Süß und sauer

Einblicke Obwohl der Film von einer existentiellen Krise erzählt und von der Schwierigkeit, zu sich selbst zu finden, zeichnet er sich vor allem durch eine große Leichtigkeit in der Grundstimmung aus
Süß und sauer
Foto: Camino Filmverleih

Der Regisseur über den Film

DER GLÜCKLICHSTE TAG IM LEBEN DES OLLI MÄKI zeichnet sich durch eine große Leichtigkeit in der Grundstimmung des Films aus. Obwohl der Film von einer existentiellen Krise erzählt und von der Schwierigkeit, zu sich selbst zu finden, ist es für die Erzählung wichtig, dass sie sich nicht im Schlamm suhlt, sondern im Wind dahingleitet wie ein Papierdrachen.

Der Erfolg meines Abschlussfilms an der Filmhochschule, THE PAINTING SELLERS, hat mich in eine ziemlich schwierige Lage gebracht. Der Film hatte den ersten Preis der Cinéfondation auf dem Festival in Cannes gewonnen. Teil des Preises war die Garantie, dass mein erster Langfilm in der offiziellen Auswahl des Festivals laufen würde. Das hat mir in Finnland den Ruf eines „vielversprechenden jungen Regisseurs“ eingebracht. Ich fand das alles natürlich äußerst schmeichelhaft, aber es machte mir auch Angst. Vor allem, wenn ich daran dachte, dass es da draußen Leute gab, die ich kaum kannte und die nun Dinge von mir erwarteten, von denen ich nicht einmal wusste, ob ich sie überhaupt schaffen konnte! Ich erinnere mich, wie ich einmal wie erschlagen an meinem Schreibtisch saß und mir klar wurde, was für große Versprechungen ich allen möglichen Leuten gemacht hatte.

Die Angst davor, Erwartungen zu enttäuschen, lastete schwer auf meinen Schultern. Schon bald begann ich, den Erwartungsdruck auch körperlich zu spüren. Es gelang mir zwar, mich etwas zu beruhigen, in dem ich mir sagte, dass dieser Druck nur in meinem Kopf existierte. Aber in Wahrheit waren meine Kreativität und meine Begeisterungsfähigkeit längst auf ihrem Tiefpunkt angekommen. In dieser schwierigen Situation kam mir die Idee zu DER GLÜCKLICHSTE TAG IM LEBEN DES OLLI MÄKI – und das war eine große Erleichterung. Der Film beruht auf einer wahren Geschichte; noch heute ist Olli Mäki ein bekannter finnischer Boxer. Am Anfang seiner Profikarriere hat Olli die Möglichkeit gegen den amtierenden Boxweltmeister im Federgewicht anzutreten, den Amerikaner Davey Moore. Um dann, in einem knallvollen Stadion, den Kampf auf demütigende Weise in der zweiten Runde zu verlieren. Später wird Olli Mäki sagen, dass dies der glücklichste Tag seines Lebens war.

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Interview mit Juho Kuosmanen

Wann haben Sie das erste Mal von der Geschichte von Olli Mäkis Kampf um den Weltmeistertitel und der Romanze mit Raija während seines Trainings erfahren? Was hat Sie dazu inspiriert, daraus einen Film zu machen?

Ich habe Olli und Raija 2011 in Kokkola kennengelernt. Olli leidet zwar an einem fortgeschrittenen Stadium von Alzheimer, aber er erinnert sich immer noch sehr gut an die alten Geschichten. Er hat mir von seinem Kampf um den Weltmeistertitel von 1962 erzählt, und als er mit den Worten endete: „Das war der schönste Tag in meinem Leben“ hatte er ein Lächeln auf dem Gesicht, das mich dazu gebracht hat, nachzufragen: „Warum das denn?“ Und dann hat er mir von dem Verlobungsring erzählt, den er an diesem Tag mit Raija gekauft hatte. Hübsche Geschichte, dachte ich, aber vielleicht ein wenig zu klassisch.

Danach verging einige Zeit -­ aber Ollis Geschichte hatte sich mir irgendwie eingebrannt. Wie kommt jemand auf die Idee, am Tag des Kampfes einen Ring zu kaufen? Ich kenne mich im Boxen ja nicht besonders gut aus, aber es ist doch klar, dass man sich in der Vorbereitung auf einen Weltmeisterschaftskampf hundertprozentig auf den Fight konzentrieren muss! Am gleichen Tag einen Verlobungsring zu kaufen -­ das erscheint doch völlig undenkbar.

