Diskurs

Positionen Die Arbeiten von rund 20 jungen wie auch etablierten internationalen Künstlern zeigen unterschiedliche Kommentare und Reaktionen zum Thema Überwachung und Medien
Diskurs
Florian Mehnert, Waldprotokolle 2013, Installation View 2015
Foto: Florian Mehnert

Saaltexte in der Ausstellung

Jill Magid
Trust (The Evidence Locker), 2004
Performance-Video, bearbeitete Bild- und Tonaufnahmen von Überwachungskameras, 18 min Courtesy of the Artist und Until Then

Evidence Locker ist eine Multimedia-Arbeit, die auf einer 31 Tage dauernden Performance in Liverpool beruht und aus Aufnahmen von Überwachungskameras und einer Novelle besteht. Magid bat City Watch, das für die Videoüberwachung der Stadt zuständige Unternehmen, sie an verschiedenen Orten und in verschiedenen Posen zu filmen sowie – wie hier im Video Trust (Evidence Locker) – bei geschlossenen Augen durch die Stadt zu geleiten. Dabei trug sie stets einen knallroten Trenchcoat. Die Anträge, die sie anschließend einreichte, um Zugang zu den Aufnahmen zu erhalten, verfasste sie in Form von Liebesbriefen. Das Projekt verwickelt das nicht öffentliche Überwachungssystem der Stadt in ein intimes Zwiegespräch und verweist auf das hohe Maß an Vertrauen, das Überwachungsmaßnahmen von uns verlangen.

Florian Mehnert
Waldprotokolle, 2012
Installation, 22 Kopfhörer, 22 MP3-Player, Courtesy of the Artist

Die Natur, speziell der Wald, gilt als Rückzugsort, an dem man sich ungestört aufhalten kann und nicht beobachtet oder belauscht wird. In seiner Arbeit Waldprotokolle hat Florian Mehnert in Wäldern Mikrofone installiert und die Gespräche vorbeikommender Spaziergänger mitgeschnitten. So bleibt kein Ort des unbeobachteten Rückzugs mehr, und die Waldprotokolle werden zum Verweis auf die Gefahr und Absurdität von Überwachung. Indem der Künstler die Protokolle anschließend veröffentlicht, macht er die unsichtbare Bedrohung greifbar und fordert zur Reflexion über die Problematik von Überwachung auf. So veranschaulichen die Abhörprotokolle aus dem Wald die heimliche Bedrohung und dienen letztlich als Metapher dafür, wie sich die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem immer weiter auflöst: Privatsphäre wird zu einem zunehmend kostbaren, schützenswerten Gut.

Hasan Elahi
Prism V2, 2017
Aus der Serie Tracking Transience, Internetbasierte Installation, C-print, Courtesy of the Artist

Hasan Elahis Projekt begann 2002, als er in der äußerst angespannten Atmosphäre nach den Anschlägen vom 11. September auf einem Detroiter Flughafen festgenommen wurde, unter dem falschen Verdacht, er besitze einen Lagerraum voller Sprengstoff. Als die US-Behörden monatelang weiter gegen ihn ermittelten, nachdem er längst entlastet war, beschloss der Künstler, die Sache in die eigene Hand zu nehmen und kontinuierlich seine Aufenthaltsorte zu verzeichnen. Zu diesem Zweck verwandelte er sein Handy in ein Trackinggerät, stellte die Seite trackingtransience.net online und fing an, mithilfe von Fotos und Google Maps all seine Bewegungsdaten zusammenzutragen. Aus diesem mittlerweile gewaltigen Archiv sind seitdem mehrere Kunstwerke hervorgegangen, welche die gegenwärtigen Überwachungsmethoden und das heutige Übermaß an Informationsaustausch hinterfragen. Prism reiht abwechselnd sieben farbige Balken und Darstellungen in Schwarz-Weiß aneinander. Bei letzteren handelt es sich um Luftaufnahmen von Dächern der NSA-Zentrale in Fort Meade, Maryland, die elektronische Überwachungsgeräte zeigen, welche vom Boden aus nicht zu sehen sind. Jemand beobachtet nun also die Beobachter; die Überwachungsbehörde selbst wird überwacht. Die farbigen Balken wiederum erweisen sich als Ansammlung unzähliger Bilder von Elahis Selbstüberwachung aus Tracking Transience. Durch die Gesamtzahl der Balken ergibt sich eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zur US-Flagge: Beide haben insgesamt dreizehn Streifen...

