Eine Erzählung abseits der Medien

Kommentar Der Regisseur Muayad Alayan über seinen neuen Film, der den Nahost-Konflikt und dessen Auswirkungen auf den Alltag der Menschen im heutigen Jerusalem thematisiert
Eine Erzählung abseits der Medien
Bisan (Maisa Abd Elhadi)

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"Dadurch, dass ich die Geschichte zweier Paare in der geteilten Stadt Jerusalem angesiedelt habe, konnte ich zeigen, wie das Leben durch die gefährlichen Folgen eines sozialen Dramas, wie es überall auf der Welt passieren kann, beeinträchtigt wird. Aber wenn es dort passiert, vor allem mit dem enormen Druck des sozialpolitischen Hintergrunds, wird viel mehr von den einzelnen Menschen abverlangt. Sie müssen eigensinnig handeln und andere verletzen, um zu überleben.

Wie viel Druck kann ein Einzelner aushalten, bevor man den eigenen moralischen Kompass über Bord wirft? Mich fasziniert dieses moralische Dilemma, welches die Menschheit schon immer betrifft: Sind wir in der Lage, unsere eigenen Privilegien für jemand anderen zu riskieren oder setzen wir uns immer an erste Stelle? Indem wir vier Charakteren durch Jerusalem folgen, präsentieren ich unterschiedliche Standpunkte. Ich habe dabei versucht, dem Publikum weder meinen Standpunkt, noch den Standpunkt der Figuren aufzudrängen. Ich will, dass sich der Zuschauer durch die verschiedenen Standpunkte seine eigene Meinung bilden kann.

Mich persönlich haben im Kino immer die Charaktere fasziniert, welche sich in Situationen wiedergefunden haben, die eigentlich viel größer als sie selbst sind. Das sind Situation, die den Durchschnittsbürger enorm herausfordern. Ein Held zu sein, bedeutet für mich, die Turbulenzen des Lebens zu meistern. Das Leben besteht schließlich aus tausenden Wendungen und Überraschungen. Viel mehr noch als erfundene Geschichten.

Und das trifft besonders auf konfliktbeladene Ort wie Jerusalem zu. Ich bin dort im militärischbesetzten Teil aufgewachsen. Dieser ist durch viele Barrieren vom westlichen Teil abgetrennt. Sowohl wörtlich als auch bildlich gesprochen. Jeder Tag bringt neue Gefahren und Aufgaben, die du zum Überleben meistern musst.

Ich war ein Teenager während der Zweiten Intifada. Die Bevölkerung in Jerusalem war voller Angst. Aber egal wie dunkel diese Zeit war, jeder musste weitermachen, sich ein Einkommen sichern und nach Glück suchen. Damals musste ich, wie viele andere auch, Jobs im westlichen Teil der Stadt annehmen. Das war dann meistens die erste Begegnung mit der israelischen Gemeinschaft, außer den täglichen Zusammentreffen mit israelischen Soldaten.

Diese Erfahrungen haben es mir erlaubt, die alltäglichen Interaktionen zwischen Palästinenser und der israelischen Gemeinschaft mitzuerleben. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie kleine Glücksmomente dich, trotz all der Spannung, deine Umgebung mit all ihren Grenzen vergessen lassen können. Aber ebenso kann die soziale und politische Spaltung schöne Momente von jetzt auf gleich zerstören.

MitDer Fall Sarah & Saleemwollten mein Bruder Mami Alayan und ich eine menschliche Geschichte erzählen, abseits der täglichen Reportagen in den Medien. Wir wollten weg davon, Dinge, wie im Kino oft üblich, zu romantisieren. Dies passiert besonders häufig bei Geschichten, die unsere Heimat als Thema haben.

Der Film verschreibt sich dabei einer naturalistischen und realistischen Filmgestaltung. Bild, Ton und Schnitt sollen den Realismus verstärken, sodass sich der Film auf die Figuren konzentrieren kann. Es geht um ihre Lebensanschauung, ihre persönlichen Probleme und moralischen Hürden, die es zu überwinden gilt.

Der Film zeigt dabei Jerusalems ganz eigenen Charakter, mit den geteilten Gemeinschaften, den kulturellen und politischen Unterschieden. Dies sind alles Dinge, die die Geschichte und vor allem die Charaktere beeinflussen. Es geht dabei um die Erfahrungen der Figuren und um das Aufeinanderprallen ihrer Hoffnungen, Ängsten und Leidenschaften mit den Überraschungen des Lebens, dem System der Besetzung, korrupter Politik und sozialem Druck. Ein kollektiver Antagonist gegen das Individuum."

Muayad Alayan

12:53 13.03.2019

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