Zeitgenössisches

Synopsis Die Geschichte der isoliert lebenden Lynn und ihres ungewöhnlichen Weges zu zwischenmenschlicher Nähe ist eine tragikomische Fabel über Intimität und deren Verzerrung in unserer Zeit
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Foto: Verleih

Lynn putzt gerne. Ihr entgeht keine noch so kleine Nische, kein Fältchen und kein Staubkorn – weder in ihrem kleinen Apartment, noch an ihrem Arbeitsplatz im Hotel. Wie es sich für ein Zimmermädchen gehört, erledigt Lynn ihren Job stets still und gründlich, bewegt sich fast unsichtbar von Zimmer zu Zimmer, und hinterlässt jedem Gast nichts als makellose Reinheit. Doch Lynn hat ein Geheimnis: Jeden Mittwoch legt sie sich unter ein anderes Hotelbett, lauscht Gesprächen und Geräuschen, oder schlummert, beglückt von der bloßen Existenz eines anderen Menschen. Eines Tages liegt sie unter dem Bett eines Hotelgastes, der die Dienste des Callgirls Chiara in Anspruch nimmt. Lynn ist so fasziniert von dieser Frau, dass sie sich zum ersten Mal aus ihrem Versteck traut...

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Das Zimmermädchen Lynn ist die Geschichte der entfremdet und isoliert lebenden Lynn und ihrem ungewöhnlichen Weg zu etwas zwischenmenschlicher Nähe. Eine tragikomische Fabel über Intimität und deren Verzerrung in unserer Zeit.

Lynn ist etwa 30 und leidet unter Zwängen. Ihren Job als Zimmermädchen im "Hotel Eden" hat sie verloren, weil sie die Gäste bestohlen hat. Dabei wollte sie sich nicht bereichern, nie hat sie etwas von Wert oder Bedeutung eingesteckt. Nun hat Lynn eine Therapie hinter sich und kehrt nach Hause zurück. Dort aber erwarten sie nur unendliche Leere, die versteckten Botschaften der übergriffigen Mutter und die Frage nach der eigenen Identität.

Lynn muss zurück an die Arbeit – Putzen! Nach einer frustrierenden Bewerbung, in der sie ihre Kleptomanie offen zugegeben hat, überwindet sich Lynn und frischt ihre alte, rein körperliche Affäre zum "Eden"-Personalmanager Heinz wieder auf, um an ihre frühere Arbeitsstätte zurück kehren zu können. Im "Hotel Eden" blüht Lynn kurzzeitig auf. Sie schafft es, den Impuls des Stehlens zu unterdrücken, und findet ihr Glück im akribischen Reinemachen. Sie strukturiert ihren Alltag neu und berichtet ihrem Psychiater, den sie noch einmal in der Woche sieht, von ihren Fortschritten.

Doch die Neugier auf das Leben der Anderen ist noch immer tief in Lynn verankert. Wer sind all die Leute, die im Hotel ein- und auschecken? Was ist es, das aus Alltag dieser Menschen ein Leben macht? Lynn überschreitet eine Grenze als sie beginnt, im persönlichen Hab und Gut der Menschen zu stöbern. Sie zieht sich auch deren Kleider über, um für einen Augenblick in ihre Rollen zu schlüpfen. Als sie dabei fast erwischt wird, kann sie sich gerade noch unter das Bett flüchten. Und hier beginnt ein neues Kapitel in Lynns Forschungsreihe. Die Möglichkeit, einem Menschen ganz nah zu sein und für diesen doch unsichtbar, berauscht Lynn, und aus dem zufälligen Versteckspiel wird ein Ritual. Einmal die Woche legt sie sich von nun an bei einem Hotelgast unter das Bett.

Doch die Einblicke, die ihr gewährt werden, enttäuschen sie zunehmend. Das Leben der Hotelgäste scheint kaum spannender zu sein als ihres. Die meisten Menschen wirken genauso so einsam zu sein wie sie und selbst das junge Paar, das sie eines Nachts belauscht, lebt offenbar aneinander vorbei. Gerade als Lynn mit dieser Erkenntnis hadert, entdeckt sie Chiara, ein Callgirl, das in der Hotellobby auf einen Kunden wartet. Lynn schleicht sich auch hier unter das Bett und verfolgt den heftigen Liebesakt, bei dem sich der Hotelgast von Chiara peinigen lässt – eine unmittelbare, enthemmte Form der Intimität, wie Lynn sie noch nie erlebt hat.