Ai Wei Wei
Weiweicam, 2012
Tapete, Courtesy of Ai Wei Wei Studio

WeiweiCam ist ein Selbstüberwachungsprojekt des chinesischen Künstlers Ai Wei Wei, das am 3. April 2012, ein Jahr nach seiner Verhaftung durch die chinesischen Behörden am Flughafen Peking, online ging. Als Ai Wei Wei im Juni 2011 nach 81 Tagen aus der Haft entlassen wurde, bekam er die Auflage, Peking nicht zu verlassen. Außerdem wurde er mithilfe von 15 Kameras, die rund um sein Haus angebracht wurden, 24 Stunden am Tag überwacht. Ai Wei Wei installierte daraufhin selbst vier Kameras direkt in seinem Haus: eine in seinem Schlafzimmer, eine im Garten und zwei in seinem Büro. Die Live-Bilder stellte er auf seiner Internetseite der Weltöffentlichkeit zur Verfügung. 46 Stunden später zwangen ihn die Behörden, die Website offline zu nehmen. Während dieser Zeit besuchten mehr als 5,2 Millionen Internetnutzer die Seite.

Paolo Cirio
Overexposed, 2015
Online angeeignetes Bild, High Definition Stencils, Courtesy of the Artist und NOME

Mit Overexposed zielt Paolo Cirio auf hochrangige Beamte der US-Geheimdienste, die mit den von Edward Snowden enthüllten Programmen massenhafter Überwachung zu tun haben. Durch soziale Medien und Online-Recherchen gelangte Cirio an Porträts dieser Schlüsselfiguren, die er anschließend – als Aufruf zu zivilgesellschaftlicher Transparenz – mittels der HD-Stencils-Technik als Graffiti an öffentliche Wände in mehreren Weltstädten sprühte. Die nicht autorisierten Porträts waren in Berlin, Paris, London und New York zu sehen. Durch die Zurschaustellung der Beamten, die für geheime Massenüberwachung und übertrieben geheime Geheimdienst-Programme verantwortlich sind, formuliert das Kunstwerk eine satirische Kritik am Zeitalter allgegenwärtiger Überwachung und übermäßiger Medienpräsenz des politischen Personals. Dazu bedient es sich neuer Formen der Verbreitung, Aneignung, Kontextualisierung und technischen Reproduktion von Bildern.

Hier präsentierte Personen: Keith Alexander, (NSA), James Comey, (FBI), John Brennan (CIA).

James Bridle
Homo sacer, 2014
Installation, Hologramm, Courtesy of the Artist und NOME

Mit Homo Sacer thematisiert Bridle, was er den ultimativen Arbeiter des 21. Jahrhunderts nennt: das Hologramm, gänzlich virtualisiert, programmiert, unermüdlich und faszinierend. Das Hologramm rezitiert hier Zeilen aus Gesetzestexten Großbritanniens, der Europäischen Union und der Vereinten Nationen, sowie Aussagen von Ministern zur Staatsbürgerschaft und zu deren Entzug – einem Akt, der aus einem Bürger einen Homo Sacer macht: einen Verfemten oder eine Person ohne Rechte.

