„Wir überleben dank der Fiktion“

Interview Der Regisseur Remi Bezançon und Koautorin Vanessa Portal im Gespräch über die Entstehung ihres neuen Films, über die Welt der Literaturverlage und inwieweit eine Fiktion unsere Realität verändern kann
„Wir überleben dank der Fiktion“
Wahrheit oder Inszenierung? Literaturexperte Jean-Michel (Fabrice Luchini) hält den Hype um Henri Pick für eine Marketingstrategie

Foto: Roger Arpajou/ Neue Visionen Filmverleih

Welchen Ansatz haben Sie bei diesem Film verfolgt?

Remi Bezançon: Wir wollten uns auf eine der Figuren aus dem Roman konzentrieren, nämlich die des Literaturkritikers Jean-Michel Rouche, der von Fabrice Luchini gespielt wird. Er sollte die Nachforschungen anstellen.

Vanessa Portal: Eine der wesentlichen Quellen der Komik des Films liegt an der Tatsache, dass er kein professioneller Ermittler ist. Was dazu führt, dass er die meiste Zeit völlig daneben liegt. Er verdächtigt alle, und um seinen Verdacht zu untermauern, erfindet er für jeden Motive, die nichts mit der Realität zu tun haben.

RB: Ja, er erzählt sich selbst permanent Geschichten. Dieser literarische Betrug bringt seine Phantasie auf Touren. Seine Aktivitäten etablieren eine Art Mise en abyme innerhalb des Films.

Welche Herausforderungen mussten Sie meistern?

VP: Vor allem die der Ermittlung. Es ist sehr komplex, die Mechanismen der Spannung in den Griff zu bekommen. Mit den Codes des Krimis zu spielen fanden wir schöner, da es in der Geschichte weder einen Polizisten noch eine Leiche gibt. Es ist ein „Wer wars?“, bei dem wir nicht den suchen, der getötet, sondern den der geschrieben hat.

RB: Anfangs war die Ermittlung nur ein MacGuffin für uns, wie bei Hitchcock – es ist übrigens ein Ausschnitt aus 39 Stufen im Film zu sehen – oder wie in Manhatten Murder Mystery von Woody Allen, es hat nur als Vorwand gedient, um unser Detektiv-Duo entwickeln zu können. Sie haben die Sympathien auf ihrer Seite, weil sie beide perfekte Amateure sind, die ihre Zeit damit verbringen, sich andauernd gegenseitig zu widersprechen.

Aber ein MacGuffin steht normalerweise für nichts, er hat keinerlei symbolischen Wert. Im Film ist das Thema aber ein Buch...

RB: Ja das stimmt, ein Buch ist ein Objekt, das ganz auf andere Art bedeutsam ist als ein Koffer voller Geldscheine. Es hat es uns ermöglicht, sofort unser Hauptthema zur Sprache zu bringen, die unbeständige Grenze zwischen Fiktion und Realität.

VP: Uns war auch die Beziehung der Figuren zu dem Buch wichtig, und zwar inwieweit eine Fiktion in die Realität eindringen und den Lauf der Dinge ändern kann. Der Roman von Henri Pick, „Die letzten Stunden einer großen Liebe“ trennt immerhin zwei Paare, bringt ein drittes zusammen und hilft am Ende einer Witwe, ihre Trauer zu überwinden.

RB: Die wesentliche Herausforderung, die sich mir stellte, bestand darin, ein Paradox in Szene zu setzen: wir rennen alle der Wahrheit hinterher, aber wir überleben dank der Fiktionen, die wir uns selbst schaffen.

Der Film erzählt mit viel Ironie von der Wichtigkeit der Werbekampagne bei der Herausbringung eines Buchs...

RB: Die Geschichte eines Buchs als solche reicht nicht mehr aus. Man muss auch eine Geschichte um das Buch herumerzählen, „den Roman des Romans“, wie Rouche so schön sagt. Storytelling. Marketing macht Fiktion exponentiell.

VP: Man kann sich darüber amüsieren, so wie wir es im Film machen, in dem wir uns vorstellen, dass ein Verleger wie Albin Michel das Buch eines 32 Mal abgelehnten Autors veröffentlicht, nur um mit dem Trend zu gehen. Man kann sich darüber aber auch Sorgen machen. Wenn sich die Marketinggesetze schon in die Auswahl der Texte einmischen, dann wird das Risiko der Vereinheitlichung und des Qualitätsverlusts real.

RB: Die Verleger wie auch die Produzenten sollten für Autoren Ansprechpartner sein, die künstlerische Leidenschaft haben, das scheint mir unentbehrlich zu sein. Kino ist eine kollektive Kunst.

15:18 25.12.2019

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