Wankendes Weltbild

Zum Film Seit vielen Jahren lebt und arbeitet Val als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie. Eines Tages kommt ihre Tochter Jéssica zu ihr, um die Aufnahmeprüfung an der Universität zu machen
Wankendes Weltbild
Foto: Gullane Filmes/Aline Arruda

Synopsis

Seit vielen Jahren lebt und arbeitet Val als Haushälterin bei einer wohlhabenden Familie in São Paulo. Pflichtbewusst und mit Hingabe kümmert sie sich um alles und erträgt so manches. Für den 17-jährigen Sohn Fabinho ist sie wie eine zweite Mutter. Eines Tages kommt ihre eigene Tochter Jéssica, die sie als kleines Mädchen bei einer Freundin zurückgelassen hat, zu ihr, um die Aufnahmeprüfung an der Universität zu machen. Und damit gerät nicht nur Vals Weltbild, sondern auch das strenge Machtgefüge im Haus ins Wanken. Denn Jéssica ist nicht bereit, sich den starren Standesregeln unterzuordnen und mischt den Haushalt auf.

Inhalt

Wer darf ins Wohnzimmer? Wer darf den Kühlschrank öffnen, und wer darf welche Eiscreme essen? Wer darf am Esstisch sitzen, und wer muss sich vom Swimmingpool fernhalten? Wer darf die Kinder umarmen, und wer darf Mama genannt werden? Für Val sind die Antworten auf diese Fragen klar und respektierte Richtlinien ihres Lebens. Seitdem sie vor 13 Jahren ihre eigene Tochter Jéssica in einer kleinen Stadt im Nordosten Brasiliens bei einer Freundin zurückließ, arbeitet sie als Haushälterin und Kindermädchen in São Paulo. Für den Sohn des Hauses, Fabinho, ist Val so etwas wie eine zweite Mutter. So kann sie zwar ihre eigene Familie finanziell unterstützen, aber Val plagen Schuldgefühle, weil sie sich nicht selbst um ihre Tochter kümmern kann.

Eines Tages erhält sie einen Anruf von Jéssica: Sie will nach São Paulo kommen, um wie Fabinho die Aufnahmeprüfung an der Universität zu machen. Voller Freude, aber auch Sorge, bereitet sich Val auf das lang ersehnte Wiedersehen mit ihrer Tochter vor. Ihre Dienstherren erlauben ihr, dass Jéssica vorübergehend mit im Haus wohnt, bis Val eine Unterkunft für sie gefunden hat.

Doch als Jéssica schließlich eintrifft, gestaltet sich das Zusammenleben im Haus von Vals Arbeitgebern nicht so wie erwartet bzw. vorausgesetzt. Denn Jéssica ist nicht bereit, sich den starren Standesregeln unterzuordnen und mischt den Haushalt ganz schön auf. Mit ihrer offenen, selbstbewussten und frechen Art zwingt sie jeden zur Veränderung. Und Val? Die befindet sich plötzlich zwischen zwei Welten, zwischen verbotener Wohnstube und zugewiesener Küche. Zwischen der vertrauten Zweit-Mutter-Rolle für Fabinho und der ungewohnten Mutter-Rolle für Jéssica. Zwischen lang gelebten Konventionen und der ihr fremden und modernen Lebensauffassung ihrer Tochter. Für welche Welt wird sich Val entscheiden?

Interview mit Anna Muylaert

Sie sind nicht nur die Regisseurin des Films, sondern haben auch das Drehbuch geschrieben. Wie haben Sie die Geschichte entwickelt?

Mit der Arbeit am Drehbuch habe ich begonnen, nachdem ich mein erstes Kind bekommen hatte. Das ist jetzt 20 Jahre her, und damals wurde mir klar, was für eine noble Aufgabe es ist, Mutter zu sein. Gleichzeitig ist mir aber auch aufgefallen, wie wenig die Rolle der Mutter in der brasilianischen Kultur wertgeschätzt wird. In meinem sozialen Umfeld engagiert man häufiger Kindermädchen, als sich selbst um das eigene Baby zu kümmern. So delegiert man die meiste Arbeit, die als mühsam und nervend gilt. Diese Kindermädchen verlassen oft ihre eigenen Kinder, übergeben sie ihrerseits an jemand anderen, um diese Arbeit annehmen zu können. Dieses soziale Paradoxon erschien mir als eines der bedeutendsten in Brasilien, weil am Ende immer die Kinder verlieren – sowohl die der Arbeitgeber als auch die der Kindermädchen. Unsere Gesellschaft hat ein existenzielles Problem: die Erziehung. Kann es Erziehung ohne Zuwendung geben? Ist Zuwendung käuflich? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Sind das die Grundfragen des Films?

