Zu den Wurzeln

Synopsis Nachdem Woody Allens letzte Filme allesamt eher leichte, europäisch angehauchte Komödien waren, wendet er sich nun wieder der etwas schwereren Kost zu – und seiner Heimat, den USA
Zu den Wurzeln

Zur Handlung

Als ihre Ehe mit dem reichen Geschäftsmann Hal (Alec Baldwin) zerbricht, steht die High-Society-Diva Jasmine (Cate Blanchett) vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens. Um herauszufinden, wie es weitergehen könnte, zieht sie zu ihrer Schwester Ginger (Sally Hawkins), die in San Francisco ein bescheidenes Apartment bewohnt. Bei ihrer Ankunft in San Francisco ist Jasmine psychisch in denkbar schlechter Verfassung – ihr schwirrt der Kopf von den vielen Antidepressiva, die sie geschluckt hat.

Äußerlich hält sie die gewohnte aristokratische Fassade aufrecht, doch emotional steht Jasmine am Abgrund, zumal ihr die praktischen Fähigkeiten fehlen, für sich selbst zu sorgen. Naserümpfend bezeichnet sie Gingers Freund Chili (Bobby Cannavale) als einen Loser vom selben Kaliber wie Gingers Ex-Mann Augie (Andrew Dice Clay). Ginger spürt die psychologische Krise ihrer Schwester, begreift sie aber nicht in allen Einzelheiten. Sie schlägt Jasmine vor, sich als Innendekorateurin zu versuchen, weil sie richtig vermutet, dass Jasmine diesen Beruf als standesgemäß akzeptieren könnte. Doch zunächst jobbt Jasmine widerwillig als Sprechstundenhilfe beim Zahnarzt Dr. Flicker (Michael Stuhlbarg) und kann nicht verhindern, dass der ihr Avancen macht.

Ginger glaubt allmählich selbst, dass sie sich – wie Jasmine behauptet – ständig die falschen Männer aussucht. Deshalb geht sie mit dem Tontechniker Al (Louis C.K.) aus, den sie gesellschaftlich eine Klasse höher als Chili einstuft. Auch Jasmine begegnet einem potenziellen Rettungsanker: Der Diplomat Dwight (Peter Sarsgaard) ist sofort fasziniert von ihrer Schönheit und ihrem eleganten Stil. Jasmines Problem besteht darin, dass ihr Selbstwertgefühl davon abhängt, wie andere sie wahrnehmen, während sie selbst ihre Umgebung völlig ignoriert.

Produktionsnotizen

Wir lernen die New Yorker Gesellschaftslöwin Jasmine (Cate Blanchett) kennen, als sie gerade einen Zusammenbruch erlitten hat – Auslöser ist das verheerende Scheitern ihrer Ehe mit dem wohlhabenden Finanzier Hal (Alec Baldwin). Bisher hat Jasmine sich ausschließlich über ihre Existenz als elegante, gut gekleidete und kulturell gewandte Frau im Kreise der oberen Zehntausend von Manhattan definiert. Doch dieses Leben ist mit einem Schlag vorbei – mental und emotional gerät sie völlig ins Abseits.

"Von Anfang an ist klar, dass Jasmine verloren ist", sagt Woody Allen. "Sie fällt bereits dadurch auf, dass sie mit sich selbst redet und echte Probleme hat." Finanziell und psychisch ist Jasmine ganz unten angekommen. Ihr bleibt keine andere Wahl: Sie bittet ihre Schwester Ginger (Sally Hawkins) um Hilfe, die in San Francisco an der Kasse eines Supermarkts arbeitet. "Jasmine ist völlig fertig", sagt Allen. "Im Zorn hat sie sich zu etwas hinreißen lassen, dessen schreckliche Konsequenzen sie niemals vorausgesehen hat. Und das löst in ihrem Leben eine äußerst traumatische Kettenreaktion aus." Dazu Blanchett: "Jasmine befindet sich im freien Fall – sie muss ihre gewohnte Umgebung verlassen, und das ist jenseits ihrer Vorstellungskraft. Sie betritt ein völlig unbekanntes Terrain, reist von der Ostküste an die Westküste, wechselt das Milieu und die soziale Klasse."

