Nachbeben

Zum Film Zwar liegt die "Affäre Anderson" nun schon mehrere Jahrzehnte zurück, jedoch sind deren Auswirkungen für die Beteiligten weiterhin ein bestimmender Teil ihrer Biographien
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"Anderson"

Anderson ist der zweite Teil der "Verrats-Trilogie" von Annekatrin Hendel. Wie zuvor Vaterlandsverräter (Perspektive deutsches Kino 2011, Grimme-Preis 2013) zeichnet auch Anderson ein ungewohnt vielschichtiges Bild von der Situation der Künstler in der DDR, das, 25 Jahre nach dem Mauerfall, einen neuen Blick auf alte, allzu verhärtete Diskussionen wirft.

Annekatrin Hendel im Gespräch mit Knut Elstermann

Welchen persönlichen Zugang hatten Sie zu Sascha Anderson?

Annekatrin Hendel: Der Zugang war meine beste Freundin, die sich Anfang der 80er Jahre in ihn verliebt hatte. Ich habe sie manchmal begleitet, bin nicht weiter in Erscheinung getreten und habe mir mit großen Augen diesen Menschen angeschaut und zugehört. Der Lyriker Bert Papenfuß sagt im Film, dass damals ständig über Sascha Anderson geredet wurde, dass er alle beschäftigt hat, und so habe ich es auch wahrgenommen. Ich gehörte nicht zur Szene, war eher ein Zaungast. Doch diese Erlebnisse damals in Ost-Berlin, in diesem besonderen Klima, beschäftigen mich bis heute. Davon geht eine andauernde Faszination aus.

Wie würden Sie seine damalige Rolle am Prenzlauer Berg beschreiben? Er war doch mehr als einer von vielen Dichtern?

Annekatrin Hendel: Er war eine zentrale Figur und galt als Kult-Autor, auch wenn es dieses Wort damals nicht gab. Er war der Spiritus Rector der Szene, die nicht nur aus Dichtern bestand. Auf diesem kleinen, überschaubaren Feld vermischten sich die Künste. Literatur, Film und Malerei verschmolzen zu vielfältigsten subversiven Aktionen. Und da war er eine Leitfigur, die viele zusammengebracht hat. Für mich war er, von heute aus betrachtet, eine sehr moderne Gestalt, eine Art umtriebiger Manager. Obwohl er ein Organisator mit sehr vielfältigen Verbindungen war, sehr viele Leute in der Szene kannte, beschränken Sie sich im Film auf wenige Protagonisten.

Warum diese Konzentration?

Annekatrin Hendel: Ich habe mit sehr vielen Leuten gesprochen, die alle hochinteressante Geschichten zu erzählen hatten, wie mit dem Kunst-Experten Christoph Tannert oder mit der wunderbaren Lyrikerin Elke Erb, die mit Anderson Mitte der 1980er eine Anthologie junger Schriftsteller aus der DDR im Westen herausgebracht hat, obwohl das eigentlich gar nicht möglich war. Mir tut es sehr leid um all diese Aspekte, aber ich habe mich doch entschlossen, einen überschaubaren Mikrokosmos zu zeigen. Die Welt in der Wohnküche, die ein literarischer Salon war, illegaler Treffpunkt und Diskussionsforum, ein Ort, an dem sich damit auch ein Makrokosmos eröffnet.

Diesen Sammelpunkt im Prenzlauer Berg, haben Sie für den Film akribisch nachgebaut. Warum diese perfekte Inszenierung bis hin zu den originalen Kaffeetassen?

Annekatrin Hendel: Die Idee entstand schon früh. Oft schlug mir im Vorfeld von den ehemaligen Mitstreitern Sascha Andersons entgegen: Man darf Sascha Anderson keine Plattform geben. Da wurde ich doch irgendwann bockig und meinte, genau das müsste ich ihm geben, einen "Theater"-Raum. Vielleicht ist es eben erst so möglich, sich anders an die Ereignisse zu erinnern, die mehr als 30 Jahre zurückliegen. Er fand eine simulierte Welt vor, auf die er nicht vorbereitet war, er wusste absolut nichts davon, als wir mit ihm ins Studio fuhren und fühlte sich zu unserer Überraschung schnell wohl in dieser Welt, die nach wie vor existiert, aber die heute nicht mehr die seine ist.

Und warum sind Sie nicht mit ihm in die echte Küche gegangen?

