Zeit und Geist

Einblicke Auch wenn "Amerikanisches Idyll" es einerseits vermag, den Zeitgeist der späten 60er-Jahre in den USA sehr gut einzufangen, so ist der Film zugleich in seiner Thematik topaktuell
Zeit und Geist
Foto: Tobis Film

Produktionsnotizen

„Perfekte Frau, perfektes Haus, perfektes Kind. Etwas lächelte auf ihn herab. Ich dachte, dass es immer so sein würde. Schließlich war er der Schwede.“

Es sind die von Unschuld und Optimismus geprägten Nachkriegsjahre, während denen der legendäre Highschool-Athlet Seymour „der Schwede“ Levov eine hinreißende Miss New Jersey heiratet, die millionenschwere Handschuhfabrik seines Vaters übernimmt und im vornehmen Old Rimrock, New Jersey, eine Familie gründet. Seine geliebte Tochter Merry wächst behütet auf einer wunderschönen Farm auf. Alles scheint perfekt: Der Schwede ist in jeder Hinsicht eine tragende Säule seiner Gemeinschaft, ein Paradebeispiel für die „großartigste Generation“ – bewundert als selbstständiger Unternehmer, wohltätiger Boss und hingebungsvoller Familienmensch, unerschütterlich den Versprechen des amerikanischen Traums verpflichtet.

Doch während im Lauf der sechziger Jahre der Vietnamkrieg für Unruhe sorgt, wird die wütende, zunehmend radikalere Merry als 16-jährige zur Hauptverdächtigen bei einem Gewaltverbrechen. Seymour versteht die Welt nicht mehr. Verzweifelt versucht er, seine Tochter wiederzufinden und seine Familie zu vereinen.

AMERIKANISCHES IDYLL basiert auf Philip Roths gleichnamigen Roman von 1997. Vor dem Hintergrund der Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schildert er eine tragische, bittersüße Familiengeschichte. Im Mittelpunkt steht die Suche des Schweden nach seiner Tochter, erzählt wird von Ungewissheit, wechselhaften Schicksalen und schmerzhaftem Verlust.

Die Adaption

Fast dreizehn Jahre dauerte es, bis der Roman zum Film wurde. Gary Lucchesi, Produzent bei Lakeshore Entertainment, beschreibt, was ihn während dieser langen Zeit bei der Stange hielt: „Ich wollte immer schon eine Vater-Tochter-Geschichte erzählen. Das Drehbuch rührte mich zutiefst, ich wusste sofort, dass ich diesen Film produzieren musste, egal wie. Für mich ist es die Geschichte eines Mannes, der seine Tochter ohne Wenn und Aber liebt und für sie durch Dick und Dünn geht. Damit kann ich mich sehr gut identifizieren.“

Auch Produzent Tom Rosenberg war vom Porträt einer scheinbar perfekten Familie, deren Fundament nach und nach Risse bekommt, schwer angetan. „Der Schwede verbringt sein ganzes Leben mit dem Versuch, Merry zurückzuholen. Nichts kann ihn aufhalten.“ Die Produktion brauchte einen ähnlich langen Atem. „Es war schwer, dieses Projekt auf die Beine zu stellen“, erklärt Rosenberg. „Aber die Sache war es wert.“

Der Drehbuchautor John Romano ergänzt: „Ich kannte den Roman sehr gut“, erinnert er sich. „Für mich ist es das beste Buch über die Sechziger und den Vietnamkrieg aus der Heimatperspektive. Roth untersucht die Institution Familie und die psychologischen Wurzeln der Jugendrevolte. Sein Fokus – und damit auch unserer – richtet sich auf die menschliche Erfahrung.“ Die besondere Herausforderung bestand darin, einerseits dem Roman gerecht zu werden, andererseits aber auch die Anforderungen des filmischen Erzählens im Blick zu behalten: „Ich ging an die Adaption mit einem literarischen Verständnis des Romans heran und fand es wichtig, werkgetreu zu sein“, sagt der Autor, „denn Roth schlängelt sich auf brillante Weise durch die Story. Ein Film wiederum muss den Zuschauer sofort emotional packen. Deshalb musste ich ein paar strukturelle Änderungen vornehmen.“ Die Geschichte selbst handelt für ihn davon, „was es heißt, in der Elternrolle zu sein und eine schwierige Familie zu haben. Diese Themen waren nicht nur früher relevant. Sie sind zeitlos.“

