Pure Emotion

Interview Der Regisseur Ludovic Bernard im Gespräch über die Entstehung seines neuen Films „Der Klavierspieler vom Gare du Nord“, seine Leidenschaft für klassische Musik und den langwierigen Prozess, einen geeigneten Schauspieler für Mathieu zu finden
Pure Emotion
Pierre Geithner (Lambert Wilson) entdeckte Mathieus (Jules Benchetrit) Talent. Die „Gräfin“ (Kristin Scott Thomas), eine weltweit renommierte Musik- und Harmonielehrerin, soll aus dem rauen, intuitiven Spiel des Autodidakten eine auf den strengen musikalischen Regeln bauende Technik entwickeln

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Wie ist dieses Projekt entstanden?

Der Film enstand aus einer ganz einfachen Begebenheit: Ich war am Bahnhof Bercy und wartete auf meinen Zug, als ich einen jungen Mann Klavier spielen hörte. Das war ein junger Mann, der auf den ersten Blick nicht nach jemandem aussah, der klassische Musik spielt, aber der einen Walzer von Chopin unglaublich gut spielte. Das war ein magischer Moment, es waren nur wenige Menschen um mich herum. Ich bin in den Zug gestiegen und habe die Vergangenheit und Zukunft des jungen Mannes auf- geschrieben und fragte mich dabei, wie er gelernt hatte, so gut zu spielen. Das war der Ausgangspunkt dieses Films und ich habe ihn dann in den Gare du Nord verlegt.

In diesem Film gibt es ein Glaubensbekenntnis und eine Liebeserklärung an die klassische Musik. Ist sie eine Kunst, die Sie ergreift?

Ja, total. Ich höre viel Oper, vor allem Tosca in Dauerschleife. Ich liebe auch Mozarts Symphonien sehr und höre oft Klavier, weil ich Chopin liebe. Wenn ich zu Hause arbeite, spiele ich gerne klassische Musik: Sie erfüllt mich, dringt in mich ein und erweckt in mir Emotionen, die ich sonst nirgendwo finden kann. Wenn ich Drehbücher schreiben muss, suche ich nach der passenden Musik, und sie ist oft von entscheidender Bedeutung, weil ich nach der reinsten, intaktesten und stärksten Emotion suche. Die klassische Musik trägt mich fort: Sie ist zudem ein weiterer Protagonist dieses Films, weil sie so zentral und präsent ist. Aber beim Schnitt war es notwendig, die richtige Balance zwischen der Filmmusik und der auf dem Klavier gespielten Musik zu finden. Das war eine schwierige Aufgabe. In den ersten Versionen war die Musik zu präsent und erdrückte den Film, aber schließlich fanden wir das richtige Maß.

Kann man sagen, dass Mathieu am falschen Ort geboren wurde?

Auf jeden Fall! Offen gesagt, denke ich, dass klassische Musik heutzutage als etwas Verstaubtes angesehen wird, besonders in den Vorortsiedlungen und von der breiten Bevölkerung, und das ist es, was mich so beschäftigt hat, als ich diesen jungen Mann auf dem Bahnhof hörte. Mit dem Film habe ich versucht, die klassische Musik dem Zeitgeist wieder näher zu bringen und zu zeigen, dass jeder Rachmaninoff, Mozart und andere kennen kann. Klassische Mu- sik gilt als zu elitär, während gleichzeitig Tausende von modernen Songs davon inspiriert sind. Sie sollte populär sein.

Es ist für Mathieu sehr schwierig, seine Leidenschaft für die klassische Musik zu akzeptieren.

Er kommt aus einer Vorortsiedlung und hatte dort Zugang zu einem Klavier, aber für seine Freunde ist das Anlass für Spott. Wie bei all diesen jungen Menschen in den Vororten, die keinen Zugang zur klassischen Musik haben, weil sozialer Druck sie dazu drängt, sich an die vorherrschende Kultur anzupassen, z.B. Rap- oder Hip Hop-Kultur. Es ist dort schwierig, einen solchen Wunsch zu akzeptieren. Wenn Mathieu sich entschieden hätte, Schlagzeug zu spielen, hätten ihn alle ermutigt, aber Chopin zu spielen schien lächerlich. Infolgedessen blieb er diskret, was seine Leidenschaft angeht.

In dieser Geschichte geht es um Begabung und Selbstlosigkeit.

In der ersten Drehbuchfassung gab es viel Verweigerung bei Mathieu: Verweigerung von Hindernissen, von Arbeit und Gewissenhaftigkeit, er hat kein Vertrauen in sich selbst und in andere. Mathieu ist diese Art junger Mann, der es nie gewagt hat, die Hand zu heben, um ein Gedicht vorzutragen, und der ganz hinten in der Klasse saß. Und man muss sehr gut unterstützt werden, um zu lernen, den Blick der anderen nicht zu fürchten, um zu verstehen, dass man eine Gabe hat und um Vorurteile aufzubrechen.

Es ist auch eine Geschichte über die Weitergabe von Wissen.

Von Anfang an wollte ich nicht, dass Pierre ein alter Mann ist, denn während die Weitergabe von Wissen offensichtlich erscheint, wenn der Altersunterschied sehr groß ist, ist sie komplizierter und subtiler zwischen Figuren mit weniger Altersdifferenz. Es war mir wichtig, die visuelle Selbstverständlichkeit auszuradieren, um ein sofortiges Verständnis zu erschweren. Dadurch konnte Mathieu sich den Charakteren von Lambert und Kristin freier widersetzen. Als die Gräfin zu Pierre sagt: „Er weigert sich zu arbeiten, er verweigert sich der Strenge, es gibt andere Schüler, die so talentiert sind wie er und die wirklich etwas werden wollen“, weiß Pierre, dass Mathieu diese besondere Seele hat, die ihn zu einem Virtuosen machen könnte, und dass Fleiß für die Musik sicherlich wichtig, aber allein nicht ausreichend ist.