Lynn sucht Kontakt zu Chiara und holt sie sich für ihre Sexdienste nach Hause. Anfangs noch scheu und verklemmt, wird Lynn bald süchtig nach Chiaras körperlicher Nähe. Sie investiert ihren ganzen Lohn und all ihre Energie in die letztlich ungleiche Beziehung. Denn so sehr sich Lynn auch wünscht, Chiara könnte in ihr mehr als nur eine Kundin sehen – am Ende bleibt sie auf den Tickets sitzen, die sie für eine gemeinsame Reise besorgt hat. Ein Gedanke, der Lynn schon als Kind beschlich, scheint sich zu manifestieren: Alles im Leben ist nur Lug und Trug. Doch Lynn gibt nicht auf. Zum einen bleibt ihr ja das Putzen. Denn "das Schöne am Putzen ist, dass es immer wieder schmutzig wird". Und Lynn fängt noch einmal ganz von vorne an. Ein letztes Mal legt sie sich unter ein Bett – unter das Bett ihrer Mutter.

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Ingo Haeb hat sowohl Regie geführt als auch das Drehbuch geschrieben. Er inszeniert Markus Orths’ Roman als ein modernes Kammerspiel in dem er das Thema der Entfremdung durch ein verzerrtes Nähe-Distanz-Konzept darstellt. Die Figur Lynn kann sich ihren Mitmenschen nicht öffnen, eine Fähigkeit die aber in der heutigen Zeit von fast jedem verlangt wird. Aufgeben kommt für sie nicht in Frage. Immer wieder erkämpft sie sich Räume, in denen sie Nähe erlernen kann. Die in der Romanvorlage direkt kommunizierten Gedanken von Lynn werden im Film durch eine Ästhetik vermittelt, die ihre Empfindungen ohne Worte zu vermitteln vermag.

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Interview mit dem Regisseur Ingo Haeb

Q: Was hat Sie am Roman von Markus Orths interessiert?

IH: Markus hat die Figur Lynn sehr offen gehalten und dennoch sehr empathisch erzählt. Sie ist dem Leser ein Rätsel und trotzdem sind ihre Bedürfnisse vollkommen nachvollziehbar.

Q: Was war die große Herausforderung bei der Übersetzung in einen Film?

IH: Im Roman tauchen wir über weite Strecken ganz direkt in Lynns Gedankenwelt ein, erfahren, was sie denkt. Das wollten wir im Film nicht über Voiceover lösen, deshalb mussten wir eine Ästhetik finden, die Lynns Empfinden ganz ohne Worte vermittelt. Daran haben wir im Team, vom Kostüm über die Ausstattung bis zur Kamera und zum Schnitt intensiv gearbeitet.

Q: Sie haben den gesamten Film nachsynchronisiert? Warum?

IH: Ich wollte unbedingt vermeiden, dass die Zuschauer sich in irgendeine Realität versetzt fühlen, die sie mit ihrer eigenen vergleichen können. Die gesamte Ästhetik sollte eine ganz eigene, neue und fremde Welt erzeugen. Und auf der Tonebene kann dies besonders subtil gelingen.

Q: "Das Zimmermädchen Lynn" liefert immer wieder psychologische Details und Interpretationsansätze, bleibt aber letztlich völlig offen. Wie viel Geheimnis verträgt ein Film?

IH: Es gibt mittlerweile im deutschen Fernsehen durchaus interessante Sozialdramen, die auch nicht mehr zwingend didaktisch daher kommen. Das Kino ist dadurch wieder stärker der Raum für das Fantastische und Absurde. Und ich denke, wir befinden uns in einer Zeit des Paradigmenwechsels, in der Geschichten anders erzählt werden, weil die bewährten Muster einfach zu tief in uns allen verankert sind. Unser Film ist da ein kleiner Versuch, der aber natürlich auch seine Vorbilder hat.

19:15 27.05.2015

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