Trevor Paglen
NSA-Tapped Fiber Optic Cable Landing Site, Marseille, France 2015
C-print und verschiedene Medien auf Schifffahrtskarte, Courtesy of Collection SVPL

Paglen befasst sich mit der Materialität des Internets und der massiven Datenüberwachung, die über dessen Kanäle stattfindet. Auch wenn uns eine Metapher wie „Cloud“ suggeriert, das Internet sei eine allgegenwärtige Entität ohne festen Ort, benötigt es in Wirklichkeit eine echte, physische Infrastruktur. Die hier gezeigte Aufnahme der Südfranzösischen Küste weist auf jene Stelle hin, an der die Unterwasserkabel, die den amerikanischen und den europäischen Kontinent verbinden, das Festland erreichen und von der NSA zu Überwachungszwecken angezapft werden. Eine von der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) angefertigte Seekarte für die Seeschifffahrt macht die Verläufe dieser Glasfaserkabel sichtbar, um zu verhindern, dass Schiffe mit ihnen kollidieren. Ergänzt wird diese Arbeit um diverse interne NSA-Dokumente aus den Archiven von Edward Snowden, sowie um Firmendokumente und weitere Fotografien jener Stellen.

Clément Lambelet
Collateral Visions, 2016
Installation, verschiedene Medien, Courtesy of the Artist und ECAL, Lausanne

Inszenierte Ganzkörperaufnahmen, die mit einem Body-Scanner vom Flughafen gemacht wurden, ein Selbstporträt, hergestellt mit einem Gesichtserkennungsalgorithmus, Videos von Dronenangriffen: Die Serie Collateral Visions des Schweizer Künstlers Clément Lambelet untersucht die Darstellung und Wahrnehmung des Menschen durch digitale Algorithmen und computerbasierte Techniken. Durch Neuinterpretation jener modernen Verfahren menschlicher Beobachtung löst er diese aus ihrem üblichen Verwendungszusammenhang und verwandelt sie in visuelle Anregungen, welche auf sowohl kontemplative als auch konfrontative Weise an die Risiken dieser Kontrolltechnologien verweisen.

Ergänzend dazu bedient der Künstler sich zusätzlicher Dokumente, Daten und Bilder in Form eines Atlas, welcher die Prinzipien der Entmenschlichung, auf denen Algorithmen beruhen, und die negativen sozialen Folgen von Kontrollgesellschaften verdeutlicht. Die Publikation Happiness is the only true emotion handelt zudem von Algorithmen zur Gefühlserkennung und deren Versagen. Durch die Aneignung operativer Bilder und Inszenierungen in Überwachungsgeräten, enthüllt Collateral Visions so die Systeme der Entmenschlichung und Angst, die moderne Überwachungsmethoden kennzeichnen.

Julian Röder
Mission and Task, 2012 / 2013
Archival Pigment Print, Courtesy of the Artist Grenzen bestehen nicht mehr aus Zäunen, sondern aus Daten und Informationen.

In seiner Serie Mission and Task richtet Julian Röder seine Kamera auf Beamte der Europäischen Grenz- und Küstenwache (EBCG, bis vor kurzem Frontex genannt), die jene Daten und Informationen sammeln, mit denen Europas Außengrenzen kontrolliert und gesichert werden. Doch der Künstler porträtiert nicht nur diese Beobachter, er dokumentiert auch das Hightech-Equipment und die intelligenten Computersysteme, die die EBCG nutzt, um die Grenzüberwachung zu intensivieren und Flüchtlinge an der Einreise in die Europäischen Union zu hindern. Als Versuch, Bilder für etwas zu finden, das sich der direkten Beobachtung entzieht und beinahe virtuell geworden ist, zeigt Mission and Task Grenzsicherung als ein aus Informationen und Daten bestehendes System der Bildproduktion, das inzwischen an die Stelle physischer Grenzbefestigungen getreten ist.