Ewan McGregor: Vom Schweden zum Regisseur

Lange bevor Ewan McGregor sich entschied, mit AMERIKANISCHES IDYLL sein Regiedebüt zu geben, stand fest, dass er die Hauptrolle übernehmen würde. „Das Skript berührte mich sehr“, sagt McEwan. „Der Schwede hat mich komplett für sich eingenommen, aber auch das Vater-Tochter-Verhältnis. Er ist ein Mann, der von seinem Lebensstil total überzeugt ist. Er ist ein Produkt der Nachkriegsära und verkörpert voll und ganz die Philosophie des amerikanischen Traums. In gewisser Hinsicht steht der Schwede für den amerikanischen Traum, während seine Tochter Merry für die Sechziger steht.“

McGregor wusste, dass ihm das Projekt eine seltene Gelegenheit bot. „Ich hatte schon oft daran gedacht Regie zu führen. Aber ich wollte nicht bloß Inszenieren um des Inszenierens willen. Ich wollte eine Geschichte erzählen, bei der ich gar nicht anders konnte.“

„Unsere Entscheidung war beileibe nicht so verrückt, wie Ewan zunächst glaubte“, erinnert sich Gary Lucchesi. „Wir kannten ihn schon sehr gut und konnten ihn als Künstler einordnen.

Tom und ich führten lange Gespräche mit ihm, und irgendwann wurde uns klar, dass er der Regisseur war, auf den wir setzen wollten. Es war eine unserer besten Entscheidungen.“

„Er war sorgfältig, hartnäckig und legte alles rein, was er hatte“, ergänzt Rosenberg. „Ich selbst bin schon gründlich, was die Vorbereitung betrifft, aber er ging weit über alles Vorstellbare hinaus. Sehr beeindruckend. Natürlich verstand er sich auch gut mit den anderen Schauspielern. Er konnte sich auf ihre unterschiedlichen Mentalitäten einstellen, und sie vertrauten ihm total.“

„Es macht Spaß mit ihm zu arbeiten“, schwärmt Jennifer Connelly. „Er ist freundlich und großzügig und kann sehr gut kommunizieren. Er nahm sich viel Zeit für die Schauspieler, besonders während unserer Probenphase.“

„Es war das erste Mal, dass einer meiner Schauspielkollegen zugleich auch der Regisseur des Films war“, ergänzt Dakota Fanning, „und es hätte nicht besser laufen können als mit Ewan. Er hat die Balance zwischen Hauptrolle und Regie perfekt hinbekommen. Er schaffte es uns zu unterstützen, mit größtmöglichen Respekt.“

Als Regisseur ließ Ewan uns viele Freiheiten, wir konnten alles ausprobieren“, sagt Uzo Aduba. „Seine Visionen hat er uns sehr klar und verständlich vermittelt.“

Die Rolle des Schweden Levov ist besonders anspruchsvoll, da sie das ganze Leben eines Mannes umspannt, von der Jugend bis ins hohe Alter. Obwohl der Schwede nie aufhört zu versuchen, dem Mythos des aufrechten Amerikaners gerecht zu werden, führt ihn sein Lebensweg in die komplett entgegengesetzte Richtung. „Sein Leben lang macht der Schwede genau das, was von ihm erwartet wird. Er verliert nie seine Moralvorstellungen, Glauben an Richtig oder Falsch. Aber in gewisser Hinsicht ist genau das sein Untergang“, folgert McGregor. „Seine Frau Dawn beginnt ein neues Leben. Der Schwede aber versucht ständig, alles zusammen zu halten und wieder gerade zu rücken.“

Die Bewohner von Old Rimrock

Nachdem der Schwede Dawn Dwyer geheiratet hat, eine Schönheitskönigin mit irisch- katholischem Hintergrund, ziehen die beiden ins beschauliche Old Rimrock und gründen so etwas wie die exemplarische junge Familie im exemplarischen Vorstadt-Idyll. „Die beiden – Sportskanone und Schönheitskönigin – repräsentieren die Hoffnungen und Sehnsüchte des Nachkriegsamerikas“, so McGregor.