Annekatrin Hendel: Ich wäre gern mit Sascha Anderson an Orte gegangen, wo er damals gelebt und gearbeitet hat, auch in die Wohnung von Ekkehard Maaß in der Schönfließer Straße im Prenzlauer Berg, die als Treffpunkt oppositioneller Künstler berühmt wurde. Aber Maaß und Anderson sind sich seit vielen Jahren nicht begegnet. Ich wollte nicht Schicksal spielen und eine Konfrontation zwischen den beiden künstlich herbeiführen.

Warum haben Sie sich nach Ihrem Film Vaterlandsverräter noch einmal dem Thema Stasi-Mitarbeit zugewandt?

Annekatrin Hendel: Die Grundidee war, eine Trilogie zu machen zum Thema Verrat, Anderson ist der zweite Teil, den dritten Teil ("Disko") bereite ich jetzt vor. Sascha Anderson taucht schon im ersten Teil der Trilogie auf, in meinem Film Vaterlandsverräter, wenn auch nur sehr kurz. Diesen Film über den Autor Paul Gratzik fand er spannend, weil das jemand war, der aus der Stasi-Mitarbeit ausgestiegen ist. Dafür habe ihm, Sascha Anderson, die Kraft gefehlt. Seine Geschichte ist eben ganz anders und darüber wollte ich im zweiten Teil erzählen. Es geht mir nicht darum, Vorwürfe zu machen oder Rechtfertigungen und Schuldeingeständnisse zu fordern, sondern um das Erzählen dieser Geschichte. Ich bin keine Richterin, sondern Filmemacherin. Ich wollte die Geschichte von ihm hören und von Leuten, die alle eine unterschiedliche Beziehung zu ihm hatten, die alle sehr verschiedene Erfahrungen und Ansichten haben. Dieser Film über Schuld und Sühne soll aber auch die Frage stellen, ob wir heute, nach 25 Jahren, in der Lage sind, darüber miteinander zu sprechen. Ich wollte wissen, wo wir heute stehen.

Anderson spricht im Film auch davon, dass er sich der Konsequenzen seines Handelns durchaus bewusst war, dass es der Stasi darum ging, Oppositionelle zu kriminalisieren, um zugreifen zu können...

Annekatrin Hendel: Ich finde es mutig, dass er das so eindeutig sagt. Welcher ehemalige IM gibt denn zu, dass ihm das bewusst war? Ich frage ihn ja auch nach dem Druck, der da von der Stasi eventuell auf ihn ausgeübt wurde. Obwohl es den eindeutig gab, wie ich den Stasiakten entnehmen konnte, entschuldigt er sich nicht damit. Er versucht nicht, sich reinzuwaschen. Ja, er erzählt uns seine schuldhafte Geschichte. Ich wollte erfahren, wie er das heute sieht.

Sein heutiges Privatleben wird im Film nur angedeutet, obwohl doch bekannt ist, dass er mit Martin Walsers Tochter, Alissa Walser, verheiratet ist. Warum spricht er darüber nicht?

Annekatrin Hendel: Er sagt doch klar, dass es da Grenzen gibt. Ich will das nicht interpretieren, aber ich habe das akzeptiert. Gerade aus seiner Geschichte heraus, gerade weil er früher alle in seine eigenen Ambitionen hineingerissen hat, ist es interessant, dass er das heute nicht mehr will.

Wie haben die Leute aus seinem früheren Umfeld auf dieses Projekt reagiert?

Annekatrin Hendel: Am Anfang wollte niemand aus seinem engeren Umfeld mitmachen, es hat lange gebraucht. Das ist ja auch Teil des Films, wie man an der Malerin Cornelia Schleime sieht, die kein Gespräch vor der Kamera wollte, sich aber künstlerisch mit ihrer eigenen Bespitzelung auseinandersetzt. Viele Menschen machen sich heute noch Gedanken über das Phänomen Anderson, er taucht in zahllosen Publikationen auf, aber es gibt wenig Dokumentararbeiten über ihn. Das war eben mein Antrieb. Anderson ist Teil unserer Geschichte, aus der man ihn nicht entfernen kann, auch wenn man die Erinnerung als schmerzhaft empfindet. Aber das Thema Verrat existiert, seit es Menschen gibt. Warum funktioniert Shakespeare für uns heute noch? So ist die Wirklichkeit nun einmal. Es ist ein Film über gelebtes Leben.

