Ein Leben ohne dramatische Form

Wiktor und Zula Cold War – Der Breitengrad der Liebe ist eine Dedikation an die lebenslange Liebe der Eltern des Regisseurs. Die Protagonisten des Films tragen ihre Namen und sind ihnen auch sonst sehr ähnlich
Ein Leben ohne dramatische Form
Die Liebe von Wiktor (Tomasz Kot) und Zula (Joanna Kulig) muss sich fatalen Widerständen stellen

Neue Visionen FIlmverleih

„Ihr Leben hatte keine dramatische Form. Obwohl meine Eltern und ich uns sehr nahe standen – ich war ihr einziges Kind – je mehr ich an sie dachte, desto weniger verstand ich sie.“ 


Der echte Wiktor und die echte Zula starben 1989 kurz vor dem Fall der Berliner Mauer. Sie hatten die letzten 40 Jahre zusammen verbracht. Sie trennten und fanden sich immer wieder. „Sie beide waren starke, wunderbare Menschen, aber als Paar eine unendliche Katastrophe“, erinnert sich Pawlikowski. Auch wenn sich das fiktive Paar wesentlich von seinen Eltern unterscheidet, so ist es doch ihre Geschichte. Seit fast einem Jahrzehnt überlegt Pawel Pawlikowski, wie er ihre Geschichte erzählen kann. 
Um den Film zu realisieren, konnte er ihn nicht ausdrücklich als die Geschichte seiner Eltern bezeichnen.  Die Gemeinsamkeiten jedoch sind eindeutig: „ ... temperamentvolle Unvereinbarkeit, nicht in der Lage sein, zusammen zu sein und dennoch Sehnsucht haben, wenn man getrennt ist; die Schwierigkeit des Lebens im Exil, sich selbst in einer anderen Kultur treu bleiben; die Schwierigkeit, in einem totalitären Regime zu leben, sich anständig zu verhalten trotz der Versuchungen, es nicht zu tun.“  Das Ergebnis ist eine starke, mitreißende Geschichte.

Trotz der Schwierigkeiten versucht er nun mit den Protagonisten Wiktor und Zula, das Geheimnis der Beziehung seiner Eltern zu ergründen. „Ich habe lange gelebt und viel gesehen, aber die Geschichte meiner Eltern hat alles andere in den Schatten gestellt. Sie waren die interessantesten dramatischen Figuren, die mir je begegnet sind.“

„Eine komplizierte und zerrissene Liebe.“   Für die fiktiven Charaktere Wiktor und Zula stellte sich Pawlikowski unterschiedliche Hintergrundgeschichten vor. Im Gegensatz zu seiner eigenen Mutter – die mit 17 Jahren zum Ballett weglief, aber aus dem traditionellen, gehobenen Mittelstand kam – kommt Zula aus einer armen Gegend, einem tristen Provinzstädtchen. Sie gibt vor, vom Land zu kommen, um in das Tanz- und Musikensemble aufgenommen zu werden, das sie als einen Weg aus der Armut sieht.
Im Film soll sie Gerüchten zufolge wegen Mordes an ihrem missbräuchlichen Vater im Gefängnis gesessen haben.  Sie kann singen und tanzen, sie hat Chuzpe und Charme und sie ist empfindsam.
„Für Zula ist der Kommunismus in Ordnung“, sagt Pawlikowski. „Sie hat kein Interesse daran, in den Westen zu fliehen.“ 
Der fiktive Wiktor hingegen stammt aus einer viel kultivierteren und gebildeteren Welt und ist ein sehr begabter Musiker. „Er ist still und in sich gefestigt, kommt aus der städtischen Intelligenz und ist vertraut mit der Hochkultur. Er braucht ihre Energie“, so Pawlikowski. 
Insgeheim stellte er sich vor, dass Wiktor vor dem Krieg nach Paris geschickt wurde, um bei Nadia Boulanger Musik zu studieren. Während der deutschen Besatzung verdient er seinen Lebensunterhalt damit, illegal in Warschauer Cafés Klavier zu spielen – so wie übrigens auch die großen polnischen Komponisten Lutosławski und Panufnik. Obwohl er ein sehr guter Pianist war, hatte sein Vater nicht das Zeug dazu, ein großer Komponist zu werden. Seine wahre Leidenschaft war Jazz. Als Wiktor eine Melodie auf dem Klavier spielt, damit Zula sie singt, ist es I Loves You, Porgy  von George Gershwins Oper Porgy and Bess

Die Bedeutung ist klar: Wiktor war im Westen. „Nach dem Krieg, mit dem Aufkommen des stalinistischen Regimes in Polen, weiß er nichts mit sich anzufangen“, erläutert Pawlikowski. Jazz wurde von den Stalinisten verboten, ebenso wie formalistische moderne Musik.

11:30 21.11.2018

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