Absurder Humor

Einblicke Anlässlich der Premiere von "Der Hund begraben" auf den 50. Hofer Filmtagen gab der Regisseur ein Interview über männliche Verlierertypen, absurden Humor und Hunde als Schauspieler
Absurder Humor
Foto: Hendrik Heiden

Sprungschanze ins Absurde

Interview mit Sebastian Stern zu seinem neuen Kinofilm DER HUND BEGRABEN

Für seinen Abschluss/Debütfilm Die Hummel wurde Sebastian Stern 2011 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Sein neuer Film DER HUND BEGRABEN ist wieder eine schwarze Komödie und feierte bei den 50. Hofer Filmtagen Premiere. Ein Interview über männliche Verlierertypen, absurden Humor und Hunde als Schauspieler.

Dein aktueller Film handelt wieder von einem Mann, der im familiären Umfeld sowie im Job in eine Krise gerät. Ist Der Hund begraben eine Fortsetzung von „Die Hummel“?

Für mich stand bei Die Hummel die Auseinandersetzung mit dem Scheitern im Mittelpunkt. DER HUND BEGRABEN ist hingegen mehr ein Film über Nicht-Kommunikation und den Umgang mit Problemen, die man so lange nicht ausspuckt, bis sie sozusagen zu Ungeheuern werden. Im Vergleich zu Die Hummel ist der neue Film weniger kleinstädtisch. Die Geschichte spielt in einem zeitloseren Stadtrand-Setting und ist auch weniger bayerisch gefärbt. DER HUND BEGRABEN ist außerdem nicht so episodisch, sondern sehr auf den Kern einer Familie verdichtet, und ich konnte den Grenzgang zwischen Ernsthaftigkeit und schwarzem Humor noch stärker herausarbeiten.

Wie hast du diesen Grenzgang in deinem Film erzählt?

Mir persönlich gefällt es, wenn Humor an der Grenze zum Tragischen wandert, man darüber lachen kann, das Lachen aber immer auch ein bisschen weh tut. Ich mag es sehr, wenn Geschichten dem Zuschauer am Anfang die Hand reichen und ihm scheinbar vertrautes Leben suggerieren und dann, sobald er sich drauf einlässt, immer absurder werden. Solch eine Sprungschanze ins Absurde wollte ich erzählen. Wenn man den Zuschauer über eine Alltagsgeschichte in die Handlung hineinzieht, geht er auch in den späteren Abgrund mit. Aber man braucht die Normalität als „Einstiegshilfe“.

In deinen Filmen ist die Komik der Figuren nicht vordergründlich komödiantisch, sondern entsteht aus ihrem Handeln heraus. Es ist eine gelungene Gratwanderung, dass die Figuren dabei nicht lächerlich wirken.

Es ist über den langen Prozess vom Schreiben bis hin zur Postproduktion eine Herausforderung, sich immer einen frischen Blick auf die Komik zu erhalten und zu sehen, was gut funktioniert und wo sich die Komik gerade abnutzt. Wichtig ist in jedem Fall, Schauspieler zu haben, die die Figuren mit einer großen Aufrichtigkeit spielen. Wenn die Geschehnisse wie in DER HUND BEGRABEN immer absurder werden und das Spiel der Schauspieler dieses Gefühl noch zusätzlich befördert, gelangt man schnell in etwas Farce-artiges oder in eine zu starke Überzeichnung. Meine Ansage an die Schauspieler war daher immer, das noch so absurde Geschehen mit einer größtmöglichen Ernsthaftigkeit zu verkörpern. Der Zuschauer soll sehen, dass Situationen mehr und mehr aus dem Ruder laufen und die Handlungen den Figuren im gleichen Moment aber abnehmen. Dafür braucht man Schauspieler, die den Mut haben, das Komische nicht zu komödiantisch zu spielen.

Jürgen Tonkel hast du damals bei Die Hummel als Hauptdarsteller überzeugen können, indem du sagtest, du suchst einen bayerischen Bill Murray. Wie hast du Justus von Dohnányi für die Hauptrolle deines neuen Films gewinnen können?

Justus habe ich ein Jahr vor Drehbeginn bei einem Empfang auf der Berlinale angesprochen und hatte das Glück, dass er Die Hummel bereits kannte. So konnte er sich ganz gut vorstellen, was ich für einen Film machen wollte. Er ist jemand, der eine große Sensibilität dafür hat, wo man als Regisseur hin will und kann die Mittel suchen, die das unterstützen. Obwohl er selbst auch Regisseur ist, hat er eine ganz große Loyalität der eigenen Idee gegenüber. Das war bei den anderen Schauspielern genauso. Georg Friedrich war im Film der Eindringling von außen. Ich wollte jemanden besetzen, der eine andere Färbung in der Sprache hat und den Schmäh hineinbringt, den ich im österreichischen Kino selber sehr liebe.

Wie hast du das Komische und Absurde der Geschichte visuell umgesetzt?

Mir war es wichtig, eine relativ losgelöste, stilisierte Vorstadt-Welt zu schaffen, die eher an die Filme der Coen-Brüder erinnert, als an Bayern. Visuell sollte der Film kein Sozialdrama über eine Kündigung und familiäre Krise werden, sondern eine mit Augenzwinkern erzählte Welt. Ich wollte eine gestaltete Oberfläche haben. Es sollte kein Naturalismus von der Straße sein, weil es wichtig ist, dass die Geschichte als solche erkennbar ist. Es heißt ja auch schon im Untertitel Die Geschichte von einem Mann, der überflüssig wurde und es gibt am Anfang und am Schluss die Erzählstimme von Hans, der das Ganze eindeutig auf eine Erzählebene führt.

Wie der Titel schon vermuten lässt, spielt auch ein Hund eine wichtige Rolle im Film. Wie verliefen die Dreharbeiten?

Der Hund war super. Ich habe ihn bei einer Tiertrainerin gefunden. Wir haben ihn sehr früh ausgesucht, damit er noch üben kann, was von ihm verlangt wird. Es war zwar nicht der erfahrenste Hund, den die Trainerin hatte, aber er war unheimlich gut. Der Hund wurde nicht auf ein bestimmtes Verhalten gedrillt, sondern es wurden eher spielerisch Konstellationen geschaffen, in denen er auf natürliche Weise das Richtige tun konnte. Manche Sachen waren einfach verblüffend. Im Drehbuch stand zum Beispiel, dass der Hund Hans herausfordernd anschauen sollte. Mehrere Leute haben mir beim Lesen des Drehbuchs augenzwinkernd gesagt, dass sie gespannt seien, wie ich das inszenieren werde. Als wir dann gedreht haben und die Kamera lief, saß der Hund vor uns und zwinkerte mit einem Auge. Das hat er einfach mal so „angeboten“. Und solche Situationen gab es mehrere. Das war erstaunlich.

Das Gespräch führte Julia Wülker (FilmFernsehFonds Bayern)

13:18 02.03.2017

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