Kongeniale Träumer

Synopsis Der in Frankreich längst zum Kultbuch avancierte surrealistische Roman von Boris Vian galt eigentlich als unverfilmbar. Wenn es allerdings trotzdem jemand wagen durfte, dann wohl Michel Gondry
Kongeniale Träumer

Der Film

In einer Welt, in der man auf einer Wolke durch die Luft reisen kann und Pianos Cocktails mixen können, je nachdem welche Töne man anschlägt, lebt der wohlhabende Fantast und Tagträumer Colin. Er liebt Partys, Jazz und den Müßiggang, doch zu seinem großen Glück fehlt ihm... die wahre Liebe. Da hilft es auch nichts, dass sein Koch und Vertrauter Nicholas (Omar Sy) versucht, ihn mit kulinarischen Skurrilitäten aufzuheitern. Als Colin auf der Geburtstagsparty des Pudels einer Freundin die wunderschöne Chloé (Audrey Tautou) trifft, wendet sich das Blatt: Sie verlieben sich und feiern bald eine schillernd-schräge Hochzeit. Doch bereits auf der Hochzeitsreise erkrankt Chloé an einer rätselhaften Krankheit: Eine Seerose wächst in ihrer Lunge. Die Ärzte sind ratlos und nichts scheint zu helfen. Aber Colin ist entschlossen die Liebe seines Lebens zu retten, koste es was es wolle....

Der Roman und sein Autor

"Der Schaum der Tage" gilt in Frankreich als Prototyp des Kultbuchs schlechthin und ist bis heute ein Bestseller – ein Titel, den jeder kennt und der seit Generationen zur Pflichtlektüre von weltschmerzgeplagten Teenagern gilt. Doch bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1947 war Boris Vians Roman, trotz Rückendeckung und Fürsprache von namhaften Schriftstellerkollegen wie Jean-Paul Sartre und Raymond Quéneau ("Zazie in der Metro"), kommerziell ein Misserfolg und wurde teilweise sogar heftig kritisiert. Dass "Der Schaum der Tage" heute trotzdem als Meilenstein der französischen Literaturgeschichte gilt, unterstreicht vor allem eins: Boris Vian war ein Meister der Moderne und seiner Zeit weit voraus.

Zur Welt kam der Schriftsteller, Poet, Texter, Sänger, Drehbuch- und Theaterautor, Kritiker und Jazzmusiker am 10. März 1920 im Pariser Villenvorort Ville-d’Avray als jüngstes Kind wohlhabender Eltern, die 1929 von der Weltwirtschaftskrise schwer getroffen wurden. Das unbeschwerte Leben in der Villa "Les Fauvettes" endete abrupt, als die finanziell gebeutelte Familie in die Pförtnerwohnung umziehen musste. Boris, von klein auf kränklich, wurde anfangs von einer Privatlehrerin unterrichtet und konnte schon sehr früh lesen und schreiben; mit zehn Jahren kannte er bereits die meisten Klassiker der französischen Literatur. Zwei Jahre später machte sich erstmals die Herzschwäche, unter der er lebenslang leiden sollte, bemerkbar – tatsächlich starb er 1959, gerade einmal 39 Jahre alt, während einer Filmvorführung an einem Herzinfarkt.

Der Jazzfan und Hobby-Trompeter entging 1939 aus gesundheitlichen Gründen der Einberufung zum Kriegsdienst. Sein Studium an der École Centrale des Arts et Manufactures in Angoulême schloss er 1942 mit einem Ingenieurdiplom ab. Zuvor hatte Boris Vian, dessen Familie vor den deutschen Besatzern in ihr Ferienhaus an der südwestfranzösischen Atlantikküste geflohen war, im Juli 1941 Michèle Léglise geheiratet, seine erste Frau, mit der er zwei Kinder hatte (in zweiter Ehe heiratete er 1954 die Schweizerin Ursula Kübler). Im selben Jahr begann er mit dem Schreiben seines ersten Buchs "Les cents sonnets" ("Hundert Sonnette"), das allerdings erst 1984 posthum veröffentlicht wurde.

In den Kriegsjahren tat sich Vian als Verfasser von Gedichten und ersten Chansons hervor, darunter "Au bon vieux temps", das zum Evergreen avancierte. Doch Vians große Leidenschaft war und blieb der Jazz, und als Kenner der Materie wurde er 1946 Redaktionsmitglied bei der Zeitschrift "Jazz Hot", für die er mehr als zehn Jahre lang Kritiken und Artikel verfasste; abends spielte er in einem Jazzkeller im Pariser Künstlerviertel Saint-Germain Trompete.

Heute ist der Name Boris Vian untrennbar mit dem Bild des unermüdlichen Künstlers und leidenschaftlichen Menschen verbunden, der mit seinem autobiographisch geprägten, vielfältigen Werk immer wieder für Aufsehen und Skandale sorgte. Vor allem sein unter dem Pseudonym Vernon Sullivan erschienener Noir-Bestseller "Ich spucke auf eure Gräber" handelte Vian den Ruf des notorischen Bürgerschrecks, Pazifisten, Kirchenkritikers und Existentialisten ein. Sein Schicksal war es aber auch, für die Kunst zu leben, jedoch häufig nicht von ihr leben zu können: Weil er zu jenen Künstlern gehörte, die über weite Strecken nicht vom Publikum beachtet werden, musste Boris Vian immer wieder Gelegenheitsarbeiten (u.a. als Übersetzer) verrichten, die ihm "die Zeit stahlen".

Kein Wunder, dass "Der Schaum der Tage", die tragische Liebesgeschichte zwischen Colin, einem wohlhabenden jungen Mann, der anfangs dem Müßiggang frönt (für viele Kritiker eine Art Selbstporträt des Autors), und der schwer kranken Chloé als melancholische Kritik an der Arbeitswelt verstanden werden kann, in der das Individuum vereinsamt und entmenschlicht wird. Aber der Roman versetzt seine Helden auch, als handelte es sich um ein neuzeitliches Romeo-und-Julia-Paar, in ein Wunderland des Surrealismus und jongliert als literarische Gaga-Spielerei auf das Wahnwitzigste mit absurden Wortneuschöpfungen – die in den magisch-verrückten Bildern des Michel Gondry ihre perfekte cineastische Entsprechung finden. Für Boris Vian selbst jedoch, der mit dem Buch auch seiner unstillbaren Jazzleidenschaft nachhaltig Ausdruck verlieh, handelte "Der Schaum der Tage" in erster Linie von den zwei Dingen, die allein im Leben zählen: die Musik von Duke Ellington und die Liebe in all ihren Spielarten.

21:13 03.10.2013

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