Viktoria Binschtok
World of Details, 2011–2012
C-print, Inkjet Print, MDF, Courtesy of the Artist, Klemm’s und Sammlung Lazimbat/Ehle, Berlin

In World of Details macht Viktoria Binschtok einzelne Bilder von Google Street View zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit. Diese anonymen, automatischen Aufnahmen eines bestimmten Ortes in New York sind ihren eigenen, hochauflösenden Farbaufnahmen gegenübergestellt. Die Künstlerin hat eben jene Orte aufgesucht und versucht, durch Überwindung der Distanz und physische Annäherung an die Objekte hinter die Oberfläche der abgebildeten Schauplätze zu gelangen. Das Ergebnis sind zwei Sichtweisen auf ein und denselben Ort: hier das Ergebnis eines systematischen Aufnahmeprozesses, dort der menschliche, künstlerische Kamerablick, der eine ganz andere Art des Dokumentierens intendiert. Auf diese Weise reflektiert World of Details heutige Verwendungs- und Wahrnehmungsweisen von Fotografie im Zeitalter von Internet und Überwachung.

Adam Broomberg & Oliver Chanarin
Spirit is a Bone, 2013
104 Glastafeln, verschiedene Medien, Courtesy of the Artists und Lisson Gallery

Spirit is a Bone ist eine Porträt-Serie, die auf neuer Technik zur Gesichtserkennung beruht. Das von russischen Software-Ingenieuren für den internationalen Markt im Bereich Sicherheitsdienste und Grenzkontrollen entwickelte System erfasst mit vier verschiedenen Kameras das Gesicht einer Person, ohne dabei auf deren Mitwirkung angewiesen zu sein, und erzeugt eine dreidimensionale digitale Lebendmaske. Anschließend ordneten die Künstler die Porträts entsprechend der Berufe der Porträtierten an – eine Reminiszenz an das Werk August Sanders aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Ruben Pater
Drone Survival Guide, 2013
Poster auf Aluminiumpapier, Courtesy of the Artist

Drohnen sind ferngesteuerte Fluggeräte, die sowohl zur Überwachung und für gewaltsame Angriffe, als auch für Rettungsmissionen und wissenschaftliche Forschung eingesetzt werden können. Die meisten Drohnen werden heute vom Militär für Aufklärungsflüge und Angriffe genutzt. Ruben Paters Drone Survival Guide ermöglicht es Menschen, vom Boden aus verschiedene Arten von Drohnen zu identifizieren. Zugleich zeigt er, wie man sich davor schützen kann, von den Drohnen gesehen zu werden.

Ruben Pater
A Study Into 21st Century Drone Acoustics, 2015
Vinyl-LP, gedruckt auf metallisiertem Karton, 12-seitiges Booklet, Courtesy of the Artist

Für dieses Projekt haben sich der Designer Ruben Pater (Drone Survival Guide) und der Kompo- nist Gonçalo F. Cardoso (Discrepant) zusammengetan, um die auditiven Aspekte von Drohnen zu thematisieren. Was für Motoren haben Drohnen, und wie klingen sie? Auf Seite A sind Aufnahmen von 17 Drohnentypen zu hören, von kleinen Hobbydrohnen bis zu großen Militärdrohnen – quasi ein modernes Vogelstimmenpotpourri. Auf Seite B findet sich eine Klanglandschaft von Gonçalo F. Cardoso, inspiriert von der missbräuchlichen und zerstörerischen Macht der Drohnentechnologie.

Mishka Henner
No Man’s Land, 2011
Archival Pigment Prints Courtesy of the Artist

No Man’s Land präsentiert Aufnahmen einzelner Frauen am Rande besiedelter Gebiete in Südeuropa, die ausnahmslos von Google-Street-View-Kameras gemacht wurden. Der Künstler hat diese Schauplätze mittels verschiedener Quellen identifiziert, darunter Online-Foren, in denen Männer nach Prostituierten suchen, aber auch mittels wissenschaftlicher Berichte über Prostitution in Europa. Das Ergebnis dieser Art der Informationsgewinnung durch Online-Recherchen ist eine beunruhigende Reflexion über Überwachung, Voyeurismus und die Landschaft in der heutigen Zeit.