Man denkt manchmal an BILLY ELLIOT...

Der Film ist eine meiner Inspirationen. Aber mein Referenz- film beim Schreiben war vor allem GOOD WILL HUNTING. Auch das ist ein Film über die Weitergabe von Wissen, in dem sich drei Personen gegenseitig retten, sich gegenseitig helfen. Für mich war, wie gesagt, alles klar, als ich auf dem Bahnhof diesen jungen Mann sah, der Chopin spielte. Die Welt der klassischen Musik und die der Vorortsiedlungen sind so weit voneinander entfernt, dass Mathieu großes Glück hat, Pierre auf seinem Weg zu treffen: Dieser entdeckt sofort sein unglaubliches Talent, wird davon besessen und kehrt zum Bahnhof zurück, um ihn wiederzufinden.

Sie erwähnen auch den unergründlichen Schmerz einer unmöglichen Trauer.

Das ist eine Wunde, die nicht verheilt, die ein Leben lang klafft. Aber wir können versuchen, sie zu beruhigen, indem wir uns auf etwas einlassen: Sich ganz auf eine Leidenschaft einzulassen hilft, Schmerzen zu heilen. Und das ist es, was Pierre sagt: „Nur die Musik hält mich am Leben.“ Leider geht seine Beziehung in die Brüche und nur die Musik gibt ihm noch Lebensmut. Die Gräfin erzählt, dass Rachmaninoff nach mehreren erfolgreichen Sinfonien eine weniger glückliche Periode erlebte, aus der er sich befreite, und es dann geschafft hat, dieses außerordentlich schöne Konzert zu schreiben: Seine Musik erzählt von Freude, Angst, Depression, Furcht...

Im Grunde haben Mathieu und Pierre gemein, dass sie ihre jeweilige Situation – die bescheidene Herkunft und Schwierigkeiten im Leben für den einen, die Trauer und die Feindseligkeit seiner Vorgesetzten für den anderen – durch ihren Glauben an die Musik überwinden.

Ich bin sehr froh, das zu hören, denn das ist genau das, was ich erzählen wollte. Es gibt eine Nähe zu „Der Aufstieg“, meinem vorherigen Film, weil ich sehr an Selbstaufopferung glaube, an den Willen zum Erfolg, an die Überwindung von sich selbst. Ich bin eine positive Person und glaube, dass man seine Ziele durch Anstrengung, Ausdauer und Ehrgeiz erreicht. Ich begann als Praktikant im Bereich Film, war erster Regieassistent und hatte die Möglichkeit, mit großen Regisseuren zusammenzuarbeiten, und dann gelang es mir, meine eigenen Filme zu machen. Es ist diese Überzeugung, die in mir lebt und die ich auf meine Figuren übertragen habe. Ich habe keine Angst vor guten Gefühlen, vor Emotionen: Für diesen Film wollte ich nur Wohlwollen und keineswegs eine zweite Ebene, die oft von einer gewissen Herablassung gegenüber den Figuren begleitet wird.

Wie war das Casting?

Um Mathieu zu finden, war der Prozess lang: Zuerst wollte ich jemanden, der jung ist und ein echter Pianist. Wir trafen etwa fünfzig junge Männer im Alter von 25 bis 30 Jahren, die Klavier spielten, in denen ich aber nicht die besondere Seele fand, die ich suchte. Also beschlossen die Casterin Nathalie Chéron und ich, die Altersgruppe zu ändern: Ich wollte einen Jungen zu finden, der kein Kind mehr war und noch kein Mann, denn ein erwachsener Jugendlicher ist rührender. Wir konnten keinen Pianisten finden. Aber als ich Jules Benchetrit traf, fand ich ihn sofort großartig.

Erzählen Sie uns von seinem Klaviertraining.

Er erarbeitete unermüdlich täglich am Klavier alle Stücke mit Jennifer Fichet, einer Virtuosin und Klavierlehrerin. Für Jules ging es darum, die richtige Gestik zu finden, die richtige Haltung der Hände auf der Tastatur. Er musste sich all das zu eigen machen und hat es wunderbar geschafft. Als sie ihn auf der Leinwand sah, war Jennifer in Tränen aufgelöst: Wir glauben es ihm vollkommen.

Sie besetzten Kristin Scott Thomas und Lambert Wilson als die beiden anderen Protagonisten.

Ich schrieb mit Kristin Scott Thomas und niemand anderem im Sinn. Und ich hatte Glück, dass sie uns nach vier Tagen zugesagt hat! Ich lebte lange Zeit in England und ich liebe die Strenge der Engländer, ihre Art zu leben und was sie geben können. Sie hat eine tiefe Sensibilität in sich und hat diese beiden Seiten der Gräfin perfekt verkörpert. Während der Arbeit am Drehbuch dachte ich auch an Lambert Wilson. Er hat eine große Menschlichkeit an sich und ist ein sehr talentierter Schauspieler. Es gibt eine bemerkenswerte Szene, in der er in Mathieus Ohr flüstert, als er Liszt spielt: Sie geht einem unter die Haut.

15:14 19.06.2019

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