Für die anspruchsvolle und komplexe Rolle der Dawn war Oscar-Gewinnerin Jennifer Connelly die erste Wahl der Filmemacher. Und auch die Schauspielerin brachte sofort ihr Interesse zum Ausdruck. „Jennifer war von Anfang an unsere Dawn“, sagt Rosenberg.

„Ich liebe den Roman. Es ist ein eindrucksvolles Buch und dies ist eine großartige Adaption“, erklärt sie. „Es ist so spannend, wie die Geschichte dieser Familie erzählt wird und gleichzeitig diese spezielle Phase der amerikanischen Historie schildert.“

Connelly betrachtet Dawn als eine Frau, die schon früh wusste, was sie vom Leben wollte und alles dafür zu tun bereit war. „Dawn wollte ein einfaches Leben, in dem alles harmonisch verläuft. Sie stammt aus einer Farmerfamilie und fühlt sich daher in Old Rimrock ganz zu Hause. Als Merry noch klein war, liebte sie es, mit ihr auf den Feldern zu sein. Da war ihre Welt noch in Ordnung“, erklärt Connelly.

Als ihre Tochter zunehmend rebellisch wird, geht Dawn damit ganz anders um als ihr Ehemann. Später versucht sie, die Erinnerung an die Tragödie auszulöschen und ein neues Leben zu beginnen, während der Schwede sich eher an die Vergangenheit klammert.

„Dawn kommt an einen Punkt, an dem sie ihre Tochter gar nicht mehr wiedererkennt“, bemerkt Connelly. „Sie weiß nicht mehr, wie sie mit ihr umgehen soll, und das nicht nur in politischer Hinsicht. Merrys Sicht auf ihre Familie beginnt sich auch auf Dawns eigene Perspektive auszuwirken. Dawn nimmt alles sehr persönlich. Als Merry verschwindet, ist sie am Boden zerstört. Trotzdem muss sie schließlich irgendwie weitermachen und einen neuen Weg für sich finden.“

Für Ewan McGregor war der Schlüssel zu Connellys darstellerischer Leistung die Frage, ob das Publikum sie sympathisch finden würde. „Jennifer ist eine außergewöhnliche Schauspielerin. Sie stattet ihre Figur mit erstaunlicher Tiefe aus“, sagt McGregor. „Jennifer zeigt, warum diese Frau fühlt, wie sie fühlt, und handelt, wie sie handelt.“

Die dritte Hauptrolle des Films, Merry Levov, wird von Dakota Fanning gespielt, die bereits als Sechsjährige ihr Schauspieldebüt gab und in Filmen wie KRIEG DER WELTEN, I AM SAM und der TWILIGHT-Saga für Furore sorgte. „Wir schauten uns alle jungen Schauspielerinnen an, die für den Part in Frage kamen“, erinnert sich Lucchesi. „Voraussetzung war, dass sie als Ewans Tochter glaubwürdig sein musste. Dakota war in jeder Hinsicht perfekt.“

Merrys Kindheit verläuft scheinbar makellos. Sie ist eine Vorzeigetochter, die nur eine Schwäche hat: ihr Stottern, das von einer Therapeutin als Rebellion gegen das gute Aussehen und die vermeintliche Perfektion ihrer Eltern gedeutet wird. Je älter Merry wird, desto bewusster wird ihr, was jenseits ihrer idyllischen Heimat in der Welt passiert. Der Krieg in Vietnam bringt sie zur Verzweiflung, und ihre Wut wächst sich zu einer Aggression aus, die weit über das übliche Maß hinausgeht. Als sie sich einer militanten Organisation anschließt, radikalisiert sie sich noch mehr – und kurz darauf geht im Postamt von Rimrock eine Bombe hoch und tötet den Betreiber, einen Freund der Familie Levov.

Fanning war besonders von der Vielschichtigkeit von AMERIKANISCHES IDYLL angetan – und von den zahlreichen Facetten, die ihre Figur ausmachen. „Am besten finde ich, dass ich eine Frau in verschiedenen Stadien ihres Lebens spielen darf, das ist selten“, schwärmt Fanning. „Ich spiele Merry im Alter von 16 bis 43. Ich musste sie in jeder Lebensphase durchdringen – das fand ich unheimlich reizvoll.“

Zu Merrys innerem Wandel kam natürlich auch ein äußerer. Fanning verwendete viel Zeit darauf, sich über Merrys physische Veränderung Gedanken zu machen. „Ewan und ich haben oft darüber gesprochen, wie Merry ihr Stottern gegen ihre Eltern einsetzt. Sie ringt mit sich und rebelliert gegen Seymour und Dawn. Dazu ist ihr jedes Mittel recht. Erst viel später, als sie die Gewalt aufgibt, wird sie ihr Stottern verlieren“, erklärt Fanning.

