Immer im Wandel

Interview Der Regisseur im Gespräch über seine Faszination vom Meer und darüber, wie er auf der Ostseeinsel Bornholm entschied, einen Film über Wasser zu drehen, um damit alle menschlichen Emotionen von Wut bis Barmherzigkeit widerzuspiegeln
Immer im Wandel

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Was hat Sie zu diesem Film inspiriert? Erzählen Sie uns über den Hintergrund dieser außergewöhnlichen Filmidee.

Mein erster Ansatz lautet immer: „Filme nichts, womit du auch ohne einen Film leben könntest.“ Diese Regel war bis heute immer entscheidend für die Auswahl meiner Filmstoffe. Bei „Aquarela“ war es ebenso. Rückblickend scheint es sogar, als habe ich mich mein ganzes Leben darauf vorbereitet, diesen Film zu drehen. Vor etwa 50 Jahren, da war ich um die vier Jahre alt, verbrachte ich den Sommer in einem kleinen Dorf zwischen Moskau und St. Petersburg. In diesem Dorf befand sich eine Flussquelle. Einer der Dorfbewohner namens Mikhail Belov sagte zu mir: „Stell dir vor Viktor, du hättest ein kleines Boot aus Holzstückchen und Blättern gebaut und es dann in diesen Fluss gelegt. Es würde auf dem Wasser zur Nordsee und dann um die ganze Welt schwimmen.“ 25 Jahre später kehrte ich in dieses Dorf zurück, um meinen Film „Belovy“ zu drehen. Er handelt von einer Bauernfamilie, die an dieser Flussquelle lebt. Die erste Szene war genauso, wie Mikhail es mir beschrieben hatte: Ich setzte meine Kamera in ein kleines Boot und machte eine fast 1000 Kilometer lange Reise zum Meer. Als ich später begann, über „Aquarela“ nachzudenken, war die allererste Zeile, die ich schrieb, ein Zitat von Isaac Newton: „Was wir wissen, ist ein Tropfen und was wir nicht wissen, ein Ozean. Für mich war das der Ausgangspunkt: Ich werde kein Drehbuch schreiben. Ich werde dem Wasser einfach auf seinem Weg folgen.

Was ist so spannend an einer Geschichte, die als Thema das Wasser hat?

Wasser erzählt auf eine andere Weise als der Mensch. Es hat seine eigenen Ausdrucksmöglichkeiten. Es verändert sich immerfort, steigt in den Himmel, wird zu Wolken und taucht dann als See wieder auf. Es ist eine unglaubliche Naturgewalt und wenn man diese kennt, respektiert man ihre zerstörerische Kraft und ist gleichzeitig von ihrer Schönheit fasziniert. 2000 lebte ich, während des Schnitts von meinem Film „I love you“, auf der Insel Bornholm in einem Haus mit Blick auf die Ostsee. Mir fiel auf, dass das Meer jeden Tag, jede Stunde, sogar jede Minute anders war. Es wurde nie langweilig, denn der Anblick war nie derselbe. Und ich überlegte, wenn ich ein ganzes Jahr die Wellen vor meinem Fenster filmen würde, könnte das ein großartiger Film werden: Ohne ein Wort zu sagen und ohne die Kamera zu bewegen, nur die Veränderung des Wassers beobachtend – verschiedene Farben, verschiedene Bewegungen, verschiedene Dynamiken. Durch die Perspektive des Wassers würde man die Gezeiten aller menschlichen Emotionen erleben und fühlen können: Wut, Aggression, Harmonie, Barmherzigkeit, Einsamkeit, Eifersucht – einfach alles! Mit „Aquarela“ wollte ich jedes Gefühl einfangen, das bei der Interaktion mit dem Element Wasser erlebt werden kann. Die schönen Momente, zusammen mit aufwühlenden Emotionen der Ekstase und Inspiration sowie das Zerstörerische, bis hin zur menschlichen Vernichtung. Wasser erzählt beständig etwas Neues und ist stets überraschend. Es kann alle möglichen Farben annehmen, in den unterschiedlichsten Formen auftreten und die faszinierendsten Geräusche hinterlassen. Es kann eine Gestalt annehmen und plötzlich zu einer ganz anderen werden. Das ist auch etwas, was das Kino wie keine andere Form kann: Veränderungszustände zeigen und erkunden.

Was macht „Aquarela“ zu einem unverwechselbaren kinematografischen Erlebnis?