Daraufhin habe ich angefangen, der Geschichte von Olli weiter nachzugehen. Und habe festgestellt, dass sie voller wunderbarer und komplexer Details steckte, die sie dem Gewöhnlichen entheben und einzigartig machen. Man sagt: Die Kunst steckt im Detail. Mir wurde relativ schnell klar, dass die Geschichte nicht nur darin bestand, einen Kampf zu verlieren und dafür die große Liebe zu finden. Es ging weniger ums Gewinnen oder Verlieren, sondern darum, einen Weg zum eigenen Glück zu finden – unabhängig von den Erwartungen der anderen. In einem gewissen Sinn war Ollis Beteiligung an diesem Kampf auch ein Zusammenprall zweier Weltanschauungen: Ein Kommunist aus einer kleinen finnischen Stadt soll um jeden Preis zum Star in der Maschinerie des amerikanischen Show Business werden. In den Tagen, die dem Kampf vorausgingen, hat Olli verstanden, dass, wie es Malvina Reynolds so schön ausgedrückt hat, „die Definition von jemand anderem niemals dem Zustand meiner eigenen Seele gerecht werden kann“. So hat er sich vor dem Kampf für jene Welt entschieden, in der die Leute zärtlich zueinander sind, und nicht für die, in der sie sich verdreschen. Olli hat mir mal anvertraut, dass er die Welt des Profiboxens nie gemocht hat, und ich glaube, er hat am Tag des Titelkampfes festgestellt, dass er sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen leben muss, und nicht nach den Vorstellungen der anderen. Genau darin liegt das Wesen der spirituellen Suche unserer Hauptfigur.

Ist Mäki denn eher als Nationalheld ins kollektive Gedächtnis eingegangen oder als nationaler Versager?

Wenn er auch kein Nationalheld ist, so ist er doch in jedem Fall ein Held der Arbeiterklasse. Allgemein betrachtet man ihn schon als einen der besten Boxer Finnlands. Nach seiner Niederlage gegen Davey Moore hat Olli Mäki noch bis 1973 geboxt und wurde 1964 sogar Europameister. Er hat also noch einige gute Kämpfe absolviert und damit ein Erbe hinterlassen, das im nationalen Bewusstsein zu Teilen die Erinnerung an seine große Niederlage von 1962 überlagert. Einige Personen meinen, dass Mäki nicht ambitioniert genug gewesen sei und nicht wirklich das Zeug zu einem großen Boxer hatte, weil er einfach zu nett war -­‐ ein zu „braver Kerl“. Dieser Ruf kommt unter anderem daher, dass Olli sich weigerte, seinen Gegner K.O. zu schlagen. Er sah einfach keinen Grund dafür, wenn sich ohnehin ein Sieg abzeichnete. Manchmal ist es eben so, dass die Dinge, die aus einem einen besseren Menschen machen, nicht unbedingt zum Höhepunkt des sportlichen Erfolges führen.

Was haben Sie heute für eine Beziehung zu Olli Mäki? War er in irgendeiner Form an dem Film beteiligt?

Ich habe mich mehrfach mit Olli und Raija getroffen. Unglücklicherweise ist Olli wirklich ernsthaft krank, zumindest so sehr, dass er sich leider manchmal des Filmes nicht mehr vollkommen bewusst ist. Raija ist wirklich eine wundervolle Person, die uns von großer Hilfe war. Sie sind mehrfach zusammen zu den Dreharbeiten gekommen. Außerdem sieht man sie im Film in der allerletzten Einstellung. Der echte Olli und die echte Raija laufen an unseren Figuren vorbei, und die fiktive Raija fragt dann: „Denkst du, wir werden mal wie sie? – Meinst du alt? – Ja, und glücklich. – Aber sicher!“, antwortet Olli.

Wie haben sie den Cast zusammengestellt? Haben Sie in der Zusammenarbeit mit den Schauspielern am Set spezifische Techniken angewandt?

Für mich ist der Cast die Grundlage der Arbeit eines Regisseurs. Wir haben ein enormes Casting für diesen Film veranstaltet, aber letztendlich haben wir für die drei Hauptfiguren die Schauspieler genommen, die ich von Anfang an im Kopf hatte. Ich denke, diese Gruppe hat die gleiche Dynamik wie ihre Figuren im Film -­‐ in jedem Fall war es ziemlich einfach, sie zu diesen Figuren werden zu lassen.

