Referenz und Kultur

Synopsis Ein Vampir-Mädchen im Tschador auf einem Skateboard, das in einer surrealen Film-Noir-Szenerie die Liebe findet. Klingt eigen? Ist es auch. Und dies ist erst die Spitze des Eisberges
Referenz und Kultur
Foto: Verleih

Zum Film

Der junge Arash ist stolz. Wie lange er gearbeitet und gespart hat, um sich einen echten Ford Thunderbird leisten zu können, weiß er nicht mehr. Doch jetzt gehört ihm etwas Schönes und Kostbares und das ist selten in Bad City, ein schwarzes Loch unter den Städten des Iran, eine babylonische Metropole der Angst und des Verbrechens. Hier ist nichts und niemand sicher – auch nicht der edle Ford Thunderbird. Er wird allzu schnell von dem verschlagenen Dealer Saeed als Pfand für den Schuldenberg kassiert, den Arashs Vater bei diesem jahrelang sorgfältig aufgeschichtet hat.

Paradoxerweise scheint der Dealer Saeed der einzige in Bad City zu sein, der für Ordnung sorgt, Schulden eintreibt, der überwacht und straft und so zu einer seltsamen gesetzlichen Instanz geworden ist, der niemand zu widersprechen wagt – egal, wie hemmungslos er seine Macht exekutiert. Der Handel mit ihm ist ein Geschäft mit gegenseitiger Verachtung und bleibt doch die einzige Stabilität für viele Menschen in Bad City. Wer in Bad City lebt, ist immer Opfer und Täter, Verlorener und Jäger zugleich.

Als sie ihren rechtmäßigen Anteil an den gemeinsamen Einnahmen fordert, bekommt auch die Prostituierte Atti von Saeed zu spüren, wie Macht und Abhängigkeit verteilt sind. Was weder Saeed noch sonst jemand ahnt, ist, dass noch ein Wesen in Bad City umgeht, wenn Dunkelheit über die Straßen einfällt. Ein Mädchen, verhüllt in einen schwarzen Tschador, lautlos wandernd und manchmal auf einem Skateboard, kaum wahrgenommen von den Menschen. Dieses Mädchen schaut dafür umso genauer hin. Während die Umrisse ihres Umhangs in der Finsternis verschwinden, entgeht jedoch dem wachsamen Blick dieser verhüllten Gestalt, deren Umhang leise flattert, nichts. Sie ist auf der Jagd.

Als Arash wütend über den Verlust seines Ford Thunderbird durch die Straßen zieht, um noch einmal mit Saeed zu verhandeln, begegnet ihm dieses junge, schöne und gefährliche Mädchen. Mit blutverschmiertem Mund verlässt sie gerade dessen Wohnung. Die beiden sehen sich für einen Moment in die Augen, dann verschwindet sie in der Dunkelheit. Arash verschafft sich Zugang in die Wohnung des Dealers. Er findet Saeed blutüberströmt und leblos auf dem Boden liegend, auf dem Tisch einen entleerten Schmuckbeutel und einen Koffer voller Geld und Drogen.

Arash nimmt den Koffer und die Autoschlüssel an sich und verlässt den Ort des Verbrechens – in seinem Ford Thunderbird. Vor seinem Vater versteckt er die Drogen, verkauft sie und geht seiner Arbeit nach.

Nacht für Nacht ist das geheimnisvolle Mädchen unterwegs in Bad City. Sie folgt Atti durch menschenleere Gegenden bis die von ihrer Verfolgerin wissen will, was hier vor sich geht. Das Mädchen streckt eine Hand aus, in ihr kommt ein Häufchen Schmuck zum Vorschein – ein Geschenk.

Für eine Kostümparty verkleidet sich Arash als Dracula und feiert dort bis zur Erschöpfung. Arash genießt die Feier und tanzt mit einem reichen, abenteuerlustigen Mädchen, in dessen Haus er gelegentlich anfallende Arbeiten erledigt. Die beiden flirten heftig, doch statt ihn zu küssen, schenkt ihm das Mädchen eine Pille, die sie vorsichtig auf seine Zunge legt. Als er sich wenig später mit seinem Umhang und den künstlichen, extralangen Fangzähnen in einem leergefegten, unbekannten Bezirk wiederfindet, rollt ihm das verhüllte Mädchen auf ihrem Skateboard entgegen, ihr Umhang leise flatternd. Die zwei verlorenen Seelen beginnen ein leises Gespräch. Diesmal geht sie nicht allein nach Hause. Sie setzt Arash, der nicht mehr laufen kann, auf ihr Skateboard und nimmt ihn mit. In ihrer Wohnung hören sie Musik und Arash spürt, dass dieses Mädchen ein Geheimnis hat, doch zwischen den beiden entsteht ein zärtliches Vertrauen und eine seltsame Geborgenheit.