Mit diesem Film stelle ich eine Frage, die zum Nachdenken anregt: Wie würde sich ein Film anfühlen, wenn der Hauptdarsteller – also die treibende emotionale Kraft – überhaupt nicht menschlich wäre, sondern ein Naturelement? Um den Globus herum, entfaltet sich „Aquarela“ als eine lyrische und sich an alle Sinne richtende Erfahrung, die versucht, die Grenze zwischen Mensch und Natur aufzuheben. Der Film reist in sieben verschiedene Länder – Schottland, Mexiko, Russland, Grönland, Venezuela, Portugal und den USA – und zeigt beeindruckendes Filmmaterial des Atlantiks. Die Leinwand wird zum Ausgangspunkt für das Publikum, sich dem reinen Empfinden hinzugeben: dem Sehen, Hören und dem instinktiven Fühlen eines gewaltigen Elements, das für uns so wichtig ist, dass wir all seine Großartigkeit und zugleich all die Gefahren, die es birgt, für selbstverständlich hinnehmen. In einer Zeit voller erdrückender Katastrophenbilder, versucht „Aquarela“ etwas ganz anderes. Der Film lädt das Publikum ein, näher zu kommen und sich den Zugang zu der kraftvollen Welt der Natur zu verschaffen sowie mit der eigenen Fragilität auf neue Art und Weise auseinanderzusetzen. Wenn ich dem Publikum einen 90-minütigen Film anbiete, gehe ich davon aus, dass sie mir 90 Minuten ihrer wertvollen Zeit widmen. Ich bin mit der Herausforderung konfrontiert, ihnen etwas zu geben, was sie noch nie erlebt haben. Und ich muss davon überzeugt sein. „Aquarela“ war für mich nicht nur ein technischer, sondern auch ein dramaturgischer, filmischer und spiritueller Schaffensprozess.

Warum wurde „Aquarela“ im ungewöhnlichen Format von 96 Bildern pro Sekunde gedreht?

Gerade bei „Aquarela“ war mir eine höhere Bildrate wichtig. Zusammen mit dem Kameramann Ben Bernhard, suchten wir ständig nach Wegen, Wasser aus seiner eigenen Perspektive zu zeigen. Ich wollte nicht einfach nur Wasser filmen. Ich wollte dem Wasser die Möglichkeit geben, seine eigene schöne, geheimnisvolle und doch dringliche Geschichte der epischen Reise vom Ozean zum Himmel zu erzählen. Um all diese Stimmungen und Formen einzufangen, drehte ich mit 96 Bildern pro Sekunde und entdeckte neue, innovative Wege, das Wasser unter gefährlichen Bedingungen aufzunehmen. Ziel dieser technischen Ambition und unserer Risikobereitschaft beim Filmen war immer, eine emotionale Verbindung herzustellen, wenn Eisberge erstaunen, gigantische Monsterwellen aufsteigen, ein See Autos verschlingt und der unheimliche Nebel eines Wasserfalls tröstlich wirkt. Als ich anfing, über Wasser nachzudenken – ich tauchte sozusagen unter – kam immer wieder die Frage der Form auf. Einerseits ging es um die Art und Weise, wie Wasser den Gefühlen Ausdruck verleiht, die sich schwer verbal artikulieren lassen, und es ging andererseits allgemein um die Form des Films an sich. Ich beschäftigte mich damit, wie man einer Hauptfigur, der menschliches Bewusstsein und Verstand fehlt, am besten eine Stimme geben konnte. Der Wunsch, eine Form zu finden, die das Wasser erfassen kann, führte dazu, „Aquarela“ in einem Format zu filmen, das sich praktisch noch in der Entwicklung befindet: 96 Bilder pro Sekunde. Diese Größe war für den Film so wichtig, weil das Wasser fortlaufend ist und sich meiner Meinung nach nicht in 24 Bildern pro Sekunde aufnehmen lässt. Die 96 Bilder pro Sekunde ermöglichen es, einen einzelnen Regentropfen auf eine unübersehbare Weise einzufangen. Was für mich bei diesem Format außerdem wichtig war, ist sein Potential, die filmische Rezeption zu beeinflussen. In 96 Bildern pro Sekunde kann man die Kamera wenige Zentimeter vor einer Eisschicht platzieren, sie extrem schnell bewegen, und es wird sich weder holprig anfühlen, noch wird Flackern zu sehen sein. Stattdessen werden die Zuschauer das Gefühl haben, als würden sie hoch über dem Eis fliegen. Man hat also mit einem starken Instrument zu tun, das die Wahrnehmung täuscht und die Vorstellung von Größe verändert. Das ist das enorme Potenzial von 96 Bildern pro Sekunde.

„Aquarela“ ist ein zutiefst poetischer Film, der über das wichtigste, lebensnotwendige Element unserer Erde erzählt. Wie setzt sich der Film mit der aktuellen Klimadebatte auseinander?

Während der Drehvorbereitung sprach ich mit mehreren WissenschaftlerInnen und UmweltexpertInnen um meinem Thema näher zu kommen. Ich entschied mich gegen die Nennung von Sachdaten im Film. Der Ansatz hier war ein ganz anderer. Ich wollte zu Beginn der Produktion das Bewusstsein meiner Unwissenheit sowie das Gefühl dieses Strebens ohne Antworten bei mir bewahren. Als ich zum ersten Mal darauf angesprochen wurde, einen Film über Wasser zu machen, hatte ich mich eigentlich geweigert. Ich habe in den letzten zehn Jahren mehrere Dutzend Filme über dieses Thema gesehen. Aber meistens sind es die Menschen, die über Wasser reden – die Bedeutung von Wasser, Wasserpolitik, Wassermangel, Klimawandel. Doch in diesen Filmen steht das Wasser selbst am Bildrand. Also sagte ich, wenn wir einen weiteren Film machen wollen, in dem wir einfach nur über das Wasser sprechen, dann nein. Daran bin ich nicht interessiert. Aber wenn das Wasser 90 Minuten lang für sich selbst spricht, wenn es die Chance hat, unser Hauptdarsteller zu werden, das werde ich tun!

15:12 09.12.2019

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