Hito Steyerl
How Not to be Seen: A Fucking Didactic Educational .Mov File 2013
Video-Installation, HD-Video, Einzelbildschirm in architektonischem Umfeld, 15:52 min Courtesy of the Artist und Andrew Kreps Gallery, New York

Dieses Lehrvideo zeigt in fünf Lektionen, wie man es schafft, in einer Welt voller Bilder und Überwachung nicht gesehen zu werden; die Überschriften lauten: „How to Make Something Invisible for a Camera“ (Wie man etwas für eine Kamera unsichtbar macht), „How to be Invisible in Plain Sight“ (Wie man im direkten Blickfeld unsichtbar wird), „How to Become Invisible by Becoming a Picture“ (Wie man unsichtbar wird, indem man zu einem Bild wird), „How to be Invisible by Disappearing“ (Wie man durch Verschwinden unsichtbar wird) und „How to Become Invisible by Merging into a World Made of Pictures“ (Wie man unsichtbar wird, indem man mit einer Welt aus Bildern verschmilzt). Die Lösungen umfassen die Nachahmung technisch simpler wie auch digitaler Strategien, etwa Tarnung, Verschleierung und Maskierung oder aber Flucht in eine niedrigere Auflösung, um auf dem Bildschirm kleiner als ein Pixel zu erscheinen.

Kamera, Berlin: Christoph Manz, Kamera, Los Angeles: Kevan Jenson Zweiter Stab: Leon Kahane. Regieassistenz: Esme Buden, Alwin Franke, Nachbearbeitung: Christoph Manz, Alwin Franke Maske + Kostümbild: Lea Søvsø . Choreografie + Performance: Arthur Stäldi, Produktion: Kevan Jenson, Kabelhelfer, Los Angeles: Tony Rudenko. Educational Dummy: Hito Steyerl. Im Auftrag von Massimiliano Gioni, Biennale Venedig.

Mit Unterstützung der Partner des International Production Fund (IPF) 2013: Outset England, Dermegon Daskalopoulos Foundation for Culture and Development, Outset USA, Outset Netherlands with Promoters Van Abbemuseum, Maurice Marciano Family Foundation. Dank an: Brian Kuan Wood, Meggie Schneider, Laura Poitras, Diana McCarty, Christopher Kulendran Thomas, Anton Vidokle.

Willem Popelier
Obscured Classified Document (Situation Room), 2012
C-print, Courtesy of the Artist

Als Osama bin Laden getötet wurde, veröffentlichte die US-Regierung keine Bilder dieses Ereignisses. Vielmehr entschied das Weiße Haus, nur wenige andere, sorgfältig ausgewählte Aufnahmen zu zeigen, darunter das heute berühmte Foto aus dem sogenannten Situation Room. Willem Popelier hat den Situation Room abfotografiert und das verpixelte Dokument auf dem Tisch vor der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton herangezoomt. Derart vergrößert füllt das undeutliche Dokument den gesamten Rahmen aus, und wirft damit die Frage danach auf, welche Informationen eigentlich sichtbar gemacht werden und was dem Blick der Öffentlichkeit verborgen bleibt.

Esther Hovers
False Positives, 2015–2016
Installation, verschiedene Medien, Courtesy of the Artist

Als intelligente Videoüberwachungssysteme gelten Algorithmus-basierte Kameras, die abweichendes Verhalten erkennen können. Längeres Innehalten, sich jäh auflösende Gruppen, eine genau an einer Straßenecke stehenbleibende Frau, ein durch eine langsam gehende Menge rennender Mann – all dies kann im öffentlichen Raum als abweichendes Verhalten eingeordnet werden. In ihrer Arbeit False Positives hinterfragt Esther Hovers, worin Abweichung besteht und was als normal gilt. Die öffentliche Sicherheit ist Gegenstand zunehmender Sorge, nicht nur in Europa. Für das Auge der Kamera ist jede Person ein potentieller Verdächtiger, jede Person ein potentieller Täter. Wird intelligente Überwachungstechnik wirklich dabei helfen, jene Sicherheit zu gewährleisten, die uns wichtig ist?