Der Reichtum wurde Jasmine nicht in die Wiege gelegt – als Studentin hat sie den attraktiven Geschäftsmann und Überflieger Hal kennen gelernt und geheiratet. Schnell legte er ihr eine Welt der Haute Couture, kostbaren Juwelen, eleganten Abendgesellschaften, Strandhäuser und privaten Jets zu Füßen. "Sie war hingerissen", sagt Allen. "Hal sah gut aus, war charmant, erfolgreich, dynamisch und gut betucht. Sie war überwältigt. Sie akzeptierte diese neue Richtung und gewöhnte sich schnell an das Leben einer reichen Ehefrau."

Blanchett hat den Eindruck, dass die Hochzeit mit einem reichen Mann für Jasmine nicht unbedingt ein überraschender Schritt war: Wahrscheinlich hat sie immer davon geträumt, dass ihr ein Märchenprinz begegnet: "Wer eine Arbeit annimmt und sein Leben selbst gestaltet, muss auch die Härten und Enttäuschungen aushalten können, die das Leben mit sich bringt, und ich glaube, dass Jasmine nicht dafür gemacht ist. In ihrer Idealvorstellung des Universums ist nicht vorgesehen, dass sie die Ärmel hochkrempelt und sich die Hände schmutzig macht, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen."

Hal (Alec Baldwin) hat ein großes Vermögen angehäuft, wenn auch die Methoden nicht ganz astrein sind. "Es gibt sicher sehr viele Typen wie Hal, die unter Größenwahn leiden", sagt Allen. "Sie verdienen viel, sind charmant und zeigen sich großzügig. Soweit das möglich ist, halten sie sich an die Gesetze – und wenn die ein wenig gebeugt werden müssen, dann beugen sie sie eben."

Genauso flexibel geht Hal mit der ehelichen Treue um. Dazu sagt Baldwin: "Hal verhält sich wahrscheinlich wie viele schwer beschäftigte, erfolgreiche Männer, die glauben, dass sie Anspruch auf ein bisschen Entspannung haben, um den Stress abzubauen. Von ihren Ehefrauen erwarten sie Verständnis dafür. In diesem Fall kann Jasmine das nicht akzeptieren, doch er versichert ihr sehr geschickt, dass sie sich deswegen keine Sorgen zu machen braucht." Dazu Allen: "Hal erlebt Jasmine als elegante Frau, die erfolgreich den gesellschaftlichen Aspekt der Beziehung verantwortet. Dennoch lässt er nichts anbrennen, weil er attraktiv und dynamisch ist – das ist eben sein Stil."

Jasmine wurde als Jeanette geboren, hat sich aber für den poetischeren Vornamen etwa zu der Zeit entschieden, als sie Hal kennen lernte. "Diese Wahl wirkt sehr theatralisch", sagt Blanchett. "Dass sie sich nicht Scarlett oder sonst wie ganz anders genannt hat, sagt allerdings eine Menge über sie aus: Immer weicht sie nur ein wenig von der Wahrheit ab. Kleine Fantasien wie diese sind an sich harmlos, aber je mehr man davon pflegt, desto weiter entfernt man sich von der Wirklichkeit. Was zu der Frage führt: 'Ist Jasmine besonders empfänglich für solche Luftschlösser? Oder flüchtet sie sich aufgrund der Umstände in diese Fantasien?' Ich glaube, dass manche Menschen schon von sich aus schwächer gebaut sind und die Realität nicht so gut in den Griff bekommen, und Jasmine gehört wohl in dieses Lager."

Bei ihrer Ankunft in San Francisco reagiert Jasmine bestürzt auf Gingers bescheidene Wohnung und Lebensstil – die Unterschiede zu dem, was sie gewohnt ist, sind enorm. Was die Situation nicht angenehmer macht, ist der Umstand, dass sich die Schwestern nie gut verstanden haben. Jasmine und Ginger sind biologisch nicht verwandt – beide wurden adoptiert, und von Anfang an wurde Jasmine von den Pflegeeltern bevorzugt, bekam alle Zuwendung, sodass für Ginger nicht viel übrig blieb.