Während ihrer Zeit im Untergrund wird Merry Anhängerin des Jainismus, einer indischen Religion, die sich durch sittliche Lebensweise und strenge Askese auszeichnet. Ihre Mitglieder versuchen alle Art von Gewalt zu vermeiden und tragen sogar Gesichtsmasken, um keine winzigen Insekten einzuatmen. „Es ist eine extreme Art zu leben. Man kommt nicht umhin zu denken, dass dies eine Reaktion auf die Gewalt in ihrer Vergangenheit ist“, sagt Fanning.

Über das Verhältnis zwischen Merry und ihrem Vater sagt Fanning: „Ich glaube, dass Merry ihren Vater wirklich liebt. Daran ändert sich nichts, auch wenn sie sich verändert und gewalttätig wird. An ihrer Liebe zu ihm ändert sich nichts.“

Seymour Levov leitet die Newark Maid Glove-Handschuhfabrik. Er ist stolz darauf, seine Mitarbeiter in der unmittelbaren Nachbarschaft zu rekrutieren. Seine Vorarbeiterin Vicky wird von der zweimaligen Emmy-Gewinnerin Uzo Aduba gespielt, bekannt aus der Netflix-Serie „Orange Is the New Black“. „Uzo ist großartig in ihrer Rolle“, sagt McGregor.

Für Aduba hatte die Rolle etwas sehr Seltenes. „Mir gefiel, dass sie stark ist und das voll ausnutzt, obwohl das zu dieser Zeit sehr schwierig gewesen sein muss. Einer Frau, die so entschlossen zu ihrer Arbeit und zu ihrem Arbeitsumfeld steht, war ich zuvor noch nicht begegnet“, meint Aduba. „Das Verhältnis zwischen Vicky und dem Schweden ist sehr fortschrittlich für seine Zeit. So viel Verantwortung wie ihr wird farbigen Frauen normalerweise nicht zugestanden. Ihr ist klar, dass das etwas Besonderes ist. Sie nutzt diese Chance und redet jederzeit Klartext.“

Eine weitere diffizile Rolle war die der Rita Cohen, einer politischen Aktivistin, die zur einzigen Verbindung zwischen dem Schweden und seiner Tochter wird. Nach monatelanger Suche fanden die Filmemacher kurz vor Drehbeginn schließlich in Valorie Curry ihre Idealbesetzung. Curry ist bekannt aus den Serien „House of Lies“ und „The Following“.

Den jüngeren Bruder des Schweden, Jerry Levov, spielt Rupert Evans, zu dessen Credits die Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ und Filme THE BOY und HELLBOY zählen. Die Produzenten hatten bereits bei einem früheren Projekt mit Evans gearbeitet.

In der Rolle des ebenso schlagfertigen wie konservativen Vaters des Schweden vervollständigt Peter Riegert den Cast von AMERIKANISCHES IDYLL. Er ist für die Momente des comic relief zuständig, aber auch für elterliche Trauer. „Peter bringt eine wunderbare Leichtigkeit in den Film“, lobt Tom Rosenberg.

Sämtliche Darstellerinnen und Darsteller der Levov-Familie kamen vor Beginn der Dreharbeiten für eine Woche intensiver Proben zusammen. „Dabei konnten wir ausführlich über das Schicksal der Familie sprechen und uns anschauen, wie jede der Figuren in das Puzzle passt“, berichtet Evans. „Dieser Film stellt unsere Vorstellung vom amerikanischen Traum auf die Probe und legt nahe, dass es so etwas wie die perfekte amerikanische Familie gar nicht gibt.“

Das Design von AMERIKANISCHES IDYLL

AMERIKANISCHES IDYLL durchläuft im Eiltempo die kulturellen Veränderungen mehrerer Dekaden, und das spiegelt sich natürlich auch im visuellen Design des Films wider, das den Wandel von Moden und Stilen reflektiert. Um das zu erreichen, arbeitete McGregor eng mit einem Team zusammen, das von dem deutschen Kameramann Martin Ruhe, Productiondesigner Daniel B. Clancy und Kostümdesignerin Lindsay Ann McKay angeführt wurde.