Meriç Algün Ringborg
Which No One Will Ever See, 2012
Installation, verschiedene Medien, Courtesy of the Artist und Galerie Nordenhake

Which no one will ever see ist eine Serie von Arbeiten, die dem Leben zweier fiktiver Figuren entsprungen ist: Harry Caul aus Francis Ford Coppolas Film Der Dialog (1974) und des Fotografen Thomas aus Michelangelo Antonionis Blow-Up (1966). In der ausgeklügelten Installation der Künstlerin finden sich Schlüsselobjekte aus beiden Filmen, beispielsweise ein Fotoapparat wie ihn Thomas in Blow-Up verwendet oder ein durchsichtiger Regenmantel wie ihn Harry Caul in Der Dialog trägt. Durch Abwandlung der Geschichten, etwa durch das Hinzufügen einer weiblichen Stimme, thematisiert diese Arbeit die Bedeutung von Blickpositionen in Überwachungshandlungen.

Sara-Lena Maierhofer
Dear Clark, 2012
Mixed media Courtesy of the Artist

Christian Karl – etwas gewöhnlich und wenig eindrucksvoll. Er entwarf schönere und klingendere Namen: Christopher Crowe, Clark Rockefeller. Er erschuf seine eigene Wirklichkeit und man glaubte ihm, mit jedem neuen Namen ließ er sein altes Leben hinter sich als hätte es dieses nie gegeben. Beinahe spurlos.

Mit ihrer Arbeit Dear Clark schafft Sara Lena Maierhofer eine visuelle Studie zu der Figur des Hochstaplers. Bestehend aus eigenen und gefundenen Fotografien und Dokumenten, versucht die Künstlerin mithilfe unterschiedlicher Herangehensweisen den Hochstapler als Phänomen zu beschreiben. In sieben Kapiteln werden seine Verhaltensweisen, seine Erscheinung und Entstehung untersucht. Praktisches Forschungsobjekt ist der Hochstapler Clark Rockefeller, geboren als Christian Karl Gerhartsreiter in Bayern. Er lebte 30 Jahre unter verschiedenen Identitäten in den USA, bis er schließlich 2008 vom FBI gefasst wurde. Die Künstlerin folgt seinen Spuren, sucht Menschen und Orte in den USA auf, die Teil seiner unterschiedlichen Leben waren, spioniert ihm nach. Um die Figur des Hochstaplers zu erfassen, muss sie ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen und selbst zum Hochstapler werden. Ein komplexes Spiel der Überwachung, in dem der voyeuristisch geprägte Blick zum künstlerischen Mittel wird und Fakt und Fiktion am Ende kaum mehr auseinanderzuhalten sind.

Ann-Sofi Sidén
Sticky Floors (Lunch To Last Call), 2015
9-Kanal-Videoinstallation, Courtesy of the Artist und Galerie Barbara Thumm

Sticky Floors (Lunch to Last Call) spielt in einem Pub einer irischen Kleinstadt. Ann-Sofi Sidén hat den im Pub bereits vorhandenen Überwachungskameras weitere hinzugefügt, um ein breites Spektrum von Blickwinkeln abzudecken. Die Aufnahmen liefen von frühmorgens bis spätabends im Innern der definierten Räume des Pubs, die gleichwohl schwer zu überblicken sind. Das Filmmaterial wurde anschließend so bearbeitet, dass eine gewöhnliche und doch verdichtete Geschichte voller cineastischer und kunsthistorischer Anspielungen entstanden ist.

10:46 24.02.2017

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