"Jasmine ist von einer goldenen Aura umgeben", sagt Sally Hawkins, die die Ginger darstellt. "Von Geburt an war sie klüger, hübscher und eleganter. Ginger fühlte sich als Kind zweiter Klasse, das keine Zuwendung abbekam – sie war sozusagen die Schwächste des Wurfs." Aufgrund der unterschiedlichen Behandlung der Kinder kam es schon früh zu Spannungen zwischen den Schwestern, weil sie das Leben völlig unterschiedlich wahrnahmen. Jasmine wuchs mit einer ausgeprägten Anspruchshaltung auf und fand, dass Hal ihr das Leben bot, das ihr zustand. Ginger hatte dagegen sehr bescheidene Erwartungen, entwickelte aber eine gesunde Lebensstrategie und lernte etwas, um auf eigenen Füßen zu stehen. Sie war dem Leben immer sehr praktisch zugewandt. Sie jobbte als Barfrau oder Kellnerin und heiratete einen grobschlächtigen Handwerker namens Augie (Andrew Dice Clay), mit dem sie zwei Söhne hat. Als Jasmine sich jedoch aufgrund der Umstände gezwungen sah, in einem eleganten Schuhgeschäft in New York zu arbeiten, erlebte sie es als Katastrophe, dort von Frauen entdeckt zu werden, mit denen sie zuvor gesellschaftlich verkehrt hatte.

"Weil es ihr nur darum geht, wie sie nach außen wirkt und was die Nachbarn denken, gerät sie in jenen Zustand, in dem wir sie erleben, als sie in San Francisco ankommt", sagt Blanchett. "Sie flieht, weil sie sich von anderen nicht beurteilen lassen will. Sehr sensibel nimmt sie wahr, was andere von ihr halten, und dieses Image will sie unbedingt kontrollieren. Deshalb überdeckt ihre Fassade alles und lässt keine Selbstanalyse zu." Seit die beiden Schwestern erwachsen sind, haben sie in zwei völlig verschiedenen Welten gelebt, doch jetzt braucht Jasmine Gingers Hilfe, und die nimmt sie gern bei sich auf.

"Natürlich fühlt sich Ginger ihrer Schwester nie so nah, wie das in einer intakten Familie der Fall wäre", sagt Allen. "Aber sie ist nicht kaltblütig genug, um sich abzuwenden, wenn Jasmine in Schwierigkeiten steckt." Dazu Hawkins: "Ich glaube nicht, dass Ginger Jasmine jemals abweisen würde. Ginger ist wirklich ein herzlicher Mensch, obwohl es große Spannungen zwischen den beiden gibt. Als jüngere Schwester hat sie immer zu Jasmine aufgeschaut, und jetzt erkennt sie die Chance, eine echte Beziehung zu ihr zu entwickeln."

Unglücklicherweise scheint Jasmine bei ihrer Ankunft in einem derart desolaten Zustand zu sein, dass Ginger gar nicht mehr zu ihr durchdringt. "Ginger versucht es, aber sie weiß einfach nicht, wie sie an Jasmine herankommen soll", sagt Hawkins. "Jasmine ist in einer fremden Welt gefangen, die Ginger nicht recht begreifen kann – ihr fehlt der Ansatzpunkt, über den sie den Kontakt herstellen könnte."

Die hilfsbereite Ginger schlägt vor, dass Jasmine es als Innendekorateurin versuchen könnte, denn in diesem Beruf sind ihre Kultiviertheit und ihr guter Geschmack gefragt. Jasmine reagiert begeistert, kommt aber auf die völlig unpraktische Idee, einen Online-Kursus zu absolvieren, obwohl sie nicht mit dem Computer umgehen kann. "Sie denkt einfach nicht zu Ende, was sie sich vornimmt, sie entwickelt einen blinden Aktionismus", sagt Blanchett. "Die unterschwellige Panik bei diesem Vorgehen kann man gut nachvollziehen – Jasmine wirkt dadurch menschlicher."

