielt in die Omaheke-Wüste getrieben, Wasserstellen von den Soldaten abgeriegelt und ein Schießbefehl ausgegeben, der zurückkehrende Frauen und Kinder mit einschloss. 80 Prozent der Herero wurden getötet. Deutschlands Schuld an diesem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts ist unumstritten. Dennoch bleibt bis heute eine offizielle Entschuldigung der Bundesregierung aus und über die juristische Klage der Nachfahren, wird derzeit in New York gerichtlich verhandelt.


Hereroland. Eine deutsch-namibische Geschichte
von Gernot Grünewald und David Ndjavera

Uraufführung am 19. Janaur 2020
Veranstaltungsort: Thalia Gaußstraße

In deutscher und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Weitere Informationen zum Stück „Hereroland“ (Regie: Gernot Grünwald und David Ndjavera)


Gefördert im Fonds TURN der Bundeskulturstiftung

18:58 18.12.2019

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