Eero Milonoff (in der Rolle von Elis Ask, dem Trainer von Olli Mäki) ist ein bekannter finnischer Schauspieler. Ich kannte ihn zuvor nicht persönlich, bin aber sehr glücklich, mit ihm zusammengearbeitet zu haben. Er kommt aus Helsinki und hat mehr Erfahrung als Oona oder Jarkko, die Raija und Olli spielen. Eero ist ein sehr engagierter Schauspieler. Er hat mich etwa zwei Mal täglich angerufen, um mit mir über dies oder jenes zu sprechen. Auch während der letzten Tage der Motivsuche hat er uns begleitet. Eero ist ziemlich intelligent. Er weiß, dass die Zeit, die er mit dem Team verbringt, ihm dabei hilft, später gute Arbeit zu leisten. Es geht ihm nicht nur darum, für seine eigene Rolle zu proben, sondern auch, den Humor und die Weltsicht der Leute hinter der Kamera kennenzulernen. Dann ist es einfacher, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Für Oona Airola (in der Rolle von Raija Jänkä) war es der erste Auftritt in einem Kinofilm. Sie hat einen großen Sinn für Humor und ist eine sehr charismatische Darstellerin. Sie verkaufte erst Karten an einer Theaterkasse, und ich glaube, sie war viel interessanter als viele der Stücke, die dort aufgeführt wurden! Oona hat unglaublich hart dafür gearbeitet, dass es im Film so aussieht, als würde sie überhaupt nicht spielen. In Filmkritiken liest man leider zu oft, die Leistungen männlicher Schauspieler seien das Resultat von hartnäckiger, ausdauernder Arbeit, während Schauspielerinnen sich angeblich nicht anstrengen müssen, weil sie von Natur aus eine starke Präsenz haben. Aber ich versichere Ihnen: Hinter Oonas Rolle stecken viel Reflexion und harte Arbeit. Als Anfängerin war es für sie nicht selbstverständlich, völlig natürlich zu wirken, aber sie hat wirklich großartige Arbeit geleistet.

Jarkko Lahti (Olli Mäki) hat schon viel Theater gespielt, aber dies war seine erste große Rolle in einem Kinofilm. Wie Olli Mäki kommt Jarkko ursprünglich aus Kokkola. Ebenso wie Oona und Eero ist er ein sehr bewusst agierender, gewissenhafter Schauspieler. Als er erfahren hat, dass ich einen Film über Olli Mäki plane und ihm gerne die Rolle geben würde, hat er sofort angefangen, Boxtraining zu nehmen. Außerdem hat er zwei Amateurkämpfe bestritten und während der Dreharbeiten viel Gewicht verloren.

Gerade bei einer so körperlichen Rolle ist diese Art von Vorbereitung sehr wichtig -­‐ besonders das Abnehmen, weil dadurch auch eine Art Schutzpanzer abgebaut wird, der einen von der Kamera trennt.

Im Theater ist die Situation des Schauspielers ja eine ganz andere: Man kontrolliert die ganze Bühne -­‐ im Kino ist es das Gegenteil. Jarkko hat einige Jahre Zeit gehabt, sich in seine Rolle einzuleben – und ich denke, das ist ihm auch bis zur Perfektion gelungen. Jarkko und ich haben als Kinder in derselben Straße gewohnt und sind immer zusammen zur Schule gelaufen. Einmal habe ich einen Schneeball auf ihn geworfen, und er hat mir dafür mit einer metallenen Fahrradpumpe eins übergezogen. Zwanzig Jahre später habe ich ihn dann gefragt, ob er nicht in meinem Kurzfilm THE CITIZENS mitspielen möchte, wo er sich mit einem Typen prügeln muss, der viel größer war als er. Und dann, wieder etwas später, habe ich ihm die Rolle eines Boxers angeboten, der im Ring ganz schön verdroschen wird. Ich glaube, das war meine Art, mich an ihm zu rächen.

Der Film beruht wirklich ganz und gar auf seinen Figuren. Wir haben zuerst die Inszenierung mit den Schauspielern entwickelt, bevor wir uns Gedanken darüber gemacht haben, wo wir die Kamera aufstellen und wie wir sie bewegen wollen, um dann eventuell noch Dinge anzupassen. Die Szenen wurden in langen Einstellungen gedreht, ohne Unterbrechung von Anfang bis Ende. Das haben wir dann meist mit verschiedenen Brennweiten wiederholt. Mehr als einen Take haben wir dabei meist gar nicht gemacht. Um Fehler haben wir uns wenig geschert. Es ist wesentlich, sich bei der Arbeit von der Angst vor Fehlern freizumachen, weil man sich sonst nur für langweilige Lösungen entscheidet. Ich gebe meinen Schauspielern auch keine einengenden Anweisungen. Es geht eher darum, am Set eine Atmosphäre zu schaffen, die in die richtige Richtung geht. Wenn man nicht zu sehr auf Kontrolle versessen ist, kann man interessante Überraschungen erleben und ungeahnte Details entdecken, die jeder Szene eine große Lebendigkeit verleihen.