Viel klarer analysiert Jasmine das Leben ihrer Schwester – sie versucht Ginger dazu zu bringen, sich von ihrem Freund, dem Mechaniker Chili (Bobby Cannavale), zu trennen. "Jasmine hält Gingers Ex-Mann Augie (Andrew Dice Clay) für einen Versager", sagt Allen. "Wie jede gute Schwester oder Freundin rät sie Ginger, nicht denselben Fehler zweimal zu machen und sich wieder einen Typen auszusuchen, der keinerlei Umgangsformen hat." Clay hat den Eindruck, dass Jasmine Augie überhaupt keine Chance gibt: "Klar, er ist ein normaler, prolliger Typ, aber er hat seine Frau aufrichtig geliebt. Wahrscheinlich kann Jasmine Augie deswegen nicht ausstehen, weil Geld, Schmuck und das Vermögen ihres Lebensgefährten für sie das Maß aller Dinge sind." Blanchett beurteilt das ähnlich: "Jasmines Fähigkeiten erschöpfen sich darin, den Mann zu finden, der ihr den sozialen Aufstieg garantiert. Sie glaubt, dass es um die richtige Verbindung geht, nicht um das eigene Tun. Wie hätte sie je aufsteigen können, wenn sie sich nicht den richtigen Mann geschnappt hätte? Es lässt tief blicken, wie sie ihre eigenen Möglichkeiten einschätzt, um in der Welt etwas zu erreichen."

Dazu Hawkins: "Ginger merkt deutlich, wie sehr Jasmine sich vor den Männern im Leben der Schwester ekelt. Das tut Ginger sehr weh, aber gleichzeitig spürt sie auch, dass Jasmine vielleicht Recht hat. Auch Ginger hat einen gewissen Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Gleichzeitig ist sie verwirrt und glaubt, dass sie sich schon deswegen nach einem besseren Mann umsehen sollte, damit sie sich mit Jasmine besser versteht." Chili erkennt sofort, wie massiv Jasmine seine Beziehung zu Ginger bedroht. Dazu sagt Cannavale: "Sobald Jasmine auftaucht, spürt er, wie Ginger sich verändert. Er begreift, wie sehr sie sich von Jasmine beeinflussen lässt – für ihn steht viel auf dem Spiel. Weil er Ginger sehr liebt, muss er natürlich um sie kämpfen."

Leider versucht Chili sein Interesse an Ginger in seiner aufbrausenden Art auszudrücken, die Jasmines schlechte Meinung von ihm nur noch bestätigt. Dazu Allen: "Obwohl er ihr in der Wohnung und im Supermarkt, wo sie arbeitet, Szenen macht, ist er kein Bösewicht. Er liebt sie aufrichtig, so gut er kann, und er gibt sich wirklich Mühe. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck, aber wie das in Zukunft weitergehen soll, weiß ich nicht."

Laut Cannavale erlebt Chili Ginger als eine Frau, die sich leicht manipulieren lässt – deshalb macht er es zu seiner Aufgabe, auf sie aufzupassen. "Er hat einen ganz natürlichen Beschützerinstinkt", sagt er. "Er bietet ihr uneingeschränkte Zuneigung. Er ist eher ein körperlicher Typ, aber auch sehr verletzlich. Das mag sie wohl an ihm, und er braucht jemanden, den er beschützen kann."

Um Geld für ihren Computerkurs zu verdienen, akzeptiert Jasmine notgedrungen den Job als Sprechstundenhilfe des Zahnarztes Dr. Flicker (Michael Stuhlbarg) – eine Tätigkeit, die weit unter ihrem Niveau ist, und schnell entgleist Jasmines Verhältnis zu ihrem Chef in Peinlichkeiten. "Oberflächlich scheint Dr. Flicker Jasmine sehr großzügig zu behandeln, aber er hat Hintergedanken dabei", sagt Stuhlbarg. "Er erwartet etwas von ihr." Was das ist, wird schnell deutlich, als er sie unbeholfen und unangemessen anzubaggern versucht und dabei ihre Stresssituation völlig ignoriert. "Er achtet nicht darauf, was sie gerade durchmachen muss", sagt Stuhlbarg. "Seine Leidenschaft macht ihn blind."

Doch je deutlicher sie ihn abweist, desto aggressiver insistiert er. "Als Jasmine den Job in der Zahnarztpraxis annimmt, befindet sie sich wirklich auf Talfahrt, weil einfach nichts klappen will", sagt Blanchett. "Im Computerkurs versteht sie nur Bahnhof, doch wenn sie den Computer nicht beherrschen lernt, kann sie auch nicht Innenarchitektin werden, und etwas anderes fällt ihr nicht ein. Sie hat weder Geld noch eine Ausbildung – ganz offensichtlich ist sie nur ein Klotz am Bein ihrer Schwester."