Der Sommer mit Mamã ist ein durchaus sozialkritischer Film, aber eben nicht nur das. In ihm werden die Figuren und ihre Handlungen weder verurteilt noch verherrlicht. Er zeigt lediglich die nackte Wahrheit. Die Dramaturgie des Films ist nüchtern, fast mathematisch. Sie beginnt mit der Beschreibung der Routinen und Regeln, die in einem großbürgerlichen Haushalt in São Paulo die sozialen Beziehungen ordnen und beeinflussen. Danach verlegt sich der Fokus auf Jéssica, die Tochter der Haushälterin, die völlig ahnungslos in diesen Haushalt kommt und letztlich Grenzen überschreitet und "Räume" einnimmt, die ihr nach den häuslichen Regeln nicht zustehen. Und natürlich wird sie dieser "Räume", die ihr historisch als Tochter der Haushälterin verwehrt sind, wieder verwiesen und muss zurück auf "ihren angestammten Platz". Nur, dass dieser "Platz" nicht mehr existiert.

Wie hat sich der kreative Prozess in der Drehbucharbeit über die 20 Jahre hinweg entwickelt?

Dieser Prozess begann mit einem Drehbuch namens "Porta da Cozinha" ("Die Küchentür"), in dem zunächst die Beziehung zwischen Arbeitgeber und Kindermädchen im Mittelpunkt standDer Stil war damals noch nah am "Magischen Realismus". Fünf Jahre später entschied ich mich für einen realistischeren Stil. Ich ließ Jéssica, die Tochter des Kindermädchens, nach São Paulo kommen, um das Schicksal ihrer Mutter zu teilen: die eigene Welt hinter sich zu lassen, um einen gering bezahlten Job anzunehmen. Allerdings hatte ich das Bedürfnis, diesem Charakter etwas Hoffnung zu geben. Während ich daran arbeitete und versuchte, den Film nicht in eines dieser falschen Happy Ends abgleiten zu lassen, wählte Brasilien einen Präsidenten von der Arbeiterpartei und die Dinge begannen sich zu ändern. Diesen gesellschaftlichen Wandel wollte ich auch im Drehbuch widerspiegeln. Anstatt Jéssica – entsprechend der vorherrschenden Klischees – glücklos und sanftmütig darzustellen, gab ich ihr eine kraftvolle Persönlichkeit; machte sie edel und stark genug, um sich gegen diese ausgrenzenden sozialen Regeln und den Rückfall in eine koloniale Vergangenheit zu wehren.

Im Film prallen also zwei Welten aufeinander – ein Brasilien der Vergangenheit und das Brasilien von heute?

Der Film handelt von Frauen zweier Generationen aus bescheidenen Verhältnissen, die beide im brasilianischen Nordosten geboren sind. Die Hauptfigur Val ist eine Hausangestellte, die alte Normen und Regeln respektiert. Selbst die Tatsache, wie ihre Tochter das bezeichnet, "Bürger zweiter Klasse" zu sein. Ihre Tochter Jéssica hingegen ist trotz ihrer schlechten Ausgangslage voller Neugier und Willenskraft, fordert ihre staatsbürgerlichen Rechte ein, oder wie sie sagt: "Ich halte mich nicht für etwas Besseres, aber auch nicht für schlechter als andere." Der Sommer mit Mamã ist ein Film über eine Reihe sozialer Regeln, die seit der Kolonialzeit in der brasilianischen Kultur gelten und die deren emotionale Struktur bis heute beeinflussen.

20:46 18.08.2015

Film der Woche: Weitere Artikel


Mitte der Gesellschaft

Mitte der Gesellschaft

Biographien Regisseurin Anna Muylaert arbeitet nach dem Studium zunächst als Filmkritikerin für wichtige brasilianische Zeitungen und Magazine. 2002 dann dreht sie ihren ersten Spielfilm
Zeit und Wandel

Zeit und Wandel

Einblicke Mit dem enormen Wachstum der brasilianischen Wirtschaft in den vergangenen Jahren wird auch die Kluft zwischen Arm und Reich immer deutlicher. Zugleich verändern sich alte Hierarchien
Anregende Mischung

Anregende Mischung

Netzschau Kritiken aus dem Netz: "Eine kluge Kombination aus mitreißendem Erzählen und beißender Sozialkritik macht den Film zum so erhellenden wie unterhaltsamen Kinoerlebnis."