Als sie sich bald darauf auf einem Parkplatz wiedertreffen, hat Arash ein Geschenk für die namenlose Schöne dabei: ein Paar glitzernder Ohrringe. Weil sie dem Mädchen gefallen, fordert sie Arash auf, ihre Ohren mit einer heißen Nadel zu durchstechen. Der Schmerz bringt zum Vorschein, was dieses Mädchen vor Arash verborgen hält: Sie ist ein Vampir. Doch sie widersteht dem Impuls, ihn zu beißen und flüchtet.

Seit Arash die Drogen von Saeed verwaltet, ist sein Vater auf unfreiwilligem Entzug. Unbeherrscht und immer am Rand des Zusammenbruchs wandert er durch das Haus der Familie, aus dem die Mutter seit langem verschwunden ist. Voll hilfloser Wut zerschlägt der alte Mann eines Tages beinah die gesamte Wohnung, Arash stellt ihn vor die Wahl: Mit den Drogen das gemeinsame Haus zu verlassen oder sich von seiner Sucht für immer zu verabschieden. Der Vater entscheidet sich für die Drogen, nimmt die Familienkatze an sich und verlässt seinen Sohn für immer.

Sein erster Weg führt ihn zu Atti, die er gegen ihren Willen zu einer gemeinsamen Dosis überredet. Am nächsten Morgen findet man ihn tot auf der Straße. Arash will Bad City für immer den Rücken kehren. Mit seinem Ford Thunderbird fährt er zu dem geheimnisvollen Mädchen und versucht sie dazu zu bringen, an ein gemeinsames Glück und an eine ferne Zukunft zu glauben. Schließlich beginnt sie langsam, eine Tasche zu packen. Erst da bemerkt Arash die schwarze Katze und weiß nun sicher, was er schon ahnte.

Statement der Regisseurin

"Es ist, als hätten Sergio Leone und David Lynch ein gemeinsames Baby und dafür Nosferatu als Babysitter bestellt. Der Film ist in schwarz-weiß, er hat einen verrückten und grandiosen Soundtrack und unglaublich tolle Schauspieler. Ich wollte einen iranischen Film machen, aber die Frage war, wie das möglich sein sollte. Da ich offensichtlich nicht im Iran drehen konnte, lag die Lösung in der Erfindung des gesamten Films. Ich fand eine trostlose, leblose Ölstadt in der Wüste Kaliforniens, die zur fiktiven iranischen Geisterstadt Bad City wurde, und plötzlich gab es keine Regeln mehr.

Ich habe mein eigenes Universum geschaffen und dort die Regeln selbst gemacht. Die Figuren sind inspiriert von Ikonen der Popkultur aus den 1950er bis zu den 1990er Jahren, die ich großartig finde, wie James Dean, Sophia Loren, Ninja von Die Antwoord und natürlich von den grenzenlosen Möglichkeiten eines Vampirs. Ich wollte die Ästhetik und das Gefühl von Zeitlosigkeit und damit wahrhaftig die mythische und surreale Atmosphäre des Films vervollständigen. Deshalb mussten wir den Film in schwarz-weiß und anamorph drehen. Es verschaffte uns eine grafische Ästhetik, so wurde der Film zu einer echten genre-überschreitenden Erfahrung.

Es ist nicht möglich, über den Film zu sprechen, ohne über die Musik zu sprechen. Musik war immer ein großer Teil meines Lebens, ich war viele Jahre lang Sängerin und Bassgitarristin einer Rockband und liebe die Arbeit als DJ. Daher ist es selbstverständlich, dass Musik auch ein essentieller Bestandteil dieses Films ist. Der Soundtrack war von der Drehbuchphase an ein Teil der Gestaltung des Films. Jeder Song wurde im Vorfeld sorgfältig ausgewählt und die Macht der Musik ist so groß, dass sie auch in das Filmemachen hineinführt. Sie schafft die Magie, die es vermag, einen einzelnen Moment in eine andere Dimension zu öffnen."

Ana Lily Amirpour

20:01 15.04.2015

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