Unerwartet taucht ein potenzieller Rettungsanker auf, als Jasmine auf einer Party den freundlichen Diplomaten Dwight (Peter Sarsgaard) kennen lernt, der sich für sie interessiert. "Der ehrgeizige Dwight will als Politiker Karriere machen", berichtet Sarsgaard. "Nach Jasmines Aussehen und Verhalten zu urteilen, würde sie als Frau hervorragend zu seinen politischen Plänen passen. Doch vor allem fühlt er sich von ihrer Nervosität und Verletzlichkeit angezogen. Sie fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut, und das erleichtert ihm den Zugang zu ihr – die Frage bleibt, ob er das in einer anderen Situation gewagt hätte."

Jasmine verspürt keine Lust, Dwight von den katastrophalen Monaten ihrer jüngsten Vergangenheit zu erzählen – deshalb erfindet sie schnell eine sehr positive und abgehobene Biografie. "Sie lügt ihn an", sagt Allen. "Sie gibt sich als Dekorateurin aus und behauptet, ihr verstorbener Mann sei Chirurg gewesen. Das ist eine Rolle, die sie gut ausfüllen kann, weil ihr elegantes Auftreten durch den jahrelangen Umgang mit der besten Gesellschaft geprägt ist. Er hat natürlich keinen Grund, ihr nicht zu glauben, und hegt keinen Argwohn."

Dazu Blanchett: "Wahrscheinlich ist Jasmines Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten so nachhaltig zerstört, dass sie sich ständig besser darstellen muss, als sie eigentlich ist. Sie reagiert instinktiv, sie denkt das nicht zu Ende. Und sobald die Worte aus ihrem Mund sprudeln, kann sie sie nicht mehr zurücknehmen – sie muss immer weitermachen. Die Wahrheit ist oft grausig – vor allem, wenn man das ganze Leben auf eine Fiktion aufgebaut hat." Als Jasmine Dwight begegnet, lernt Ginger auf derselben Party Al (Louis C.K.) kennen, der einen besseren Job und sanftere Umgangsformen hat als ihre üblichen Männer – für sie bedeutet das einen Aufstieg.

"Al führt ein ziemlich langweiliges Leben – er repariert Stereoanlagen", sagt Louis C.K. "Er sehnt sich nach einem kleinen Glück und verliebt sich in diese sehr unschuldige, nette junge Frau. Auf ganz simple Art macht er deutlich, dass er sie ernst nimmt, dass er sie mag. Das tut ihr wirklich gut." Hawkins ergänzt: "Ginger wünscht sich ein besseres Leben und glaubt in Al die Lösung gefunden zu haben. Das wirkt fast, als ob sie eine Rolle spielt: Sie mag diese Welt, die Al ihr angeblich eröffnet. Er bietet ihr die Aussicht auf ein schöneres Leben."

Wie üblich hat Allen für Blue Jasmine ein hochkarätiges Ensemble versammelt – angeführt von Cate Blanchett, seine erste Wahl für die Rolle Jasmine. "Cate zählt zu den großen Schauspielerinnen dieser Welt", sagt Allen. "Sie hat das gewisse Etwas. Sie lotet ihre Rollen ungeheuer tief aus – das lässt sich mit niemandem sonst vergleichen. Natürlich gibt es andere sehr gute Schauspielerinnen, die Frust und Verzweiflung spielen und wie Cate in Tränen ausbrechen können, aber aus irgendeinem Grund wirkt sie auf der Leinwand überwältigend tiefgründig. Sie reißt uns mit, und wir spüren, wie intensiv sie empfindet. Das ist ihre besondere Gabe."

Blanchett nahm Allens Angebot enthusiastisch an und begeisterte sich für das Skript, fühlt sich aber auch von der Rolle der Jasmine ganz besonders herausgefordert. Schwierig fand sie die ständigen Rückblenden aus der Gegenwart in San Francisco in die New Yorker Vergangenheit. Die New Yorker Szenen erklären nicht nur die Vorgeschichte, sondern spiegeln auch das, was in der Gegenwart passiert. Ein Beispiel: Als Jasmine in der vollgestopften Wohnung ihrer Schwester ankommt, zeigt ein Schnitt Jasmines riesiges leeres Apartment an der Fifth Avenue.