Wann und warum haben Sie sich dafür entschieden, den Film, der 1962 spielt, in Schwarzweiß und auf 16 mm zu drehen?

Die Entscheidung fiel zwei Monate vor Beginn der Dreharbeiten. Wir hatten davor verschiedene Materialien getestet, sowohl auf Film wie auch digital, aber im Kodak Tri-­‐X fanden wir die für unsere Zwecke perfekte Textur. Das charakteristische daran ist die Schwarz-­‐Weiß-­‐Umkehrung. Es geht dabei nicht nur darum, wie es aussieht, sondern auch, wie es sich anfühlt. Alles, was wir auf diesem Material gedreht haben, atmet sofort eine Atmosphäre vom Beginn der sechziger Jahre. Nachdem wir uns Probeaufnahmen angeschaut hatten, war es eine klare Entscheidung. Wir hatten den Eindruck, dass schon das Filmmaterial selbst das Publikum in die sechziger Jahre entführen würde, weswegen wir darauf verzichten konnten, die Epoche durch Großaufnahmen auf zeittypische Objekt wie Autos oder Frisuren noch künstlich zu betonen. Wir haben dann den gesamten Vorrat an Filmmaterial aufgekauft, den es in Europa und den Vereinigten Staaten noch gab, und zusätzlich musste Kodak sogar noch ein bisschen was nachproduzieren. Dieses Filmmaterial war ursprünglich gar nicht fürs Kino gedacht. In den sechziger und siebziger Jahren benutzte man es vor allem für die Nachrichten.

Warum nehmen der Titelkampf und das Boxen selbst im Film so wenig Platz ein?

Wir wollten uns eher auf die verborgenen Dinge konzentrieren. Der Film handelt mehr von den Kulissen als vom Rampenlicht. Ich wollte das Boxen als Bestandteil des Alltags zeigen, nicht wie ein Symbol, das über allem schwebt und die anderen Szenen dominiert. Das entspricht dann ja auch wieder dem Thema des Films.

Außerdem wurde zur gleichen Zeit ja ROCKY 7 gedreht, der sich hauptsächlich auf die Kampfszenen konzentrieren würde. Daher waren wir so frei, uns anderen Dingen zuzuwenden, wie etwa dem Spiel der Blicke -­‐ oder der Szene mit dem Drachen.

Zur Vorbereitung habe ich ungeheuer viele Filme übers Boxen gesehen, und einige von ihnen hätten mich fast dazu gebracht, ein anderes Thema zu wählen – aber es gibt auch einige sehr gute. Gemeinsam mit meinem Kameramann habe ich viele Klassiker des Cinéma Vérité der sechziger Jahre gesehen, die für uns eine große Inspirationsquelle waren.

Denken Sie, dass die Welt der Filmindustrie manchmal der Welt des Profiboxens ähnelt?

Auf jeden Fall! Je mehr Geld man braucht, desto mehr Hände muss man schütteln. Ich denke, dass es auch deswegen so viele Filme übers Boxen gibt, weil sich Filmemachen und Boxen eben doch sehr ähnlich sind. Natürlich ist das Boxen ein sehr kinematischer, filmischer Sport, aber vor allem ist es als Regisseur relativ einfach, sich in die Haut des Protagonisten hineinzuversetzen. Letztendlich ist man alleine im Ring und muss stets darauf gefasst sein, Schläge einzustecken.

Es ist unmöglich, etwas in Szene zu setzen, was man nicht kennt. Ich weiß zwar nicht viel über Boxen, aber es war einfach für mich, die Situation zu verstehen, in der sich unsere Hauptfigur befindet. Auch ich musste viele Hände schütteln und Dinge versprechen, die ich besser nicht hätte versprechen sollen.