Die Aufgabe bestand darin, die Veränderungen des Schweden – von Verheißung über Katastrophe bis zur Obsession – auch visuell umzusetzen. Deshalb dominieren am Anfang des Films kräftige Farben die Palette und bringen die Hoffnungen der Nachkriegsära zum Ausdruck. Nachdem die Bombe das Postamt von Old Rimrock zerstört hat – und damit auch die Levov-Familie –, werden die Farben blasser. „Es gibt eine klare Trennlinie in diesem Film“, erklärt Ruhe. „Nach der Explosion wird alles schärfer und kontrastreicher, weil sich das Leben des Schweden ändert. Die Kamera sollte diese Reise mit ihm machen.“

Productiondesigner Clancy ließ sich besonders von dem berühmten US-Maler Edward Hopper inspirieren, der für seine Porträts aus der Mitte des letzten Jahrhunderts berühmt ist. Bei allem Realismus haben seine Bilder auch etwas Geheimnisvolles, Sehnsüchtiges.

Das galt auch für die Darstellung der weiter zurückliegenden Vergangenheit. „Ich wollte es staubig und schmutzig haben“, erklärt Clancy. „Keine frisch polierte Version der vierziger Jahre.“ Dabei arbeitete er eng mit Ruhe zusammen. An jedem Set machten die beiden Lichttests, um stets die angestrebte Farbgebung zu erzielen. „Auch das Licht sollte sich im Lauf des Films von warm und natürlich zu kalt und grau entwickeln“, so Clancy.

Auch die Sets mussten sich über die Zeit verändern, insbesondere die Newark Maid Glove Factory, ein Arbeitsplatz, der in den Fünfzigern und Sechzigern floriert, dann aber allmählich verblasst. „Am Anfang ist die Fabrik sauber und frisch, dann verfällt sie mit der Zeit. Wir wollten zeigen, wie jedes Detail altert, zum Beispiel die Nähmaschinen. Auch die Lampen werden grauer und staubiger.“

Gedreht wurde nicht in New Jersey, sondern in Pittsburgh. „Wir konnten viele Originalschauplätze nutzen – und das ist immer besser, als wenn man die Patina künstlich hinzufügen muss.“ erklärt Clancy.

Wie beim Productiondesign verliert auch die Modepalette an Spritzigkeit, sobald der Niedergang des Schweden beginnt. „1958 trägt Ewan einen fantastischen Anzug aus marineblauer Wolle, am Ende des Films hat er hellgraue Kleidung an, die ihn unauffällig macht. Er ist verblasst, trägt aber immer noch Maßanzüge, denn selbst in der Niederlage bleibt er noch der Schwede“, erklärt McKay.

Ähnliches gilt für Dawns Garderobe. „Wenn wir sie 1958 kennenlernen, ist ihre Welt noch in Ordnung. Sie ist eine Farmerstochter und trägt helle Kleidung. Wenn ihr Leben dann auf den Kopf gestellt wird und wir sie im Sanatorium sehen, werden ihr alle Farben entzogen“, erklärt McKay. „Nach dem Facelift kehren die Farben zwar zurück, aber es sind wütendere, kräftigere Farben, die eine neue Frau zeigen.“

In AMERIKANISCHES IDYLL herrscht durchweg eine bittersüße Aura des Verlusts – Verlust innerhalb von Familien, aber auch der Verlust von Handwerk und Stofflichkeit, der das Leben in den USA im Lauf der letzten 50 Jahre verändert hat. Und trotzdem liegt dem Drama unterschwellig auch das Thema Elternliebe zugrunde – eine Liebe, die trotz allem niemals aufhört. „Ich denke, viele Eltern sind überrascht darüber, was aus ihren Kindern wird, was von ihren Hoffnungen bleibt“, konkludiert Gary Lucchesi. „Das sind universelle Themen. Obwohl AMERIKANISCHES IDYLL in der Vergangenheit spielt, fühlt es sich sehr aktuell an.“

12:35 10.11.2016

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