"Weil man Jasmines Erzählungen überhaupt keinen Glauben schenken darf, zeigen die Rückblenden, was sich hinter ihrer Fassade wirklich abspielt", sagt Blanchett. "Eigentlich hätte ich mir gewünscht, die New Yorker Szenen zuerst zu drehen, bevor wir dann in San Francisco filmten, denn dann hätte ich die Figur noch besser verstanden. Jeden Tag habe ich mir gesagt: 'Du darfst das nicht vermasseln! Wirst du das heute bitte nicht vermasseln?!'"

Am Set merkte sie, dass Allen ihr ein ungewöhnlich großes Maß an Freiheit einräumte. "Offenbar will er den Schauspielern auf keinen Fall im Weg stehen", sagt sie. "Also musste ich mich erst einmal umprogrammieren, weil ich üblicherweise nämlich gern die Vorschläge der Regisseure höre. Deshalb habe ich Woody ständig Fragen gestellt, und er hat sie beantwortet. Die meisten meiner Fragen bezogen sich auf die Stimmung, denn immerhin arbeitete ich mit dem Regisseur, der Bananas und auch Innenleben gemacht hat – wenn man seine Drehbücher liest, kann man sie als schrecklich tragisch und schmerzlich erleben ... oder auf andere Art auch als völlig absurd. Gerade darin liegt wohl seine Meisterschaft: Er zeigt Menschen, die total von der Ernsthaftigkeit ihres Lebens überzeugt sind – was völlig absurd ist."

Allen hatte mit Sally Hawkins bereits an Cassandras Traum gearbeitet, in dem sie Colin Farrells Freundin spielte – deshalb wusste er, dass sie die perfekte Besetzung für die Schlüsselrolle der Ginger war. "Sie ist eine fabelhafte Schauspielerin", sagt er. "In jeder Situation wirkt sie authentisch – nie hat man den Eindruck, dass sie spielt."

Hawkins ist begeistert von Allens nüchternem Inszenierungsstil. "Woody kann Smalltalk nicht ausstehen. Er erwartet von uns, dass wir unsere Rolle ausgearbeitet haben und komplett vorbereitet am Set erscheinen." Hawkins bewundert ihre Kollegin Cate Blanchett seit Langem – umso begeisterter reagierte sie, als sie nun ihre Schwester spielen durfte. "Cate hat kein Ego", sagt sie. "Sie will einfach nur das Leben erforschen, die Rollen unglaublich tief durchdringen und reichhaltig gestalten, um die bestmögliche Darstellung zu liefern. Ich glaube ihr jeden einzelnen Moment der Jasmine und erlebte hautnah mit, wie unentrinnbar diese Frau in der Falle steckt, wie einsam und verloren sie ist. Das ist eine sorgfältig austarierte Leistung – als ob die Saiten einer Gitarre immer straffer gespannt werden, bis sie schließlich reißen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer es war, jeden Abend mit dieser Rolle nach Hause zu gehen."

Blanchett sagt: "Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der ein so großes Herz hat wie Sally. Ich habe mich an ihr festgeklammert wie an einem Rettungsfloß." Alec Baldwin tritt zum dritten Mal in einem Film von Woody Allen auf – die anderen waren Alice und To Rome With Love. Diesmal spielt er Jasmines wohlhabenden Ehemann, den Unternehmer Hal. "Keiner könnte Hal besser verkörpern als Alec, weil er alle seine Aspekte abdeckt", sagt Allen. "Er sieht gut aus, ist ein hervorragend begabter dramatischer Schauspieler, doch wenn er komisch sein soll, dann bringt er auch das."