Meiner persönlichen Ansicht nach handelt der Film also ebenso vom Filmemachen wie vom Boxen. In der Anordnung der Geschichte konnte ich die gleichen Emotionen durcharbeiten wie jene, mit denen ich auch als Filmemacher zu tun hatte, und damit konnte ich mich über meine eigene existentielle Krise lustig machen und gleichzeitig die Dinge in einem größeren Zusammenhang zeigen. Aber das ist nur mein persönlicher Standpunkt, nicht eine verschlüsselte Botschaft, die der Zuschauer ausfindig machen soll. Ich hoffe, dass sich jeder seine eigenen Gedanken über den Film machen wird.

Ihr Film stellt auf sehr lebendige Art das Lebensgefühl der frühen sechziger Jahre nach, aber jenseits aller Nostalgie nimmt er doch eine sehr moderne Perspektive ein. Wie haben Sie diesen Ausgleich zwischen dem Historienfilm und einer zeitgenössischen Haltung gefunden?

Ich hatte nie geplant einen Historienfilm zu machen, und die Nostalgie hat uns auch nicht sehr gereizt. Wir wollten eben einen zeitgenössischen Film machen, der aber einem alten Film ähnelt.

Dass wir auf echtem Zelluloid gedreht haben, war dabei eine große Hilfe. Wir konnten uns auf das Filmmaterial selbst verlassen, um das Gefühl der sechziger Jahre zu evozieren, ohne es noch zusätzlich herstellen oder erzwingen zu müssen. Außerdem haben wir so viele Außenaufnahmen wie nur möglich gemacht. Die Jahrmarktszene war die einzige Szene, die wir im Studio gedreht haben.

Dekors, Kostüme und Maskenbild, all das ist hier sehr authentisch im Stil der sechziger Jahre. Dennoch haben wir uns Mühe gegeben, das nicht zu sehr zu betonen. Die Statisten trugen Kostüme von damals, während die Hauptfiguren dahingegen eher zeitlos gekleidet waren. Sobald das Set bereit war und die Kameras liefen, drehten wir einen zeitgenössischen Film, einen Film „von heute“. Visuell haben wir uns ja auch eher von Dokus als von Fiktionen der damaligen Zeit inspirieren lassen.

Hat Sie Olli Mäki auch als Figur interessiert, die nicht dem stereotypen Macho-­Image des Boxers entsprach? 

Widersprüche sind immer spannend. In ihrem Essay „Über Boxen“ hat Joyce Carol Oates geschrieben: „Boxen zelebriert eine verlorene Religion der Männlichkeit, deren Reiz aus ihrem Verlust kommt.“ Damit haben wir viel gespielt. Ich mochte auch die Idee, dass sich die Reportage, die im Film gemacht wird, im Grunde um den falschen Mann dreht. Es ist irgendwie lustig, dass sie aus diesem schüchternen Mann, der sich vor der Kamera so unwohl fühlt, eine klassische Heldenfigur des Boxkampfs machen wollen!

Ein großer Teil der Komödie speist sich aus dieser „Falscher Mann am falschen Ort“-­‐ Situation. Es war amüsant, das typische Klischee eines Boxers mit seinen intimen Emotionen zu konfrontieren. Dafür war Olli genau die richtige Figur. Es war auch sehr anregend, eine Hauptfigur zu schreiben, die einfach nur mal in Ruhe gelassen werden will. Und am Ende hofft man dann nicht, dass Olli sich ändern wird – sondern dass er einfach genau so bleibt, wie er ist.

Was kann uns Ihrer Meinung nach die Geschichte von Olli Mäki über das Leben, die Kultur und die Gesellschaft von heute erzählen?

Dass es wichtig ist, damit aufzuhören, immer nur das Endziel vor Augen zu haben. Wir sind ständig umgeben von Werbung, die den Erfolg verherrlicht. Aber wovon spricht man eigentlich genau, wenn man das Wort „Erfolg“ in den Mund nimmt? Ich glaube, dass das, was in den sechziger Jahren noch außergewöhnlich war, heute ganz alltäglich geworden ist.

Alles, was mit dem öffentlichen Bild von jemanden zu tun hat, wie etwa das Bedürfnis nach Erfolg oder danach, dass die Leute über einen reden – all das ist heute längst nicht mehr nur die Angelegenheit von einigen wenigen Berühmtheiten im Rampenlicht.

Wir leben in einer sehr kompetitiven Welt. Zumindest in Finnland ist es den Leuten sehr wichtig, was die anderen denken, und wenn wir in irgendeiner Statistik gut abgeschnitten haben, dann landet das sofort in den Schlagzeilen.

Wettbewerb ist wichtig im Sport, und dort mag ich ihn auch – aber wenn er zum Alltag wird, zerstört er irgendwann das Schöne im Leben.

09:14 05.01.2017

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