Knut Elstermann, Januar 2014

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In eigenen Worten

Vor vierzig Jahren brachen Lars Barthel (einer von vier Kameraleuten in und um den Film Anderson) und ich von Potsdam Babelsberg nach irgendwo hinter Stendal ins Flachland auf. Dort wollte die Wismut AG Erdgas fördern und wir wollten die Arbeiter, die die Bohrtürme dafür hochzogen, auf den Hans-im-Glück befragen. Will heißen: Die Freiheit ihres Lebens "auf Montage" als letzten Schimmer eines glänzenden Batzen Goldes sehen. Ein parabelhaftes Reduktionsmovie. Aber das war damals alles Kunst. Selbst das Kinderlied "Wenn ich ein Vöglein wär". Auch war ich zu jenen Zeiten (von denen in den "Hymnen an die Nacht" gesagt wird, sie seien die Diener der Räume) unglücklich verliebt und hatte also eine überscharfe Vorstellung davon, was Glück ist: Etwas, das einen festhält, weil es fehlt. So eins war ich damals mit mir, und mir so fremd, wie als würde ich mich in einem Film sehen.

Allerdings wusste ich, ebenfalls von Novalis, wann der letzte Morgen sein wird, dann "wenn das Licht nicht mehr die Nacht und die Liebe scheucht". Aber was nützt es mir, da noch nirgendwo geschrieben stand, dass gegen das Licht der Aufklärung nur Selbstklärung hilft. Fremd bin ich mir selbst. Aber ich habe keine Angst vor dem Fremden. Das "Ich ist ein Anderer" ist mir auch fremd. Ich kann zwar nicht urteilen, aber ich treffe Entscheidungen. Falsche Entscheidungen. Aber nicht zweimal dieselbe. 1 = richtig, 0 = falsch. Es war 0, den Film Anderson zu drehen und 1, mich drauf einzulassen. Vor zwanzig Jahren, als der schwedische Freund Björn Cederberg den Film Verrat drehte, war es umgekehrt. Ich habe ihn nicht gesehen. Weder diesen noch jene, in denen mir mein sächsisches Syndrom einzureden versucht, es gäbe Wesentlicheres als Kunst.

Aber seit die Honorarsklaven der Kunstgeschichte sich vor ihr Publikum stellen und von Freiheit der Kunst, von Kreativität und Individuum reden, ist die Lücke, die fehlende, vergiftet. Ein Unglück. Jenes, an welches ich seit meiner Kindheit geglaubt habe. Als ich las, dass das Kind eine Vergegenwärtigung des Ideals, nicht des erfüllten, sondern des aufgegebenen ist, entschied ich mich sofort und gegen die Wahrheit, die des schiller’schen Ansatzes, Kind und Kunst in eins zu setzen und den Rest meiner selbst als Verlust zu buchen. Ich weiß natürlich, dass diese Entscheidung nichts mit der Freiheit zu tun hat, die in den Gesetzen steht. Aber bestünde mein Leben allein aus meinen Entscheidungen, wäre ich eine Maschine. Aber ich bin eine Maschine, der erstens (wie allen alten Menschen) ins Gesicht geschrieben steht, um wie viel zu früh oder zu spät ihre Kindheit endete, und aus der zweitens, wenn die Stellvertreter der Meinungsbildung vorn 1 vermatschtes Geschichtsbild reindrehen, hinten null rauskommt.

Andererseits begegne ich in Annekatrin Hendels Film Frauen, die das, was geschehen ist und wie es auf sie wirkte, tatsächlich beschreiben können. Im Gegensatz dazu glänzen die Ex-Männer als Helden der Arbeit am Epitheton. Schlaft weiter. Ich höre euch schlafen. Ich schlafe nicht. Ich bin kein Schläfer, ich bin der Schlaf. Immer und überall bin ich eingeschlafen. Wenn es lustig, wenn es brenzlig, wenn es hell wurde. Nein: Es war kein Spiel. Schon deshalb, weil ich die Regeln nicht verstehen wollte. Nein: die Sprache der Regeln. Es gibt die Spiele, die allein dazu dienen, die Regeln zu lernen. Und es gibt Spiele, deren Selbstzweck es ist, ihre Regeln zu maskieren. Und auch Reue ist kein Gesellschaftsspiel. Tut mir leid.

Sascha Anderson, August 2014

07:58 02.10.2014

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