Den Gegenpol zu Hal bildet der reiche und höfliche Dwight, der sich um Jasmines Gunst bemüht – ihn spielt Peter Sarsgaard. "Peter zeigt einen intelligenten und belesenen Dwight, der so liebenswürdig ist, dass wir uns wirklich wünschen, er möge mit Jasmine zusammenkommen. Unter anderen Umständen könnte er wirklich ihr Lebensretter sein." Auf der anderen Seite wird Jasmine unerträglich unsittlich bedrängt von ihrem Chef Dr. Flicker, den Michael Stuhlbarg spielt. Er ist als Hauptdarsteller aus dem Coen Brüder-Film A Serious Man bekannt und derzeit als Gangster Arnold Rothstein in der HBO-Serie Boardwalk Empire zu sehen. "Mir gefällt, wie natürlich Michael in seinen Rollen erscheint", sagt Allen. "Er wirkt nie so, als ob er eine Rolle spielt – etwas Besseres kann man über einen Schauspieler gar nicht sagen. Komische und ernste Szenen – beides absolviert er mit großer Effektivität."

Im Hinblick auf Jasmines emotionale Verfassung scheint der Filmtitel Blue Jasmine (blue = melancholisch, trübsinnig) durchaus angemessen. "Der Arbeitstitel war 'Jasmine French'", berichtet Allen. "Doch aufgrund der Filmmusik hatten wir dann das Gefühl, dass 'Blue Jasmine' der Stimmung des Films am Besten gerecht wird." Mehrfach erwähnt Jasmine, dass der Song "Blue Moon" gespielt wurde, als sie Hal kennen lernte – in diesem Lied gibt es die berühmte Zeile "You saw me standing alone", die zu der Szene passt, in der Jasmine Dwight begegnet.

Im Gegensatz zu vielen aktuellen Allen-Filmen, die die berühmtesten Wahrzeichen ihrer jeweiligen Schauplätze ins Bild rücken, sind in Blue Jasmine keine der Sehenswürdigkeiten von San Francisco zu sehen (ein kurzer Blick auf die Golden Gate Bridge von einem Hügel in Marin County bildet die Ausnahme der Regel). Grundsätzlich sind die Szenen in dieser Stadt in Gingers Arbeitsumfeld angesiedelt. Als Kontrast entführen uns die New Yorker Sequenzen auf die Fifth Avenue und in Geschäfte wie Fendi und Jimmy Choo, wo jene Luxusartikel im Mittelpunkt stehen, durch die sich Jasmine in ihren New Yorker Jahren definiert. Weil Jasmine ein derart privilegiertes Leben führt, könnte man sie leicht als unsympathisch abtun. Dazu meint Allen: "Na gut, jetzt hat sie ihren Kundenkredit bei Prada verloren, die goldene Kreditkarte ist futsch – genauso wie ihr Apartment an der Fifth Avenue. Pech gehabt. Doch viele Amerikaner haben nicht einmal genug zu essen. Dennoch empfinden wir Mitleid mit Jasmine, weil es nicht nur um den Verlust wirtschaftlicher Unabhängigkeit geht, sondern weil es sich um eine Charakterschwäche handelt, die ihren Sturz beschleunigt. Sie beschließt, möglichst wenig über die Grundlagen ihrer sorglosen Existenz, ihres Einkommens, ihrer Sicherheit nachzudenken. Und dafür zahlt sie einen furchtbaren Preis. Wir alle sind Weltmeister im Verdrängen. Ein wenig verhalten wir uns immer auch so in Bezug auf unsere Kinder, auf unsere Ehepartner."

Und Blanchett ergänzt: "Bis zu einem gewissen Grad nehmen wir die Menschen unserer Umgebung so wahr, wie es uns passt. Und das gilt vor allem auch für uns selbst: Den Menschen fällt es sehr, sehr schwer, ehrlich in den Spiegel zu schauen und bei der Selbstanalyse auf die Schminke zu verzichten. Man verändert sich nur unter großen Mühen. Letztlich ist Jasmine nur der extreme Auswuchs all der Täuschungen und Ausflüchte, die uns alle prägen. Doch im Laufe der Zeit hat das bei ihr eine epische Dimension erreicht." Ironischerweise kommt gerade durch diese Fantasien Jasmines wahre Persönlichkeit zum Vorschein – wenn nämlich ihre Träume und Sehnsüchte Gestalt annehmen und den krassen Kontrast zur Realität deutlich machen. Dazu Blanchett: "Unsere Fantasien sind immer größer als wir selbst."

01:40 07.11.2013

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